Geplante Gedenkstätte für NS-Opfer – Buchholzer CDU steigt aus Minimalkonsens aus!

Mit seiner Hinterlassenschaft, dem "Kriegerdenkmal" im Zentrum, hat die Buchholzer CDU kein Problem: der NS-Gauleiter Otto Telschow.
Mit seiner Hinterlassenschaft, dem „Kriegerdenkmal“ im Zentrum, hat die Buchholzer CDU kein Problem: der NS-Gauleiter Otto Telschow.

Von Kristian Stemmler

Fast 70 Jahre liegt das Ende der NS-Zeit mittlerweile zurück – für die Buchholzer CDU ist es aber offenbar immer noch ein Problem, die Einzigartigkeit der Verbrechen der Nationalsozialisten öffentlich klar zu benennen. Anders ist kaum zu erklären, dass die Vertreter dieser Partei im Stadtrat bei der Sitzung am 5. Dezember den Konsens aufkündigten, einen Gedenkstein für die NS-Opfer auf dem Marktplatz aufzustellen. Sie stimmten gegen das Einstellen der Mittel für die Gedenkstätte in den Haushalt, also von 8560 Euro!

Mit dieser Verweigerungshaltung überraschte die CDU die anderen Parteien im Rat. Denn in den vergangenen Wochen hatten mehrere Gespräche beim scheidenden Bürgermeister Wilfried Geiger statt gefunden, in denen weitgehend einvernehmlich über den Gedenkstein beraten wurde. Zugrunde lag ein Antrag aller Fraktionen von Mitte Oktober: In der Fußgängerzone sei ein Gedenkstein für die NS-Opfer zu errichten, der die Aufschrift „Warum?“ tragen solle. Absicht des Antrags war, bei diesem sensiblen Thema geschlossen aufzutreten.

Dass die CDU sich dem Vorhaben eher widerwillig angeschlossen hatte, war allerdings schon bald deutlich geworden. Der CDU-Fraktionschef im Stadtrat, Klaus Gütlbauer, hatte seine weitere Teilnahme an Gesprächen zum Thema davon abhängig gemacht, dass die geplante Gedenkstätte an „alle Opfer totalitärer Regime“ erinnere. Gütlbauer schrieb: „Die Begrenzung auf die Opfer des Nationalsozialismus wäre ein Schlag ins Gesicht für die Opfer von Stalinismus, Maoismus und anderen oder auch die Opfer der Verfolgung durch den SED-Unrechtsstaat.“

Ein grotesker Satz, aber typisch für die Versuche der Rechten, die NS-Verbrechen auch heute noch zu relativieren. In meiner Antwort schrieb ich von Geschichtsklitterung, besonders was den indirekten Vergleich der NS-Zeit mit der DDR angeht. Dass die Buchholzer CDU plötzlich die Botschaft der Gedenkstätte ausweiten wollte, ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie offenbar kein Problem damit hat, dass ein Gedenkstein auf dem Marktplatz seit Jahrzehnten nur an Soldaten erinnert, die in den Weltkriegen gestorben sind – und zwar nur an deutsche.

Aus meiner Sicht ist die jetzt mit Mehrheit beschlossene Gedenkstätte ohnehin nur ein Minimalkonsens, vor allem die Aufschrift „Warum?“ halte ich für wenig aussagefähig, um nicht belanglos zu sagen. Da ich jedoch bei den Gesprächen beim Bürgermeister aus privaten bzw. beruflichen Gründen nicht dabei sein konnte, ist es für mich natürlich jetzt etwas schwierig, hier Kritik zu üben. Dennoch möchte ich auf den Hintergrund des ganzen Vorgangs noch einmal eingehen.

Ende Januar hatte ich einen Antrag im Rat eingebracht, eine Gedenkstätte zu errichten, die an die Opfer des Nationalsozialismus‘ erinnert, und zwar vor allem an NS-Opfer aus Buchholz. Diese Gedenkstätte sollte neben dem „Kriegerdenkmal“ auf dem Marktplatz stehen, einer Hinterlassenschaft des berüchtigten Buchholzer NS-Gauleiters Otto Telschow. Sie sollte die wenigen NS-Opfer aus Buchholz, von denen man weiß, namentlich nennen, so die Kommunisten Ernst Neuhaus und Erich Hasselfeld, die in der NS-Zeit „verschwanden“, und die von den Nazis verfolgten Sozialdemokraten Anton Tietjen und Friedrich Bode.

Ein wenig enttäuscht bin ich nach wie vor, dass SPD, Grüne und Buchholzer Liste diesem gut begründeten Antrag nicht wirklich folgen wollten. Aber möglicherweise war das Vorhaben für Buchholzer Verhältnisse zu deutlich. Der interfraktionelle Antrag vom Oktober ist insofern ein etwas unbefriedigender Kompromiss.

Wie sich zeigt, war es ein Fehler zu glauben, man könne die CDU bei diesem Thema einbinden. Es ist ein Affront, dass die Partei jetzt sogar den gefundenen Minimalkonsens aufgekündigt hat. Damit kommt sie den Nazis in der Region entgegen. Der Kurs der hiesigen Union, mit dem sie auch ihren neugewählten Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse sabotiert, lässt Böses ahnen. Wer weiß, wie lange der Konsens noch hält, wenigstens beim Thema Flüchtlinge am selben Strang zu ziehen. AfD und Pegida ante portas!

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10 Comments

  1. Hallo Leute !
    Auch auf die Gefahr hin das ich nerve, mir ist heute noch ein Artikel im Hamburger Abendblatt, Harburgteil, 19.12.14, zu dem Thema aufgefallen.Wäre auch etwas für Buchhholz Express und gegegengift.

    Thema: VON DER PSYCHATRIE INS VERNICHTUNGSLAGER
    ( Die Buchholzer Förderschule am Boerns Soll erinnert am Gedenktag für die NS-Opfer an das Schicksal behinderter Kinder in Lüneburg)
    Den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, den wir am 27.1.15 begehen, gestaltet wohl in jedem Jahr eine andere Schule/Einrichtung. Im Jahre 2015 ist die Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung Am Boerns Soll zuständig.

    Das Projeckt wird von Frau Dr. Carola Rudnick von der Bildungs-und Gedenkstätte “ OPFER DER NS_ PSYCHATRIE“ Lüneburg betreut und geleitet.
    IGS-Schüler aus Embsen die Mitarbeiten, haben dabei die Lebensgeschichte von Personen aufgezeichnet, die in die Fänge der NS-Psychatrie geraten waren und dort ermordet wurden..
    Darunter auch die Schicksale zweiere Kleinkinder. Sie wurden der Fachabteilung der Psychatrie in Lüneburg zugeführt, mit ihnen experementiert und dann getötet.

    Nicht nur in Buchholz und Tostedt hat sich das Nazi-Regime also ausgetobt und getötet und gemordet.
    Ich denke unsere Selbstachtung gebietet es einen Vernünftigen Gedenkstein aufzustellen mit einer ausreichenden Informationstafel über die Vorfälle in Bucholz und auf der Heidebahn und deren Opfer zur Nazi-Zeit.

    Ihren Spitzenpolitiker, Herrn Klaus Gütlbauer,der glaubte sehr ÜBERZEUGEND aber eben doch LÄCHERLICH
    gegen das Geld im Haushalt für den Gedenkstein argumentiert hatte und die Morde von Mao,Stalin und der DDR-Grenzschützen zur Argumentationshilfe brauchte, wird die CDU
    hoffentlich in den Ruhestand schicken.

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  2. Hallo Uwe !
    Ich glaube faßt mit einem Gedenkstein und der „AUSKUN FTSTRÄCHTIGEN AUSSAGE—-
    WARUM!!???“ blamieren wir uns bis auf die Knochen. Vorallendingen wenn nur evt. eine Erläuterungstafel erstellt werden soll. (laut Kommentar des Koll. Piewecki ).
    Wir sollten gleich das Richtige installieren und nicht nachbessern.

    Ich meine wenn der Rat, die Verwaltung und die Bürgerinnen /Bürger von Buchholz GLAUBHAFT der Opfer der Nazi in Buchholz und auf der Heidebahn GEDENKEN wollen.,
    kann es nur ein Gedenkstein mit sicher zu ermittelnden Namen sein.- Auf der notwendige zum Denkmal gehörenden Erläuterungstafel sollten die Nazi-Geschichtlichen Hintergründe von Buchholz verständlich erwähnt werden. Dieses SELBSTBEWUSTSEIN und diesen menschlichen MUMM sollten wir in Buchholz haben. Übrigens durch alle Parteien und Bevölkerungsschichten.

    Sollte die Hinweistafel etwas teuerer werden als Geld genehmigt wurde, schlage ich vor , einige Stadtempfänge zB. Neujahrsempfang ausfallen zu lassen. Bis wir die fehlende „Kohle “ zusammen haben.

    Ich würde es für sinnvoll halten, wenn Rat und Verwaltung die ortsansässigen Medien wie
    Hamburger Abendblatt (Harburg/Landkreisbeilage), Nordheider Wochenblatt und andere aber auch die Internetblogs Buchholz Express un d Gegengift, ermuntern könnten in kleinen
    Serien die Leser über Nazi-Zeit im Landkreis und in den Städten des Landkreises , sowie
    den Vorfällen auf der Heidebahn noch einmal, zu informieren. Evt. setzen sich alle Medien einmal an einen Tisch und sprechen sich ab.

    Der rechtspopulistische Meinungswandel und die aufkeimende Ausländerfeindlichkeit machen es notwendig.

    Die Buchholzer CDU-Fraktion lernt dabei auch , dass es lächerlich ist erst für den Gedenkstein zu sein und dann , weil der Bürgermeister Herr Röhse, gegen seine CDU mit der Bunten Mehrheit die Steuern erhöht, die 9ooo.-Euro für den Gedenkstein einsparen zu wollen.
    Mein Eindruck,SIE WISSEN NICHT WAS SIE TUN !!!!! ?????

    Eigentlich ist das eine Provinzposse für überregionale Zeitungen bzw. Monitor oder ähnliche Sendungen. Hat da einer Verbindungen.???

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  3. PS: Ich weiß die Unterstützung in der Sache von SPD und Grünen durchaus zu schätzen, aber manchmal denke ich halt, ob man hier in Buchholz nicht noch mehr und Deutlicheres durchsetzen könnte. Wir sind da vielleicht teilweise zu zaghaft.

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  4. Den Seitenhieb auf SPD und GRÜNE kann ich leider nicht verstehen. Gerade die Vertreter dieser Parteien haben (mit der BuLi) an dem betreffenden Termin, mit Orstbegehung, den Antrag vertieft und vor allem den Platz in der Innenstadt durchgesetzt.
    Von historischen Kenntnissen ist dieses Gendenken, schon von Anfang an nicht gerade durchdrungen. Dies habe ich in der Sitzung auch angesprochen, und wir haben dann einen „Kompromiss“ gefunden.
    Das Wesen eines Kompromisses ist immer, das sich Beteiligte nicht voll und ganz wieder finden, leider. Aber wenigstens hatten wir einen tragfähigen Antrag, den Teile der CDU dann ohne Not, wie ich finde, aus einer Momententscheidung in der Sitzung heraus in Frage gestellt hat.

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  5. Gütlbauer schrieb: „Die Begrenzung auf die Opfer des Nationalsozialismus wäre ein Schlag ins Gesicht für die Opfer von Stalinismus, Maoismus und anderen oder auch die Opfer der Verfolgung durch den SED-Unrechtsstaat.“

    Da könnte man dann vielleicht noch hinzufügen „.. und die Opfer Gütlbauers“.

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  6. Danke für den Artikel dazu Kristian.
    Damit das die CDU dagegen stimmte (in weiten Teilen) und wie oft herumeiert bei den Begründungen, kann man schnell auf böse Gedanken kommen.
    Zum Kriegerdenkmal und dem gestelltem Antrag von Dir als Ratsherr gibt es auch eine Stellungnahme der Verwaltung, die möchte ich hier doch mal einbringen.
    Das Kriegerdenkmal wird dort nämlich von der Verwaltung so beschrieben: „Dennoch ist das Kriegerdenkmal in dieser Form ein Zeugnis der Zeitgeschichte“.
    Die von Dir genannten „Deutschen“ Soldaten sind somit gwürdigt, obwohl einige von ihnen wohl diesen Status nicht verdient haben. Dennoch sehe ich diesen Teil der Begründung der Verwaltung als positive Bewertung an.
    Die Opfer der NS Zeit somit der Begründung der Verwaltung nach nicht.
    Was soll ich davon den halten?
    Es ist okay was hier in der dunklen, aber versteckten Zeit von Buchholz passiert ist?

    Was die CDU dort mehrheitlich gemacht hat ist eine glatte 6.

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