Das Dschungelcamp und die Ekelprüfungen des Alltags – eine Analyse

Am morgigen Freitag startet RTL wieder seinen Quotenhit „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ Seit Tagen wird die Sendung von „Bild“ und anderen Medien promotet. Da zu befürchten ist, dass auch in Buchholz und im Landkreis sich Tausende morgen das Format zu Gemüte führen, veröffentliche ich an dieser Stelle einen Kommentar, den ich im vergangenen Jahr am Ende der Staffel für das überregionale Magazin „Publik-Forum“ geschrieben habe:

Von Kristian Stemmler

Gut zwei Wochen gehörten sie für Millionen von Deutschen praktisch zur Familie, waren Gesprächsthema auf dem Schulhof, am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis: Fiona, Joey, Olivia und all die anderen. Elf Pseudoprominente hatte Sender RTL für die siebte Staffel der Fernsehshow „Ich bin ein Star – holt mich hier raus‟ – kurz Dschungelcamp genannt – in den australischen Dschungel verfrachtet. Mit 7,97 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 27,7 Prozent übertraf die Auftaktsendung den bisherigen Höchstwert, lag nur wenig hinter ZDF-Quotenhit „Wetten dass..?‟. In der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen lag der Marktanteil gar bei 39,8 Prozent. Ein erstaunlicher, aber vor allem ein bestürzender Erfolg!

Bestürzend nicht nur deshalb, weil es offenbar für Millionen Zuschauer selbstverständlich geworden ist, sich so genannte Ekelprüfungen anzusehen. Also, sich daran zu ergötzen, wie vor laufender Kamera eine Kandidatin Fischaugen isst oder in einen Bottich mit Abfällen, toten Insekten und Schleim fällt. Bestürzend vor allem auch, weil die Sendung bei Kindern und Jugendlichen Kult ist, zunehmend auch Akademiker Dschungelcamp gucken und immer mehr seriöse Medien wie Spiegel Online und die Frankfurter Rundschau in Tagebuchform über das Trash-TV berichten. Und das völlig unkritisch!

„Der Ekel ist somit zum massenmedialen Allgemeingut geworden‟, konstatiert der Publizist Tomasz Konicz auf dem Internetportal heise.de in einer der wenigen intelligenten Analysen zum Thema. Konicz führt den Erfolg der Sendung darauf zurück, dass sich in der Krise vor allem in der Mittelschicht autoritäre Sehnsüchte Bahn brechen, sich „immer stärker die Wünsche regen, andere Menschen erniedrigt, gequält, unterworfen und ausgebeutet zu sehen‟.

Er verweist auf die „Tanzmarathohns‟ in der Weimarer Republik, bei der Paare mitunter wochenlang bis zur totalen Erschöpfung gegeneinander tanzten, was von einem johlenden Publikum verfolgt wurde. Diese Tanzmartathons seien eine „primitive Vorform der Casting- und Demütigungsshows‟ unserer Tage. Konicz sieht in solchen „Manifestationen kaum gezügelten Sadismus’‟ einen „zuverlässigen Indikator für die Zunahme autoritärer und reaktionärer Einstellungen in der Gesellschaft‟. Eine ebenso zutreffende wie beängstigende Analyse!

Auf der Metaebene hält die Show den Zuschauern so einen Spiegel vor. Das ist es doch, was immer mehr Menschen erleben: Mobbing, Druck und Hetze, ständige Konkurrenz, das Prinzip „Jeder gegen jeden‟. Sie müssen am Arbeitsplatz oder im Jobcenter immer wieder Kröten schlucken. Ekelprüfungen des Alltags!

Was vor diesem Hintergrund beim Dschungelcamp mehr bestürzt als alles anderes, ist der Ton der Verächtlichkeit in den Anmoderationen des Moderatorenpaares Sonja Zietlow und Daniel Hartwig. Ihre von Autoren geschriebenen Kommentare zum Verhalten der Kandidaten triefen geradezu von Zynismus und Arroganz. Dieses Verächtlichmachen des anderen – das wird den Zuschauern als normal, wenn nicht sogar als erstrebenswert dargestellt. Wer wundert sich da noch, wenn Jugendliche Schwächere nur noch als „Du Opfer!‟ titulieren?!

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