Weißes Dinner zum Zweiten – Die Besserverdienenden feiern sich selbst

„Eine Seuche unserer durchgeknallten Eventgesellschaft hat jetzt auch den Landkreis Harburg erreicht: das Weiße Dinner oder Dîner en blanc.“ – So begann vor etwa einem Jahr einen Beitrag, in dem auf eine neue Veranstaltung im Rathauspark hingewiesen wurde. Der Unternehmensberater Stephan Jockel organisierte das erste Weiße Dinner in Buchholz, eine aus Frankreich eingeschleppte Veranstaltung, bei der sich Menschen ganz in Weiß zum Picknick treffen.

„Eine nutzlose Demonstration der Dekadenz“, schrieb der buchholz express, damals noch buchholzblog, aus diesem Anlass und lud zusammen mit dem späteren Bürgermeisterkandidaten Uwe Schulz zu einer Gegenveranstaltung: dem Schwarzen Dinner, bei dem man schwarz gekleidet ist und nur Billigfood von Aldi & Co. zu sich nimmt.

Am 19. Juli findet nun das zweite Weiße Dinner im Rathauspark statt – und damit auch das zweite Schwarze Dinner (Beginn in beiden Fällen 17.30 Uhr). Aus diesem Anlass wiederholen wir hier einen Bericht, der vor einem Jahr auf der Homepage von Uwe Schulze, gegengift.eu, erschienen ist:

 

Das dekadente Protz-Event, zu dem der Unternehmensberater Stephan Jockel und seine Frau Claudia aufgerufen haben, stößt nicht nur uns sauer auf. Der Rathauspark, in dem dieses Event stattgefunden hat, wird oft von Menschen in Buchholz genutzt, die viele als Migranten, Asylanten, Sozialhilfeempfänger, Hartz IV-Empfänger oder Penner bezeichnen. Das man diesen sozialen Minderheiten, wenn es denn noch Minderheiten sind, gegenüber seinen Reichtum so heftig präsentiert und sie damit weiter an den Rand einer Gesellschaft drückt, ist für uns der Anlass gewesen diese kleine aber wirkungsvolle Aktion durchzuführen.

Was aber verbinden wir eigentlich mit der Farbe Weiß? Physikalisch ist Weiß die Summe aller Farben. Weiß hat keinen negativen Zusammenhang, so ist sie die vollkommenste Farbe. Weiß symbolisiert: Licht, Glaube, das Ideale, das Gute, der Anfang, das Neue, Sauberkeit, Unschuld, Bescheidenheit, Wahrheit, die Klugheit, die Wissenschaft, die Genauigkeit. Alles was hygienisch sein soll, ist weiß, Weiß verbinden wir Menschen mit purer Reinheit.

Die Bedeutung der Farbe Weiß in Kultur und Religion Am Anfang war das Nichts, aus ihm gebar sich alles, sagen die heiligen Bücher der Asiaten. »Gott sprach: Es werde Licht« sagt die Bibel. Weiß ist das Gegenteil von Schwarz, dem Nichts, dem Chaos, das auf ordnende Gestaltung wartet, durch das Licht der Erleuchtung.

Was haben wir das gestern im Rathauspark erlebt, die Geburt einer neuen Sekte? In unregelmäßigen Abständen wedelte sich die Weiß-Dinner-Gesellschaft mit ihren weißen Servietten gegenseitig zu, dass man an der Stelle an eine Sekte denkt, ist also nicht verwunderlich. Den gnadenlosen Schnitt zwischen Arm und Reich, Gut und Böse, Sein und Nichtsein?

Wir stellen fest, Buchholz entwickelt sich mehr und mehr zu einer Stadt, die minderbemittelten Menschen keine Heimat mehr sein will, die es zulässt, dass immer mehr Luxuswohnungen, Residenzen, gebaut werden statt sich mehr um den sozialen Wohnungsbau zu kümmern. Dazu kommen die Konsumtempel, die uns überlegen lassen warum man nur für die reiche Klientel sorgt, aberdas Aldi-, Lidl-, Penny-Pack mitsamt den dazugehörigen Geschäften versucht aus dem Stadtbild zu entfernen.

Eines sollte doch allen klar sein, die Klassengesellschaft wird wieder bevorzugt, und den Teilnehmerinnen und Teilnehmer des gestrigen Weißen Dinners, sollte klar sein dass Sie den Klassenerhalt mit ihrem protzigen Verhalten in ein solides Fundament gebettet haben. Wir werden jedenfalls weiterhin öffentlich zeigen, dass wir Buchholzer Bürger so etwas nicht brauchen. Ein soziales Miteinander ist es, was wir einfordern.

Noch etwas zu unserer Aktion: Unsere kleine Protest- und Kunstaktion hat einige der in weiß gekleideten Menschen dazu bewegt, unseren mit reichlich Speisen der Aldi- und Lidl-Klasse bedeckten Tisch aufzusuchen. Es kamen nachdenkliche sowie auch kritische Dialoge von schwarzer und weißer Seite auf den Tisch, aber es war insgesamt alle in allem ein konstruktiver Austausch, und vor allem friedlich. Wir befürchteten erst, dass man uns nicht wahrnehmen will, aber da lagen wir völlig falsch.

Trotz der geringen Anzahl an Teilnehmern am Schwarzen Dinner, haben wir ein deutliches Zeichen hinterlassen: Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Buchholz immer weiter auseinander, und darauf muss man aufmerksam machen.

Erstaunt waren wir das zwei Ratsherren der Stadt Buchholz ebenfalls an dem umstrittenen Weißen Dinner teilnahmen, und von beiden hätten wir es nicht erwartet. Einziger Trost dabei, beide waren an unserem Tisch und zeigten somit wenigstens etwas Solidarität in dem sie den Dialog mit uns suchten. Richtig genial fanden wir allerdings die Jugendlichen, die uns geradezu umschwärmten und uns für unseren Einsatz für die sozialen Minderheiten in Buchholz dankten. Wir führten mit ihnen wirklich tolle Gespräche bei Wasser und Brot, und es lässt uns hoffen, dass wir auch bei der jungen Generation mit unserer Aktion eine Lunte entzündet haben, eine Lunte die zu mehr Miteinander führt und mit hilft die Schere wieder zusammenzudrücken.

Erstaunlich war, dass wir vom Schwarzen Dinner als Infomationsstand des Weißen Dinners fungierten, denn zu den weißen Herrschaften traute sich niemand zu gehen, um an Informationen zu kommen.

 

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3 Comments

  1. An einem weißen Dinner ist nichts weiter auszusetzen. Die Örtlichkeit finde ich unpassend. Da halten sich viele nicht gut Verdienende auf, sprich sozial Schwache und schauen dem Schauspiel zu. Soll der Veranstalter das doch in seinem Garten machen!

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  2. Als eins der genannten Ratsmitglieder kann ich berichten, dass nicht nur „Besserverdienende“ am Dinner in Weiss teilgenommen haben (und damit meine ich nicht mich ;), sondern einige Menschen, die selbstgemachten Nudelsalat und Omas alte Kerzenleuchter aus’m Keller mitgebracht haben, weil sie es (ent-)spannend fanden, auf einer solchen Veranstaltung andere Menschen zu treffen, eben ohne Rücksicht auf Geld oder ¨Stand¨; Leute, die diesen Anlass genutzt haben, ohne klassische Gemeinsamkeiten, nur mit der gemeinsamen Kleidung, ein paar Stunden die Atmosphäre der Gemeinsamkeit zu geniessen.

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