Die AfD-Hetzschrift gegen Heideruh – rechte Paranoia at it’s best

Veröffentlicht: 2014-10-08 in Analysen, Lokales, Politik
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Von Kristian Stemmler

Manchen scheint es nicht zu reichen, dass der Kapitalismus und der Konsumismus auf der ganzen Linie gesiegt haben, und alternative Ansätze sich weithin in der Defensive befinden. In ihrem wahnhaften Streben, auch noch den letzten Rest von Glauben an eine menschlichere Zukunft aus dieser Gesellschaft zu tilgen, schnüffeln sie allen hinterher, die diesen Glauben noch nicht ganz aufgegeben haben – die sie also für irgendwie links halten.

Diese Beschreibung dürfte recht gut auf die Verfasser einer 40-seitigen Kampfschrift aus dem Dunstkreis der Alternative für Deutschland zutreffen, die derzeit für Wirbel im Landkreis Harburg sorgt. „Stadt Buchholz i. d. N. paktiert mit Luxemburg-Liebknecht-Demo-Unterstützern“ steht darüber, thematisch geht es vor allem um die Antifaschistische Begegnungsstätte Heideruh in Holm-Seppensen und als Verfasser zeichnen „Anonyme FDGO-Verteidiger Buchholz i. d. N.“. Wie man leicht erkennen kann, also ein recht skurriler, wenn nicht grotesker Vorgang!

Allerdings finden nicht alle das Pamphlet zum Lachen, denn auf den 40 Seiten werden jede Mengen von Personen namentlich genannt und teilweise heftig verleumdet. Der für und in Heideruh engagierte, in Berlin lehrende und in Buchholz wohnende Professor Oliver Rump, der die Geschichte der Begegnungsstätte erforscht, hat nach einem Bericht des Nordheide Wochenblattes jedenfalls Anzeige wegen Verleumdung und Bedrohung gegen die anonymen Verfasser erstattet.

Rump angeschlossen hat sich in dieser Woche der Buchholzer Betriebsrat Uwe Schulze, der bei der zurückliegenden Bürgermeisterwahl kandidiert hat. Auch er wird in der Kampfschrift diffamiert und hat darum bei der Buchholzer Polizei Anzeige wegen Verleumdung/übler Nachrede gestellt. Die Polizei wird auch wegen eines Verstoßes gegen das Niedersächsische Pressegesetz ermitteln, das für derartige Schriften ein Impressum vorschreibt.

„Da ich vor habe, mich für ein politisches Amt aufstellen zu lassen, wird mir diese Dokumentation im Wege stehen, gerade weil sie Unwahrheiten über mich aufzeigt“, sagte Schulze dem buchholz express. „Ich sehe durch die Hetzschrift meine Persönlichkeitsrechte verletzt und empfinde das Ganze als einen Eingriff in einen höchstpersönlichen Lebensbereich.“

Oliver Rump sagte dem Wochenblatt, er sei nicht gewillt, den Angriff auf seine Integrität als Privatperson und Professor hinzunehmen. „In der Broschüre wird unter dem Deckmantel einer wissenschaftlichen Arbeit mit Unterstellungen und Verleumdungen gearbeitet“, wird er zitiert. Rump wird in der AfD-Schrift unter anderem als „dunkelroter Professor“ beschrieben, der möglicherweise sogar als faktischer „intellektueller Kopf“ der Buchholzer Linksextremisten-Szene zu sehen sei.

Schon diese Formulierung belegt die Paranoia der „anonymen FDGO-Verteidiger“. Man kann ihnen einen gewissen Fleiß sicher nicht absprechen, die Hetzschrift ist gespickt mit Namen von Personen, Organisationen und Bands, sie zieht offenbar alles heran, was vor allem über das Internet recherchiert werden konnte. Nur sind die Schlüsse, die daraus gezogen werden, in der Regel falsch und überzogen. Heideruh ist zweifellos links und auch ein Treffpunkt vor allem für Linke, aber die AfD ist hundertmal mehr eine Bedrohung für die FDGO!

Auch die Einleitung der Broschüre spricht für sich, nicht nur weil sie äußerst geschraubt daher kommt und dem Ganzen offenbar eine Art akademischen Anstrich geben soll. Es lohnt sich, den ganzen, einen langen Absatz umfassenden Satz zu lesen – also, auf geht’s:

„Als aufmerksamer dem äquidistanten Antitotalitarismus der alten Bundesrepublik verpflichteter interessierter Bobachter des politischen Zeitgeschehens frage ich mich inzwischen ständig, wie es sein kann, dass einem zunehmend öffentlich raumgreifenden und immer dreister und aggressiver auftretenden Linksextremismus, der im Namen seiner kommunistischen oder anarchistischen Ziele eindeutig auf die faktische Außerkraftsetzung der im GG niedergelegten freiheitlich-demokratischen Grundordnung hinarbeitet und bereits jetzt andersdenkende Menschen sowie Angehörige der staatlichen Sicherheitsorgane zu Zielen von Hass, Einschüchterung und körperlicher Gewalt macht, ein zunehmender passiver, nötiges Handeln unterlassender Staat gegenübersteht, der gegen linksextremistische Bestrebungen und Straftaten nicht mehr wirklich ernsthaft vorgeht und der im Vergleich mit dem Zeitalter der wirklich wehrhaften Demokratie der alten Bundesrepublik mittlerweile nur noch ein Schatten seiner selbst ist.“

Wie kann man soviel Blödsinn und soviel braune Scheiße in einem einzigen Satz unterbringen! Wer so etwas schreibt, gehört amtsärztlich untersucht oder am besten gleich mit einer Depotspritze Haldol versorgt. Zweifellos kommt es immer wieder auch zu Gewalt gegen Sachen oder Personen von linker Seite, zum Beispiel bei Demos – aber darin allen Ernstes eine Gefahr für diesen Staat zu sehen, da muss man schon weit im Delirium sein.

Wenn irgendetwas diesen Staat und diese FDGO gefährdet, werte selbsternannte Verteidiger derselben, dann ist es vor allem die fortschreitende soziale Erosion. Dann ist es die galoppierende Durchökonomisierung aller Lebensbereiche, die Verblödung der Massen durch RTL 2 und Shoppingsonntage, die zunehmende Macht von Industrie und Banken, die Aushöhlung der Demokratie. In den paar Leuten, die es noch nicht aufgegeben haben, sich links zu engagieren, eine Gefahr zu sehen – lächerlich!

In Heideruh habe ich eine Menge junge und ältere Leute getroffen, die sich Gedanken machen über unsere Gesellschaft. Die sich nicht damit abfinden wollen, dass Hundertausende und Millionen in diesem Land in Abhängigkeit gehalten und unterdrückt werden, die oft verzweifeln an der antrainierten Gleichgültigkeit der Massen und die jeder auf seine und ihre Art versuchen, sich nicht abstumpfen und verblöden zu lassen.

Die AfD-Hetzschrift wirft munter mit Namen und Vermutungen um sich und versucht so den Eindruck zu erwecken, hier sei so etwas wie eine linke Verschwörung am Werk. Antifa, DKP, VVN-BdA, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Die LINKE etc. pp., da könnte der Leser schnell denken: Meine Güte, da muss es ja zugehen wie in einem (linken) Bienenstock! Dass es sich bei vielen dieser Organisationen, zumindest auf lokaler Ebene, um höchstens eine Handvoll Aktive handelt und es teilweise auch noch personelle Überschneidungen gibt, wird nicht erwähnt.

Besonders lächerlich wird es, wenn die Hetzschrift von einer „sich dynamisch entwicklenden linksextremen Buchholzer Jugend-Band-Szene“ fabuliert, nur weil einige Mitglieder hier aktiver Bands offenbar der Antifa nahe stehen, und das hiesige JUZ als Hort dieser Szene diffamiert wird. Mehr als grotesk ist in diesem Zusammenhang der Abdruck des Fotos eines Konfirmandenjahrgangs der Martin-Luther-Gemeinde Holm-Seppensen. Drei oder vier aus diesem Jahrgang seien Mitglied einer „Antifa-Band“ und die Frau von Prof. Rump sei in der Gemeinde doch mal im Kirchenvorstand gewesen… Paranoider geht’s nimmer!

Es führt zu weit, sich mit weiteren Details der Hetzschrift zu befassen, obwohl es sicher teilweise recht lustig ist. Herzlich gelacht habe ich jedenfalls über den aktuellen Anhang, in dem auch meine Person aufgeführt ist. Dabei habe ich einiges Neues über mich erfahren…

So ist in einer Zwischenüberschrift die Rede vom „Triumvirat Uwe Schulze/Kristian Stemmler/Olaf Blohm – eine besondere politische Männerfreundschaft“. Nun kenne ich sowohl Uwe als auch Olaf, den Stadtjugendpfleger von Buchholz, ganz gut und politisch sind wir in vielen (sicher nicht allen) Fragen vielleicht auch politisch nicht so weit voneinander entfernt. Aber daraus gleich ein Triumvirat und eine politische Männerfreundschaft zu machen, das ist denn doch ein wenig dicke.

Was die Angaben zu meiner Person angeht, sind die ansonsten erstaunlich sachlich, allerdings mit einigen Ausnahmen. Mir zum Beispiel zu unterstellen, ich würde gegen das Wochenblatt „giften“, nachdem ich mich mehrfach erfolglos dort beworben hatte, ist absurd. Richtig ist, dass ich mich beim Quasi-Landkreis-Monopolisten vor einigen Jahren um eine Tätigkeit als Redakteur beworben habe und davor schon einmal – aber meine Kritik an der Zeitung hat herzlich wenig damit zu tun, dass die Bewerbungen erfolglos blieben.

Aber ein Rechter kann sich natürlich nicht vorstellen, dass man etwas aus Idealismus macht oder weil einem die politischen Ziele und das Engagement für eine bessere Welt so gut wie über alles gehen. Darum ist den Rechten linkes Denken auch so fremd.

Völlig neu ist mir übrigens auch, dass ich versuchen würde, mich nach meinem Ausschluss aus der Partei DIE LINKE als der „bessere, radikalere Extremist“ darzustellen, „um mich so in der örtlichen Linksextremistenszene zu rehabilitieren“. Selten so einen Nonsens vernommen!

Für die Verfasser der Hetzschrift ist offenbar schwer zu glauben, dass jemand einfach seinen politischen Vorstellungen treu geblieben ist und nicht daran denkt sich anzupassen. Von irgendwelchen Rehabilitationsbemühungen kann übrigens auch nicht die Rede sein, es gibt von beiden Seiten keine Kontakte und keine Kontaktbemühungen. Da gibt es nicht hineinzudeuten!

Erfreulich an dem ganzen Vorgang ist eigentlich nur, dass der AfD-Kreisverband sich gehörig demaskiert hat und sich auch das Nordheide Wochenblatt genötigt sah, Heideruh klar in Schutz zu nehmen. Wobei ich befürchte, dass dies dem Erfolg der AfD auch im Kreis auf lange Sicht keinen Abbruch tun wird. Die Gründung eines Buchholzer Ortsvereins wurde ja bereits angedroht.

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Kommentare
  1. Realistin sagt:

    Vielen Dank Carsten für die Aufklärung. Irgendwie hatte ich schon so eine Ahnung, dass Hans-Jürgen dieser unsäglichen Partei AfD angehört. Auf der Facebook-Seite von ihm konnte ich dann auch gleich den unübertroffenen Zynismus feststellen, mit dem er um sich schlägt. Außerdem wurde dort die Bundeskanzlerin (auch wenn ich nicht ein Fan von ihr bin) als Zonenplunze bezeichnet. Ich denke, Hans-Jürgen könnte an seiner Ausdrucksweise arbeiten.

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  2. Carsten Zeil sagt:

    Hans-Jürgen, Sie haben so schöne Verlinkungen zu Wikipedia hier bereitgestellt, danke dafür.
    Mir stellt sich jetzt die Frage was Siemit den Verlinkungen bezwecken wollen?
    Möchten Sie Rump und Schulze damit an die Wand nageln und als Dummies hinstellen, oder möchten Sie damit zeigen das man mit den Anzeigen Recht hat?

    Zumindest auf einen trifft es zu 100 % zu, dass dieser mit dem wie Sie es nennen, Dossier, verleumdnet wurde und üble Nachrede betrieben haben. Das dieser Anzeige erstattete ist absolut gerechtfertigt. Und das dieser sich derzeit komplett aus der Diskussion heraushält, ist für mich ein Zeichen das „Er“ sich nicht von seinem Weg, seinem Handeln und Vorankommen durch dieses Paiper abhalten und lässt.
    Und dass Sie Herr Bletz (Hans-Jürgen) einfach zappelige Finger haben und unkontrolliert in das Internet schmieren, bleibt den meisten nicht verborgen. Ganz besonders dann nicht, wenn sie das in öffentlichen Facbook-Gruppen machen. Hier zählt man 1+1 zusammen und kann sich sein Bild machen.

    Ich habe bei Herrn Schulze auf der Seite gesehen das Sie sich noch mit ihm zusammensetzen wollten um Informationen (arbeitsrechtlich) zum neuen Asylrecht auszutauschen.
    Wäre doch interessant mal zu erfahren was aus dem Gespräch geworden ist und ob es aus dem Gespräch Erkenntnisse gibt die Sie den Bürgern mitteilen möchten.

    Schönen Sonntag
    C.Zeil

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  3. Das Wochenblatt erwähne ich eigentlich nur notgedrungen.

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  4. Hans-Jürgen sagt:

    Und das mit erkennbarer Wonne.

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  5. Ich habe lediglich das Wochenblatt zitiert…

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  6. Hans-Jürgen sagt:

    @realistin
    Sie wissen aber schon, was die Bedeutung Ihrer Worte ist, oder?
    Gerne bin ich behilflich:

    Verleumdung:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Verleumdung_%28Deutschland%29

    Üble Nachrede:
    http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cble_Nachrede_%28Deutschland%29

    Ich habe das Dossier tatsächlich durchgearbeitet. Auch wenn der Stil wirklich gewöhnungsbedürftig ist, letztendlich sind die hinterlegten Links einfach Fakt. Wenn Herr Prof. Rump öffentlich in Interview mit der DKP-Parteizeitung das Ableben der DDR betrauert, hat er sich selbst als Fan eines totalitären Systems geoutet. Da gibt es nichts mehr zu verleumden, die Fakten hat er selbst geschaffen. Und wenn Sie die unerträgliche Semantik rund um Cuba SI aufmerksam lesen, wundere ich mich, daß der Herr noch öffentlich lehren darf.

    Das doofe an öffentlichen Äußerungen ist, daß sie öffentlich sind.

    Übrigens: Herr Professor Rump hat definitiv keine Strafanzeige gestellt! Warum nur…

    Drum merke: Vom Stemmler ab zu schreiben ist nicht immer klug…

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  7. Realistin sagt:

    Es ist doch irgendwie schizophren, einerseits die Freiheitliche Deutsche Grundordnung verteidigen zu wollen und andererseits solche Verfehlungen wie üble Nachrede und Verleumdung zu begehen. Das lässt lediglich den Schluss zu, dass rechte Gesinnung für diese Gruppierung über alles steht.

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