Familie im Abseits – wie eine überforderte Jugendhilfe auf den fortschreitenden sozialen Zerfall reagiert

DSC_5549Jessica, Kevin, Yagmur – es sind spektakuläre Todesfälle, die in den vergangenen Jahren dafür gesorgt haben, dass mehr über den Schutz der Kinder diskutiert wird. Dabei geht es auch immer wieder um das Handeln der Behörden, konkret also der Jugendämter. Deren Mitarbeiter stehen unter einem ungeheurem Druck, denn wenn etwas passiert, ist die Öffentlichkeit sofort mit Schuldvorwürfen bei der Hand. Auf der anderen Seite sind sie nicht nur mit der Zahl der zu bearbeitenden Fälle, sondern auch mit deren Komplexität oft hoffnungslos überfordert.

Die Politik reagiert auf die öffentlichen Diskussionen leider nicht mit einer angemessenen Aufstockung des Personals, sondern mit der Verschärfung der Kontrolle, so zum Beispiel zuletzt mit der Einführung des Paragraphen 8 a in das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), in dem der Schutzauftrag des Jugendamtes bei einer Gefährdung des Kindeswohls konkretisiert wurde – statt diese Geschehnisse als Warnsignal und Ausdruck der wachsenden sozialen Segregation zu verstehen.

Angesichts der anhaltenden Überforderung kommt es dazu, dass die Jugendämter immer wieder übers Ziel hinausschießen und die Zahl der Inobhutnahmen stetig ansteigt. So hat sich etwa in Baden-Württemberg, wie jetzt bekannt wurde, innerhalb von acht Jahren die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von staatlichen Stellen in Obhut genommen wurden, mehr als verdoppelt. 2005 waren es 1658 Fälle, im vergangenen Jahr dagegen 3809. Das gab Baden-Württembergs Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) vor kurzem bekannt.

Vor drei Jahren habe ich für die renommierte überregionale Zeitschrift Publik-Forum einen ausführlichen Beitrag zu der Problematik geschrieben. Da die Probleme inzwischen nicht kleiner, sondern offenbar eher noch größer geworden sind, veröffentliche ich diesen Beitrag hier erneut:

 

Von Kristian Stemmler

Im Kinderzimmer gab es kaum Spielzeug. Neben dem Bett stand nur ein pinkfarbener Fernseher im Barbie-Design, vor dem die vier Jahre alte Jennifer geparkt wurde. „Und das Verrückte dabei war: Die Mutter war völlig überzeugt, ihrem Kind mit der Anschaffung dieses Fernsehers etwas Gutes getan zu haben“, sagt Katja Röschmann, „ich musste ihr erst mal erklären, warum das ein Problem ist.“

Was die Sozialpädagogin vom Rauhen Haus in Hamburg bei einer von ihr betreuten Familie im armen Stadtteil Billstedt erlebte, ist symptomatisch für die Arbeit der Jugendhilfe mit problematischen Familien. Katja Röschmann und ihre Kollegen registrieren, dass Eltern immer öfter elementare Kenntnisse in Erziehungsfragen abgehen. Sie wissen nicht, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen, wie man den Alltag strukturiert, was Familienleben bedeutet.

„Wir haben es mit Menschen zu tun, die selbst schon Familie nicht mehr erlebt haben“, sagt Michael Tüllmann, Leiter des Bereichs Jugendhilfe beim Rauhen Haus, „sie wissen nicht, wie man Geburtstag feiert oder warum das Kind schreit.“ Für die Sozialpädagogen und Psychologen der Jugendämter und freien Träger bedeutet das, dass sie den von ihnen betreuten Müttern und Vätern nicht selten einfachste Dinge vermitteln müssen: morgens rechtzeitig aufstehen, Zähne putzen, den Kindern Schulbrot machen, gemeinsam essen, abends ein Buch vorlesen.

Von einer „zunehmenden Orientierungslosigkeit“ in Erziehungsfragen weiß auch Roland Fehrenbacher, beim Caritasverband für die Kinder- und Jugendhilfe zuständig, zu berichten. Diese Orientierungslosigkeit beschränke sich aber nicht auf sozial schwache Familien. Auch Familien der Mittelschicht sind, trotz (oder wegen?) der Flut von Erziehungsratgebern, verunsichert und bitten das Jugendamt um Hilfe. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Zahl der Hilfen zur Erziehung, die das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) bei familiären Problemen vorsieht, immer mehr zunimmt – die Heimunterbringung ausgenommen.

Mehr als eine halbe Million dieser Hilfen wurden 2010 begonnen, im Jahr 2005 waren es noch rund 430.000. Seit Inkrafttreten des Gesetzes hat sich die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die von Erziehungshilfen erreicht werden, auf rund eine Million verdreifacht (fünf Prozent der Altersgruppe bis 21). Die Kommunen ächzen unter den Kosten, die inzwischen mehr als fünf Milliarden Euro jährlich betragen.

Was die Gründe für die Intervention angeht, gibt es eine große soziale Diskrepanz. Familien der Mittelschicht wenden sich etwa bei Schulproblemen oder nach einer Scheidung ans Jugendamt, in diesen Fällen ist es meist mit der niedrigschwelligsten und (mit 66 Prozent) am häufigsten nachgefragten Hilfe getan, der Erziehungsberatung. Und in der Regel lassen sich die Probleme über kurz oder lang ausräumen.

Sozial schwache Familien haben dagegen oft jahrelang mit dem Jugendamt zu tun, sie brauchen die längerfristige Sozialpädagogische Familienhilfe oder einen Erziehungsbeistand. Arbeitslosigkeit, fehlende Bildung, Alkoholismus, Depressionen, Drogensucht – all das schlägt auf die Beziehung zu den Kindern durch.

Die Zunahme bei den Erziehungshilfen bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Probleme im selben Maße zugenommen haben. Sie ist auch einer gewachsenen Sensibilität für den Kinderschutz, einer „Kultur des Hinsehens“ geschuldet. Dafür hat vor allem die öffentliche Diskussion über spektakuläre Todesfälle gesorgt wie den des zwei Jahre alten Kevin in Bremen, dessen Leiche Polizisten im Kühlschrank entdeckten, oder der sieben Jahre alten Jessica in Hamburg, die verhungerte.

Die Politik reagierte auf derartige Fälle reflexhaft mit der Verschärfung der Kontrolle, nämlich mit Einführung des Paragraphen 8 a in das KJHG, in dem der Schutzauftrag des Jugendamtes bei einer Gefährdung des Kindeswohls konkretisiert wurde – statt diese Geschehnisse als Warnsignal und Ausdruck der wachsenden sozialen Separation zu verstehen.

Allerdings sind sich nicht einmal die mit dem Thema intensiv befassten Experten einig über das Gewicht der sozialen Faktoren. So sieht Karl Späth, beim Bundesverband der Diakonie für Hilfen zur Erziehung zuständig, keinen Grund dafür, Alarm zu schlagen. „Die spektakulären Fälle erwecken den falschen Eindruck, dass die Zahl solcher Fälle in den letzten Jahren zugenommen hat“, sagt Karl Späth vom Bundesverband der Diakonie.

Tatsächlich ist die Zahl der Kinder unter sechs Jahren, die durch Misshandlungen zu Tode kamen, in den vergangenen 25 Jahren um die Hälfte gesunken, auf 123 Fälle im Jahr 2009. „Die Debatte über den Kinderschutz hat dazu beigetragen, dass der Bereich der Hilfen zur Erziehung weitgehend von Einsparungen ausgenommen ist und die freien Träger relativ gut ausgestattet sind“, so Späth, „jeder Bürgermeister, jeder Landrat weiß: Wenn in meinem Bereich ein Kind zu Tode kommt, steht mein Job zur Disposition.“

Norbert Hocke, beim Bundesvorstand der GEW für Jugendhilfe zuständig, sieht die Lage weniger rosig: „In Brennpunkten hat sich die Lebenslage von Kindern und Jugendlichen eindeutig verschlechtert, da kann die Jugendhilfe oft nur noch Feuerwehr sein.“ Das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz bestätigt diese Einschätzung. Es stellt in einem Bericht für das Land Rheinland-Pfalz fest: „Ursache für die Zunahme der Hilfen zur Erziehung ist auch die Ausbreitung von Kinderarmut. Die Erziehungshilfen sind Ausfallsbürge für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen.“

Zu diesen Entwicklungen, die die Arbeit der Jugendhilfe erschweren, gehört auch die wachsende Bedeutung der Medien im Alltag. Trash-TV, Gewaltvideos, Playstation und Gameboy werden zur Ersatzdroge, wo Zuwendung und Gemeinschaft fehlen, sie füllen in vielen Familien nicht nur die leere Zeit, sondern auch eine emotionale Leere. „Die Isolation hat zugenommen, die Beziehungsfähigkeit abgenommen. Die Jugendlichen beschäftigen sich mit Figuren aus Fernsehserien statt mit echten Freunden“, meint Michael Tüllmann vom Rauhen Haus. Und Caritas-Experte Fehrenbacher erklärt: „Die Kinder leben häufig in Welten, zu denen die Eltern keinen Zugang haben.“

Viele Mitarbeiter der Jugendämter stehen unter doppeltem Druck, leiden unter Arbeitsüberlastung und zugleich der ständigen Angst, verhängnisvolle Fehler zu machen. GEW-Vorstand Hocke beklagt, „dass die Kollegen in den Jugendämtern oft allein gelassen werden und gegen die hohe Zahl von Fällen nicht mehr ankommen“.

Er fordert eine bessere Verzahnung von Quartiersmanagement, Ärzten, Schulen und Jugendhilfe, Sozialarbeiter in Schulen und Kitas und mehr frühe Hilfen wie Begrüßungsbesuche durch Hebammen. Diese Forderungen teilt auch Caritas-Experte Fehrenbacher. Der Anspruch auf frühe Hilfen müssen gesetzlich so verankert werden, dass die Kommunen zur Finanzierung verpflichtet sind.

Mit dem gerade beschlossenene Bundeskinderschutzgesetz sind diese Forderungen zu einem großen Teil erfüllt worden. Das neue Gesetz setzt verstärkt auf Zusammenarbeit und Kooperation der relevanten Akteure, so sollen Kinderärzte, Familienhebammen, Jugendämter und Beratungsstellen zukünftig enger zusammenarbeiten. Beispielsweise ist klar geregelt, wann Ärzte Informationen an die Jugendämter weitergeben dürfen. Ferner sollen frühe Hilfen flächendeckend angeboten werden, das Bundesfamilienministerium stellt ab 2012 vier Jahre lang jährlich 30 Millionen Euro zum Ausbau des Einsatzes von Familienhebammen zur Verfügung.

Michael Tüllmann hält es für wichtig, die Bildung „in die Lebenswelten reinzutragen“, mit Stadtteilzentren etwa, in denen gemeinsam gekocht und gelernt wird, er setzt auf die Bildung von Netzwerken, auf mehr Kooperation mit den Schulen. Er setzt darauf, gesellschaftlich relevante Institutionen wie Industrie- und Handelskammern für die Anliegen der Jugendhilfe zu gewinnen: „Ob jemand ein guter Azubi wird, ob er einen Acht-Stunden-Tag überhaupt psychisch durchhalten kann, das entscheidet sich ja nicht in der Schule, sondern schon in den ersten drei Lebensjahren.“ Es sei ein riesiges Problem der Sozialarbeit, dass die Jahre der frühen Entwicklung so oft verloren gehen. „Das muss ein gesellschaftliches Thema werden!“

Der erfahrene Sozialpädagoge vom Rauhen Haus befürchtet, dass sich eine wachsende Kluft in der Gesellschaft auftut: „Institutionen, die Werte vermitteln, wie Kirchen und Vereine, verlieren an Kredit, die Menschen sind immer mehr auf sich selbst gestellt. Die gebildeten Schichten erleben das als Zugewinn an Freiheit, aber in bildungsfernen Schichten kommt man damit nicht klar.“ Tüllmann fällt ein hartes Urteil: „Die Familien in den Brennpunkten werden abgeschrieben.“

In dieselbe Richtung weist die Analyse des Mainzer Instituts für sozialpädagogische Forschung: „Noch nie konnten so viele junge Menschen in materiell abgesicherten, gesunden und bildungsreichen Lebenssituationen aufwachsen wie heute. Und dennoch gibt es daneben eine sehr große Gruppe von jungen Menschen und Familien, die die für eine bestimmte Zeit, auf Dauer und manche mittlerweile über Generationen hinweg im gesellschaftlichen Abseits leben.“

Die Jugendhilfe muss angesichts wachsenden finanziellen Drucks in den Kommunen auf der einen und einer steigenden Zahl von Problemen auf der anderen Seite, effektiver und kreativer zu werden. Projekte wie das der Diakonie „Wellcome“, bei dem gestressten Mütter und Vätern mit praktischen Gehilfen nach der Geburt unter die Arme gegriffen wird, oder einem Elternführerschein, der werdenden Eltern Orientierung in Erziehungsfragen gibt. Nur so werden möglichst viele Kinder und Jugendliche erreicht und ihre Chancen verbessert, zu einem gelingenden und selbstbestimmten Leben zu finden.

Die Grundsatzfrage aber bleibt, auch für die Jugendhilfe, ob es gelingt, die zunehmende Ausgrenzung weiter Bevölkerungsteile vom Wohlstand zu stoppen und umzukehren. Erst dann haben alle Kinder und Jugendliche die gleichen Chancen.“

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2 Comments

  1. Wenn sich die Jugendämter ernsthaft mit Eltern auseinandersetzen, ist das ja begrüßenswert. Aber in der Angst vor Fehlern suchen sie leider auch manchmal die Konfrontation – ob das wirklich dem Wohl der Kinder dient, ist fraglich.

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  2. Ob sich die Situation der Kinder in NRW auf Niedersachsen übertragen lässt, kann ich nicht sagen. Vor ca. einem Jahr hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin, die eine Pflegetochter in Langzeitbetreuung hat. Sie erzählte mir zu der Zeit, dass das Jugendamt im Landkreis Lüneburg vermehrt versucht, die Kinder innerhalb ihrer Familien zu belassen und z.B. mir Familien- oder Erziehungshilfe, den betreuten Kindern zu helfen. In seltenen Fällen wurden die Kinder aus den Familien geholt und zu Pflegeeltern gegeben.

    Mittlerweile hat sich das wieder geändert und es werden verzweifelt qualifizierte und gute Pflegeeltern gesucht. Ich kann mir vorstellen, dass die Situation der Kinder sich so verschlechtert hat, weil die Jugendämter sie nicht rechtzeitig aus den Familien genommen haben. Damit meine ich nicht, dass die Kinder in Heimen untergebracht werden sollten, sondern weiterhin in stabilisierenden Pflegefamilien.

    Sicherlich spielt die Ausgrenzung von Familien mit z.B. Hartz4-Hintergrund eine große Rolle in den Familienproblemen, die außerdem oftmals geprägt siind von Drogenmissbrauch. Die leibliche Mutter des Pflegekindes meiner Freundin hatte genau diese Probleme. Sie nahm Drogen, bekam ein Kind nach dem anderen (mittlerweile sind es 4 wovon 2 in Pflegestellen untergebracht sind) und war mit der Kindererziehung und -versorgung total überfordert. Glücklicherweise hat sie sich an das Jugendamt gewandt, um dort Hilfe zu bekommen.

    Doch viele Eltern haben immer noch ein negatives Bild von den Jugendämtern und dadurch Hemmungen, sich helfen zu lassen. Die Möglichkeit der Jugendämter, sich gleich nach der Geburt eines Kindes mit den Eltern auseinander zu setzen, um Probleme vielleicht gar nicht erst aufkommen zu lassen, könnten viele Eltern als einschränkende Freiheit innerhalb der Familie begreifen und sich dagegen zur Wehr setzen.

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