Buchholz kämpft mit anderen Kommunen gegen den Zensus 2011 – Experten kritisieren Methodik – Kippt der Zensus noch?

Veröffentlicht: 2014-02-05 in Hintergründe, Lokales, Politik
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Logo ZensusVon Kristian Stemmler

Buchholz wehrt sich gegen den Zensus 2011. Wie viele andere Kommunen in Niedersachsen und Deutschland gibt sich die Stadt nicht mit den Ergebnissen zufrieden, die bei ihrer Veröffentlichung Ende Mai für einen Schock sorgten. In etwa zwei Dritteln der rund 11.000 deutschen Kommunen hatte der Zensus niedrigere Einwohnerzahlen ergeben, danach leben in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen weniger als gedacht. Der Protest der Kommunen könnte den Zensus jetzt aber noch zu Fall bringen.

Für die Stadt Buchholz war der Erste Stadtrat Jan-Hendrik Röhse vor kurzem im Landesamt für Statistik in Hannover, um Akteneinsicht zu nehmen und sich über das Thema zu informieren. Das Amt vertritt die Auffassung, dass bei der Zählung korrekte Zahlen geliefert wurden. Die Verwaltung wird eine ergänzende Stellungnahme abgeben und einen Bescheid erhalten, gegen den dann Rechtsmittel eingelegt werden können, was auch beabsichtigt sei, wie Heinrich Helms bestätigt, Pressesprecher der Stadt.

Buchholz gehört zu den größten Verlierern des Zensus in Niedersachsen. Rund 2200 Einwohner weniger als angenommen sollen in der Stadt leben, 36.656 statt 38.930 am Stichtag 30. Juni 2011. Für Buchholz geht es wie für viele Kommunen um bares Geld: Durch die verminderte Schlüsselzuweisung des Landes, die sich nach der Einwohnerzahl richtet, fehlten im vergangenen Jahr plötzlich rund zwei Millionen Euro. Der Landkreis verlor über drei Millionen Euro.

In der Verwaltung will man jetzt den Bescheid des Landesamtes abwarten und diesen „auf Herz und Nieren prüfen“, wie Bürgermeister Wilfried Geiger dem Nordheide Wochenblatt sagte. Es wurde extra eine Arbeitsgruppe zum Thema eingerichtet. Vermutlich wird sich die Stadt der Klage anderer Kommunen gegen den Zensus anschließen. „Im Süden und Südwesten haben Kommunen bereits einen Sachverständigen engagiert, Buchholz könnte sich ihnen anschließen“, sagte Helms.

Wie Spiegel online kürzlich berichtete, hatten bereits Ende letzten Jahres mehr als 800 Gemeinden gegen die Zählung Widerspruch eingelegt. Die Ergebnisse des Zensus wichen, so das Nachrichtenportal, erheblich von den bisherigen amtlichen Werten ab – die Unterschiede reichten von minus 42 bis plus 230 Prozent. Mannheim zum Beispiel verlor auf einen Schlag 7,5 Prozent seiner Einwohner. Dort ist man wie in vielen anderen Kommunen überzeugt, dass der Zensus aufgrund fehlerhafter Methodik zu falschen Zahlen geführt hat.

Bei der Zählung wurden nicht alle Bürger gezählt. Stattdessen wurden, wie Spiegel online erläutert, in einem komplizierten Verfahren verschiedene Datensätze kombiniert, darunter Verwaltungsregister, Daten der Bundesagentur für Arbeit und öffentlicher Arbeitgeber. Da sich in alle diese Verzeichnisse immer wieder Fehler einschleichen, wurden die Daten dann noch überprüft, per Fragebogen. Anders als bei der Volkszählung 1987 schickte man dazu nicht Interviewer in jeden Haushalt, sondern nur zu einem Teil der Bevölkerung.

Das Ergebnis dieser Befragung wurde dann auf die gesamte Bevölkerung hochgerechnet. So entstand die Einwohnerzahl – laut Spiegel Online nur „eine Schätzung“. Im Fall Mannheim wurden zum Beispiel nicht zehn, sondern nur 3,7 Prozent der Bevölkerung befragt. Jeder Fehler, den die Interviewer machten, schlägt sich durch die Hochrechnung damit 27-fach auf das Gesamtergebnis für die Stadt durch. In der Adressliste, die die Interviewer abarbeiten sollten, standen ursprünglich Telefonzellen, Trafo-Häuschen und Garagen…

Die Kommunen arbeiten inzwischen bundesweit eng zusammen, einige bieten sogar Workshops für andere Gemeinden an. Spiegel online schreibt: „Kommt der Zensus tatsächlich vor Gericht, dürfte es spannend werden. Die Stadt Mannheim ist überzeugt, dass der im Zensusgesetz festgelegte Methodenmix das Recht auf interkommunale Gleichbehandlung verletzt, außerdem das auf kommunale Selbstverwaltung. Beide sind durch das Grundgesetz garantiert. Die Richter könnten am Ende nichts weniger feststellen als dies: Der Zensus 2011 war verfassungswidrig.“

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Kommentare
  1. Söreen sagt:

    Wieder Geld zum Fenster rausgeworfen! Und da folgt noch mehr! Da möchte ich mal drunter stehen… Ich kenne viele, die es echt nötig haben. Ich verstehe das nicht: Es gibt doch Einwohnermeldeämter, da sollten doch alle Bürger erfasst sein. Die nicht gefunden werden wollen, melden sich nicht an, logisch. Alle zu zählen ist ein schwieriges Unterfangen. Versuchen Sie mal nur 5 arbeitende Mütter an einem Termin zu treffen. Vergiss es. Eine Hochrechnung ist viel ungenauer als eine Milch-Mädchen-Rechnung, in die bekanntlich Menschenverstand steckt.

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