Soltau will Otto Telschow die Ehrenbürgerschaft aberkennen +++ Dokumentiert: Der Antrag für ein Mahnmal für die Buchholzer NS-Opfer

Veröffentlicht: 2014-02-11 in Hintergründe, Politik

Porträt TelschowVon Kristian Stemmler

Die Stadt Soltau will Otto Telschow, dem ehemaligen Gauleiter der NSDAP des Gaus Hannover, die Ehrenbürgerschaft aberkennen. Der Verwaltungsausschuss der Stadt hat, wie der NDR Hörfunk bereits Ende vergangener Woche meldete, einen entsprechenden Antrag der SPD angenommen. Jetzt müsse nur noch der Stadtrat zustimmen. Soltau war die letzte Kommune in Niedersachsen, in der Telschow, der in Buchholz seinen Sitz hatte, noch Ehrenbürger war. Buchholz, wo der mächtige Gauleiter des NSDAP-Gaus Osthannover seinen Sitz hatte, erkannte Telschow die Ehrenbürgerschaft 2008 ab.

Otto Telschow (1876-1945) war von 1928 bis 1945 Gauleiter der NSDAP von Ost-Hannover mit Sitz in Buchholz. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er in Flandern, Rumänien und im Baltikum eingesetzt war, wurde er aus dem Polizeidienst in Hamburg entlassen, weil er von 1922 bis 1924 Kreisleiter der radikal völkischen und antisemitischen Deutschvölkischen Freiheitspartei im Landkreis Harburg war (Quelle: wikipedia).

Telschow war eines der ersten Mitglieder der NSDAP nach deren Wiederzulassung. Eine seiner ersten öffentlichen Auftritte war die Einweihung des „Kriegerdenkmals“ in Buchholz als Vorsitzender des Kriegervereins Ostern 1923 , das Manuskript seiner selbst verfassten Grundsteinrede liegt immer noch unter dem Gedenkstein (mehr dazu weiter unten). Telschow ist persönlich für die Verfolgung und Tötung einer großen Zahl von NS-Gegnern und Angehörigen von Minderheiten verantwortlich.

Otto Telschow hatte 1937 die Ehrenbürgerschaft in Soltau erhalten, formell erlischt diese Würde mit dem Tod, bei Telschow im Mai 1945. Nach seiner Gefangennahme durch die Engländer hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen, starb an den Folgen des Suizidversuchs. Nach Ansicht von SPD-Fraktionschef Harald Garbers und Professor Dr. Hans-Jürgen Sternowsky sollte die Stadt die Ehrenbürgerschaft dennoch förmlich aberkennen. Denn damit setze der Rat „ein Zeichen für den angemessenen Umgang mit seiner Geschichte und sein Eintreten für die Demokratie in unserem Land“.

Für die Sozialdemokraten ist solch eine Aberkennung ein wichtiges Symbol, gerade mit Blick auf den „zunehmenden braunen Terror in Deutschland“, hatte Garbers bei Einbringung des Antrags vor zwei Jahren der Soltauer Böhme-Zeitung gesagt. Sternowsky verwies darauf, dass nach 1933 zahlreiche andere Städte wie Bleckede, Buchholz, Lüneburg und Bremerhaven Telschow ebenfalls die Ehrenbürgerwürde verliehen hätten. Mittlerweile hätten die Räte sie der Nazigröße aber posthum aberkannt.

Die Ehrenbürgerliste der Stadt Soltau dagegen enthalte den Namen Telschow nach wie vor – ohne Zusatz. „Er steht in einer Reihe gleichberechtigt neben verdienstvollen Männern der Stadtgeschichte“, kritisierte Garbers laut Böhme-Zeitung. Einfach gestrichen werden könne die Nazigröße aus der Liste zwar auch nach einem Ratsbeschluss nicht, die Aberkennung müsse aber ausdrücklich aufgeführt werden. Gleiches gelte für das Goldene Buch, das bei der Ehrung Telschows erstmals ausgelegt worden war. Die Eintragung soll mit einem Vermerk versehen werden.

Sternowsky verwies im Februar 2012 laut Böhme-Zeitung darauf, dass Telschow als „Paradebeispiel für einen rücksichtslosen, brutalen Funktionär des sogenannten Dritten Reichs“ gelte. Der Ratsherr vermute nach seinen Recherchen, dass die Stadt dem Nazi-Gauleiter die Ehrenbürgerwürde in vorauseilendem Gehorsam, als Verbeugung vor dem NS-Regime, verliehen hatte. „Da gibt es absolut nichts, was Telschow für Soltau getan hat. Soltau hat sich einfach katzbuckelnd in die Reihe gestellt.“

Genaue Unterlagen über die Ehrenbürgerschaft Telschows gebe es nicht, die entsprechenden Akten im Stadtarchiv fehlen. Von der Urkunde gibt es nur Reproduktionen. „Das tausendjährige Soltau, die Kreisstadt im Herzen der Lüneburger Heide, verleiht dem Gauleiter der NSDAP des Gaues Ost-Hannover, Staatsrat Otto Telschow, dem ersten und unentwegten Vorkämpfer des Nationalsozialismus in Niedersachsen, der Soltau im dritten Reich einen besonderen Aufschwung gegeben hat, den Schirmherrn ihrer Tausendjahrfeier, in Dankbarkeit und Verehrung das Ehrenbürgerrecht“, heißt es da in kunstvollen Lettern, unterschrieben von Bürgermeister Willy Klapproth.

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KOMMENTAR

Die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Telschows in der Südheide wäre ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der die Nazis wieder erstarken. Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass sie dazu gelernt haben. Sie wissen sich zu verkaufen und bei der Bevölkerung anzubiedern. Die Petition gegen die Unterbringung von 116 Asylbewerbern in Tostedt zeigt das deutlich – man schiebt (teilweise haarsträubende) sachliche Argumente vor, um politisch korrekt da zu stehen und die latente Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung zu kanalisieren.

Dass es fast sieben Jahrzehnte dauert, bis sich Soltau dazu entschlossen hat, den mächtigsten Nazi der Heide die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen, spricht für sich. Jetzt sollte auch Buchholz den Schritt tun und sich an das „Vermächtnis“ Telschows im Herzen der Stadt heranwagen – die als „Kriegerdenkmal“ bezeichnete Gedenkstätte auf dem Marktplatz.

Da das Nordheide Wochenblatt und die Harburger Rundschau mein Vorhaben offenbar boykottieren sie haben trotz ausführlicher Information vor etwa einer Woche noch keine Zeile über den Antrag gebracht -, veröffentliche ich den Wortlaut meines Antrags im Stadtrat von Buchholz, eine Gedenkstätte für die Buchholzer NS-Opfer neben Telschows „Kriegerdenkmal“ zu errichten, an dieser Stelle:

Der Rat der Stadt möge beschließen:

Die Verwaltung der Stadt Buchholz erarbeitet, mit eigenen Mitteln und/oder externer Hilfe, ein Konzept für eine Gedenkstätte, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, hier vor allem an die NS-Opfer in Buchholz. Die Gedenkstätte wird direkt neben dem Gedenkstein für die in den Weltkriegen gestorbenen deutschen Soldaten und in ähnlicher Größe auf dem Mittelpunkt des Marktplatzes der Stadt eingerichtet.

Vorgaben für das Konzept sind folgende: Die Gedenkstätte erinnert insbesonders an Opfer von Verfolgung und Diskriminierung durch das Nazi-Regime in Buchholz selbst. Dabei werden sämtliche Namen solcher Opfer aufgeführt, die sich ermitteln lassen. Aufgeführt werden u. a. folgende Personen (Quelle: „Buchholz 1925-1945 – Die verschwiegenen zwanzig Jahre“, Diekhöner, Hoffmeister, Kreidner, Wiborg, Buchholz, 1987):

  1. Ernst Neuhaus, Kommunist. Seine Wohnung an der Steinstraße galt als „Kommunistentreff“. Er grüßte Genossen auf offener Straße mit dem „Rotfront“-Gruß, fuhr zur 1.-Mai-Kundgebung nach Hamburg. Neuhaus verschwand spurlos, man kann davon ausgehen, dass er von den Nazis ermordet worden ist.
  2. Erich Hasselfeld, Kommunist. Auch er verschwand eines Tages „spurlos“.
  3. Anton Tietjen, Sozialdemokrat. Tietjen baute die SPD in Buchholz mit auf. Er wurde von den Nazis schikaniert und zermürbt. Zeitweise mussten er, seine Frau und die sechs Kinder hungern, weil der Gauleiter Otto Telschow ihn ohne die Zahlung von Trennungsgeld hatte versetzen lassen. In Briefen bis hinauf zur Reichskanzlei beschrieb seine Frau das physische und psychische Elend der Familie.
  4. Friedrich Bode, Sozialdemokrat. Auch er wurde von den Nazis verfolgt. Bode war Ortsvereinsvorsitzender der SPD. Im September 1933 wurde Bode abgeholt und war eine Woche lang in Gestapo-Haft. Vermutlich ist er dort gefoltert und eingeschüchtert worden. 1934 verlor er seine Arbeit bei den Rütgers-Werken. Bode und seine Frau lebten zeitweise in großer Not.
  5. Paula E., Halbjüdin. Telschow zwang die Frau ihren Lebensmittelladen zu schließen, ließ ihr Haus zwangsräumen und ordnete eine Strafversetzung nach Posen ein. Paula E. konnte zurückkehren. Sie wurde in Buchholz als „Volksschädling“ beschimpft, von Geschäftsleuten nicht bedient und vom Zahnarzt nicht behandelt. Als Werkssanitäterin in einem Rüstungsbetrieb musste sie gefährlichste Arbeiten übernehmen.
  6. Namenloses Mädchen. Das Mädchen aus dem Bereich Neue Straße wurde im Rahmen des Euthanasie-Programms der Nazis abgeholt, wie es im o. a. Buch heißt. Sie ist vermutlich umgebracht worden. Hier ist zu recherchieren, ob der Name des Mädchen ermittelt werden kann.

Über die Einbeziehung weiterer Opfergruppen, etwa der Zwangsarbeiter, die in Buchholz eingesetzt wurden, sowie der Kriegsgefangenen, ist noch zu entscheiden. Dasselbe gilt für das Thema KZ-Züge. Buchholz wird in dem o. a. Buch als „Bahnknotenpunkt auch für KZ-Züge“ bezeichnet. Auch ist erneut zu recherchieren, ob noch weitere Personen aus Buchholz deportiert wurden und namhaft gemacht werden können.

Begründung: Seit gut 90 Jahren befindet sich in der Mitte des Marktplatzes von Buchholz, im Zentrum der Stadt, eine Gedenkstätte für Buchholzer Soldaten, die in den Kriegen von 1870/71 sowie in den beiden Weltkriegen gefallen sind. Für diese als „Kriegerdenkmal“ bezeichnete Gedenkstätte wurde am 1. April 1923, Ostersonntag, vom „Deutschen Kriegerverein für Buchholz und Umgebung“ feierlich der Grundstein gelegt (natürlich noch ohne die Jahreszahlen des Zweiten Weltkriegs).

Für die Nationalsozialisten hatte die Gedenkstätte herausragende Bedeutung. Der spätere Gauleiter Otto Telschow, damals noch Polizeibeamter, trat bei der Grundsteinlegung zum ersten mal öffentlich in Erscheinung, in seiner Funktion als Vorsitzender des Kriegervereins und des „Ausschusses für Heldenverehrung“. Seine Rede auf der abendlichen Feier im Gasthaus Cohrs bezeichneten die Nazis selbst später als richtungsweisend, wie es im Buch „Die verschwiegenen zwanzig Jahre – Buchholz 1925-1945“ heißt.

Die Reden zu diesem Anlass seien eine „Mischung aus Pathos und Revanchismus“ gewesen. Telschow sagte unter anderem: „Eines fordern wir: Liebe zum Vaterlande und einen sittlich reinen Sinn! Diese Tugenden wollen wir alle üben, jetzt und immerdar. Nur so kann es uns gelingen, uns wieder freizumachen von den Sklavenfesseln, die raubbegierige Nachbarvölker uns angelegt haben.“

In der Grundsteinurkunde, die Telschow selbst verfasst hatte, variierte er dasselbe Thema. Die Urkunde liegt nach Angaben der Autoren des o. a. Buches immer noch unter dem Denkmal. Sie stelle so etwas wie das „politische Glaubensbekenntnis von Telschow im Jahre 1923 dar“. Die Nationalsozialisten hätten der Grundsteinlegung und dem damaligen Wirken von Telschow große Bedeutung beigemessen.

Trotz dieser klaren Verbindung des Denkmals zum Aufstieg und zur Ideologie der Nationalsozialisten, hat man in Buchholz nach Ende des Zweiten Weltkrieges das Denkmal nicht entfernt, sondern noch um die Jahreszahlen des Zweiten Weltkriegs ergänzt, die auf dem Findling angebracht wurden. Die Inschrift „Den gefallenen Helden“ bezieht sich damit explizit auch auf die in diesem Krieg gefallenen Buchholzer Soldaten.

Die Inschrift relativiert die Gräuel der beiden Weltkriege und die Verbrechen des NS-Regimes auf unerträgliche Weise. Dass auch die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten als „Helden“ bezeichnet werden, impliziert, diese hätten für eine gute Sache gekämpft.

Im Februar 2012 hat der Antragsteller im Rat der Stadt die Versetzung des Denkmals an einen weniger zentralen Ort beantragt, um den Fehler der Nachkriegszeit, das Denkmal nicht zu entfernen, ein Stück weit zu heilen. Da es in der Gruppe SPD/Die Grünen/Die Linke deutlichen Widerstand gegen das Vorhaben gab, hat der Antragsteller den Antrag zurückgezogen.

Damit besteht immer noch die unhaltbare Situation, dass am zentralen Ort der Stadt der Buchholzer gedacht wird, die für das verbrecherische NS-Regime in den Krieg gezogen und nicht zurückgekommen sind – aber nicht der Buchholzer, die von diesem Regime verfolgt worden sind. In ganz Buchholz gibt es keine einzige Gedenkstätte für Opfer des NS-Regimes (siehe DS 11-16/0078.002). Auf dem alten Friedhof befinden sich 18 Gräber polnischer und russischer Zwangsarbeiter“, diese lassen sich aber nicht als Gedenkstätte bezeichnen.

Mit einem Mahnmal für Buchholzer, die von den Nationalsozialisten verfolgt und getötet worden sind, werden diese Opfer endlich aus dem Dunkel des Vergessens geholt. Darum ist es – analog zu der Tafel mit den Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Buchholzer Soldaten – erforderlich und sinnvoll, diese Menschen auf einer Tafel namentlich zu erwähnen. Menschen wie der Kommunist Ernst Neuhaus haben ihren Widerstand gegen die Nationalsozialisten mit dem Leben bezahlt. Andere wie der Sozialdemokrat Friedrich Bode sind schikaniert und bedroht worden, ihre Familien haben in materieller Not, psychischem Elend und ständiger Angst gelebt.

Eine Gedenkstätte für diese Menschen macht nur am beantragten Ort, in der Grünanlage im Zentrum des Marktplatzes, in der auch das „Kriegerdenkmal“ steht, Sinn. Die Stadt kann hier Mut beweisen und ein Signal an neue und alte Nazis senden, dass die Buchholzer Opfer der Nationalsozialisten ebensowenig vergessen sind wie die Soldaten aus Buchholz, die in den Weltkriegen getötet wurden.

Die Errichtung einer Gedenkstätte für NS-Opfer in Buchholz wäre auch ein klares Signal an die wieder erstarkende Neonazi-Szene der Stadt, für die das von Otto Telschow eingeweihte Denkmal offenbar symbolische Bedeutung hat. Dies zeigt der Auftritt von Buchholzer Neonazis der „Aktionsgemeinschaft Nordheide“ in der Silvesternacht. Fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist es Zeit, an dieser Stelle ein deutliches Zeichen zu setzen.

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