Der ultimative Jahresrückblick im buchholzblog

Veröffentlicht: 2013-12-30 in Glossen, Hintergründe, Kommentare, Lokales, Politik

Die Tage vor dem Jahreswechsel sind traditionell die Zeit der Jahresrückblicke. Da will auch der buchholzblog nicht zurückstehen. Im Stil des Hauses serviert er Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, hier einige Personen und Ereignisse des Jahres, die Buchholz beschäftigt haben. Stil des Hauses heißt: gern mit ironischem, auch mal sarkastischem Unterton, immer kritisch, manchmal polemisch, möglichst informativ, aber nicht langweilig.

Ich hoffe, dass sich die Erfolgsgeschichte des buchholzblogs, der kurz vor Weihnachten die Zahl von 100.000 Zugriffe erreichte (im Schnitt macht das täglich 250 bis 300) und mit dem Beitrag über den Medienhype beim Sturmtief „Xaver“ im bekannten BILDblog verlinkt wurde, auch in 2014 fortsetzt. Wenn man die Berichterstattung des Nordheide Wochenblattes verfolgt, das  nach dem Ende der HAN so gut wie keine Konkurrenz mehr hat, erscheint einem jede Alternative bitter nötig.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Jahreswechsel und ein gesegnetes neues Jahr und bitte alle um Entschuldigung, die sich persönlich durch Beiträge im blog herabgesetzt gefühlt haben.

Kristian Stemmler

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ABRISSUNTERNEHMER DES JAHRES

+++ Peter Rössner +++

Die Aufgabe hätte vielleicht Bürgermeister Wilfried Geiger oder einer seiner Mitarbeiter gern selbst übernommen. Aber es blieb dem Wenzendorfer Abrissunternehmer Peter Rössner überlassen, das berühmteste Haus der Nordheide dem Erdboden gleich zu machen. Am 26. September rückte Rössner mit einem 16-Tonnen-Bagger in der Straße Dependahl in Sprötze an, um mit dem Abriss des Anwesen des Berufstenors und Gerichtebeschäftigers Prosper-Christian Otto zu beginnen. Das Ende einer langen Geschichte.

Sein Grab hatte Otto sich selbst geschaufelt, indem er bis zum Bundes-verwaltungsgericht gegen einen Bebauungsplan geklagt hatte, der ihn zu einem Rückbau seines Hauses verpflichtet hätte. Er bekam recht, der B-Plan wurde kassiert – aber jetzt stand das Haus im Außenbereich und hatte keinen Bestandsschutz mehr. Das Resultat war eine Abrissverfügung der Stadt, die Otto nur noch herausschieben, aber nicht mehr aus der Welt schaffen konnte.

Mit seiner Verbohrtheit und Beratungsresistenz machte sich Otto übrigens so gut wie überall unbeliebt (vom Wochenblatt abgesehen). Seine Nachbarn werden ihn auch in Erinnerung behalten. Wenn in dem Wohngebiet ein Haus abbrennt, darf es nicht mehr wiederaufgebaut werden. Danke, Herr Otto!

—————————————————————————— Eine volle Amtszeit ist ihm zuviel: Wilfried Geiger kandidiert nicht erneut für das Bürgermeisteramt.

AUSSTEIGER DES JAHRES

+++ Wilfried Geiger +++

Mitte November platzte die Bombe. Der amtierende Bürgermeister Wilfried Geiger tritt bei der Bürgermeisterwahl im Mai 2014 nicht wieder an. Als Begründung gab er an, nach fast 45 Jahren im Dienst sich diese „Stressnummer“ nicht mehr antun zu wollen. Ein weiterer Grund war offenbar, dass die CDU keine eindeutige Rückendeckung für seine Kandidatur signalisiert hatte. Wie dem auch sei, nach diesem Schnitt wirkte Geiger richtig befreit (auf mich jedenfalls). Seinen Job hat er sicher nicht schlecht gemacht, wobei das nicht meine Richtung ist. Auf Wachstum und auf die Wirtschaft zu setzen, antiquierte Straßenbauprojekte wie den Ostring zu forcieren statt auf intelligente Verkehrslösungen zu setzen – damit wird man den Herausforderungen der Zukunft nicht gerecht. Mit einem grün geprägten Bürgermeister ist da wohl mehr drin…

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DSC_2057FLOP DES JAHRES

+++ Sturmtief Xaver +++

Kaum ein Orkan ist wohl jemals so promotet worden wie „Xaver“. Schon Tage vor seinem Eintreffen wurde im Blätterwald geraunt, da komme was auf uns zu wie im Februar 1962. Sogar Helmut Schmidt musste kurz vor seinem 95. noch mal an die Front und die Gemüter beruhigen: Die Deiche seien sicher hoch genug. Das waren sie auch, denn außer auf den Halligen und an der Küste stellte sich „Xaver“ als mittelmäßiges Sturmtief heraus. Sogar „Christian“ ein paar Wochen vorher hatte mehr Schäden verursacht. Verzweifelte Journalisten irrten mit Puschelmikrofon durch die Wallachei, um Sturmopfer aufzuspüren. Als Sturm und Medienhype abgeklungen waren, klopften sich die Medienleute gegenseitig auf die Schulter: Die Berichterstattung war angemessen – weil wir gewarnt haben, hat es so wenig Schäden gegeben. Klar doch!

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An den Pranger gestellt: Baudezernentin Doris Grondke.

HOFFNUNGSTRÄGERIN DES JAHRES

+++ Doris Grondke +++

Sie hat ihren guten Job in einem renommierten Hamburger Architektenbüro aufgegeben, um einer Provinzstadt auf die Beine zu helfen. Die neue Buchholzer Stadtbaudezernentin Doris Grondke (im August ein Jahr im Amt) gab 2013 richtig Gas, ohne dass dies überall auf Gegenliebe stieß. Dass sie neue Verfahren und Instrumente der Stadtentwicklung einführte, eine neue Diskurskultur anregte und die Bürgerbeteiligung forcierte, fordert die Betonköpfe und Strippenzieher der Stadt heraus. Ihr wichtigstes Projekt trägt das Kürzel ISEK, die Erarbeitung eines Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes, wie es das in anderen Kommunen längst gibt. Es soll belastbare Daten über den Stand der Dinge bringen, auf denen eine vernünftige Zukunftsplanung aufbauen kann.

Zu zwei Stadtspaziergängen und den ersten beiden Referaten der „Buchholzer Dialoge“ kamen hunderte Bürger. Grondke holte den Hamburger Oberbaudirektor Jörn Walter und den Oberbürgermeister von Ludwigshafen, Werner Spec, nach Buchholz (weitere folgen). Dass plötzlich Stadtentwicklung nach sachlichen Kriterien und zum Wohl der Allgemeinheit gemacht werden soll und nicht nach dem Gusto und für die Brieftasche einzelner, gefällt nicht allen, wie Grondke schnell feststellen musste. Als sich der Bau der neuen Sporthalle für die Mühlenschule in Holm-Seppensen verzögerte und die Kosten (moderat) anstiegen, wurde ihr das von CDU, FDP und der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) genussvoll persönlich angelastet. Das Hochbauliche Gutachterverfahren, das sie für die Auftragsvergabe eingeführt hatte, sei die Wurzel des Übels.

Und natürlich setzte sich das Nordheide Wochenblatt – Interessenvertretung der Makler, Investoren und anderer Absahner – sofort an die Spitze und zettelte eine Kampagne gegen Grondke an, deren Ende nicht in Sicht ist. Hintergrund dieses Konfliktes sind sicher nicht nur die Profitinteressen einzelner, sondern auch die intellektuelle Rückständigkeit in weiten Teilen von Buchholz, sowohl in der Kommunalpolitik als auch in Verwaltung, Wirtschaft und Medien. Man kann nur hoffen, dass Grondke weitermacht und nicht irgendwann die Lust verliert und das Bauerndorf wieder sich selbst überlässt…

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DSC_9614ÜBERLEBENDER DES JAHRES

++ Die Madness-Eiche ++

Dass man in Buchholz keine Rücksicht auf ortsbildprägende alte Gebäude nimmt, ist nicht neu. So konnte es eigentlich nicht verwundern, dass Mitte Juli das 1905 gebaute Haus Neue Straße 8, in dem sich zuletzt das Kunsthandwerksgeschäft Madness befand (jetzt auf der anderen Straßenseite), dem Erdboden gleich gemacht wurde. Das im klassizistischen Stil gebaute Haus war sicher das Schönste in der Straße, früher war hier der Kolonialwarenladen Röschmann, danach ein Friseur. Jetzt baut die Feldtmann KG dort ein Wohn- und Geschäftshaus, gesichtslos wie alle anderen.

Der Abriss war nicht zu verhindern, darum fokussierte sich die Sorge engagierter Buchholzer auf die alte Eiche vor dem Grundstück, die wegen des Bauvorhabens als gefährdet galt. Innerhalb weniger Tage wurden rund um den Stamm Dutzende von Zetteln mit Gedichten, Sprüchen, gemalten Bildern und ähnlichem befestigt, um den Baum zu retten. Der Protest hatte Erfolg – der Investor und die Stadt vereinbarten, dass das Baufenster zwei Meter nach hinten verlegt wird, so dass die Eiche aller Voraussicht nach überleben kann. Immerhin etwas!

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SIEGER DES JAHRES (IM NIVEAULIMBO)

Das Wochenblatt

Auch in diesem Jahr gelang es der Landkreis-„Bild“ wieder neue Tiefmarken beim journalistischen Niveau zu setzen. So druckte das Wochenblatt im Oktober – aus Versehen, wie später bekundet wurde – eine Todesanzeige für den in Rom verstorbenen NS-Kriegsverbrecher Erich Priebke, die von Neonazigruppierungen aufgegeben worden war. Im selben Monat landete das Blatt im überregionalen BILDblog, weil man sich damit gebrüstet hatte, die Internationale Gartenschau in Wilhelmsburg totgeschwiegen zu haben. Dort hatte man sich erfrecht, bei der Vermarktung nicht mit dem Wochenblatt-Verlag zu kooperieren.

Vor allem aber machte das Wochenblatt wieder Politik, und zwar nach Gutsherrenart. Die neue Baudezernentin Doris Grondke wurde mit einer Kampagne überzogen, auch Bürgermeister Geiger bekam sein Fett weg. Das Schicksal eines Obdachlosen wurde instrumentalisiert, um die Verwaltung anzupinkeln. Beamten-Bashing auf allen Kanälen. Dafür jubelt man christliche Fundis, halbseidene Investoren und den Ostring hoch.

Eines sollte hier aber auch mal gesagt werden: Schuld an diesen Zuständen ist die Ausrichtung der Zeitung durch die Redaktions- und Verlagsführung. Die Kollegen in der Redaktion machen ihre Arbeit, fachlich gesehen, weitgehend ordentlich – und das unter, wie man hört, keinen besonders guten Arbeitsbedingungen. Hohe ethische Maßstäbe hat die ehrenwerte Familie Schrader nur, wenn sie andere unter das Fallbeil legt…

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Stimmzettel Bürgerentscheid FORMULIERUNG DES JAHRES

+++ Die Frage des Ostring-Bürgerentscheids +++

„Soll der Beschluss des Rates der Stadt Buchholz vom 17. April 2012 (DS 11-16/0025.004), der zum Inhalt hat, die Verträge mit dem Landkreis Harburg zum Bau des Ostrings aufzuheben bzw. zu kündigen, zu Ziffer 2.), aufgehoben werden?“ – Diese völlig verquaste Formulierung wurde den Buchholzern am 20. Januar in ihren Wahlkabinen serviert, als sie dort zur Landtagswahl erschienen. Die Verwirrung war groß und trug vermutlich zum Sieg der Ostring-Befürworter bei. 61,7 Prozent stimmten für die Aufhebung der Verträge, also für den Ostring. Der Jubel der Ostring-Fans versandete allerdings schnell. Denn anders als die Initiatoren des Bürgerentscheids um den Unternehmer Timo Hanke suggeriert hatten, muss die Umgehung jetzt keineswegs gebaut werden. Ein vom Landkreis eingesetzter Spitzenjurist machte im Juli klar, dass die Aussichten, das Urteil des Verwaltungsgerichts Lüneburg zu kippen, das den Planfeststellungsbeschluss zum Ostring kassiert hatte, gegen null tendieren.

Also, lieber Reinhard Schrader und ihr anderen Autofetischisten: Sorry, aber in den nächsten Jahren werdet ihr gelegentlich noch zehn Minuten auf der Hamburger Straße im Stau stehen müssen…

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YUPPIETRÄNKE DES JAHRES

+++ viel fein [feel fine] +++

Von allen Beiträgen im buchholzblog in den zwei Jahren seines Bestehens schießt der über den Ende April im Kabenhof eröffneten Luxusladen viel fein [feel fine] den Vogel ab. Mit 1786 Zugriffen ist er der am zweitmeistgelesene Beitrag im blog (nur übertroffen von dem Artikel über den Xaver-Hype), wird nach wie vor aufgerufen. Er hat mit 60 Anmerkungen die meisten Kommentare im blog und er hat auch außerhalb des Internets für Wirbel gesorgt. Die harsche und polemisch vorgetragene Kritik an dem obszönen Luxus, den dieser Laden repräsentiert, erregte die Gemüter. Das Nordheide Wochenblatt gab seinem Anzeigenkunden Flankenschutz und fischte einen Satz aus dem Beitrag: „Und es wundert mich zunehmend, dass sich all die Marginalisierten, die Abgehängten und Unterdrückten das gefallen lassen, dass all die Porsche Cayennes und BMW X5 unbeschädigt in der Gegend herumstehen können.“

Diese analytische Feststellung wurde als Aufruf zur Sachbeschädigung missverstanden und führte zu der Frage des Wochenblattes, ob so jemand noch Ratsherr sein kann. Kann er. Übrigens liege ich mit meiner Vermutung, dass die soziale Segregation in diesem Land zu wachsender Gewalt führt, offenbar nicht ganz falsch. Das zeigen die Gebäudeschäden an Luxushotels und Elbchausseevillen der letzten Tage in Hamburg. Man marginalisiert nicht ungestraft ganze Bevölkerungsschichten!

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imagesNERVENSÄGE DES JAHRES

+++ Nicole Bracht-Bendt +++

In den Wochen vor der Bundestagswahl kam keiner im Landkreis an ihr vorbei. Das neoliberale Siegergrinsen von FDP-Nervensäge Nicole Bracht-Bendt überfiel Autofahrer und Passanten an allen wichtigen Aus- und Einfallstraßen. Auch wer zu Hause blieb, war nicht sicher vor ihr, da sie alle Haushalte mit Flyern terrorisierte, in denen sie ihr einfältiges Weltbild entfaltete. Der Grund für diesen propagandistischen Aufwand: Bracht-Bendt war von ihrer Partei nicht nochmal auf einen aussichtsreichen Platz der Landesliste gesetzt worden und wollte diesmal mit den Erststimmen in den Bundestag. Das scheiterte bekanntlich ebenso grandios wie generell der Einzug der Liberalen ins Parlament. Dieses wiederum war sicher eines der absoluten Highlights des Jahres!

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Kommentare
  1. Lubeca sagt:

    Zwar etwas spät, da erst heute im Fernsehen gesehen, aber dagegen ist das viel fein [feel fine] wirklich harmlos. In Berlin hat über Weihnachten ein Hunde-Restaurant unter dem Namen pet deli eröffnet. Hier werden für den verwöhnten (oder auch schwer allergischen) Wuffel Köstlichkeiten wie Känguru-Fleisch mit Lachsöl oder Truthahn mit Brokkoli und Beeren angeboten – entweder to go oder auch in Metallnäpfen vor idyllischer Holzkulisse. Bis zu 6 Euro kostet eine Portion von 500 g, für 4 Euro gibt’s Cupcakes.
    Der Betreiber der Berliner Arche merkte an, der Laden in Grunewald sei absolut dekadent in Anbetracht der Tatsache, dass einem Hartz IV – Kind pro Tag nur ca. 1,20 Euro für Nahrungsmittel zugestanden wird. Man könne den Eindruck bekommen, in Deutschland werde mehr für Tiere als für Kinder getan. Traurigerweise scheint der Mann Recht zu haben.

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