Semantische Spiegelfechtereien – Anmerkungen zu einer Fachtagung zum Thema Inklusion

03_faxchtagung_wiesner_lVon Kristian Stemmler

Inklusion ist derzeit in aller Munde, aber so richtig weiß kaum jemand, was der Begriff eigentlich bedeuten soll. Etwas Licht ins Dunkel bringt eine Fachtagung unter dem Titel „Bildung, Betreuung, Erziehung – das Ganze ist mehr!“, die heute vormittag in der Empore begann und noch bis zum Nachmittag andauert. Rund 250 Akteure aus den Schulen und der Kinder- und Jugendhilfe des Landkreises Harburg trafen sich, um über neue Konzepte zu diskutieren. Das Impulsreferat hielt der renommierte Rechtswissenschaftler Reinhard Wiesner, der als „Vater“ des Sozialgesetzbuches VIII (Kinder- und Jugendhilfe) gilt.

Unmissverständlich machte Wiesner deutlich, dass Inklusion mehr meint, als die Einbeziehung behinderter Kinder und Jugendlicher. Derzeit gehe es zum Beispiel auch um Kinder und Jugendliche, die in Armut oder mit Migrationshintergrund, aufwachsen. Auf lange Sicht meine Inklusion aber ein Miteinander aller, egal welcher Herkunft und welchen Hintergrunds. „Das ist ein langer Weg“, sagte er. Und es funktioniere im Grunde nur, wenn das Prinzip in der Gesellschaft verstanden und akzeptiert werde.

Der Professor sprach von einer „Herkulesaufgabe“. Die Kinder- und Jugendhilfe des Landkreises lobte er ausdrücklich. Hier sei man, soweit er das beurteilen könne, schon sehr weit und könne anderen Landkreisen ein Vorbild sein: „Sie sind dem allgemeinen Bewusstsein weit voraus.“ Das hörte der Erste Kreisrat Rainer Rempe gern, der im Grußwort auf die gute Vernetzung und Verzahnung der Akteure im Schulwesen und in der Kinder- und Jugendhilfe hingewiesen hatte.

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Im Großen und Ganzen blieb beim Laien trotz der Erläuterungen des Wissenschaftlers eine Menge Fragezeichen stehen. So habe ich mich als neutraler Betrachter gefragt, ob nicht vieles, was in der Kinder- und Jugendhilfe passiert, eher unter dem Begriff „semantische Spiegelfechtereien“ zu verbuchen ist. Zum Beispiel wenn Wiesner philosophiert, man habe den zentralen Begriff der UN-Konvention von 2006 erst mit Integration übersetzt und erst später den treffenderen Begriff Inklusion gewählt.

Auch bei dem Hinweis auf die Kinder, die in Armut aufwachsen, habe ich gestutzt. In den 70ern haben sich die Akteure gerade des Bereichs Kinder- und Jugendhilfe noch massiv geweigert „Reparaturbetrieb des Kapitalismus“ zu sein. Das ist offenbar vorbei. Heute versucht man die Folgen der gesellschaftlichen Erosion zu mildern statt die Kinder und Jugendlichen zum Widerstand gegen diese Verhältnisse zu ermuntern – und selbst massenhaft für die eigentlichen Interessen der Klienten auf die Barrikaden zu gehen!

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