Die Lokführer streiken – und das ist gut so!

Veröffentlicht: 2014-11-05 in Analysen, Hintergründe, Politik
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Wie immer: Bild online hetzt! Eigentlich ziemlich paradox, wenn man bedenkt, dass Bild die Zeitung der "kleinen Leute" ist...

Wie immer: Bild online hetzt! Eigentlich ziemlich paradox, wenn man bedenkt, dass Bild die Zeitung der „kleinen Leute“ ist…

Von Kristian Stemmler

Die Lokführer streiken – und das ist gut so! Es ist zunehmend unerträglich, wie in den de facto gleichgeschalteten Medien dieses Landes auf dieser Berufsgruppe und den benachbarten, ebenfalls streikenden Berufsgruppen (Zugbegleiter etc.) herumgehackt wird, weil sie ihr grundgesetzlich verbrieftes Streikrecht wahr nehmen. Wie so oft, ist die Masse der Bevölkerung so naiv und blöd, dass sie die Argumente der Medien – und damit der Arbeitgeberlobby – ohne großen Widerstand schluckt.

Meine Kollegen in den bürgerlichen Medien wissen sehr genau, wie man die Menschen manipuliert. Um den Streik zu diskreditieren, haben Sie eine plausibel klingende Begründung in die Welt gesetzt – und die geht so: Das Ganze ist nur ein Machtkampf zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), und der Bösewicht ist GDL-Chef Claus Weselsky. Dessen Beliebtheitswerte in der Bevölkerung liegen vermutlich schon unter denen von Stalin!

Die genannte Begründung klingt so plausibel, dass sie von so gut wie jedem Medienkonsumenten nachgeplappert wird: Hallo, ich weiß was, das ist nur ein Machtkampf! Aber dieses Argument wird der Komplexität der Sache tatsächlich nicht gerecht. Denn der Anlass für den erneuten Streik ist vor allem, dass die Bahn der GDL diktieren will, sich bei der Vertretung der Zugbegleiter unter ihren Mitgliedern praktisch der EVG unterzuordnen. Sie könnte diese Berufsgruppe nicht mehr zum Streik aufrufen.

Und ist es denn ein Zufall, dass Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ausgerechnet jetzt ein Gesetz zur Tarifeinheit vorlegt, dass in der Konsequenz dazu führt, das Grundrecht auf Streik einzuschränken – und das mit der dreisten Lüge im Bundestag, das Streikrecht werde hier gar nicht tangiert. Hier ist ganz klar eine Offensive gegen Arbeitnehmerrechte zu erkennen und da kommt vielen in der Politik der Lokführerstreik schon recht.

Denn jetzt lässt sich prima Stimmung machen, gegen die egoistischen GDLer, die ein ganzes Land lahm legen und der Wirtschaft schaden. Rot angelaufene Rentner rotzen in Mikrofone, die ihnen von Fernsehreportern hingehalten werden, dass sie auf 180 sind, weil sie ihren Kegelausflug in den Harz nicht antreten können. Die Kommentatoren in den Zeitungen und den Foren des Internets haben Schaum vorm Mund. Weselsky wird bald Polizeischutz brauchen…

Wieder einmal zeigt sich, wie einfach die Menschen in diesem Land zu lenken sind. Für jeden, der seinen Verstand noch nicht an der Garderobe abgegeben hat, müsste doch zu erkennen sein, dass es hier letztlich um mehr geht: um die Rechte von Arbeitnehmern insgesamt! Jeder, der in einem abhängigen Arbeitsverhältnis steht, sollte sich das noch mal durch den Kopf gehen lassen und nicht gedankenlos nachplappern, was irgendwelche Lohnschreiber in den Redaktionen verzapfen!

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Kommentare
  1. Ich verlasse mich auf das fundierte und plausible Urteil von Leuten, die das Buch gelesen habe. Wenn man die ganze Scheiße selbst durcharbeiten soll, kommt man ja zu nichts Wichtigem mehr…

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  2. Hans-Jürgen sagt:

    Sie haben das Buch gelesen?

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  3. Sorry, aber das ist ein schlecht recherchiertes Buch eines rechtslastigen Verlags. Nicht zu empfehlen!

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  4. Karl sagt:

    Die GdL nimmt ihr, vom Grundgesetz garantiertes Streikrecht wahr.
    Und trotzdem findet jetzt diese unglaubliche Hetze der gleichgeschalteten Medien gegen Lokführer, deren Gewerkschaft GdL und deren Gewerkschaftsvorsitzenden statt.

    Das ist nicht mehr die vom Deutschen Grundgesetz vorgesehene Aufgabe der Medien in unserer „Möchtegern-Demokratie“.
    Die Medien inzwischen sind von ihrer Aufgabe, der 4. Säule der Demokratie soweit entfernt, das man sie als praktisch nicht mehr Existent betrachten kann. Jeder Bürger sollte die Massenmedien, aber auch die Staatlichen Sender ARD und ZDF total meiden, denn diese sind kontraproduktiv für die Demokratie geworden!

    Und in diesem Fall hier, sticht insbesondere die Bild-Zeitung hervor, eigentlich die selbsternannte „Zeitung des kleinen Mannes“, die hetzerisch sogar die Telefonnummer des GdL Gewerkschaftschefs und dessen Wohnadresse veröffentlicht hat. Focus bläst hier ins Selbe Horn. Die Staatlichen Sender selektieren gern und zeigen ausschließlich negative Meinungsmacher.

    Gewerkschaftschef Weselsky ist deswegen zu empfehlen, einfach selber mal die Telefonnummer des Chefredakteur der Blöd-Zeitung Kai Diekmann in der nächsten Gewerkschaftszeitung zu veröffentlichen.

    Und diese ausgesprochen negative und einseitige Propaganda der deutschen „Qualitätsfreien“ Medien, bei der sogar ARD und ZDF wie gesagt mitmachen, wie früher die Staats-Politorgane der DDR, beeinflusst die Meinung der Unwissenden natürlich und ist auch so von den Neoliberalen Kräften und sicher auch der Politik geplant.

    Siehe hier gerade auch, das neu geplante „Streikgesetz“ für 2015, das kleinen Gewerkschaften praktischerweise das Streikrecht völlig wegnimmt!
    Und es kommt federführend aus der Hand der SPD!

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  5. Manuel sagt:

    Zur Gleichschaltung der Deutschen Medien und ihre Gründe, ist das Buch Gekaufte Journalisten sehr zu empfehlen.
    Das Buch Gekaufte Journalisten ist bei Amazon auf Platz 1 der Politik Bestseller und wird von den Medien absolut totgeschwiegen… Warum wohl? Wird aus dem Buch schnell verständlich.

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  6. …in der Tat: Diese Einigkeit ist fast unheimlich…

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  7. Hans-Jürgen sagt:

    Daß wir mal alle einer Meinung sind…

    Die Bahn spielt hier ein ziemlich unrühmliches Spielchen. Sie hat kein Problem, beim Personal zu diversifizieren: Beamte, Leiharbeiter, Arbeitspakete und Angestellte. Alles kein Problem. Aber bitte nur eine Gewerkschaft, sonst wird es kompliziert. Wer sich an die Vorgänge des Vorsitzenden der Transnet Hansen erinnert, weiß auch, warum die Bahn gerne nur einen Ansprechpartner hat. Selbes kennen wir vom VW Konzern. Nun wartet die Bahn darauf, daß Ihr Eigentümer (der auch Gesetzgeber in Personalunion ist) ihr die Gesetze schreibt. Frau Nahles ist schon ganz spitz drauf, auch hört man von Frau Fahimi nichts Gegenteiliges. Egal wie das Gesetz aussieht, es wird zu Recht vor Gericht gehen. Wenn die Bahn clever wäre, würde sie mit der EVG und der GDL folgenden Deal abschließen:
    Alles was fährt = GDL
    Alles andere = EVG
    Das hätte den Charme, daß die Bahn und ihre Konkurenz (z.B. Metronom) mit der selben Gewerkschaft zu tun hätten. Das würde auch hier das Dumping hintertreiben.
    So aber schießt sich der Mainstream auftragsgemäß gegen die GDL ein, der FOCUS bringt fast noch eine Homestory. Das Medienkartell in Deutschland funktioniet auch hier.

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  8. Danke dem Uwe Schulze für seinen fachkundigen Kommentar. Übrigens finde ich duie ganzen anonymen Kommentare zum Kotzen, weil Anonymität feige ist. Selbst dann, wnn mal was Richtiges darin steht. Uwe Schulz und das Video geben mir einen neuen Einblick, den ich von jetzt an vertreten werde. Ich bedaure meine vorherige Unkenntnis.
    Christoph Gumpert

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  9. Uwe Schulze sagt:

    @ Realistin

    Ich kann den Streik auch verstehen.

    Halte ich mal fest: Die Lohnforderungen wurden akzeptiert und es dreht sich nicht um Erhöhung der ohnehin schon zu hohen Arbeitszeiten. Es dreht sich nunmehr darum das eine kleine Gewerkschaft ein quasi Grundrecht festigen will.
    Eine Gewerkschaft, als Zahl „1“!

    Wo sind bei dieser Grundrechtssicherung die anderen großen Gewerkschaften?
    Sind die schon satt?
    Was ist los mit Frank Bsirske, Michael Vassiliadis, Detlef Wetzel oder Reiner Hoffmann?

    Ich bin aus verschiedenen Gründen zum Jahresende aus Ver.di ausgetreten, unter anderem weil die satt sind und sich kaum noch für die „kleinen“ rühren.

    Egoistisch wie ich bin: Wir Buchholzer, sowie auch die umliegenden Ortschaften mit Bahnhof haben derzeit ja nicht das Problem mit der Bahn zur Arbeit und zurück zu kommen. Die Metronome werden ja nicht bestreikt.

    Durch Zufall bin ich vorhin via Facebook auf dieses Video aufmerksam geworden:

    Diese Seiten hat auch kaum mal jemand betrachtet, es ist aber von Vorteil auch das zu kennen.

    Und zu den Betriebsräten… da kann ich auch ein Lied von singen. Viele der BRs haben eine große Klappe, aber wenn es drauf ankommt praktizieren sie lieber Dickdarmwühlerrei am Arbeitgeber. Sie nennen das dann Diplomatie und pochen auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Oft ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit schon durch den Arbeitgeber an die Wand gefahren worden, aber die BRs halten noch immer die Flagge für den Chef.

    Dazu kommt das beinahe grottenschlechte Wissen rund um die Rechte der Arbeitnehmer. Seminare könnten helfen, wenn diese nicht als Spaßreisen ausgenutzt werden würden. Böse Behauptung jetzt, aber das sind meine Erfahrungen.
    Nun habe ich den Vorteil das ich neben meiner BR Tätigkeit als Vorsitzender auch noch Rechtswissenschaften studiert habe, und als Highlight auch noch in der Fachrichtung Arbeitsrecht, Handelsrecht und Sozialrecht, sehr zum Leidwesen anderer….

    Und ebenso alten es viele BRs auch mit dem Organisationsgrad. Hauptsache man hat einen Gewerkschaftspin an seinem Jackett, nur wenn es zur Sache geht sind diese Leute unter dem Teppich verschwunden. Bloß nicht auffallen. Viele kennen nicht mal ihre Rechte als Gewerkschaftler, geschweige denn das Grundgesetz. Und bei den Mitgliedsbeiträgen schummeln die meisten auch noch.

    Warum also sollen die, die ihre Rechte kennen nicht streiken. Ich meine, Dank der Privatisierung der Bahn sind die Arbeitsbedingungen so schlecht geworden.

    Über Jahrzehnte hinweg haben wir über ausländische Bahnen gemeckert, heute meckern alle über unsere Bahn! Warum das so ist, nun, Privatisierung und Profitgier sind da wohl die Zauberworte.

    Back to the Roots wäre jetzt toll, aber das ist offensichtlich von Oben nicht gewollt.

    Also, lasst uns lieber den Mädels und Jungs von der GDL Solidarität zeigen, wir sind ja hier schon auf einem guten Weg.

    So, Öl ins Feuer gegossen…

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  10. Realistin sagt:

    Dass die Bahnfahrende Menschheit sehr wütend darauf ist, dass es wegen des Streikes der GDL nicht möglich ist, in der Richtung mobil zu sein. Das kann ich sehr gut verstehen, doch bin ich da eher sauer auf die Bahn AG als auf die GDL. Die Pressesprecher der Bahn versucht die GDL zu diskreditieren in dem sie z.B. mitteilt, dass mehrere Vorschläge der Bahn von der GDL weder kommentiert noch angenommen wurden. Die GDL behauptet, dass das nicht stimmt.

    Die Bahn versucht, durch die Medien die Leute zu manipulieren und aufzuhetzen, was ich sehr schlimm finde. Auch in der Firma, bei der ich beschäftigt war, gab es zwei Gewerkschaften: IG-Metall und DAG und da überschnitten sich auch teilweise die Interessen. Ich war Mitglied im Betriebsrat und habe mich manchmal sehr geärgert, dass der Betriebsrat als Ganzes so oft gegen Streik war und ständig Rückschritte gemacht hatte.

    Ich finde den Streik als ein legitimes Mittel, seine Interessen durchzusetzen und dabei liegt es ja in der Natur der Sache, dass es unangenehm für den Arbeitgeber wird. Wenn das im Falle des Bahnstreikes alles auf die GDL abgewälzt wird, ist das schon sehr unfair.

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  11. Anonymous sagt:

    Etwas ausführlichere Infos für uns „Naive“ und „Blöde“:

    https://www.freitag.de/autoren/niquelouder/die-rolle-der-db-im-bahnstreik

    Und wo war denn nun noch mal meine Garderobe?…

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  12. Dagmar Schaller-Wolf sagt:

    Genau so isses!

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