Archiv für September, 2014

Von Kristian Stemmler

Eigentlich sollte man über diese Truppe kein Wort verlieren. Aber da sie im Osten zuletzt bereits zweistellige Ergebnisse eingefahren haben und über kurz oder lang mit ihrem Auftreten in westdeutschen Parlamenten zu rechnen ist, muss man sich wohl oder übel mit der Alternative für Deutschland (AfD) befassen. Zumal die lokalen Vertreter, angespornt durch die aktuellen Erfolge, im Landkreis gehörig mit den Hufen trappeln und davon auszugehen ist, dass die AfD im nächsten Stadtrat von Buchholz und im nächsten Kreistag vertreten sein wird. Lieber jetzt darüber reden, als später überrascht sein!

Bisher versucht man in der großen Politik und in den bürgerlichen Medien die Tatsache kleinzureden, dass mit der AfD die lang erwartete rechtspopulistische Partei entstanden ist. Jahrelang wurde immer wieder verkündet, die deutsche Demokratie sei stabil, in Deutschland werde es keine nennenswerte rechtspopulistische Strömung in den Parlamenten geben – was natürlich vor allem ein Pfeifen im Walde war.

Tatsächlich mühen sich die AfD und ihr Vortänzer, der Winsener Wirtschaftsprofessor Bernd Lucke, nach Kräften, dem Vorwurf des Rechtspopulismus zu begegnen. Aber auch wenn man sich zahmer gibt als etwa Marine Le Pen und ihre Front National in Frankreich oder Geert Wilders und seine Parij voor de Vrijheid, ist doch unübersehbar, dass die AfD zunehmend die Stimmen der Unzufriedenen und Zu-Kurz-Gekommenen einsammelt. Also die Stimmen derjenigen, die für xenophobische Stimmungen anfällig sind.

In den vergangenen Jahren sind diese Stimmungen durch eine Drosselung der Zahl der Asylbewerber niedergehalten worden. Aber in diesen Monaten, in denen nicht zuletzt dank westlicher Politik weltweit Krisen eskalieren und Kriege toben und immer mehr Flüchtlinge bei uns Schutz suchen, kommt das Alles wieder hoch. Denn auch wenn die Medien etwas anderes vermitteln – Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus sind tief verankert in dieser Gesellschaft.

Die Debatte um das Buch von Thilo Sarrazin hat das gezeigt, und die Langzeituntersuchung zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ des Bielefelder Forschers Wilhelm Heitmeyer belegt es seit Jahren. Dabei fand man zum Beispiel heraus, dass zuletzt 12,6 Prozent der Befragten die Auffassung vertraten, dass die Weißen zu Recht führend in der Welt seien, und 15,6 Prozent meinten, die Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland. 54,7 Prozent der Befragten äußerten die Ansicht, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben würden – also mehr als die Hälfte! – und 29,7 Prozent unterschrieben, es sei richtig, Ausländer zurückzuschicken, wenn die Arbeitsplätze knapp würden.

Man sieht, die AfD hat ein reiches Reservoir und das auch im Landkreis Harburg. Die Aktiven der AfD wissen, wie man Ressentiments bedient und weckt. Ihr Kreisvorsitzender Jens Krause vermischte zuletzt zum Beispiel geschickt alte anti-kommunistische Reflexe mit den Ängsten vor einem verstärkten Zustrom von Flüchtlingen. Über das Nordheide Wochenblatt attackierte er die antifaschistische Begegnungsstätte Heideruh in Holm-Seppensen. Zwar warfen sich sofort die Redaktion selbst und zahlreiche Leser per Leserbrief für Heideruh in die Bresche, aber Krause hatte sein Ziel erreicht, eine Debatte vom Zaun zu brechen.

Das Wochenblatt raunte gar von einer „Extremismusdebatte“, zumal in Buchholz eine Schrift von „Anonymen FDGO-Verteidigern Buchholz i. d. N.“ kursiere, in der eine angebliche Kooperation von Heidruh und der Stadt Buchholz beklagt wird. Nun, der Begriff Extremismusdebatte ist ein bisschen viel der intellektuellen Ehre sowohl für die AfD als auch für das politisch doch eher provinzielle Buchholz. Aber man sieht an diesen Diskussionen immerhin, dass sich die Braunen und Bräunlichen in der Region offenbar tummeln.

Wie gesagt, die AfD-Kader operieren dabei ganz geschickt, gern nach der Devise „Man wird ja wohl noch mal fragen dürfen“. Der im Kreisvorstand für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Hans-Jürgen Bletz etwa nutzt diese Technik in Leserbriefen im Wochenblatt oder in Kommentaren in diesem blog. Die Fragen enthalten dabei meist implizit waghalsige Tatsachenbehauptungen oder suggerieren Halbwahrheiten: „Wieso sind unter den Flüchtlingen eigentlich so viele junge Männer?“ – so zum Beispiel.

Der designierte Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (CDU) hat sich zuletzt in erfrischender Deutlichkeit von der AfD distanziert. Ob ihm die ganze Rathausfraktion der Union darin folgt, bleibt aber abzuwarten – vor allem, wenn die AfD 2016 Vertreter in den Rat entsendet und diese womöglich das Zünglein an der Waage sind…

DSC_5549Jessica, Kevin, Yagmur – es sind spektakuläre Todesfälle, die in den vergangenen Jahren dafür gesorgt haben, dass mehr über den Schutz der Kinder diskutiert wird. Dabei geht es auch immer wieder um das Handeln der Behörden, konkret also der Jugendämter. Deren Mitarbeiter stehen unter einem ungeheurem Druck, denn wenn etwas passiert, ist die Öffentlichkeit sofort mit Schuldvorwürfen bei der Hand. Auf der anderen Seite sind sie nicht nur mit der Zahl der zu bearbeitenden Fälle, sondern auch mit deren Komplexität oft hoffnungslos überfordert.

Die Politik reagiert auf die öffentlichen Diskussionen leider nicht mit einer angemessenen Aufstockung des Personals, sondern mit der Verschärfung der Kontrolle, so zum Beispiel zuletzt mit der Einführung des Paragraphen 8 a in das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), in dem der Schutzauftrag des Jugendamtes bei einer Gefährdung des Kindeswohls konkretisiert wurde – statt diese Geschehnisse als Warnsignal und Ausdruck der wachsenden sozialen Segregation zu verstehen.

Angesichts der anhaltenden Überforderung kommt es dazu, dass die Jugendämter immer wieder übers Ziel hinausschießen und die Zahl der Inobhutnahmen stetig ansteigt. So hat sich etwa in Baden-Württemberg, wie jetzt bekannt wurde, innerhalb von acht Jahren die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von staatlichen Stellen in Obhut genommen wurden, mehr als verdoppelt. 2005 waren es 1658 Fälle, im vergangenen Jahr dagegen 3809. Das gab Baden-Württembergs Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) vor kurzem bekannt.

Vor drei Jahren habe ich für die renommierte überregionale Zeitschrift Publik-Forum einen ausführlichen Beitrag zu der Problematik geschrieben. Da die Probleme inzwischen nicht kleiner, sondern offenbar eher noch größer geworden sind, veröffentliche ich diesen Beitrag hier erneut:

 

Von Kristian Stemmler

Im Kinderzimmer gab es kaum Spielzeug. Neben dem Bett stand nur ein pinkfarbener Fernseher im Barbie-Design, vor dem die vier Jahre alte Jennifer geparkt wurde. „Und das Verrückte dabei war: Die Mutter war völlig überzeugt, ihrem Kind mit der Anschaffung dieses Fernsehers etwas Gutes getan zu haben“, sagt Katja Röschmann, „ich musste ihr erst mal erklären, warum das ein Problem ist.“

Was die Sozialpädagogin vom Rauhen Haus in Hamburg bei einer von ihr betreuten Familie im armen Stadtteil Billstedt erlebte, ist symptomatisch für die Arbeit der Jugendhilfe mit problematischen Familien. Katja Röschmann und ihre Kollegen registrieren, dass Eltern immer öfter elementare Kenntnisse in Erziehungsfragen abgehen. Sie wissen nicht, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen, wie man den Alltag strukturiert, was Familienleben bedeutet.

„Wir haben es mit Menschen zu tun, die selbst schon Familie nicht mehr erlebt haben“, sagt Michael Tüllmann, Leiter des Bereichs Jugendhilfe beim Rauhen Haus, „sie wissen nicht, wie man Geburtstag feiert oder warum das Kind schreit.“ Für die Sozialpädagogen und Psychologen der Jugendämter und freien Träger bedeutet das, dass sie den von ihnen betreuten Müttern und Vätern nicht selten einfachste Dinge vermitteln müssen: morgens rechtzeitig aufstehen, Zähne putzen, den Kindern Schulbrot machen, gemeinsam essen, abends ein Buch vorlesen.

Von einer „zunehmenden Orientierungslosigkeit“ in Erziehungsfragen weiß auch Roland Fehrenbacher, beim Caritasverband für die Kinder- und Jugendhilfe zuständig, zu berichten. Diese Orientierungslosigkeit beschränke sich aber nicht auf sozial schwache Familien. Auch Familien der Mittelschicht sind, trotz (oder wegen?) der Flut von Erziehungsratgebern, verunsichert und bitten das Jugendamt um Hilfe. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Zahl der Hilfen zur Erziehung, die das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) bei familiären Problemen vorsieht, immer mehr zunimmt – die Heimunterbringung ausgenommen.

Mehr als eine halbe Million dieser Hilfen wurden 2010 begonnen, im Jahr 2005 waren es noch rund 430.000. Seit Inkrafttreten des Gesetzes hat sich die Zahl der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die von Erziehungshilfen erreicht werden, auf rund eine Million verdreifacht (fünf Prozent der Altersgruppe bis 21). Die Kommunen ächzen unter den Kosten, die inzwischen mehr als fünf Milliarden Euro jährlich betragen.

Was die Gründe für die Intervention angeht, gibt es eine große soziale Diskrepanz. Familien der Mittelschicht wenden sich etwa bei Schulproblemen oder nach einer Scheidung ans Jugendamt, in diesen Fällen ist es meist mit der niedrigschwelligsten und (mit 66 Prozent) am häufigsten nachgefragten Hilfe getan, der Erziehungsberatung. Und in der Regel lassen sich die Probleme über kurz oder lang ausräumen.

Sozial schwache Familien haben dagegen oft jahrelang mit dem Jugendamt zu tun, sie brauchen die längerfristige Sozialpädagogische Familienhilfe oder einen Erziehungsbeistand. Arbeitslosigkeit, fehlende Bildung, Alkoholismus, Depressionen, Drogensucht – all das schlägt auf die Beziehung zu den Kindern durch.

Die Zunahme bei den Erziehungshilfen bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Probleme im selben Maße zugenommen haben. Sie ist auch einer gewachsenen Sensibilität für den Kinderschutz, einer „Kultur des Hinsehens“ geschuldet. Dafür hat vor allem die öffentliche Diskussion über spektakuläre Todesfälle gesorgt wie den des zwei Jahre alten Kevin in Bremen, dessen Leiche Polizisten im Kühlschrank entdeckten, oder der sieben Jahre alten Jessica in Hamburg, die verhungerte.

Die Politik reagierte auf derartige Fälle reflexhaft mit der Verschärfung der Kontrolle, nämlich mit Einführung des Paragraphen 8 a in das KJHG, in dem der Schutzauftrag des Jugendamtes bei einer Gefährdung des Kindeswohls konkretisiert wurde – statt diese Geschehnisse als Warnsignal und Ausdruck der wachsenden sozialen Separation zu verstehen.

Allerdings sind sich nicht einmal die mit dem Thema intensiv befassten Experten einig über das Gewicht der sozialen Faktoren. So sieht Karl Späth, beim Bundesverband der Diakonie für Hilfen zur Erziehung zuständig, keinen Grund dafür, Alarm zu schlagen. „Die spektakulären Fälle erwecken den falschen Eindruck, dass die Zahl solcher Fälle in den letzten Jahren zugenommen hat“, sagt Karl Späth vom Bundesverband der Diakonie.

Tatsächlich ist die Zahl der Kinder unter sechs Jahren, die durch Misshandlungen zu Tode kamen, in den vergangenen 25 Jahren um die Hälfte gesunken, auf 123 Fälle im Jahr 2009. „Die Debatte über den Kinderschutz hat dazu beigetragen, dass der Bereich der Hilfen zur Erziehung weitgehend von Einsparungen ausgenommen ist und die freien Träger relativ gut ausgestattet sind“, so Späth, „jeder Bürgermeister, jeder Landrat weiß: Wenn in meinem Bereich ein Kind zu Tode kommt, steht mein Job zur Disposition.“

Norbert Hocke, beim Bundesvorstand der GEW für Jugendhilfe zuständig, sieht die Lage weniger rosig: „In Brennpunkten hat sich die Lebenslage von Kindern und Jugendlichen eindeutig verschlechtert, da kann die Jugendhilfe oft nur noch Feuerwehr sein.“ Das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz bestätigt diese Einschätzung. Es stellt in einem Bericht für das Land Rheinland-Pfalz fest: „Ursache für die Zunahme der Hilfen zur Erziehung ist auch die Ausbreitung von Kinderarmut. Die Erziehungshilfen sind Ausfallsbürge für gesamtgesellschaftliche Entwicklungen.“

Zu diesen Entwicklungen, die die Arbeit der Jugendhilfe erschweren, gehört auch die wachsende Bedeutung der Medien im Alltag. Trash-TV, Gewaltvideos, Playstation und Gameboy werden zur Ersatzdroge, wo Zuwendung und Gemeinschaft fehlen, sie füllen in vielen Familien nicht nur die leere Zeit, sondern auch eine emotionale Leere. „Die Isolation hat zugenommen, die Beziehungsfähigkeit abgenommen. Die Jugendlichen beschäftigen sich mit Figuren aus Fernsehserien statt mit echten Freunden“, meint Michael Tüllmann vom Rauhen Haus. Und Caritas-Experte Fehrenbacher erklärt: „Die Kinder leben häufig in Welten, zu denen die Eltern keinen Zugang haben.“

Viele Mitarbeiter der Jugendämter stehen unter doppeltem Druck, leiden unter Arbeitsüberlastung und zugleich der ständigen Angst, verhängnisvolle Fehler zu machen. GEW-Vorstand Hocke beklagt, „dass die Kollegen in den Jugendämtern oft allein gelassen werden und gegen die hohe Zahl von Fällen nicht mehr ankommen“.

Er fordert eine bessere Verzahnung von Quartiersmanagement, Ärzten, Schulen und Jugendhilfe, Sozialarbeiter in Schulen und Kitas und mehr frühe Hilfen wie Begrüßungsbesuche durch Hebammen. Diese Forderungen teilt auch Caritas-Experte Fehrenbacher. Der Anspruch auf frühe Hilfen müssen gesetzlich so verankert werden, dass die Kommunen zur Finanzierung verpflichtet sind.

Mit dem gerade beschlossenene Bundeskinderschutzgesetz sind diese Forderungen zu einem großen Teil erfüllt worden. Das neue Gesetz setzt verstärkt auf Zusammenarbeit und Kooperation der relevanten Akteure, so sollen Kinderärzte, Familienhebammen, Jugendämter und Beratungsstellen zukünftig enger zusammenarbeiten. Beispielsweise ist klar geregelt, wann Ärzte Informationen an die Jugendämter weitergeben dürfen. Ferner sollen frühe Hilfen flächendeckend angeboten werden, das Bundesfamilienministerium stellt ab 2012 vier Jahre lang jährlich 30 Millionen Euro zum Ausbau des Einsatzes von Familienhebammen zur Verfügung.

Michael Tüllmann hält es für wichtig, die Bildung „in die Lebenswelten reinzutragen“, mit Stadtteilzentren etwa, in denen gemeinsam gekocht und gelernt wird, er setzt auf die Bildung von Netzwerken, auf mehr Kooperation mit den Schulen. Er setzt darauf, gesellschaftlich relevante Institutionen wie Industrie- und Handelskammern für die Anliegen der Jugendhilfe zu gewinnen: „Ob jemand ein guter Azubi wird, ob er einen Acht-Stunden-Tag überhaupt psychisch durchhalten kann, das entscheidet sich ja nicht in der Schule, sondern schon in den ersten drei Lebensjahren.“ Es sei ein riesiges Problem der Sozialarbeit, dass die Jahre der frühen Entwicklung so oft verloren gehen. „Das muss ein gesellschaftliches Thema werden!“

Der erfahrene Sozialpädagoge vom Rauhen Haus befürchtet, dass sich eine wachsende Kluft in der Gesellschaft auftut: „Institutionen, die Werte vermitteln, wie Kirchen und Vereine, verlieren an Kredit, die Menschen sind immer mehr auf sich selbst gestellt. Die gebildeten Schichten erleben das als Zugewinn an Freiheit, aber in bildungsfernen Schichten kommt man damit nicht klar.“ Tüllmann fällt ein hartes Urteil: „Die Familien in den Brennpunkten werden abgeschrieben.“

In dieselbe Richtung weist die Analyse des Mainzer Instituts für sozialpädagogische Forschung: „Noch nie konnten so viele junge Menschen in materiell abgesicherten, gesunden und bildungsreichen Lebenssituationen aufwachsen wie heute. Und dennoch gibt es daneben eine sehr große Gruppe von jungen Menschen und Familien, die die für eine bestimmte Zeit, auf Dauer und manche mittlerweile über Generationen hinweg im gesellschaftlichen Abseits leben.“

Die Jugendhilfe muss angesichts wachsenden finanziellen Drucks in den Kommunen auf der einen und einer steigenden Zahl von Problemen auf der anderen Seite, effektiver und kreativer zu werden. Projekte wie das der Diakonie „Wellcome“, bei dem gestressten Mütter und Vätern mit praktischen Gehilfen nach der Geburt unter die Arme gegriffen wird, oder einem Elternführerschein, der werdenden Eltern Orientierung in Erziehungsfragen gibt. Nur so werden möglichst viele Kinder und Jugendliche erreicht und ihre Chancen verbessert, zu einem gelingenden und selbstbestimmten Leben zu finden.

Die Grundsatzfrage aber bleibt, auch für die Jugendhilfe, ob es gelingt, die zunehmende Ausgrenzung weiter Bevölkerungsteile vom Wohlstand zu stoppen und umzukehren. Erst dann haben alle Kinder und Jugendliche die gleichen Chancen.“

Scan Möbel KraftVon Kristian Stemmler

Es ist schlimm genug, dass wir in der Fußballbundesliga seit Jahren eine bayerische Dominanz ertragen müssen (auch wenn das 0:0 des HSV gegen München diese am Sonnabend für den Moment ein wenig eingetrübt hat). Aber was wirklich unerträglich und völlig inakzeptabel ist, das ist der Versuch, bayerisches Brauchtum in Norddeutschland zu implantieren. Der buchholz express sagt: Obstat principes – Wehret den Anfängen!

Konkret geht es hier um das Oktoberfest, das bekanntlich gerade in der bayerischen Hauptstadt eröffnet worden ist. Schon seit Jahren ist zu beobachten, dass dieses Ritual, das vor allem aus Saufen, Saufen und noch mal Saufen besteht, in den Norden rüberschwappt. Alle möglichen Wald- und Wiesengastronomen sowie diverse Einzelhändler meinen ihren Kunden etwas Besonderes bieten zu müssen, indem sie ein Oktoberfest anberaumen, ihren Kellnerinen Dirndl verpassen, Bier und Brezel auffahren, Weißwürste und Haxen zu Blasmusik servieren.

Im Nordheide Wochenblatt drohte zum Beispiel das Hotel Böttcher in Nenndorf kürzlich an, am 20. September ein Oktoberfest zu veranstalten. Sage und schreibe zweieinhalb Seiten mit redaktionellen Texten und Anzeigen hatte das Wochenblatt dafür zusammengeschraubt. „Echtes Wiesn-Flair genießen: Festzeltstimmung pur“, harfte der Volontär (der mir persönlich leid tut, dass er Derartiges schreiben muss). „Das wird eine echte Gaudi“, wird Hotelier Gustav Böttcher zitiert.

Auf bayerisch versucht sich auch Steuerberater Wolfgang Schnitter, Vorsitzender der Buchholzer Wirtschaftsrunde, in seiner Anzeige. „Mia san mia“ heißt es da, und „Viel Spaß auf dem Oktoberfest!“ Auch die Firma Heinrich Hauschild wünscht ein „zünftiges Oktoberfest“, ebenso ein Hofladen, die Firma „Der Beschrifter“, ein Reisebüro, Edeka Herbert Meyer und die Rosengarten Apotheke. Was die alle mit Bayern oder dem Oktoberfest zu tun haben, ist mir schleierhaft!

Was ein Nenndorfer Hotel kann, kann Möbel Kraft natürlich schon lange. Wie schon in den Vorjahren lädt der Möbeldiscounter des dubiosen Unternehmers Krieger mal wieder zu einem Oktoberfest, in Buchholz vom 26 September bis zum 5. Oktober. Da gibt es Schweinshaxe in Biersoße mit Knödeln für sechs Euro und Weißwurst mit süßem Senf für drei Euro. Jeden Tag gibt es dazu außerdem Livemusik und da wird es endgültig skurril, denn da tritt das Stadtorchester Buchholz ebenso auf wie „Küstenjörn“ und die Freiwillige Feuerwehr Roydorf.

Von der Partie ist selbstverständlich auch wieder dodenhof. Dort feiert man Oktoberfest vom 20. September bis 4. Oktober. Anstich war am gestrigen Sonnabend, dafür engagierte man den Ex-Werder-Stürmer Ailton, was ja irgendwie passt, denn schließlich feiern auch viele Brasilianer gern das Oktoberfest, in Blumenau zum Beispiel. Auch bei dodenhof gibt es natürlich bayerische Spezialitäten wie das Hendl vom Grill für 8,80 Euro oder Kaiserschmarn für 9,50 Euro.

Der eine oder andere Leser wird jetzt denken, ja lasst die Leute doch feiern, das schadet doch keinem. Aber es geht hier um eine grundsätzliche Frage. Zum einen geht es um das Phänomen, das eigenes Brauchtum immer mehr untergeht und sich stattdessen fremdes Brauchtum breit macht wie die Herkulesstaude inmitten der heimischen Vegetation. Zum anderen lohnt es sich, darüber nachzudenken, dass alles und jedes für den Konsum ausgebeutet wird und solche Feste nur noch Vehikel sind für Gastronomie und Einzelhandel.

Da geht es dem Oktoberfest nicht anders als Ostern und Weihnachten. Darum sage ich: O’zapt is – nein danke!

Das ist der neue Trend im Internet: Nach der Ice Bucket Challenge, bei der sich Teilnehmer für den guten Zweck mit einem Eimer eiskalten Wassers übergießen, sorgt jetzt die „Shit Bucket Challenge“ für Furore. Dabei müssen sich die Nominierten mit einem Eimer Scheiße übergießen. Wer das verweigert, muss an eine Stiftung zur Bekämpfung der Krankheit ADD spenden. ADD ist die Abkürzung für Aquired Digital Dementia (Erworbene Digitale Demenz), eine immer mehr um sich greifende Seuche, die durch übermäßigen Aufenthalt in sozialen Netzwerken wie Facebook oder bei Youtube verursacht wird.

Aus den USA, dem Mutterland der kulturellen Scheiße, ist der Trend schon nach Deutschland geschwappt. Stars wie Dieter Bohlen, Daniela Katzenberger oder Sonja Zietlow haben bereits an der Challenge teilgenommen. „Ich muss mir ständig so viel Scheiße anhören und ansehen, da kommt es auf den einen Eimer auch nicht mehr an“, sagte Bohlen. (kst)

DSC_1365Von Kristian Stemmler

Wenn der Sommer und die großen Ferien vorüber sind, gibt es in Buchholz als Trostpflaster das Stadtfest. Seit Freitag läuft die größte Sause des Landkreises, die Tausende Buchholzer und Gäste von außerhalb auf die Beine bringt, und zwar schon zum 40. Mal. Bisher hatten die Veranstalter Glück mit dem Wetter. Mit recht milden Temperaturen und wenig Wolken ging es am ersten Tag los. Und bei den beiden Topacts auf Rathausbühne und Emporebühne steppte der Bär.

Vor dem Rathaus spielte mit Les Amis ein Stadtfest-Dauerbrenner auf. Es dauerte nicht lange bis der Tanzboden vor der Bühne voll war. Da hatten es Cockroach, die auch schon etliche Jährchen dabei sind, vor der Empore etwas schwerer. Dort gibt es bekanntlich keine Tanzfläche, sondern nur das rote Pflaster, auf dem das Tanzen nicht ganz so leicht ist. Deshalb trauten sich nur vereinzelt Festbesucher. An der Musik lag`s nicht, denn Cockroach setzten die Rockklassiker gewohnt druckvoll um.

Am heutigen Sonnabend sieht es mit dem Wetter nicht ganz so gut aus. Bis gegen Mittag herrschte Bewölkung vor, aber es blieb immerhin trocken und vereinzelt leuchtet schon blauer Himmel zwischen den Wolken. Der Rathauspark füllte sich ab Mittag, dort haben sich wie immer viele Vereine, Initiativen und Institutionen eingefunden, um die Festbesucher mit Informationen, Unterhaltung, Kaffee und Kuchen, Bier und Bratwurst zu versorgen.

Die Sportvereine sind da ebenso vertreten, wie Schulen, die Polizei, Greenpeace, die Zeugen Jehovas, der ADFC, das Bündnis für Flüchtlinge und die Antifaschistische Begegnungsstätte Heideruh. Alle nutzen sie die Gelegenheit, ihr Anliegen unters Volk zu bringen, mit Bürgern ins Gespräch zu kommen und vielleicht den einen oder anderen Spenden-Euro einzusammeln. Soweit erkennbar, ließ sich das am frühen Sonnabendnachmittag schon gut an.

Hauptkampftag ist beim Stadtfest bekanntlich der Sonnabend und ab dem Nachmittag wird es, wenn das Wetter sich hält oder sogar noch bessert, wieder richtig voll werden. Vor dem Rathaus servieren die Movie ManiaxX Party-Cover der 70er und 80er, am Emporeteich die Band Showdown Live ebenfalls Party-Cover. Mit anderen Worten: Da wird wieder richtig abgehottet zu Hits von Status Quo, AC/DC und was es sonst noch so gibt. Viel Spaß dabei wünscht der buchholz express!

Der Landkreis hat alle Bürgermeister der Städte, Samtgemeinden und Einheitsgemeinden zu einem Gespräch mit dem Verwaltungsvorstand ins Kreishaus geladen und sie dringend gebeten, kurzfristig freie Grundstücke und Gebäude für Asylbewerberunterkünfte zu melden. Anlass ist die steigende Zahl von Flüchtlingen, die sich in den letzten Wochen fast verdoppelt hat. „Seit Mitte August weist uns die Niedersächsische Landesaufnahmebehörde wöchentlich 35 bis 40 Asylbewerber zu, die wir in den Gemeinden unterbringen müssen“, sagte Erster Kreisrat Rainer Rempe der Bürgermeisterrunde.

„Die drei niedersächsischen Landesaufnahmestellen für die Erstaufnahme in Braunschweig, Bramsche und Friedland sind überfüllt. Darum müssen wir davon ausgehen, dass sich diese erhöhte Quote auf absehbare Zeit nicht verringern wird“, ergänzte Reiner Kaminski, Bereichsleiter Soziales für den Landkreis. Insgesamt rechnet er bis Ende 2015 mit mehr als 2000 neuen Flüchtlingen, die in den 42 Gemeinden des Landkreises untergebracht werden müssen.

„Wenn wir in den nächsten Wochen keine kurzfristig nutzbaren Unterkünfte für jeweils mindestens 30 bis 120 Flüchtlinge finden, sind unsere Platzkapazitäten bereits in vier Wochen, also Anfang Oktober, komplett ausgeschöpft“, rechnete Kaminski vor. Die Planung und Errichtung neuer Containerwohnanlagen dauere bis zu sechs Monaten, feste Neubauten haben mindestens ein Jahr Vorlaufzeit.

Mitte September eröffnet der Landkreis für rund 90 Flüchtlinge in Salzhausen und Jesteburg zwei Containerwohnanlagen, die bereits im Frühjahr geplant wurden. Weitere Unterkünfte mit insgesamt rund 120 Plätzen entstehen bis Ende 2014 in den Gemeinden Hollenstedt, Hanstedt und Jesteburg. Seit Anfang 2013 hat der Landkreis insgesamt 40 neue Unterkünfte mit fast 900 Plätzen geschaffen. Doch das reicht für die steigenden Zuweisungen nicht aus, betonte Kaminski.

„Bei der dramatisch wachsenden Zahl an Flüchtlingen müssen wir auch größere Einrichtungen mit mehr als 100 Plätzen sowie Notunterkünfte einplanen“, räumt Reiner Rempe ein. Bislang hatte der Landkreis 58 bis 60 Plätze als Obergrenze für Unterkünfte festgelegt. Doch jetzt werden in allen 42 Gemeinden des Landkreises auch Turnhallen, Gasthöfe oder Schützensäle sowie geeignete Gelände für Zeltlager geprüft, um sie kurzfristig als Notunterkünfte zu nutzen.

„Natürlich wollen wir möglichst keine Turn- oder Schützenhallen, schon gar nicht Zeltlager mit Flüchtlingen belegen“, sagte Rolf Roth, Bürgermeister der Samtgemeinde Elbmarsch, als Sprecher der Bürgermeister des Landkreises. „Aber wenn wir in unseren Ortsgemeinden keine geeigneten Grundstücke oder Immobilien zur Verfügung stellen können, müssen wir auf solche Notunterkünfte zurückgreifen.“ Alle Bürgermeister und die Landkreisführung waren sich einig, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Sie betonten, dass die Maßnahmen im vollen Umfang von allen Bürgermeistern mitgetragen und unterstützt werden.

Alle Ortsgemeinden sind aufgefordert, dem Landkreis bis zum 10. September geeignete Flächen und Immobilien sowie Schützen- oder Sporthallen zu melden, die als Notunterkünfte in Frage kommen. „Alle Gemeinden des Landkreises sind gefordert, in dieser schwierigen Situation daran mitzuwirken, kurzfristig Lösungen für die Unterbringung von Flüchtlingen zu finden“, sagte Erster Kreisrat Rempe.

Bürger können ihre Vorschläge für mögliche Geländeflächen oder Immobilien in ihrer Ortsgemeinde melden oder sich damit direkt an den Landkreis wenden. Sobald neue Standorte nach einer zügigen Klärung aller Konditionen mit Vermieter, Gemeinde und Landkreis feststehen, werden Anwohner und Öffentlichkeit möglichst zeitnah durch Landkreis und Gemeinde informiert. (ein)