Das Ende einer langen Geschichte – die Reportage vom Abriss des Otto-Hauses

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Von Kristian Stemmler

Peter Rössner sieht die Sache gelassen. „Als ich in Lüneburg alte Fachwerkhäuser abreißen musste, das ging mir an die Nieren. Aber das hier ist für mich eigentlich nur ne Bude im Wald“, sagt er ohne erkennbare Erregung. Dann entschuldigt sich der Seniorchef der Abbruchfirma Rössner aus Wenzendorf aber doch halbwegs für sein Tun: „Ich bin ja hier nur der verlängerte Arm“, meint er achselzuckend.

Das kann man fast wörtlich nehmen, denn der Arm seines 16-Tonnen-Baggers und die daran befindliche Schaufel sind es, die am Donnerstagmittag kurzen Prozess mit dem Haus an der Straße Dependahl im Sprötzer Landschaftsschutzgebiet Lohbergen machen – und damit das Ausrufezeichen hinter eine Affäre setzen, die Buchholz jahrelang in Atem gehalten hat. Nach dem Nachnamen des Protagonisten meist als „Affäre Otto“ bekannt.

Kaum hätte man geglaubt, dass dieser Tag noch kommen würde. Denn dem Tenor und Vorstand des Musikschulvereins Prosper-Christian Otto war es immer wieder gelungen, den Vollzug der seit Jahren existierenden Abrissverfügung hinauszuschieben. Zuletzt mit dem Argument, in seinem Haus befinde sich ein Büro der Musikschule. Aber das ist jetzt umgezogen, und das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat auch die letzten drei Einsprüche Ottos abgeschmettert. Aus die Maus!

Triumphale Freude ist allerdings bei keinem festzustellen, an diesem Tag, auch wenn Otto die Stadt immer wieder provoziert und beschimpft hat. Auch Bürgermeister Wilfried Geiger (parteilos), der es sich nehmen lässt, gegen acht am Einsatzort aufzutauchen, hält sich in seinen Äußerungen erkennbar zurück. Auf der ehemaligen Terrasse von Familie Otto, gibt er den Reportern von Wochenblatt, Harburger Rundschau, Harburger Anzeigen und Nachrichten und dem NDR Hörfunk Auskunft. Auch dem aus Hannover angereisten NDR-Fernsehteam steht er Rede und Antwort.

Natürlich sei er erleichtert, dass der Streit mit Otto jetzt sein Ende findet, bekennt Geiger, der an diesem Tag wirklich eine gute Figur macht. Mehrfach weist er darauf hin, wie bedauerlich es sei, dass der Berufssänger nicht kompromissbereit gewesen ist: „Er hat immer auf seinen Maximalforderungen bestanden.“ Mit der Aufstellung eines Bebauungsplan habe die Stadt versucht, „den Spagat zu wagen“, die schwarz gebauten Häuser im Wald in einem gewissen Umfang nachträglich zu legalisieren.

Otto hätte hier sein 177-Quadratmeter-Haus lediglich auf eine Grundfläche von 90 Quadratmeter zurückbauen müssen. Geiger: „Das wäre ein wunderbares Baugrundstück gewesen.“ Erst mit seinem prozessualen Feldzug gegen die Stadt habe Otto alle Voraussetzungen für einen Kompromiss zerstört. Das Bundesverwaltungsgericht gab dem Tenor Recht und kassierte den B-Plan. Ein Pyrrhussieg, denn jetzt stand Ottos Haus im Außenbereich, die Stadt hatte die juristische Grundlage für den Abriss.

Dass der Abriss die Krönung eines persönlichen Rachefeldzugs gegen Otto sei, wie das Nordheide Wochenblatt jetzt fabuliert hatte, weist der Bürgermeister entschieden zurück. Zwei Gespräche habe er mit dem Musikprofessor im Rathaus geführt: „Da ist nie ein böses Wort gefallen.“ Auch den Vorschlag, wegen der Erkrankung von Ottos, sie leidet an Multipler Sklerose, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, kann Geiger nicht nachvollziehen. Es sei in seiner Verantwortung, sie zu schützen.

Mit Blick auf die angeschlagene Gesundheit von Christiane Otto hat die Stadt aber dennoch Vorsorge getroffen. Kurz nach Geiger trifft der Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Landkreis Harburg, Folke Sumfleth, im Abrisshaus ein. „Für den Fall, dass Frau Otto akut unter dem Abriss leidet, wollten wir für ärztlichen Schutz sorgen“, erklärt Geiger, der den Psychiater aber mit Dank entlässt, weil die Ottos nicht erschienen sind.

Offenbar wollte sich das Ehepaar den Anblick des Abrissbaggers ersparen, was ja zu verstehen ist. Sie haben ihr Haus komplett leergeräumt, auf den Holzböden liegen nur noch ein paar Plastiktüten, CD-Rohlinge, alte Zeitschriften wie „Salzburg aktuell“ oder „Pro arte“, ein paar Spiegelfliesen. In einem Zimmer liegt noch eine einfache Gitarre mit nur noch drei Saiten. Im Carport vor dem Haus haben die Ottos noch Fahrräder und anderes zurückgelassen.

Bevor mit dem Abriss des Hauses begonnen werden kann, holen Arbeiter den Müll aus dem Haus und reißen im oberen Stockwerk schon mal einen Teil der Glaswolle aus dem Dach. Vor dem Grundstück wird inzwischen die Gasleitung abgestellt. Schwieriger gestaltet sich das Abklemmen des Stroms. Ein Nachbarhaus hängt mit an der Leitung der Ottos, mühsam müssen erstmal die Kabel unter der Terasse und der Rasenfläche freigelegt werden.

Mitarbeiter der Firma Bredehöft aus Harsefeld heben mit Kleinbagger und Schaufel Gräben aus. Ein Mitarbeiter der Stadtwerke hat zuvor mit einem Messgerät, das einen durchdringenden Piepton von sich gibt, den Verlauf der Stromleitung unter dem Boden festgestellt. Doch bis sie die Kabel freigelegt, eine Überbrückung zum Nachbarsgrundstück hergestellt und die Stromzufuhr zu Ottos Haus gekappt haben, dauert es noch etwas.

Die Reporter, der Buchholzer Pressesprecher Heinrich Helms, Gerhard Lüders, Chef des Fachdienstes Bauordnung, Abbruchunternehmer Rössner und zwei junge Polizeibeamte, ein Mann und eine Frau, stehen derweil auf dem wirklich schönen Waldgrundstück in der Sonne, die inzwischen den Schnürregen abgelöst hat, und warten. Für Kurzweil sorgt vor allem Peter Rössner mit Anekdoten aus seiner Laufbahn als Abreißer.

Unvermutet taucht Wochenblatt-Verleger Martin Schrader auf Ottos Grundstück auf. Seine Tochter ist Nachbarin des Tenors. Natürlich will sich auch Schrader dieses für Landkreis-Verhältnisse historische Ereignis nicht entgehen lassen. Er unterhält sich lautstark mit seinem ehemaligem Mitarbeiter Heinrich Helms und das gewohnt meinungsfreudig. Die Führung der Stadt kommt dabei nicht gut weg – und man versteht Manches besser, was im Wochenblatt steht…

Das NDR-Fernsehteam und weitere Kollegen sind indes kurzfristig ausgeflogen. Natürlich hat Prosper-Christian Otto es sich nicht nehmen lassen, auch seine Sicht der Dinge noch mal zu transportieren. In Wenzendorf habe er eine Vier-Zimmer-Wohnung bezogen, heißt es, pikanterweise direkt neben Rössner, der sein Haus abreißt (!), dort habe er auch zur Pressekonferenz gebeten. Und zwar im Café auf Hof Oelkers. Dort wusste man offenbar nichts von Ottos Auftritt.

Als das NDR-Team nach Sprötze zurückgekehrt ist, erzählen die jungen Leute, die Familie Oelkers sei nicht besonders erfreut von Ottos Vorgehen gewesen. Das Interview hätten sie darum im Wald führen müssen. Otto habe erklärt, er sei mit einem Rückbau seines Hauses einverstanden gewesen und habe dazu auch Anträge eingereicht, die die Stadt aber nicht genehmigt habe. Offenbar arbeitet Otto hier an seiner nächsten Legende.

Stadtsprecher Helms reagiert auch entsprechend empört: „Das stimmt wirklich nicht!“ Zwar habe Otto tatsächlich Anträge gestellt, aber da hätten Unterlagen gefehlt. Dass die Stadt hier Fehler gemacht habe, sei völlig abwegig. Dieses Statement wiederholt Helms auch noch mal vor der Kamera des NDR-Teams. Die Mitarbeiter von Bredehöft und den Buchholzer Stadtwerken sind inzwischen mit der Lösung des Stromproblems vorangekommen.

Gegen halb eins kommt das grüne Licht für Rössner, der sich, nach wie vor die Ruhe selbst, in seinen Bagger schwingt. Erstmal schiebt er die Gräben auf Rasenflächen und Terrasse wieder zu – und dann ist es soweit: Punkt 12.31 Uhr schlägt die Baggerschaufel zum erstenmal auf dem Dach von Ottos Anwesen auf. Der NDR filmt, die Kollegen fotografieren, auch die Polizei hält mit dem Smartphone das Ereignis fest. Zehn Minuten später liegt das halbe Dach und ein Flügel des Hauses in Trümmern. Rund 20.000 Euro wird der Abriss kosten, alles zu zahlen vom Ehepaar Otto. Ob diese Rechnung beglichen wird..?

Der Abriss hat begonnen, die Medien haben ihre Bilder und rücken ab. Etwa eine Woche werde er noch brauchen, hatte Peter Rössner bekundet. Die Materialen werden vor Ort getrennt, bevor sie zur Firma Husen verbracht werden. Was dort daraus wird, kann Rössner auch nicht so genau sagen: „Vielleicht ne Spanplatte.“

Der Leiter des Buchholzer Fachdienstes Bauordnung, Gerhard Lüders, der leidvolle Erfahrungen mit Otto gemacht hat, hat sich das Treiben mit durchaus gemischten Gefühlen angesehen. „Ich habe ja nun jahrelang mit der Sache zu tun gehabt“, sagt er nachdenklich, „aber das hier so mit anzusehen, ist nicht schön. So ein Abriss ist schon brutal.“ Über das Grundstück ziehen Zugvögel durch den blauen Himmel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s