Archiv für Juli, 2014

Mit der Bebauung der Fläche des City Center II wird die Innenstadt komplettiert, Einzelhandel soll es aber nur im Erdgeschoss geben. Das sagte die Buchholzer Stadtbaurätin Doris Grondke im Interview mit dem buchholz express. Ausführlich nimmt Grondke auch zum Stand und den Auswirkungen des Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes ISEK Stellung.

Kristian Stemmler: In der Presse wurde berichtet, dass Bürgermeister Geiger vor seinem Ausscheiden, das Gelände vom so genannten City Center II noch an den Markt geben will. Wäre es nicht sinnvoller, dass ISEK abzuwarten, bevor man auf dem Gelände baut?

Doris Grondke: Da haben Sie im Grundsatz Recht; allerdings bescheinigt uns das aktuell vorliegende Gutachten, zur Einzelhandelsentwicklung in Buchholz, welches im Rahmen des ISEK erstellt wurde, dass eine Mobilisierung der Flächen und eine Ausweitung der Angebote zwingend erforderlich werden wird um die Revitalisierung des City Center voran zu bringen. Aus Sicht der Gutachter wird ansonsten der sogenannte innerstädtische Lauf erschwert.

Insofern besteht die Chance über die gesteuerte Entwicklung der Fläche und durch ein durchdachtes und Nachfrage gerechtes Angebot einer Zergliederung des innerstädtischen Einzelhandels entgegenzutreten. Diese Perspektiven würden wir gern durch eine frühzeitige und aufeinander abgestimmte Entwicklung sinnvoll nutzen. Obgleich der ISEK-Prozess noch läuft, müssen wir als Verwaltung natürlich handlungsfähig bleiben. Es sind in der Vergangenheit verschiedene Bewerber auf uns zugekommen, die Interesse an dem Standort der Fläche CC II angemeldet haben. Wir werden verwaltungsintern zunächst über folgerichtige Nutzungen nachdenken und selbstverständlich auch Lösungen für den ruhenden Verkehr finden müssen. Erst danach geht die Fläche in eine entsprechende Ausschreibung. Eine Bürgerbeteiligung wird selbstverständlich im Rahmen der Bauleitplanung durchgeführt.

Halten Sie es generell für sinnvoll, diese Lücke zu schließen?

Ja, ich halte es generell für sinnvoll diese Lücke zu schließen. Die Fläche übernimmt nicht nur eine funktionale, d. h. eine über die Nutzung entsprechende Aufgabe, sondern erfüllt darüber hinaus auch städtebaulich eine bedeutende Funktion. Die Bebauung des Grundstücks komplettiert die Innenstadt konsequent ab.

Im Gespräch ist, dass im CC II auch Geschäfte angesiedelt werden. Braucht die Innenstadt denn noch mehr Einzelhandel? Mit dem CC I ist es doch nach der Eröffnung der Buchholz Galerie schon bergab gegangen.

Das ist richtig und die Befürchtung liegt nahe. Allerdings ist es nicht geplant dort eine weitere „Shopping Mall“ wie die Buchholz Galerie zu entwickeln. Bei der Entwicklung der Fläche geht es vielmehr um die Ansiedlung z. B. einer Einzelhandelsnutzung im Erdgeschoss, um den funktionalen Lückenschluss zwischen der Buchholz Galerie und dem City Center – den o. a. „Lauf“ zu gewährleisten. Darüber könnten Wohnnutzungen und Dienstleistungen angesiedelt werden und es muss eine zweckdienliche Lösung für die parkenden Autos gefunden werden.

Wo liegen die Probleme mit dem CC I? Was muss passieren?

Dass der Leerstand im CC I nach der Entwicklung der Buchholz Galerie eingetreten ist, liegt meines Erachtens vor allen Dingen an der Attraktivität der bestehenden Baulichkeit des City Center I. Das Einkaufscenter ist auffällig „in die Jahre gekommen“ und benötigt dringend – ob mit oder ohne Buchholz Galerie – ein Update! Ich bin der Meinung, dass ein Nebeneinander von inhabergeführte Geschäften als auch von Filialisten der Buchholz Galerie gleichzeitig möglich ist. Allerdings brauchen die kleineren, Inhaber geführten Geschäfte selbstverständlich ebenfalls eine gewisse Qualität, damit die Kaufkraft gehalten und entwickelt werden kann und der Standort nachhaltig gesichert ist. Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Einzelhändler im City Center liegt also wesentlich in der Aufwertung durch Sanierung und einem entsprechend innovativen Nutzungskonzept.

Wie stellen Sie sich überhaupt die Entwicklung der Innenstadt vor? Was kann man mit dem Caspers Hoff anfangen?

Meine Vorstellung von der Innenstadt ist im Kern „Autoarm“ zugunsten einer hohen Verweil- und Aufenthaltsqualität. Bereits im Sommer 2013 haben wir ein Konzept zur Innenstadtgestaltung erarbeitet, welches davon ausgeht, die Laufzonen konsequenter miteinander zu verbinden und die Aufenthaltsqualitäten zugunsten von Spiel- und Gastronomieangeboten zu erhöhen. Dabei sind wir davon ausgegangen, dass der Bereich um Caspers Hoff als wesentlicher Teil der Innenstadt aufgewertet und zukünftig von Peets Hoff an die Neue Straße angebunden werden sollte. In diesem Zusammenhang wäre die Empore – über die kulturelle Bedeutung hinaus – städtebaulich von zwei Seiten wahrnehmbar und im Stadtraum noch präsenter. Aber auch hier gilt es, sinnvolle und machbare Lösungen für den ruhenden Verkehr zu entwickeln. Anlass für das Innenstadtkonzept war übrigens die Barriere freie Gestaltung der Stadtmitte mit weiteren Entwicklungsoptionen für den Einzelhandel. Dem Konzept liegen sieben Bauabschnitte zugrunde, die jeweils mit Kosten unterlegt sind.

Wie ist der Stand des ISEK, wie geht es weiter?

Der ISEK-Prozess ist bereits zu 60 Prozent fortgeschritten und wir befinden uns nach der Phase der Analyse – d. h. nach Ermittlung der Stärken und Schwächen Chancen und Risiken – nun auf der Suche nach Entwicklungszielen und räumlichen Schwerpunkten. Eine nächste Etappe der Bearbeitung wird sein, Maßnahmen und konkrete Projekte sowie mögliche Zeit- und Umsetzungshorizonte zu benennen.

Die Analyse haben wir umfänglich und intensiv und mit unterschiedlichsten Gruppierungen, Vereinen, Experten, über eine permanente Onlinebeteiligung, eine öffentliche Ausstellung im CC I, Stadtspaziergänge und Bürgerwerkstätten gemeinsam erarbeitet. Wir haben Arbeitswerkstätten mit der Ratspolitik, mit den Ortsräten der Ortschaften und mit Schülerinnen und Schülern der städtischen Schulen der Stadt veranstaltet. Wir haben uns zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung, zur Wohnraum- Gewerbe, Einzelhandels- und Sportentwicklung mit Gutachtern getroffen, die uns notwendige Prognose, Daten als Fundament für nachfolgendes Tun ermittelt haben. Ich erwähne die umfängliche Beteiligung von Bürgerinnen und Bürger deswegen, weil sich damit zwangsläufig die Frage der Erwartungen an den Prozess anknüpft.

Erwartungen und Begehrlichkeiten…

Ja, es ist ohne Zweifel, dass in solchen Diskussionsrunden, Gesprächen, Werkstätten und Befragungen Begehrlichkeiten, und Wünsche geweckt werden und sollen! Es werden vielerlei Erwartungen, Hoffnungen und Ansprüche zur zeitnahen Umsetzung von Projekten erhoben. Der Straßenausbau, der Umbau, die Sanierung der Schule, ein neues Schwimmbad, mehr Ärzte, Spielflächen, Sportplätze, uvm…

Wie Sie sich sicher denken können, wird und kann aber nicht alles gleichzeitig umgesetzt werden. Selbst wenn Einiges sogar langfristig nur Idee bleibt oder nicht realisiert werden kann – aus welchen Gründen auch immer – ist das ISEK jedoch wichtig und richtig!

Begründen Sie das bitte genauer.

Das ISEK sammelt Ideen, definiert Ziele und setzt einen Handlungsrahmen, damit die politischen Gremien in der Abwägung der verschiedenartigen Maßnahmen systematische Entscheidungen treffen können in welchem Jahr, in welchem Zeitraum was und mit welchem Geld/mit welchen Mitteln finanziert und umgesetzt werden kann. Gerade vor dem Hintergrund der immer knapper werdenden Haushalte in den Kommunen, sind deswegen gesamtstädtische und aufeinander abgestimmte Konzepte erforderlich. Die Umsetzung der Maßnahmen in einem ISEK erfolgt also nicht immer 1: 1 und kann nur peu a peu umgesetzt werden.

Da Stadtentwicklung nicht nur ein langfristiger, sondern auch ein dynamischer Prozess ist, ist auch eine gewisse Offenheit zur Fortschreibung und Anpassung an neue Rahmenbedingungen, etwa aufgrund der sich verändernden demografischen Entwicklung notwendig. Wichtigster Punkt ist hierbei jedoch, dass das Resultat nachhaltig politisch gestützt und umgesetzt wird und dass es künftige Kommunalwahlen überdauert und fortbesteht. Die Bearbeitung ist mit einer intensiven Bürgerbeteiligung erfolgt und nun ist die Verwaltung und Politik gefordert – damit Beteiligung kein Lippenbekenntnis bleibt.

Die Umsetzung haben wir also alle gemeinsam in der Hand!

Es wird immer wieder, z. B. vom Wochenblatt der Vorwurf erhoben, das ISEK wäre zu teuer. Was sagen Sie dazu?

Die Aussage ist natürlich vereinfacht und verkürzt! Selbstverständlich kostet die Bearbeitung eines breit angelegten Konzeptes zur zukünftigen Entwicklung einer Stadt Geld. Man kann die Bearbeitung als Kommune entweder fremd vergeben oder diese mit eigener Kompetenz erarbeiten. Für mich stellt sich jedoch viel eher die Frage, ob sich eine Stadt in einer Größenordnung wie Buchholz ein Stadtentwicklungskonzept leisten möchte oder ob man aus Spargründen weiterhin ohne eine aufeinander abgestimmtes Konzeption planen möchte?

Wozu brauchen wir ein ISEK, was haben wir davon?

Unabhängig davon sind kommunal aufeinander abgestimmte Stadtentwicklungsstrategien und Wohnraumversorgungskonzepte die unabdingbare Grundlage und Voraussetzung für Förderentscheidungen von Landes- Bundes sowie von europäischen Fördermitteln. Wir werden deswegen mit dem fertigen ISEK-Papier selbstverständlich die Referate der niedersächsischen Ministerien aufsuchen, um Fördermittel zu akquirieren.

Im Bereich der Städtebauförderung plant der Bund z. B. aktuell eine deutliche Aufstockung der Finanzhilfen, nämlich die Erhöhung der Bundesmittel um 600 Millionen Euro. Damit wird das Programmvolumen von 700 Millionen Euro jährlich verstetigt. Zudem soll das Programm „soziale Stadt“ mit 150 Millionen pro Jahr finanziell besser ausgestattet werden.

Außerdem soll die Wohnraumförderung deutlich verbessert werden, so dass die Frage nach bezahlbarem Wohnraum für kleine und mittlere Haushalte im Mittelpunkt der Förderung steht. Auch wird es künftig Förderbeiträge geben, die an die gestiegenen Baukosten angepasst sind.

Geplant ist zudem Zusatzdarlehen für die Installation von Aufzügen, für Mehraufwendungen bei besonderen Maßnahmen für Menschen mit Behinderung und für die Schaffung kleiner Wohnungen bereit zu stellen und Ersatzbaumaßnahmen in Verbindung mit dem Abriss unwirtschaftliche Bausubstanz soll künftig gefördert werden.

Auch haben Baumaßnahmen zur Energieeinsparung weiterhin hohe Priorität. Es werden u.a. Mittel aus dem Europäischen Fonds bereitgestellt, wie zum Beispiel die CO 2 Reduzierung im Wohnungsbestand sozial benachteiligter Quartiere, die dazu beitragen sollen, dass Modernisierungskosten nicht zu steigenden Mietkosten führen. Ein weiterer Fokus der zukünftigen Förderungen liegt zudem in der Deckung des Bedarfs an Wohnungen für ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, pflegebedürftige Menschen nach dem Grundsatz „ambulant vor stationär“- aber auch gemeinschaftliche und generationsübergreifende Wohnprojekte sowie die Wohnberatung.

Verwaltungsseitig haben wir bereits eine interne Datenbank mit den anerkannten Förderprogrammen angelegt, so dass wir permanent und fachübergreifend auf dem Laufenden sind und zielsicher prüfen können welche Programme wann angewendet werden können.

In die Zukunft gerechnet spart ein Stadtentwicklungskonzept also eher Geld!

Wo sehen Sie die Widerstände gegen das ISEK? Stören Sie hier nicht auch die Kreise von Investoren und andern Geschäftsleuten?

Zunächst einmal sehe ich sehr viele Menschen, die sich aktiv am ISEK beteiligen und die Interesse haben die Lebensqualität in Buchholz zu erhalten und zu steigern. Wir haben bis jetzt mehr als 1500 Eingaben bei den Expertengesprächen, Stadtspaziergängen, Onlineabfragen, Bürgerwerkstätten und Werkstätten mit Ortsräten und Stadtrat erhalten. Anfang Juli fand die 2. Bürgerwerkstatt in der Empore statt und ich war begeistert von dem großen Interesse und dem Engagement der Buchholzer Bürgerinnen und Bürger mitzuarbeiten um kreative Ideen einzubringen. Der 3. Stadtspaziergang ist mit großer Resonanz angenommen worden.

Widerstände von Investoren und Geschäftsleuten sehe ich zunächst nicht. Im Rahmen des Gutachtens zur Innenentwicklung, welches nach der Sommerpause starten wird, werden wir uns vor allen Dingen mit den Entwicklungspotenzialen in der Innenstadt beschäftigen. Das Projekt Innenentwicklung startet parallel zum ISEK und geht bereits einen Schritt weiter, weil wir auf der konkreten Maßnahmen-Ebene arbeiten werden. Es ist geplant, die Entwicklungspotenziale der Innenstadt zu untersuchen und Vorschläge zur Nachverdichtung zu entwickeln. Wir freuen uns natürlich sehr, dass wir uns bei der Metropolregion Hamburg als eine von 36 Bewerberkommunen qualifizieren konnten und Buchholz als Leitprojekt ausgewählt wurde. Finanziell werden wir zu 80 Prozent aus dem Förderfond Hamburg/Niedersachsen unterstützt, die restlichen Mittel werden über drei Jahre durch die Kommune getragen.

Sie sehen also nicht, dass es Widersprüche zwischen den Interessen von Stadtentwickeln und Wirtschaft gibt?

Stadtentwicklung und Wirtschaft sind untrennbar miteinander verbunden und ich möchte diese Synergien zukünftig über dieses Projekt noch stärker beleben um die Stadt positiv weiterzuentwickeln. Es geht mir keinesfalls darum, mich in andere Wirkungskreise einzumischen, sondern vielmehr um die Bündelung von Kapazitäten und Ressourcen und um die Abstimmung von Interessen und Wünschen um das bestmögliche Ergebnis für die Stadt Buchholz zu erreichen.

Als Stadtplanerin und Architektin denke und arbeite ich interdisziplinär, ganzheitlich und in übergeordneten Zusammenhängen. Und gesellschaftliche Entwicklungen haben seit jeher Auswirkungen auf das Zusammenleben in einem Dorf oder einer Stadt und somit auch auf die gebauten und die sozialen Räume und auf die Menschen die in ihnen leben. Sei es durch das digitale Zeitalter oder durch die Veränderungen in der Bevölkerungsentwicklung, durch Erneuerungen im Mobilitätsverhalten, den großen Themen des Klimaschutzes, durch die unabsehbaren Zuströme von Immigranten unterschiedlicher Länder, die Altersarmut oder Veränderungen im Gesundheitswesen uvm. Stadtentwicklung ist also mehr als Planen und Bauen und wir haben gemeinsam künftig genügend Aufgaben und stehen vor große Herausforderung!

Außerdem bin der Meinung, dass sich eine moderne Stadtgesellschaft dadurch auszeichnet, sich den Anforderungen und den künftigen Aufgaben gemeinsam zu stellen und diesen durch interdisziplinäres Denken und Handeln entgegenzutreten. Hier sind Verwaltung, Wirtschaft, Politik und Bürgerschaft gleichermaßen gefordert. Wir sitzen schließlich alle in einem Boot!

Zum Wohnungsbau: In Buchholz werden vor allem Blocks mit teurem Miet- und Eigentumswohnungen gebaut. Die Ratsmehrheit hat sich auf die Fahnen geschrieben für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Wie sehen Sie diese Vorhaben?

Das vorliegende Wohnungsmarktkonzept zum ISEK bestätigt uns tatsächlich einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Buchholz, bzw. wir benötigen zukünftig Wohnraum in allen Segmenten – vom Miet- zum Eigentumsmarkt, von der kleinen Ein-Zimmer-Wohnung bis zum freistehenden Einfamilienhaus- für alle Zielgruppen – von Familien, Haushaltsgründern, Singles, Senioren, Geringverdienern bis hin zu Menschen mit Behinderungen.

Auch in den Expertengesprächen zum ISEK und bei dem 1. Stadtspaziergang „zwischen den Häusern“ wurde die Problematik der bezahlbaren Wohnungen deutlich. Wir sind verwaltungsseitig zurzeit auf der Suche nach Lösungen, um dem Thema adäquat entgegenzutreten. Damit preiswertes Wohnen gelingen kann, hat Hamburg z. B. bei der Erstellung der „Wohnungsbauoffensive“ (6.#000 Wohnungen pro Jahr) die sog. Drittel eingeführt: Dass bedeutet, dass mindestens ein Drittel geförderte Wohnungen bei Wohnanlagen und Vorhaben ab ca. 20 Wohneinheiten festgeschrieben sind. Die Aufteilung der anderen zwei Drittel ist frei zu gestalten, d. h. je nach Projekt können ein Drittel freifinanzierter Mietwohnungsbau und ein Drittel Eigentum ermöglicht werden – aber es können aber auch andere Mischverhältnisse gefordert oder zugelassen werden, z. B. Auch, wenn erforderlich, ein größerer Anteil an geförderten Wohnungen. Dieses in 2011 von dem Hamburger Senat und der Wohnungswirtschaft unterzeichnete Bündnis ist meines Erachtens ein vorbildliches Vorgehen um einer Segregation und Verdrängung entgegen zu treten. In ähnlicher – jedoch abgemilderter Weise – könnten wir auch agieren.

Wie die Bild-Zeitung heute auf ihrer ersten Seite berichtet, hat Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bei einer Bürgerpredigt in der Marktkirche von Hannover den Satz gesagt: „Die Politik hat meine Seele beschädigt.“ Das würde bedeuten, dass der sozialdemokratische Politiker tatsächlich über eine Seele verfügt. Eine Sensation!

Beobachter waren angesichts der Politik Schröders in seiner Zeit als Kanzler einer rot-grünen Politik, deren Schwerpunkte unter anderem die Einführung von Hartz IV und der Kriegseinsatz der Bundeswehr im Kosovo waren, eher vom Gegenteil ausgegangen. „Sein Handeln als Regierungschef war ja absolut seelenlos“, so ein Experte zum buchholz express. (kst)

Von Kristian Stemmler

Wer im Glashaus sitzt… Ausgerechnet die örtliche FDP lehnt sich in der aktuellen Ausgabe des Nordheide Wochenblattes weit aus dem Fenster und beklagt Steuerverschwendung bei der Stadt Buchholz, die das Vertrauen in Politik und Verwaltung untergrabe. Ein gewisser Horst Markus, stellvertretender Vorsitzender des FDP-Ortsverbandes, (von dem ich noch nie gehört habe) behauptet, die Stadt beauftrage zu teure Gutachter und überschreite die Kostenansätze bei laufenden Investitionen wie dem Bau der neuen Sporthalle in Holm-Seppensen.

Herr Markus sollte das Wochenblatt mal etwas gründlicher lesen und über die Beiträge nachdenken. Dann wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass die Zeitung nur eine Woche vorher berichtet hat, dass das Geld, das die Stadt für den Rückkauf der noch veräußerten Grundstücke im Gewerbegebiet III Trelder Berg zurückgestellt hat „bei weitem“ nicht ausreicht. Die Stadt habe fünf Millionen Euro zurückgestellt, nach jetzigem Stand müsste sie aber mindestens 8,75 Millionen Euro für das Bauland und Forderungen aus später fällig werdenden Kaufpreisraten aufbringen.

Was aber hat nun die aktuelle Kritik der FDP an der angeblichen Steuerverschwendung mit dem GE III zu tun? Ziemlich viel! Denn die FDP hatte erheblichen Anteil daran, dass es zu diesem Fiasko kam, dessen Folgen Buchholz jetzt zu tragen hat. Das Wochenblatt, das man in diesem Fall mal loben muss, schrieb dazu vor einem Jahr:

„Goldgräberstimmung zur Jahrtausendwende – so titelte das Wochenblatt im März 1999. Damals brachte eine „Fünferbande“ mit Bauausschuss-Chef Günter Helmrich, dem damaligen Stadtdirektor Andreas Bendt, dem Notar und FDP-Politiker Hans-Hellmut Schmitz, dem Makler Wilhelm Schomburg und dem damaligen Kämmerer und heutigen Bürgermeister Wilfried Geiger einen Deal unter Dach und Fach, der drei Landwirte zu Millionären und die Stadt Buchholz zum Eigentümer von 54 Hektar Ackerland am Trelder Berg machte.“

Nach der Jahrtausendwende habe die damals noch halbstaatliche Grundstücksgesellschaft NILEG aus Hannover das Areal übernommen und es mit Millionenaufwand erschlossen. Doch der Verkauf lief nur schleppend an. Das Wochenblatt wörtlich: „Geiger sah sich unter Druck. Millionen an Steuergeld für Ackerland waren ausgegeben. Doch statt der erwarteten Gewerbesteuereinnahmen hatte die Stadt nur Kosten. Denn die Verträge mit dem Vermarkter sind derart schlecht, dass der – unabhängig vom Erfolg – eine jährliche hohe Pauschale aus der Stadtkasse erhält.“

Wie das Wochenblatt jetzt schrieb, sind bis heute rund 40 Prozent der Grundstücke des 35-Hektar-Areals nicht verkauft. Weitere Kosten könnten hinzukommen, wenn die drei reservierten Grundstücke von zusammen rund 2,5 Hektar nicht veräußert würden. Beim Neujahrsempfang im Januar hatte Geiger den Mund noch voll genommen und behauptet: „Auch dieses Gewerbegebiet ist auf der Erfolgsspur.“ Er sei sicher, dass man auch die Entwicklung dieses Gebietes mit einer schwarzen Null abschließen werde.

Das dürfte bis Ende des Jahres, wenn die Stadt alle nicht veräußerten Flächen im GE III zurückkaufen muss, nicht zu schaffen sein. Die Grünen-Fraktion hat vor den finanziellen Risiken des Projektes übrigens schon 1999 gewarnt, worauf Fraktionschef Joachim Zinnecker vor kurzem erneut hinwies. Die finanziellen Belastungen durch das GE III könne dazu führen, dass sämtliche freiwilligen Leistungen der Stadt in Frage gestellt werden müssten.

Gegen das drohende Millionendefizit, für das die örtliche FDP mit Verantwortung trägt, sind die Ausgaben für Gutachten oder die moderaten Kostensteigerungen beim Bau der Sporthalle in Holm-Seppensen wirklich Peanuts. Besonders skurril ist vor dem Hintergrund des Skandals um das GE Trelder Berg die Kritik von Horst Markus, die Verwaltung plane unpräzise Kauf- und Verkaufsverträge nachlässig. Das sollte er seinen eigenen Leuten mal beibringen!

Von Kristian Stemmler

Dass in diesem Land die sozialen Gegensätze größer werden, lässt sich wohl kaum übersehen. Für das Nordheide Wochenblatt ist das kein Grund, sich mit Kritik an der gesellschaftlichen Ungleichheit auseinander zu setzen. Man hält zu seinen Anzeigenkunden, zu den Geschäftsleuten, der Wirtschaft, den Besitzenden – und macht im Gegenzug Kritiker der bestehenden Verhältnisse nieder.

Der Beitrag über das Weiße und das Schwarze Dinner im Rathauspark in der Ausgabe vom Mittwoch ist da ein typisches Beispiel. Den Organisatoren des Weißen Dinners, denen das Wochenblatt näher steht, lobhudelt die Kollegin Katja Bendig im PR-Sprech, der in dieser Redaktion verbreitet ist. „Bei schönstem Sommerwetter“ habe man sich getroffen, „unter großen Bäumen gegessen und geplaudert“ und „zum stimmungsvollen Abschluss zündeten alle Gäste Wunderkerzen an und sangen gemeinsam“. Da geht einem doch das Herz auf, nicht wahr!

Die Organisatoren des Schwarzen Dinners werden dagegen mit Häme überzogen. „Ein versprengtes Grüppchen“ nennt die Kollegin die Teilnehmer, sie hätten vor allem „Spaß an Pöbelrufen“ gehabt und: „Ihre Hinterlassenschaften: ein Haufen leerer Bierdosen und ein Einkaufswagen samt Gartenstuhl“. So was nennt man Gossenjournalismus!

Organisator Uwe Schulze, Ex-Bürgermeisterkandidat, hat bereits eine Gegendarstellung ans Wochenblatt gerichtet. Darin weist er darauf hin, dass der Platz des Schwarzen Dinners sauber gewesen sei, als er die Veranstaltung kurz nach acht aufgelöst habe. Es ist davon auszugehen, dass die Kollegin um die Uhrzeit gar nicht mehr vor Ort war, sondern sich auf die Angaben des Organisators des Weißen Dinners, mit dem sie vermutlich hinterher telefoniert hat, verlassen hat.

Was die „Pöbelrufe“ angeht: Wie der buchholz express bereits berichtete, hat einer der Teilnehmer des Schwarzen Dinners in der Tat einige Male etwas zu den Teilnehmern des Weißen Dinners hinübergerufen. Dass die das weder akustisch noch inhaltlich verstehen konnten, davon kann man ausgehen. Aber es war eine Form des Protestes und hat zum Ausdruck gebracht, dass man die Teilnehmer des Weißen Dinners nicht ungestört schlemmen lassen wollte.

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Von Kristian Stemmler

Die türkische Familie staunt nicht schlecht. Aus Richtung Rathaus kommen sie in den Rathauspark und sehen als erstes eine Menge ganz in weiß gekleidete Menschen beim Essen und Trinken und als zweites, weiter hinten am Spielplatz, eine Gruppe ganz in schwarz gekleidete Leute mit Bierflaschen oder einem Pappteller Kartoffelsalat in der Hand. „Die spinnen, die Deutschen!“, dürften die türkischen Passanten in diesem Moment gedacht haben.

In Buchholz kam es am Sonnabendabend wieder zu einem deutschlandweit einmaligen Duell: Weißes Dinner gegen Schwarzes Dinner. Zum zweiten Mal hatten der Diplom-Controller Stephan Jockel und seine Frau Claudia ein Weißes Dinner organisiert, eine aus Frankreich eingeschleppte Unsitte, bei der sich Menschen ganz in Weiß an einem vereinbarten Ort zum Picknick treffen. Und ebenso zum zweiten Mal hatte Uwe Schulze, Betriebsrat, Blogger (gegengift.eu) und Ex-Bürgermeisterkandidat, zum Schwarzen Dinner eingeladen, als Gegenveranstaltung und Protest.

Schulze war hocherfreut über den wachsenden Zuspruch. Während beim Weißen Dinner erheblich weniger Teilnehmer zu verzeichnen sind, nämlich nur noch etwa 60 statt der 100 im Vorjahr, hat sich die Teilnehmerzahl des Schwarzen Dinners verdreifacht, von vier auf 15, darunter erfreulicherweise junge Aktivisten. „Wenn wir so weitermachen haben wir das Weiße Dinner in zwei Jahren überholt“, scherzt Schulze.

Aber auch wenn sein Protest nach einer kabarettistischen Spontiaktion aussieht, es ist ihm ernst damit. „Wir empfinden dieses Weiße Dinner als ein dekadentes Event, als rücksichtsloses Verhalten gegenüber sozialen Minderheiten“, sagt er. Gerade der Rathauspark sei ein Ort für die Allgemeinheit, in dem sich auch Hartz-IV-Empfänger und Obdachlose aufhalten dürfen. Da sei es völlig deplatziert, wenn sich Besserverdienende breit machen und Luxus zelebrieren.

Natürlich weisen die Veranstalter und Teilnehmer von Weißen Dinnern gern darauf hin, dass die Veranstaltungen für alle offen sind und die Teilnehmer keineswegs alle steinreich seien. Das hat auch keiner behauptet. Aber es ist offensichtlich, dass die Teilnehmer vom Habitus und Auftreten her alle der Mittel- und Oberschicht zuzuordnen sind, im Endeffekt bleibt man unter sich. Und das Weiß wirkt nun mal edel und ausgrenzend.

Auf welcher Seite es an diesem Abend ausgelassener und ungezwungener zugeht, ist jedenfalls klar. Während die Menschen in Weiß gesittet an ihren Tischen sitzen, Sekt schlürfen und Konversation machen, tobt beim Schwarzen Dinner das Leben. Die Teilnehmer haben sich auf Decken oder auf dem Rasen niedergelassen, trinken Astra oder Apfelschorle, lassen sich Billigwürstchen vom Lidl und Kartoffelsalat schmecken, es wird gescherzt und gelacht.

Für besondere Stimmung sorgt das enfant terrible der Gruppe. Der temperamentvolle Karim, der ein T-Shirt mit der heute besonders beziehungsreichen Aufschrift „Good night white pride“ trägt, legt sich gern mit den „Weißen“ an. „Smash capitalism!“, grölt er in deren Richtung oder „Aufruhr, Widerstand! Es gibt kein ruhiges Hinterland!“ Als die Teilnehmer des Weißen Dinners mit weißen Taschentüchern winken, winkt er mit einem schwarzen Tuch zurück und freut sich: „Die winken mir ja zu!“

Das dürfte aber unwahrscheinlich sein, denn die weiß gekleideten Herrschaften meiden ganz offensichtlich alle Außenkontakte. Das kann man durchaus als symptomatisch verstehen, denn auch gesamtgesellschaftlich wird das Bürgertum ja angesichts zunehmender sozialer Erosion immer autistischer, schottet sich vor allem nach unten ab. Bloß nicht zuviel Kontakt zu den Habenichtsen, nachher ist das noch ansteckend und man landet bald selbst beim Jobcenter!

Genau diese gesellschaftlichen Hintergründe sind es auf die Uwe Schulze mit dem Schwarzen Dinner hinweisen will. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, sagt er. An diesem Abend ist ihm das gelungen. Kurz nach acht Uhr beendet er das Schwarze Dinner, die Weißen können also noch ein bisschen ungestört weiter dinieren. „Aber im nächsten Jahr sind wir wieder da“, verspricht Schulze.

 

 

BB9A1735 (1)Schöne Bescherung mitten im Sommer: Das Sommerferienprogramm der Stadt Buchholz wird am Holzweg um einen Holzspielplatz bereichert. Möglich macht das eine großzügige Spende der Sparkasse Harburg-Buxtehude. „Das Geldinstitut hat uns 5000 Euro überreicht“, sagt Anika Lucas vom Leitungsteam des Jugendzentrums (Juz), „so können wir unseren Holzabenteuer doch noch realisieren.“ Damit knüpft das Juz sozusagen an alte Traditionen an: Bis Anfang des neuen Jahrtausends war der Platz am Holzweg Standort des Sommerferienprogramms, Bauspielplatz inklusive.

„Wir wollten im Programm mal wieder etwas anderes ausprobieren“, sagt Nicole Gwehenberger, Co-Leiterin des Juz. Deshalb hätten sie und ihr Team die Idee vom Holzspielplatz wieder aufgegriffen. Doch das drohte am finanziellen Aufwand zu scheitern. „Die Sparkasse hat uns den Weg frei gemacht“, freut sich Stadtjugendpfleger Olaf Blohm, der den Kontakt zur Filiale an der Poststraße geknüpft hatte.

„Ein Bauspielplatz ist für Jugendliche eine runde Sache“, begründet Stephan Tiedemann, Filialleiter der Buchholzer Sparkassen-Dependance, das Engagement seines Hauses. „Zudem schließt er eine Lücke, da insbesondere auch Ältere davon angesprochen werden.“

Am Anfang besteht der Bauspielplatz aus nicht viel mehr als einigen Holzpfählen, die im Boden verankert sind sowie einem umfangreichen Materiallager. Rund um die Pfähle sollen dann Hütten, Forts und anderes mehr gebaut werden. Gesägt und gehämmert werden kann von Montag, 4. bis Freitag, 22. August, jeweils montags bis freitags von 11 bis 18 Uhr. Einer Anmeldung bedarf es dafür nicht. „Kinder und Jugendlichen können einfach vorbei kommen“, sagt Lucas

Und wie der Rest des Programms ist auch der Bauspielplatz für Kinder und Jugendliche mit Handicap da. Wichtig ist allerdings, dass die Baumeisterinnen und Baumeister eine schriftliche Erlaubnis ihrer Eltern mitbringen. Oder die Eltern kommen gleich selbst mit. „Wir bauen dafür extra ein Zelt auf und bieten dort Kaffee und Kuchen an“, sagt Gwehenberger.

Der Abenteuerspielplatz ist nur eines von vielen Angeboten im Sommerferienprogramm der Stadt. Die reichen von Reisen in die weite Welt über Sport und Ausflüge bis hin zu Jugendreisen. Für die Trips nach Albanien, ins Osmanisches Reich, nach Südafrika, Hawaii oder Deutschland sind noch einige Plätze frei. Und wen das Reisefieber nicht gepackt hat – bei Flamenco, Yoga, Bollywood und Cheerleading, Nachtwanderung und beim Klettern gibt es noch freie Plätze. Anmeldungen sind täglich während der Öffnungszeiten zwischen 14 und 20 Uhr im Jugendzentrum möglich. (hh)

 

Screenshot Coca-ColaVon Kristian Stemmler

Wer an Tagen wie diesen Kritik an der deutschen Fußballnationalmannschaft oder dem DFB übt, wird natürlich sofort als unverbesserlicher Nörgler abqualifiziert, der noch immer ein Haar in der Suppe findet. Aber so sehr man sich über den Erfolg bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien freuen darf, so nötig ist es, den Verstand nicht gänzlich auszuschalten. Es gibt keinen Grund dafür, in der Harmoniesuppe zu ersaufen.

Deshalb soll hier (erneut) darauf hingewiesen werden, dass Fußball nicht nur ein Sport oder ein Spiel ist, sondern auch ein Instrument, mit dem Schindluder getrieben wird. Die Weltmeisterschaft wurde und wird dazu benutzt, gesellschaftliche Widersprüche zuzukleistern. Auch wenn das Wir-Gefühl bei den deutschen Spielen und beim Gewinn des Titels, die Feiertagsstimmung allerorten erst mal etwas Schönes ist, darf das nicht dazu führen, bestehende Gegensätze auszublenden.

Die Werbung, die mit der Fußball-WM gemacht wird, zeigt exemplarisch, was hier gemeint ist. Wenn Jogi Löw für Nivea unter dem Slogan „Es beginnt mit dir“ wirbt und in dem Fernsehspot Werftarbeiter und Feuerwehrleute, also der „Mann von der Straße“, an ihrem Arbeitsplatz als jubelnde Fans gezeigt werden, dann ist das nur noch verlogen. Selbst wenn Löw das Ernst sein sollte mit dieser Botschaft, so wird der falsche Eindruck vermittelt: Wir sind doch irgendwie alle gleich!

Das sind wir aber nicht. Fußballprofis sind Großverdiener, deren Lebenswirklichkeit mit der der meisten Deutschen wenig gemein hat. Sicher, dafür bieten sie auch etwas für ihr Geld, was andere nicht können – aber es darf doch noch darauf hingewiesen werden, dass Millionen Menschen, der Paketfahrer und der Polizeihauptmeister, die alleinerziehende Mutter, die Putzen geht, der Eismann und die Altenpflegerin, der Leiharbeiter und der Hartz-IV-Empfänger, von solch sorglosem Leben nur träumen können!

Heutzutage stört sich kaum noch jemand an der Werbelogos, die bei Sportereignissen immer ins Bild gerückt werden. Wir haben uns daran gewöhnt. Aber mir stößt es übel auf, wenn ich heute bei der Übertragung von der Ankunft der Nationalelf in Berlin, die Aufschrift „Mercedes-Benz“ nebst dem bekannten Stern auf dem Rücken der Spielertrikots sehen muss. Bin ich da der einzige?

Dass ausgerechnet die deutsche Marke, die wie keine andere für den puren Luxus steht, einer der Hauptsponsoren des DFB ist, das ist schlicht paradox. Fußball war mal eine Arbeitersportart, heute ist es in Deutschland der Volkssport. Aber Volkswagen ist als Sponsor natürlich ne Nummer zu klein.

In dieselbe Kerbe wie die Nivea-Werbung mit Löw haut Coca-Cola, ein weiterer Hauptsponsor des DFB. „WM. Das sind wir alle“ lautet der Slogan des Konzerns zur Weltmeisterschaft, und das ist genauso verlogen. Die ganze Absurdität dieser Werbung wird deutlich, wenn man es neben den Slogang hält, der auf dem Truck prangte, der heute die deutsche Elf zum Brandenburger Tor kutschierte: „Weltmeister fahren Daimler-Benz“. Ja schade, aber „wir alle“ fahren leider nicht Daimler Benz!

Spiegel online preist aus Anlass des Titelgewinns die Deutschen als Konjunkturlokomotive Europas, behauptet, dass die Beschäftigung auf Rekordniveau ist, und was man an dergleichen neoliberalen Lobhudeleien so kennt. Das aber zeigt das Verlogene dieser „Wir“-Propaganda.

Wenn das wirtschaftlich gut da steht, heißt das eben keineswegs, dass es „uns Deutschen“ gut geht. Millionen von Deutschen geht es eben nicht gut in dieser immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft. Für sie ist der Fußball und der Gewinn der Weltmeisterschaft eine Abwechslung und Betäubung in einem immer härter werdenden Alltag. Mehr nicht.