Archiv für Oktober, 2013

Halloween 3Von Kristian Stemmler

Rette sich, wer kann! Am morgigen Donnerstag steht das hohlste Fest des Jahres an, das aus dem Land der begrenzten Unmöglichkeiten importierte Halloween, die Nacht vor Allerheiligen. Kürbisschnitzen in der Kita, Gruselevents in allen Discos, Horrorfilme im TV und marodierende Horden von Kids allüberall – der Halloweenhype wird jedes Jahr schlimmer! Zum Glück wächst offenbar zugleich die Zahl der Halloweenhasser. Das jedenfalls legt eine Umfrage nahe, die der buchholzblog vor kurzem veranstaltet hat.

Auch wenn die Umfrage natürlich nicht repräsentativ sein kann, zeigt sie doch eine deutliche Tendenz. Immerhin 57 blog-Leser haben an der Umfrage teilgenommen, was viel ist für einen blog, und von denen hat sich eine deutliche Zweiviertel-Mehrheit gegen Halloween ausgesprochen. Auf die Frage „Sind Sie auch genervt von Halloween?“ wählten 33 die Antwort „Ja. Der ganze Hype geht mir auf den Senkel!“ und 14 die Antwort „Mit hiesigen Traditionen und Bräuchen hat Halloween nichts zu tun. Es geht nur darum, den Konsum anzukurbeln.“

Lediglich zehn blog-Leser fühlten sich bemüßigt, das Gruselfest zu verteidigen. Sechs entschieden sich für die Antwort „Nein. Ich verstehe die Aufregung nicht. Das ist doch ein harmloses Vergnügen für Kinder und Jugendliche“ und vier für die Antwort „Auch wenn es ein US-Import ist. Eine Kultur lebt auch von importierten Festen und Bräuchen“.

Das ist ein deutliches Ergebnis, aber leider entkommt auch der Halloweenhasser diesem Fest nicht wirklich, es sei denn, er wohnt ganz oben in einem Mehrfamilienhaus oder tief im Wald. Denn die erwähnten Horden von Kindern und Jugendlichen klingeln fast an jeder Tür und fordern mit dem Ruf „Süßes oder Saures!“ zur Herausgabe von Süßigkeiten (oder teilweise auch schon Bargeld) heraus. Dabei lernen die Kleinen vor allem, dass man mit kaltblütiger Erpressung in dieser Gesellschaft offenbar weiterkommt.

Denn wer keine Süßigkeiten parat hat, die Kinder aus Abneigung gegen den Rummel verscheucht oder einfach die Rollos herunterlässt, muss mit Konsequenzen rechnen. Da wird schon mal der Briefkasten mit Schlagsahne aufgefüllt, das Türschloss mit Schnellkleber verziert oder die Fassade mit faulen Eiern beworfen. Auch Feuerwerkskörper kommen zum Einsatz. Also, decken Sie sich lieber morgen bei Lidl oder Aldi vorsorglich mit Süßigkeiten ein!

Dass Halloween längst kein so harmloses Vergnügen mehr ist, zeigt auch der Umstand, dass die Polizeiinspektion Harburg sich jetzt genötigt sah, in einer Pressemitteilung vor Auswüchsen zu warnen. „Auch in den vergangenen Jahren verzeichnete die Polizei leider oftmals Streiche, die die Grenze des Zumutbaren überschritten“, heißt es da. Die Palette reiche von eingeworfenen Scheiben über gesprengte Briefkästen bis zu verwüsteten Vorgärten.

Die Polizei erinnert die Halloween-Fans deshalb daran, dass der Spaß aufhört, wenn fremdes Eigentum beschädigt oder Persönlichkeitsrechte verletzt werden. Das Legen von Bränden etwa könne eine schwerwiegende Straftat darstellen und das Abbrennen von Feuerwerkskörpern könne Geldbußen nach sich ziehen. Und wenn man etwa konkurrierende Gruppen bedroht, um ihnen die erbeuteten Süßigkeiten abzunehmen, dann sei das eine „räuberische Erpressung“. Das sind doch erfreulich klare Worte!

Sehr schön finde ich auch die Sätze: „Besonders wird auch noch einmal darauf hingewiesen, dass nicht alle Menschen den Halloween-Brauch kennen oder begrüßen. Gerade ältere Menschen oder auch Bürger aus anderen Kulturkreisen reagieren oft verängstigt, wenn in den Abend- und Nachtstunden plötzlich Fremde vor der Tür stehen und lautstark Süßigkeiten fordern.“

Übrigens: Morgen ist auch noch Reformationstag! Zugegeben, der Anschlag von 95 Thesen an eine Kirchentür gibt für eine Party nicht ganz so viel her wie der Auftritt von Hexen, Vampiren und Zauberern. Aber man kann ja auch mal einen Tag nicht feiern und stattdessen nachdenken, in eine Andacht gehen oder auch in sich. Wobei, nun ja, Letzteres ist vermutlich für viele Menschen nicht ratsam, weil sie da nichts vorfinden…

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Ein Fan von Stadtplanungskonzepten: Jörn Walter in der Empore.

Von Kristian Stemmler

Draußen vor der Tür tobte sich Orkan „Christian“ aus. Das konnte man an diesem Abend durchaus als gutes Omen nehmen – ist das doch der erklärte Wille der Baudezernentin von Buchholz, Doris Grondke: frischen Wind in die Stadtentwicklung bringen! Mit dem Auftakt der Veranstaltungsreihe „Buchholzer Dialoge“ in der Empore, für den Grondke den Hamburger Oberbaudirektor Jörn Walter gewinnen konnte, hat sie einen weiteren Schritt in diese Richtung getan. Trotz der widrigen Umstände waren rund 70 Zuhörer in die Empore gekommen.

Wenn sich vielleicht auch mancher Zuhörer konkretere Aussagen zur Buchholzer Stadtentwicklung erhofft hatte, war es doch ein gelungener Auftakt. Denn der erfahrene Stadtplaner umriss gekonnt die Chancen und Möglichkeiten von Bürgerbeteiligung, ebenso wie deren Grenzen und Nachteile, legte so die Grundlage für die weiteren fünf Veranstaltungen der Dialogreihe. Dass er dabei vor allem Hamburger Beispiele heranzog, konnte eigentlich nicht überraschen. Denn von einem Hamburger Oberbaudirektor kann man nicht ernsthaft erwarten, dass er die Details der Buchholzer Stadtplanung parat hat.

Walter outete sich als Anhänger von Bürgerbeteiligung und stadtplanerischen Wettbewerben. „Wir kommen nicht umhin, uns darauf einzustellen, dass die Bürger noch mehr einbezogen werden wollen“, sagte er. Die direkten Demokratieformen würden noch zunehmen, und die Politik sei gut beraten, sich frühzeitig darauf einzustellen. Bürgerentscheide, Bürgerbefragungen oder Gestaltungsbeiräte seien gute Instrumente, um hier weiterzukommen, auch wenn sie nicht immer ganz billig seien.

Der Oberbaudirektor machte gleich eingangs klar, dass in viele Auseinandersetzungen um stadtplanerische Projekte weitergehende gesellschaftliche Probleme und Konflikte hineinspielen. So sei zum Beispiel die Besetzung des Gängeviertels in Hamburg Indikator für ein grundlegendes Problem, nämlich die massiven Mietpreissteigerungen in der Metropole und die zunehmende Spreizung der Einkommen. „Weite Teile der Bevölkerung sind einfach nicht mehr in der Lage, da mitzuhalten“, so der Professor. Auch bei Stuttgart 21 oder dem Streit um den Bau von Moscheen gehe es um grundsätzliche Fragen.

In Deutschland stehe ein „gigantisches Instrumentarium“ für die Planung von Bauvorhaben bereit. Er frage sich allerdings, erklärte Walter, ob diese Instrumente in puncto Bürgerbeteiligung noch immer zeitgemäß seien. So hätten zum Beispiel im Planfeststellungsverfahren nur Grundeigentümer und andere Betroffene ein echtes Mitspracherecht, die Einwände anderer Bürger seien letztlich irrelevant. Und das Baugenehmigungsverfahren kenne in Deutschland, anders etwa als in der Schweiz und in Großbritannien, so gut wie gar kein Mitspracherecht.

Der Referent plädierte für ein zweistufiges Verfahren in der Stadtplanung. In der ersten Stufe könne generell – etwa durch Bürgerentscheide oder andere Befragungen – geklärt werden, ob ein Projekt überhaupt umgesetzt werden soll. Erst wenn das positiv entschieden sei, könne dann in Stufe 2 die detaillierte Gestaltung des Projekts diskutiert werden. Ein solches Vorgehen würde verhindern, so Walter, dass sich Verwaltungen manchmal jahrelang mit Projekten beschäftigen, die am Ende doch nicht realisiert werden (Beispiel Ostring..?).

Klar sprach sich der Gast aus Hamburg für Stadtplanungskonzepte aus, wie sie Buchholz derzeit mit dem Integrierten Stadtenwicklungskonzept (ISEK) erarbeitet. Der größte Wert solcher Konzepte sei gar nicht unbedingt das Papier, das am Ende dabei herauskommt, sondern der Klärungsprozess. Es sei entscheidend, dass einmal grundsätzlich bestimmte Fragen gestellt und geklärt werden: Wo wollen wir hin? Wie soll sich der Verkehr entwickeln? Was machen wir mit der Innenstadt? Solche Fragen gemeinsam mit den Bürgern zu diskutieren, könne zu einem „gemeinsamen Selbstverständnis“ führen.

Walter wies aber auch auf die Grenzen der Bürgerbeteiligung hin. Ein Problem sei, dass sich fast nur Angehörige der Mittelschicht an Veranstaltungen beteiligen, die sich mit stadtplanerischen Entwicklungen beschäftigen. Auch gebe es in jedem Ort, das sei in Hamburgs Stadtteilen nicht anders als in Buchholz, einen „Kreis von Interessierten“, der sehr aktiv bei diesen Themen sei. Andere wollten oder könnten das nicht leisten: „Wenn man arbeitet und vielleicht noch Kinder hat, ist das oft schon zeitlich nicht zu schaffen.“

Bei Gestaltungsprozessen, die über Monate laufen, sei oft ein Schrumpfungsprozess zu beobachten. Bei der ersten Veranstaltung seien noch 200 Leute da, bei der zweiten nur noch 100 und am Ende bliebe der erwähnte Kreis der Interessierten weitgehend unter sich. Bei diesen Ausführungen des Professors schmunzelte der eine oder andere, denn dieses Phänomen ist ja durchaus auch in Buchholz zu erkennen.

Allen Risiken und Nachteilen zum Trotz spreche er sich aber ganz klar für mehr Bürgerbeteiligung aus, betonte der Referent zum Schluss. Er erwarte von Planern, dass sie sich dem Urteil der Bürger stellen. Andererseits habe die repräsentative Demokratie, also die Entscheidung von gewählten Abgeordneten in den Parlamenten, einen hohen Wert, weil sie für den Schutz von Minderheiten sorge. Nicht alle Fragen könnten und dürften mit einem Mehrheitsvotum entschieden werden.

Natürlich ließ sich Bürgermeister Wilfried Geiger (parteilos) die Gelegenheit nicht nehmen, den hohen Gast aus der Nachbarmetropole zu begrüßen und die jüngste Entwicklung von Buchholz (und damit auch seine Politik) über den grünen Klee zu loben. Buchholz habe den „Weg vom Dorf zur Stadt“ geschafft. Man sei besser aufgestellt als andere Gemeinden des Landkreises, vor allem auch in der Innenstadt mit Galerie und Volksbank-Gebäude (das kann man, zumindest in architektonischer Hinsicht, auch anders sehen).

Geiger stärkte seiner Baudezernentin demonstrativ den Rücken. In der Vergangenheit sei in Buchholz Stadtplanung eher „situativ“ betrieben worden, etwa wenn ein Investor auf die Stadt zugekommen sei. Mit dem ISEK komme man jetzt weg von dieser „Einzelfallstrategie“, schaue sich quer durch alle Disziplinen an, wie es in Buchholz weitergehen kann und soll. Geiger: „Wir nehmen uns die Zeit und reden mit so vielen Menschen wie möglich.“

Soviel Zuspruch musste Doris Grondke natürlich erfreuen. Mit den Worten „Baukultur ist Dialogkultur“ plädierte sie für das ISEK und die Bürgerbeteiligung insgesamt. Buchholz sei „längst an einem Punkt angekommen, sich stärker als bisher zu profilieren“. Grondke konnte dem Publikum verkünden, dass sowohl das Sozialministerium in Hannover als auch die Bundesstifung Baukultur eine Förderung der „Buchholzer Dialoge“ in Aussicht gestellt haben.

Dass Geiger die Gegenwart und Zukunft der Stadt in so rosigen Farben zeigte, hatte natürlich auch einen tieferen Grund. In gut einem halben Jahr soll der nächste Bürgermeister gewählt werden. Geiger will, so berichtete das Wochenblatt, angeblich erneut antreten. Und im Publikum saßen zwei weitere potenzielle Kandidaten: ganz vorn Joachim Zinnecker, Fraktionschef der Grünen im Stadtrat und Zweiter Bürgermeister, und ganz hinten der Erste Stadtrat Jan-Hendrik Röhse.

 

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Von Kristian Stemmler

Seit Monaten steht ein Wohnblock am Lilienweg leer, das Grundstück ist komplett zugewachsen mit teilweise mannshohem Unkraut. Das soll sich bald ändern. Auf dem Gelände will die Terra Generalbaugesellschaft (TGB) aus Harburg eine Wohnanlage mit vier Gebäuden und insgesamt 78 Wohnungen errichten. Das teilt der Pressesprecher der Stadt, Heinrich Helms, jetzt mit.

In den kommenden Wochen soll laut TGB-Geschäftsführer Udo Stein mit der Sanierung des bestehenden Blocks begonnen werden. Die neuen Gebäude sollen in mehreren Bauabschnitten entstehen. Bis zum Frühsommer 2014 rechnet Stein mit dem Baubeginn für den ersten Abschnitt. Es sollen Miet- und Eigentumswohnungen von 60 bis 100 Quadratmetern entstehen. Die TGB hat bereits vor acht Jahren das ehemalige Barakuda-Gelände an der Hamburger Straße überplant und entwickelt.

Natürlich wird gut ein halbes Jahr vor der Bürgermeisterwahl in Buchholz die Gelegenheit genutzt, um die Politik von Bürgermeister Wilfried Geiger (parteilos) in ein gutes Licht zu rücken. Die Presseerklärung zitiert den Investor mit den Worten: „Die Stadt funktioniert gut und hat eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur.“ Geiger reagiert darauf so: „Es ist immer schön, wenn Außenstehende die Buchholzer Qualitäten erkennen und produktiv nutzen. Darüber hinaus entstehen innenstadtnahe Wohnungen, die in Buchholz dringend gebaut werden.“

Aus diesen Sätzen geht allerdings nicht hervor, ob diese Wohnungen für den Normalmieter auch bezahlbar sind. Wie bereits mehrfach in diesem blog kritisiert, entstehen nämlich derzeit in Buchholz zwar eine ganze Reihe neuer Wohnblocks – aber fast durchweg im gehobenen und höchsten Preissegment. Und Geigers Verwaltung hat bisher nicht viel dafür getan, die von der Ratsmehrheit angestoßenen Pläne zur Gründung einer städtischen Wohnungsgesellschaft, die für bezahlbaren Wohnraum sorgen soll, zu forcieren.

Dass Investoren sich berufen fühlen, für das Allgemeinwohl tätig zu werden, davon kann man eher nicht ausgehen. Wie übrigens auch der Zustand des Grundstücks am Lilienweg zeigt, das einen völlig verwahrlosten Eindruck macht. Das Unkraut wächst bereits auf die öffentlichen Fußwege, es liegt Müll herum, Trampelpfade führen über das nicht eingezäunte Gelände. Das wird sich jetzt, wie gesagt, wohl bald ändern – eben erst in dem Moment, in dem ein Investor Rendite erzielen will.

DSC_1703Von Kristian Stemmler

Die Feuerwehren sind im Dauereinsatz, der Orkan mit dem schönen Namen „Christian“ schüttelt den Landkreis durch. Abgedeckte Dächer, umgestürzte Bäume und wackelnde Baugerüste sorgen für Stress bei den Einsatzkräften. Mitten in der Rush Hour entwurzelte der Sturm an der Hamburger Straße in Buchholz, Höhe Berliner Straße, am Montagnachmittag eine etwa 20 Meter hohe Birke, die quer über die Hauptverkehrsader der Stadt fiel. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

Nach etwa einer Viertelstunde war die Freiwillige Feuerwehr Buchholz mit einem Rüstwagen am Einsatzort. Die Straße wurde in beide Richtungen abgesperrt. Mit der Motorsäge hatten die Jungs den massiven Baum in einer weiteren Viertelstunde zerlegt. Die Äste wurden auf Nachbargrundstücken zwischengelagert, der zersägte Baumstamm auf einer Verkehrsinsel abgelegt. Um 16.37 Uhr konnte die Hamburger Straße wieder freigegeben werden.

Zu größeren Staus kam es nicht. Aus Richtung Hamburg konnten die Autofahrer in die Berliner Straße abbiegen, da die umgestürzte Birke hinter der Kreuzung lag. Lediglich der Verkehr aus südlicher Richtung staute sich kurzzeitig.

Auch bei diesem Einsatz ließ sich wieder beobachten, wie rücksichtslos und unverschämt sich manche Autofahrer gegenüber den Einsatzkräften verhalten. Die Feuerwehrleute waren noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt, als eine Autofahrerin in den Einsatzort einfuhr. Als der Einsatzleiter sie aufforderte umzudrehen, beschimpfte sie die Einsatzkräfte auch noch. Ein Feuerwehrmann winkte nur ab: „Das ist normal…“

Priebke Wochenblatt ErklärungVon Kristian Stemmler

Immerhin! Der Chefredakteur des Wochenblattes, Reinhard Schrader hat sich dazu durch gerungen, eine Erklärung zum Abdruck der Todesanzeige für den NS-Kriegsverbrecher Erich Priebke abzugeben. Auf der letzten Seite der Sonnabend-Ausgabe von Nordheide Wochenblatt und Elbe&Geest Wochenblatt schreibt Schrader: „Keine Frage, die Traueranzeige für den NS-Verbrecher und Massenmörder Erich Priebke hätte nicht im Wochenblatt erscheinen dürfen.“

Die Anzeige, so erklärt der Chefredakteur weiter habe ein junger Mann, „wohl aus der Tosteder Neonazi-Szene“, in der Wochenblatt-Geschäftsstelle unter vollem Namen abgegeben. Von dort sei die Anzeige in die Technik gelangt und gedruckt worden, niemand sei stutzig geworden. Vor der Technikumstellung im Haus habe es auch für Seiten mit Familienanzeigen eine Endkontrolle durch verantwortliche Mitarbeiter gegeben. Die werde man als Reaktion auf den Vorgang wieder einführen.

Das sind doch klare Worte, wobei sich Schrader einen Seitenhieb gegen „Unterstellungen aus der linken Szene“, die Anzeige sei absichtlich gedruckt worden, nicht verkneifen kann (mich kann er damit nicht meinen). Die Erklärung der Redaktion war sicher notwendig, war das Erscheinen der Priebke-Anzeige doch nicht nur im Internet vielfach diskutiert worden. Mittlerweile hat auch die taz nord über den Vorfall berichtet.

Das Ganze zeigt erneut, wie wichtig es ist, dass es in Buchholz und im Landkreis Harburg mehr mediale Vielfalt gibt. Das Internet bietet heutzutage die Möglichkeit, mit relativ wenig Aufwand eine Art Gegenöffentlichkeit herzustellen. So kann auch auf Fehler wie den vorliegenden aufmerksam gemacht werden, die sonst untergehen würden. Der buchholzblog wird jedenfalls weiterhin ein waches Auge auf die Dinge haben und ist dankbar für jeden Hinweis.

Logo ISEKVon Kristian Stemmler

Stadtbaurätin Doris Grondke gibt Gas. Aller Kritik und allen Problemen zum Trotz hält sie an ihrem Vorhaben fest, in Buchholz so etwas wie eine Stadtplanungskultur zu entwickeln. Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) nimmt langsam Formen an, so ist die Bestandsaufnahme mit der Bezeichnung SWOT (Stärken-Schwächen-Analyse) gut vorangekommen, viele Werkstattgespräche wurden geführt. In den kommenden Tagen und Wochen wird nun auch die Öffentlichkeit stärker einbezogen – mit den „Buchholzer Dialogen“ und dem zweiten Stadtspaziergang.

Unter der Überschrift „Talk-Walk – Gebautes und Atmosphären“ findet dieser Stadtspaziergang heute zwischen 13 und 16 Uhr statt. Gestartet wird beim Kunstverein an der Kirchenstraße unterhalb der Stadtbücherei. Mit von der Partie sind wieder Grondke selbst und der Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar, der den Talk-Walk moderiert. Beim ersten Stadtspaziergang am 10. August kamen immerhin rund 100 Buchholzer.

Der zweite Stadtspaziergang wurde mit in Buchholz ansässigen Kunstschaffenden und Kulturvereinen konzipiert, in der Einladung wird das Thema so beschrieben: „Der öffentliche Raum sind gebaute und gestaltete Räume, Oberflächen und Blickbeziehungen. Dessen Qualität wird wesentlich geprägt durch die schwer fassbare, aber immer ganz individuell empfundene Atmosphäre und Kultur der Stadt. Der zweite Stadtspaziergang führt uns an solche gebauten und doch kaum fassbaren Orte.“

Am Montag beginnt dann mit den „Buchholzer Dialogen“ eine ambitionierte Veranstaltungsreihe, für die Grondke hochkarätige und interessante Referenten gewinnen konnte. Den Anfang macht Hamburgs Oberbaudirektor Jörn Walter, der über das Thema „Beteiligungskultur, Baukultur, Planungskultur“ spricht. Am 2. Dezember kommt Werner Spec, Oberbürgermeister von Ludwigsburg, der das Stadtentwicklungskonzept seiner Stadt vorstellt. Seinen Ausführungen lassen sich sicher konkrete Anregungen für die Buchholzer Stadtplanung entnehmen.

Das gilt auch für die folgenden Veranstaltungen: am 3. März 14 mit dem Architekten Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, der über „Strategien für den ländlichen Raum – die Rolle der Baukultur“ redet, und am 7. Juli mit Michael Pelzer, Bürgermeister der oberbayerischen Gemeinde Weyarn. Sein Vortrag steht unter der Überschrift „Ein Bürgermeister und seine Meister-Bürger“ und handelt von Bodenpolitik, Architektur und Bürgerbeteiligung als „Bausteine der Kultur“.

Schließlich kommen noch Berater Markus Birzer, der Möglichkeiten und Grenzen der Bürgerbeteiligung thematisiert (15. September). Und Soziologe Walter Siebel von der Uni Oldenburg, der unter der Überschrift „Die Kultur der Stadt“ Impulse für eine kreative und lebenswerte Stadt geben will (1. Dezember 14). Alle Referate finden in der Empore statt, die ein geeignetes Ambiente bietet, und beginnen jeweils um 19 Uhr.

Im Flyer zu der Veranstaltungsreihe schreibt Doris Grondke: „Stadtentwicklung und Bauen stehen als gesellschaftliche Aufgabe zu Recht im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Ein engagierter öffentlicher Diskurs, eine ambitionierte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern sowie transparente Planungsverfahren sind dabei wesentliche Voraussetzungen für die Qualität der Baukultur einer Stadt.“

Diese Sätze sind für Buchholzer keine Selbstverständlichkeit, wenn man sich die Stadtplanung der vergangenen Jahre ansieht. Es ist der Baudezernentin hoch anzurechnen, dass sie versucht, eine solche Baukultur und eine Diskussionskultur in Buchholz zu etablieren. Leider ziehen dabei nicht alle mit. Sowohl die Opposition im Stadtrat aus CDU und FDP wie auch das Nordheide Wochenblatt kritisierten Grondke zuletzt, weil sie neue Instrumente der Stadtplanung wie das Hochbauliche Gutachterverfahren für die neue Sporthalle der Mühlenschule in Holm-Seppensen eingeführt hat. Es ist zu befürchten, dass hinter der Kritik sachfremde Gründe stehen – die Angst um Pfründe und Einfluss zum Beispiel.

Von Kristian Stemmler

Der Skandal um die Todesanzeige für den NS-Kriegsverbrecher Erich Priebke im Nordheide Wochenblatt sorgt für Aufregung. Im Internet wird der Vorgang zum Beispiel auf der Homepage freigeisterhaus.de kontrovers diskutiert. Auch im buchholzblog, der als erster auf die Anzeige aufmerksam gemacht hat, kommentieren Leser die Sache. Am Mittwoch sorgte der Artikel zum Thema für 721 Zugriffe, die zweithöchste Zahl seit Bestehen des blogs (Spitzenwert war 1061 am Tag des Bürgerentscheids zum Ostring).

Unterdessen wird klar, wie es zum Abdruck der Todesanzeige kommen konnte. Nach Informationen des buchholzblogs ist die Anzeige ins Wochenblatt hineingeschmuggelt worden. Der Mitarbeiter, der sie aufgenommen hat, konnte offenbar mit dem Namen Erich Priebke nichts anfangen, ebensowenig mit den Kürzeln NW Tostedt und NW Unterelbe und er fragte wohl auch nicht nach. Dass sich hinter den Abkürzungen die Neonazi-Gruppierungen Nationaler Widerstand Tostedt und Unterelbe verbergen, war ihm anscheinend nicht klar.

Es ist davon auszugehen, dass die Todesanzeige von einer Privatperson aufgegeben wurde, die den tatsächlichen Hintergrund verschwiegen hat. Auffällig ist, dass lediglich das Geburts- und das Sterbedatum von Priebke aufgeführt sind, aber nicht sein Geburts- und Sterbeort. Da es sich dabei um Hennigsdorf in Brandenburg und Rom handelt, beides Orte, die geographisch nichts mit dem Landkreis Harburg zu tun haben, hätte die Erwähnung zu Nachfragen führen können.

Dass es ihnen gelungen ist, diese Anzeige zu platzieren, dürfte bei den Nazis für diebische Freude sorgen. In der Redaktion des Nordheide Wochenblatts soll das Entsetzen dagegen groß gewesen sein. Anzeigenseiten werden normalerweise von der Redaktion nicht abgenommen. Wobei ich mich daran erinnere, dass zumindest beim Hamburger Abendblatt Todesanzeigen der Redaktion vorgelegt wurden, um sie auf prominente Namen zu überprüfen.

Auch wenn es sich um ein Versehen handelt, ist der Vorgang für den Wochenblatt Verlag natürlich mehr als peinlich. Die Anzeige konterkariert ein Stück weit das Engagement der Zeitung gegen Rechts. Denn ein solches Engagement kann man dem Wochenblatt nicht absprechen. Andererseits passt der Vorgang auch ins Bild, denn die Redaktion ist insgesamt zu nachlässig und inkonsequent, was extremistische Äußerungen angeht. So stehen in Leserbriefen immer wieder haarsträubende, teilweise auch fremdenfeindliche Aussagen.

Wie ich schon in meinem ersten Beitrag zum Thema geschrieben habe, sollte sich die Führung des Verlages für den Abdruck der Todesanzeige entschuldigen und den Vorgang erläutern. Ich unterstütze auch den Vorschlag des Tostedter Malers und Autors Erwin Hilbert, dass der Verlag den mit der Anzeige eingenommenen Betrag (vielleicht um eine nennenswerte Summe aufgestockt) spendet, am besten für Opfer faschistischer Gewalt. Man darf auf die morgige Ausgabe des Wochenblattes gespannt sein.

Natürlich melden sich in der Diskussion auch wieder Leute, die Erich Priebkes Verhalten rechtfertigen und das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom, für das er zu lebenslänglicher Haft (später umgewandelt in Hausarrest) verurteilt wurde, relativieren. Am 24.1944 wurden in den zwei miteinander verbundenen Höhlengängen 335 Zivilisten hingerichtet, als Vergeltung für einen Bombenanschlag in Rom am Vortag, bei dem 33 Angehörige eines Südtiroler Polizeiregiments umgekommen waren.

Ich werde mich hier sicher nicht auf irgendwelche Argumente einlassen, dass derartige Erschießungen völkerrechtlich im Krieg erlaubt sind. Der gesamte Krieg war von Anfang bis Ende ein Verbrechen und dieses Massaker nicht weniger. Um einen Eindruck davon zu geben, wie unglaublich grauenhaft das Geschehen damals gewesen sein muss, zitiere ich hier einen Absatz aus wikipedia über die Erschießungen:

„Die Gefangenen wurden, die Hände mit Stricken hinter dem Rücken zusammengebunden, auf Lastwagen zu den Ardeatinischen Höhlen gebracht. Dort wurden sie in Gruppen zu je fünf Mann in die Höhlen geführt, mussten dort niederknien und erhielten auf Kommando von SS- Hauptsturmführer Carl-Theodor Schütz einen Genickschuss. SS-Hauptsturmführer Erich Priebke strich ihre Namen von der Liste. Die Hinrichtungen dauerten von etwa 14 Uhr bis gegen 19 Uhr. Als die Leichenberge zu hoch wurden, mussten die neuen Opfer sich auf die bereits getöteten legen. 80 bis 90 SS-Männer führten die Hinrichtungen durch. Die Gefangenen, die unter Bewachung vor den Höhlen warteten, konnten die Schüsse genau hören. Kappler beteiligte sich an den Erschießungen auch selbst. Ob die Opfer tot waren, wurde nicht kontrolliert. Nach Abschluss der Bluttat wurden die Höhlen gesprengt, manche mögen erst dabei umgekommen sein.“