Atemberaubend! Wilfried Schmickler, die Dampframme des deutschen Kabaretts, erschüttert Buchholz

Veröffentlicht: 2014-01-17 in Lokales
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Schmickler Empore

Faxen für die Fotografen: Wilfried Schmickler gestern zum Auftakt seines Auftritts in der Empore.

Von Kristian Stemmler

Wenn Wilfried Schmickler richtig in Fahrt kommt, dann kommt so schnell keiner hinterher. In atemberaubenden Tempo brettert der fernsehbekannte Kabarettist aus Köln durch unsere an Idiotien so überreiche Gegenwart, steigert sich, ohne irgendwo abzusetzen, in halsbrecherische Wortkaskaden hinein, verspritzt Gift und Galle gegen alle und jeden, vor allem aber gegen all die, die es wirklich verdient haben. Wilfried Schmickler ist die Dampframme des deutschen Kabaretts, aber mit Turbo! Berühmt sind die kalkulierten Tobsuchtsanfälle, mit denen er traditionell die Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“ des WDR beschließt. Wie von der Tarantel gestochen läuft der 59 Jahre alte Bühnenrecke durch den Alten Wartesaal unter dem Kölner Hauptbahnhof, den Kameramann vor sich herscheuchend, und rotzt eine Wutrede zu einem aktuellen Aufreger raus, die sich gewaschen hat. Da wird schnell klar: Der macht Kabarett aus Notwehr, aus Notwehr gegen den herrschenden Wahnsinn.

Auf seiner Tour durch die Klein- und Großstädte der Republik machte der bullige Berserker vom Rhein am Donnerstag im beschaulichen Buchholz in der Nordheide Station, rockte die ausverkaufte Empore. Natürlich konnte er in seinem Programm (Titel: „Ich weiß es doch auch nicht“) nur streckenweise das Tempo erreichen, das man von ihm im TV gewohnt ist, denn zwei Stunden lang hält das selbst ein Schmickler nicht durch.

Es war aber immer noch schnell genug, beängstigend schnell oft, ein Parforceritt durch nahezu sämtliche Themen mit Aufregerpotenzial aus Gesellschaft, Politik und Alltag, ein Dauerstaccato ohne Punkt und Komma, aber immer auf den Punkt. Von Merkel bis Mindestlohn, von Protzbischof bis Pkw-Maut, von Eurokrise bis Eventwahn, von NSU bis NSA. Für Manchen im Publikum war das alles vermutlich eher zu schnell.

Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Bei einem Viertel bis einem Drittel der Zuhörer konnte man vom Habitus und vom Verhalten her (wer lacht wie oft und wenn wo?) leicht den Eindruck gewinnen, sie hätten sich in der Veranstaltung geirrt. Bei Marianne und Michael, Ohnsorg oder der Tschechischen Kammerphilharmonie wären sie möglicherweise besser aufgehoben gewesen…

Dass Schmickler ein beinharter Systemkritiker mit Hang zu cholerischen Ausfällen und ein unverbesserlicher Moralist ist, dürfte vielen vorher nicht so klar gewesen sein. „Den kennen wir aus dem Fernsehen, der ist lustig“, das reicht ja heute schon, um ein Ticket zu ordern. Bis die Zuhörer gemerkt hatten: Der Mann meint es ernst (anders als Nuhr, Barth und wie die anderen Arenenbespaßer alle heißen) – da war es zu spät. Zumal der Gast vom Rhein sein Programm geschickt komponiert hat.

Ohne großes Brimborium hüpft er auf die nur mit einem Tisch, einem Stuhl, einem Barhocker, einem Mikrofonständer und einem Notenständer für Spickzettel bestückte Bühne und glüht das Publikum im Stile eines Conférenciers mit ein paar flachen Witzen vor, die aus seinem Munde aber dennoch flott klingen. Da kann man noch glauben: „Der will nur spielen, der beißt nicht.“ Aber denkste!

Mit wachsender Geschwindigkeit fräst der wahnwitzige Wortakrobat Schneisen durch die Beklopptheiten der modernen Welt, spießt hier was auf und da was auf, verteilt Seitenhiebe en gros, kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Von Tebartz-van Elst („Der schlägt Schöner Wohnen öfter auf als die Bibel“) zu Stuttgart 21 („Heiner Geißler nennt man dort: Salomon, der runde Tischler“), von der Talkshow-Inflation („ARD: Alle reden Dauer“) bis zum neuen Kabinett („So einen skurrilen Haufen habe ich noch nicht gesehen“).

Sensationell sind seine mit irren Reimen, absurden Assoziationsketten und abgründigen Anspielungen gespickten Gedichten, die er so gut wie unfallfrei runterrattert. Ohne übertreiben zu wollen, wandelt Schmickler hier auf den Spuren von Busch, Morgenstern und Ringelnatz, allerdings politischer und schärfer. Sensationell auch seine Collage von erdachten Schlagzeilen („Bofrost-Mann liebt Schlecker-Frau, Merkel immer beliebter“) und die Fantasie einer Krönung der Kanzlerin zur Königin von Deutschland, bei der Helmut Kohl im Rollstuhl hereingerollt wird und ausruft: „Habemus Mamam!“.

Dass er auch ganz anders kann, beweist Wilfried Schmickler in seinen Gesangseinlagen, die für die Zuhörer willkommene Atempausen darstellen. Mit seinem sonoren Bass, der jedem Shantysänger zur Ehre gereicht, bietet er Lieder dar, die man wohl am ehesten als Politchansons bezeichnen kann, etwa ein Seemannslied über die Piratenpartei und ein Lied für Dieter Hildebrandt und andere verstorbene Kollegen. Da zeigt er sich gefühlvoll, fast sentimental.

Aber nur kurz. Denn zum Schluss deckt der Bußprediger aus Köln, der den Menschen keinen Rheinwein, sondern reinen Wein einschenkt, die Zuhörer mit Fakten und Zahlen zu, die nur eines belegen sollen: die wachsende Ungleichheit und Ungerechtigkeit in diesem Land! In einem Land, in dem rund 7,3 Millionen Billiglöhner kaum von ihrem Verdienst leben können, in dem der Staat seine Sozialpädagogen und Streetworker „erbärmlich bezahlt“. An dieser Stelle lacht keiner mehr.

Dass dies keine pflichtgemäße Gewissensberuhigung ist, sondern dass ihn die soziale Erosion mit all ihren unabsehbaren Folgen umtreibt wie nichts anderes, macht Schmickler klar, indem er nach dem eigentlichen Schlussapplaus noch mal ganz ernst wird. Für ihn sei kein anderes Phänomen gesellschaftlich so relevant und schwerwiegend wie dieses: „dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht“. Und darum beschließt er den Abend mit der Rezitation seines Gedichtes über die Gier.

„Was ist das für ein Tier, die Gier? Es frisst an mir, es frisst in dir, will mehr und mehr und frisst uns leer… Und wann fängt dieses Elend an, dass man genug nicht kriegen kann und plötzlich einfach so vergisst, dass man doch längst gesättigt ist und weiter frisst und frisst und frisst?“ Und am Ende des Gedichts heißt es: „So kommt zu Neid und Gier der Hass. Und sind die erst einmal zu dritt, fehlt nur noch ein ganz kleiner Schritt, bis dass der Mensch komplett verroht und schlägt den anderen halbtot. Und wenn ihr fragt: Wer hat ihn bloß so weit gebracht: Das hat allein die Gier gemacht!“

Wie gesagt, der Mann meint es ernst.

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Kommentare
  1. buchholzblog sagt:

    Danke für das Lob!

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  2. Lubeca sagt:

    Prima geschrieben; dieser Artikel würde sich im Feuilleton so mancher Tageszeitung sehr gut machen.Habe mich durchaus etwas geärgert, dass dieses Gastspiel völlig an mir vorübergegangen ist. Ich sollte mir das Programm der Empore doch wohl mal etwas genauer ansehen, um nicht erst hinterher zu lesen, was ich da wieder verpasst habe.

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  3. buchholzblog sagt:

    Danke, lieber bluebear. Ja, was Nuhr angeht, war das vielleicht unfair. Bin mir da nicht sicher. Sicher ist der zehnmal besser als Barth. Aber mit seinem Buch und so – da hatte ich das Gefühl, dass es ihm auch eher ums Abkassieren geht. Stimmt vielleicht nicht.

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  4. BlueBear sagt:

    Lieber buchholzblog,
    dieser Bericht war einmal eine willkommene Abwechslung hier im Blog. Ich habe ihn mit Interesse gelesen.
    Allerdings habe ich eine kleine Kritik. Dieter Nuhr und Mario Barth in einen Topf zu werfen finde ich nicht ganz fair. Da liegen schon intellektuell Welten zwischen den beiden.
    Ansonsten . Gerne mehr davon. Auch der buchholzblog braucht seinen Feuilleton.

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