Buchholzer Dialoge: Oldenburger Soziologe hofft auf die Bessergestellten

Von Kristian Stemmler

Die Überschrift versprach einiges. „Die Kultur der Stadt – Impulse für eine kreative und lebenswerte Stadt“ waren die Ausführungen von Prof. Walter Siebel, Soziologe von der Universität Oldenburg, betitelt, die er am Montagabend vor rund 100 Zuhörern in der Empore entfaltete. Es war der sechste und für dieses Jahr letzte Vortrag aus der Reihe „Buchholzer Dialoge“, die Stadtbaudezernentin Doris Grondke initiiert hat (im kommenden Jahr soll die Reihe fortgeführt werden).

Auch wenn Siebel einige aufschlussreiche Beobachtungen und Informationen vortrug, konnte er die Erwartungen (meine jedenfalls) nicht ganz erfüllen. Zu sehr leidet er offenbar unter der verbreiteten Soziologenkrankheit, im Deskriptiven hängen zu bleiben und eine tiefergehende Analyse ebenso zu vermeiden wie eine klare politische Positionierung. Kritik war höchstens leise zu vernehmen, Impulse für eine kreative und lebenswerte Stadt waren für mein Empfinden kaum zu entdecken.

Siebels Definitionen von Urbanität waren dabei durchaus originell. Drei Kriterien nannte er, die für ihn eine Stadt ausmachen. Zum einen sei eine Stadt, zumindest in Europa, das demokratisch legitimierte und handlungsfähige Subjekt seiner eigenen Entwicklung. Zum zweiten sei eine Stadt der Ort, der einen „halbwegs zivilen Umgang mit Fremden möglich macht“. Und zum dritten sei eine Stadt „eine Maschine zur Entlastung von Arbeit und Verpflichtung“ (zum Beispiel zur eigenhändigen Erzeugung von Nahrungsmitteln).

Was den ersten Punkt angeht, die „Mitwirkung der Bürger am Stadtregiment“, sieht Siebel einige Probleme. Einmal verengten sich zunehmend die Handlungsspielräume der Kommune, weil die finanzielle Basis brüchig geworden sei. Der Referent nannte in diesem Zusammenhang den Begriff „Mülleimerfunktion der Kommunen“, soll heißen: Den Kommunen würden Aufgaben aufgebürdet, die Land und Bund nicht übernehmen wollten.

Ein anderes Problem für die demokratische Mitgestaltung der Stadtentwicklung sei das Wegbrechen der politischen Basis. Die Privatisierung von Wohnungsbeständen führe zum Rückzug von Wohnungsbauträgern, die sich aus eigenem Interessen fürs Gemeinwohl engagierten. Private Eigentümer, zum Beispiel überregional operierende Investoren, hätten dagegen oft keinerlei Interesse an kommunalem Engagement. So sorgten Vermieter, wie Siebel ausführte, für neue soziale Brennpunkte, indem sie Wohnblocks mit Hartz-IV-Empfänger füllten.

An der Peripherie lebten in wachsender Zahl die Ausgegrenzten, die keine Chance für sich mehr sehen und mit Apathie und Gewalt reagierten. Immer mehr Mittelschichtler wiederum fühlten sich nicht an die Stadt gebunden. In der einen Kommune sei ihr Arbeitsplatz, in der anderen wohnten sie und in der dritten kauften sie ein. Man könne sie eher als Kundengruppen mit hochspezialisierten Interessen betrachten, deren Befriedigung sie von der Kommune verlangten.

Der Soziologe aus Oldenburg warnte davor, Zuwanderer massiert in sozialen Brennpunkten unterzubringen. Weil die Bewohner dieser Brennpunkte nach Sündenböcken suchten, könnten diese Quartiere keine Orte gelungener Integration sein. Gerade an diesem Punkt konnte man Analyse und Kritik vermissen. Dass es vielen Verantwortlichen vielleicht ganz egal ist, ob sich Flüchtlinge und deutsche Hartz-IV-Empfänger die Köpfe einschlagen – auf diese Idee kam Siebel offenbar nicht.

Er schwadronierte lieber von der gern konstatierten „Renaissance der Städte“. Immer mehr Singles, oft karrierebewusst und erfolgreich, siedelten in den Innenstädten. Immerhin sprach Siebel von einer „zwiespältigen Renaissance“, weil diese Entwicklung die Gentrifizierung von Quartieren vorantreibe. Diese Gentrifizierung illustriere „auf provozierende Weise“ das Auseinanderdriften von Arm und Reich in unserer Gesellschaft.

Andererseits liege in der Entwicklung auch eine Chance, weil sie für mehr Steuereinnahmen sorge und die Erosion der politischen Basis in der Stadt aufhalten könne. Siebel verstieg sich zu der Behauptung, dass die bessergestellte Bewohnerschaft in den gentrifizierten Vierteln engagiert und tolerant sei, ja dass sie sogar bereit sei, höhere Steuern zu bezahlen, wenn es helfe die Brennpunkte der Stadt aufzuwerten. Denn Studien hätten gezeigt, dass zu große Gleichheit auch die Lebensqualität der Gewinner beeinträchtige, also auf diese zurückfalle.

Auf die arrivierten Neu-Bewohner von yuppisierten Quartieren, wie in Hamburg zum Beispiel Ottensen oder Schanzenviertel, zu setzen, wenn es um „die Kultur der Stadt“ geht – das ist nun wirklich ziemlich dürftig. Ich darf an dieser Stelle deshalb auf einen Beitrag in diesem Blog im November 2012 verweisen (https://buchholzblog.wordpress.com/2012/11/06/der-standortwahn-als-symptom-der-krise-bernd-belina-referierte-in-hamburg/).

Dieser Beitrag befasst sich mit einem Vortrag des Frankfurter Geographen Bernd Belina, in dem er schlüssig darlegt, warum unsere Innenstädte immer mehr mit Einkaufszentren vollgeknallt und die einkommensschwachen Stadtbewohner an die Peripherie gedrängt werden. Dies hat nämlich recht viel mit dem Neoliberalismus und der Spekulation mit Immobilien zu tun. Aber mit so unfeinen Themen will sich Herr Siebel offenbar nicht beschäftigen.

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