Wir sind alle Weltmeister, aber wir fahren nicht alle Daimler-Benz – eine Nachlese

Veröffentlicht: 2014-07-15 in Analysen, Hintergründe, Kommentare
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Screenshot Coca-ColaVon Kristian Stemmler

Wer an Tagen wie diesen Kritik an der deutschen Fußballnationalmannschaft oder dem DFB übt, wird natürlich sofort als unverbesserlicher Nörgler abqualifiziert, der noch immer ein Haar in der Suppe findet. Aber so sehr man sich über den Erfolg bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien freuen darf, so nötig ist es, den Verstand nicht gänzlich auszuschalten. Es gibt keinen Grund dafür, in der Harmoniesuppe zu ersaufen.

Deshalb soll hier (erneut) darauf hingewiesen werden, dass Fußball nicht nur ein Sport oder ein Spiel ist, sondern auch ein Instrument, mit dem Schindluder getrieben wird. Die Weltmeisterschaft wurde und wird dazu benutzt, gesellschaftliche Widersprüche zuzukleistern. Auch wenn das Wir-Gefühl bei den deutschen Spielen und beim Gewinn des Titels, die Feiertagsstimmung allerorten erst mal etwas Schönes ist, darf das nicht dazu führen, bestehende Gegensätze auszublenden.

Die Werbung, die mit der Fußball-WM gemacht wird, zeigt exemplarisch, was hier gemeint ist. Wenn Jogi Löw für Nivea unter dem Slogan „Es beginnt mit dir“ wirbt und in dem Fernsehspot Werftarbeiter und Feuerwehrleute, also der „Mann von der Straße“, an ihrem Arbeitsplatz als jubelnde Fans gezeigt werden, dann ist das nur noch verlogen. Selbst wenn Löw das Ernst sein sollte mit dieser Botschaft, so wird der falsche Eindruck vermittelt: Wir sind doch irgendwie alle gleich!

Das sind wir aber nicht. Fußballprofis sind Großverdiener, deren Lebenswirklichkeit mit der der meisten Deutschen wenig gemein hat. Sicher, dafür bieten sie auch etwas für ihr Geld, was andere nicht können – aber es darf doch noch darauf hingewiesen werden, dass Millionen Menschen, der Paketfahrer und der Polizeihauptmeister, die alleinerziehende Mutter, die Putzen geht, der Eismann und die Altenpflegerin, der Leiharbeiter und der Hartz-IV-Empfänger, von solch sorglosem Leben nur träumen können!

Heutzutage stört sich kaum noch jemand an der Werbelogos, die bei Sportereignissen immer ins Bild gerückt werden. Wir haben uns daran gewöhnt. Aber mir stößt es übel auf, wenn ich heute bei der Übertragung von der Ankunft der Nationalelf in Berlin, die Aufschrift „Mercedes-Benz“ nebst dem bekannten Stern auf dem Rücken der Spielertrikots sehen muss. Bin ich da der einzige?

Dass ausgerechnet die deutsche Marke, die wie keine andere für den puren Luxus steht, einer der Hauptsponsoren des DFB ist, das ist schlicht paradox. Fußball war mal eine Arbeitersportart, heute ist es in Deutschland der Volkssport. Aber Volkswagen ist als Sponsor natürlich ne Nummer zu klein.

In dieselbe Kerbe wie die Nivea-Werbung mit Löw haut Coca-Cola, ein weiterer Hauptsponsor des DFB. „WM. Das sind wir alle“ lautet der Slogan des Konzerns zur Weltmeisterschaft, und das ist genauso verlogen. Die ganze Absurdität dieser Werbung wird deutlich, wenn man es neben den Slogang hält, der auf dem Truck prangte, der heute die deutsche Elf zum Brandenburger Tor kutschierte: „Weltmeister fahren Daimler-Benz“. Ja schade, aber „wir alle“ fahren leider nicht Daimler Benz!

Spiegel online preist aus Anlass des Titelgewinns die Deutschen als Konjunkturlokomotive Europas, behauptet, dass die Beschäftigung auf Rekordniveau ist, und was man an dergleichen neoliberalen Lobhudeleien so kennt. Das aber zeigt das Verlogene dieser „Wir“-Propaganda.

Wenn das wirtschaftlich gut da steht, heißt das eben keineswegs, dass es „uns Deutschen“ gut geht. Millionen von Deutschen geht es eben nicht gut in dieser immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft. Für sie ist der Fußball und der Gewinn der Weltmeisterschaft eine Abwechslung und Betäubung in einem immer härter werdenden Alltag. Mehr nicht.

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Kommentare
  1. Karim sagt:

    Es giebt auch alleinerziehende Väter,nur mal so dahingesagt,die auch von Hartz4 leben.
    Nicht nur Mütter.
    Mich z.B.

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  2. Ich gebe diesen Kommentar mal frei, obwohl er Beleidigungen enthält. Aber man kann gut daran erkennen, wie intellektuell unterbelichtete Menschen die Propaganda der Reichen und Mächtigen verinnerlicht haben. Der beliebteste Trick, um Gesellschaftskritik zu diffamieren, ist es, sie als Ausfluss von Sozialneid darzustellen. Wie bescheuert muss man sein, um darauf hereinzufallen. Zwei Drittel der Bevölkerung haben keine oder kaum materielle Sorgen, der Rest weiß oft nicht, wo ihm der Kopf steht. Leider wählen die vielen Bessergestellten immer wieder die Politiker an die Macht, die diese Verhältnisse zementieren.

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  3. egal sagt:

    und den größten Schwachsinn wird hier verbreitet, meistens zumindestens!!!!! ich persönlich finde den buchholz blog so überflüssig wie ein Pickel am Hinterteil!!! und über andere lästern, weil die was haben und ich nicht finde ich eh arm. ja ich weiß, dass wird jetzt wieder dementiert aber es ist so. ich fahre auch keine Mercedes aber ich lästere auch nicht aus neid über die mercedesfahrer! sicher gibt es auch unter diesen leuten poser, die gibt es aber auch mit einen vw oder opel!!!! wenn die meinen sie haben es nötig, sollen sie es doch machen, so lange sie keinen anderen schaden!!!!! sicher muss man kein Nobelmarken fan sein, aber die verteufeln? na ich weiß nicht. und der vergleich mit der Rüstung und der Werbung hinkt wohl etwas!!!! na wie dem auch sei!!! man könnte ein abendfüllendes Programm damit machen und hätte immer noch nicht einen nenner. der verfasser, der Chefredakteur, der Inhaber, der König dieses bloges glaubt anscheint mit seiner Ideologie die welt zu retten, da muss ich ihn leider eines besseren belehren, sorry.

    aber egal seis wie es ist jedem das seine, wenn man sonnst nichts zu tun hat.

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  4. Schön gesagt, aber wie soll das gehen bei der Allgegenwart der Werbung und ihrer tiefenpsychologisch fundierten Methoden. Wie idiotisch das Alles schon geworden ist, sieht man zum Beispiel am allgemeinen Markenfetischismus. Viele Leute fühlen sich nur deshalb besser, weil sie irgendein bescheuertes IPhone in der Hand haben oder irgendein Tablet. Dabei ist das Meiste, was über Handy ausgetauscht und mit Smartphones und Tablets angestellt wird, nutzloser Schwachsinn. Aber klar, es hängen Arbeitsplätze dran, das ist dann immer das Totschlagargument. An der Rüstungsproduktion hängen auch Arbeitsplätze, trotzdem bin ich dagegen.

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  5. Anonymous sagt:

    …böse, böse Werbung! Wäre es nicht besser, wenn der Verbraucher sich kritischer mit den Werbebotschaften auseinandersetzt anstatt eine ganze Branche (mit immerhin fast 940.000 Mitarbeitern) zu verteufeln?

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  6. Das ist eben auch ein Problem: Dass die Werbung den Alltag schon so durchdrungen hat, dass wir ihr nirgendwo mehr entgehen können, Bluebear!

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  7. BlueBear (auch Weltmeister !) sagt:

    Widerspruch ! Ich fahre fast jeden Tag Mercedes-Benz, Und zwar den großen roten vom HVV 🙂
    Aber Spass beiseite, viele Werbesprüche sind einfach nur platt, ich fühle mich meist nicht angesprochen, und ich trinke nicht mehr und nicht weniger Coca-Cola, weil „wir“ alle Weltmeister sind. Und Sponsoren schütten ihr Säcklein nicht nur über dem Fußball aus. Und ehrlich gesagt, glaube ich, dass auch die Mercedes-Millionen dazu mit beitragen, dass der DFB Weltmeister geworden ist. Über die Höhe und über die Verteilung kann sicher streiten. Aber wenn ich keine Werbung möchte, dann darf ich nicht mehr mit der Bahn fahren, keine Zeitung lesen, kein Fernsehen schauen …
    Nur noch den werbefreien Buchholz Express, den mag ich zwar, aber damit alleine kann ich mich nicht unterhalten.

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  8. Danke für das positive Feedback!

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  9. Anonymous sagt:

    Sehr recht, Herr Stemmler!!
    Gruß
    Klaus Harder

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