„Eine unglaubliche Dynamik“ – Ludwigsburgs OB plädiert für Stadtentwicklungskonzepte

Spec
Seit neun Jahren OB: Werner Spec.

Von Kristian Stemmler

Doris Grondke hat es nicht immer leicht. Nachdem sie vor knapp eineinhalb Jahren ihr Amt als Stadtbaurätin angetreten hatte, musste sie schnell erkennen, dass sich im früheren Bauerndorf Buchholz nicht jeder freut, wenn neue Methoden der Stadtplanung eingeführt werden. Aktuell wird sie vom Wochenblatt mit einer Kampagne überzogen, weil sie es gewagt hat, den Neubau der Sporthalle der Mühlenschule in Holm-Seppensen nicht nach Schema F, sondern im Zuge eines Gutachter-verfahrens zu vergeben. Grondke ließ sich nicht beirren. Mit dem „Integrierten Stadtentwicklungs-konzept“ (ISEK) startete sie im Frühjahr 2013 einen groß angelegten Prozess, der Ende 2014 in einen Zukunftsplan münden soll. Am Montag bekam sie für dieses ambitionierte Vorhaben engagierte Schützenhilfe von außerhalb.

In der von Grondke initiierten Reihe „Buchholzer Dialoge“ hielt Werner Spec, parteiloser Oberbürgermeister der baden-württembergischen Stadt Ludwigsburg, vor rund 80 Zuhörern in der Empore ein leidenschaftliches Plädoyer für Stadtentwicklungskonzepte und Bürgerbeteiligung. Mit einer Zukunftskonferenz startete seine Stadt, die mit 89.000 Einwohnern etwa doppelt so groß ist wie Buchholz, schon 2004 die Erarbeitung eines Stadtentwicklungskonzeptes. „Das hat uns unheimlich nach vorn gebracht, es ist zu einer unglaublichen Dynamik gekommen“, resümierte Spec.

Ein Stadtentwicklungskonzept zu managen, sei eine „zeitaufwändige und oft auch kräfteraubende“ Aufgabe. Die Menschen seien gewohnt, Politik lediglich zu konsumieren, nur darauf zu schauen, welche Partei ihnen die meisten Vorteile bringt. Darum sei es nicht immer einfach, aber eine „Riesenchance“ für eine Kommune, die Bürger ins Boot zu holen, „wieder mehr Demokratie zu leben“. Spec: „Wenn das bei Stuttgart 21 frühzeitig gelungen wäre, hätte man viel Geld gespart.“

Eine neue politische Kultur sei im Laufe der vergangenen Jahre in seiner Stadt gewachsen, so der Oberbürgermeister: „Sich reinzuhängen und dann zu sehen, dass man etwas erreicht hat – es gibt nichts Tolleres.“ Gelingende Bürgerbeteiligung führe „ein Stück weit weg von der Ellbogengesellschaft“ und zu mehr solidarischem Denken, der Zusammenhalt in der Bürgerschaft werde gestärkt. „Viele Bürger kannten ihre Stadt nach der Zukunftskonferenz besser“, so der Referent.

Das Stadtentwicklungskonzept (SEK) unter der Überschrift „Chancen für Ludwigsburg“ sei nicht mit einem konkreten Projekt begonnen, sondern mit einer generellen Bestandsaufnahme. „Wir wollten sehen: Wo stehen wir, wo wollen wir hin?“, sagte Spec. Dann habe man elf Themenfelder definiert, von Mobilität, Wirtschaft und Arbeit bis zu den Themen „Lebendige Innenstadt“ und „Attraktives Wohnen“. Für diese Themenfelder seien strategische Ziele und Leitsätze formuliert, 25 Projektideen entwickelt worden, von denen 18 weiterverfolgt wurden.

Der Oberbürgermeister berichtete von Problemen seiner Stadt, die den Zuhörern aus Buchholz bekannt vorkommen mussten. Etwa von dem Einkaufszentrum an der Peripherie, etwa fünf Kilometer außerhalb der Stadt, das dieselbe Verkaufsfläche hat wie alle Läden der Innenstadt zusammen. Ein wichtiges Vorhaben sei darum, die Stärkung der Innenstadt, zum Beispiel durch den Umbau einer ehemaligen Kaserne zu einem Einkaufszentrum. Dabei achte man auch auf die Architektur. Spec: „Baukultur ist für eine Stadt unverzichtbar, weil sie eine Stadt unverwechselbar macht.“

Ein Entwicklungskonzept sei ein „Prozess, der nie zu ende ist“, erklärte der Referent. Immer wieder müssten Stärken und Schwächen überprüft, müsse nachgesteuert werden. Weil Projekte und Ziele breit diskutiert würden und vieles im Internet veröffentlicht werde, bekomme man eine „sehr transparente Verwaltung“. Ein weiterer Vorteil von nachhaltigen Stadtentwicklungskonzepten sei es, dass man leichter an Fördergelder der EU herankomme. Kommunen, die sich für einen solchen Prozess entscheiden, würden von Brüssel klar bevorzugt.

Spec machte klar, dass Bürgerbeteiligung nicht immer einfach ist. Unterschiedlichste Interessen würden da aufeinander prallen, nicht alle Parteien könnten zufriedengestellt werden: „Das ist keine Weihnachtswunschveranstaltung!“ Auch sei es wichtig, den Bürgern zu sagen, wo es Spielräume gäbe und wo nicht. „Bürgerbeteiligung heißt auch, Klartext reden. Über Maßnahmen, die nicht umsetzbar sind, braucht man nicht zu diskutieren“, so der Oberbürgermeister.

Auch müsse man darauf achten, individuelle Interessen herauszufiltern, weil es Gruppen gäbe, die den Entwicklungsprozess nutzen wollten, um ihren Vorteil zu suchen. Trotz aller Probleme lohne es sich aber, die Bürger einzubeziehen. Am Ende sei die Akzeptanz höher, eine breite Mehrheit sei bereit, den eingeschlagenen Weg mitzugehen. Das sei in Ludwigsburg auch im Gemeinderat gelungen, in dem die Skepsis beim Start des SEK groß gewesen sei. „Da musste viel Vertrauensarbeit geleistet werden.“

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion nahm ein Bürger diesen Aspekt auf. Er wollte wissen, ob denn in Buchholz der Stadtrat hinter dem ISEK steht. Grondke zögerte etwas und sprach dann von einem Funken, der überspringen müsse. Immerhin war der Stadtrat mit zehn Delegierten im Publikum gut vertreten. Darunter auch Grünen-Fraktionschef Joachim Zinnecker, der einträchtig mit seinem Konkurrenten bei der Bürgermeisterwahl, SPD-Ortsvereinschef Remo Rauber, in der dritten Reihe saß.

Die Verwaltung repräsentierte der Erste Stadtrat Jan-Hendrik Röhse, den Spec mit „Herr Bürgermeister“ anredete. Das war ein verzeihlicher Fauxpas, aber doch etwas früh oder voreilig, denn noch hat Röhse nicht erklärt, ob er überhaupt zur Wahl im Mai antritt.

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2 Comments

  1. Das konnte der gute Mann aus dem schwäbischen ja auch gar nicht wissen, dass zwischen einem „Bürgermeister“ Röhse und der Idee von der Einbeziehung von Bürgern Welten und Lichtjahre liegen.

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  2. Ein hervorragender und sehr informativer Bericht, der die Ausführungen und Anregungen von Herrn Spec optimal zusammenfasst. Vielen herzlichen Dank!!!
    Liebe Buchholzer, sehr geehrte Akteure in der Verwaltung und der Politik, macht was draus!
    H. Maliers

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