Archiv für September, 2013

Von Kristian Stemmler

HAN logoWenn eine Zeitung stirbt, ist das immer ein trauriger Tag – vor allem, wenn es ein so traditionsreiches Blatt betrifft wie die Harburger Anzeigen und Nachrichten, einst nach ihrem erfolgreichen Herausgeber, dem Geheimen Kommerzienrat Georg Lühman „Die Lühmannsche“ genannt, heute allgemein nur als „HAN“ bekannt. Fast auf den Tag genau 169 Jahre nach der ersten Ausgabe erschien heute die letzte Ausgabe von Hamburgs ältester Tageszeitung. Ein Rückschlag auch für die Medienvielfalt im Landkreis Harburg!

Die HAN wird eingestellt, weil sie in den letzten 15 Jahren über die Hälfte ihrer Auflage verloren hatte, zuletzt lag sie bei knapp über 12.000 verkauften Exemplaren. Ein Dutzend Redakteure, weitere Angestellte und etliche freie Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit. Anja Westheuser vom Deutschen Journalistenverband (DJV) sprach von einer „Katastrophe für die Hamburger Zeitungslandschaft“. Immerhin sei für die verbliebenen knapp 30 Mitarbeiter ein zufriedenstellender Sozialplan ausgehandelt worden, wie Stefan Endter vom DJV sagte.

Chefredakteur Joachim Peters schrieb in der letzten Ausgabe: „Wir waren stets bemüht, nicht Kritik um der Kritik willen zu üben, sondern wollten gleichzeitig immer auch mögliche Lösungswege aufzeigen, Fronten aufbrechen, Streitende möglichst versöhnen.“ Tatsächlich hat die HAN meist kenntnisreich und seriös (von Ausreißern in den Boulevardstil abgesehen) über Vorgänge im Bezirk Harburg und im gleichnamigen Landkreis berichtet.

HAN-Redakteur und Betriebsrat Carsten Weede kritisierte im NDR-Medienmagazin ZAPP, es sei „wenig getan worden, um das Blatt wieder in den Fokus zu rücken“. Einen entscheidenen Rückschlag gab es bereits 2004, als die so genannte Mantelredaktion (alle Seiten mit überregionalem Inhalt) vom „Hamburger Abendblatt“ übernommen wurde. Statt den Lokalteil zu stärken, seien 23 Redakteur entlassen worden. Weede: „Ein konsequentes Kaputtsparen.“

Im Landkreis Harburg gibt es nach dem Aus für die HAN nur noch drei ernstzunehmende Zeitungen: das Wochenblatt (in mehreren Ausgaben), die Harburger Rundschau, gemacht von einer Außenredaktion des Hamburger Abendblattes, und der Winsener Anzeiger, der in Buchholz kaum registriert wird. Als Anzeigenblatt hat das Wochenblatt dabei eine beherrschende Stellung, da es so gut wie alle Haushalte erreicht.

Leider nutzt der Wochenblatt Verlag seine Stellung immer wieder aus, um regelrechte Kampagnen zu fahren. Wie bei Boulevardzeitungen wird dabei kaum zwischen Berichterstattung und Kommentar getrennt. Nach dem Ende der HAN werden andere Informationsquellen als das Wochenblatt daher immer bedeutender – auch der buchholzblog. Für mich ist das Ansporn noch ausführlicher und genauer über Vorgänge in Buchholz und dem Landkreis zu berichten. Um eine Zeitung aufzumachen, fehlen mir leider die Mittel…

Den Kollegen von den Harburger Anzeigen und Nachrichten wünsche ich, dass sie möglichst bald wieder eine gute Arbeit finden (soweit ihnen das nicht schon gelungen ist). Für Journalisten ist es in den letzten Monaten und Jahren ja nicht gerade einfacher geworden. Alle reden gern davon, wie wichtig Qualitätsjournalismus für eine funktionierende Demokratie ist – bezahlen will man dafür nicht, jedenfalls nicht die Verleger!

Herbstbild

Veröffentlicht: 2013-09-30 in Lokales
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Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält;
denn heute löst sich von den Zweigen nur,
was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel

DSC_1238Eine überraschende Verkehrsbehinderung im Stadtzentrum sorgt für Fragezeichen bei vielen Buchholzern. Seit Ende vergangener Woche ist die Breite Straße in Höhe Schlachter Wiese gesperrt, so dass eine Durchfahrt zur Adolfstraße nicht mehr möglich ist. Auch der Fußweg auf der Nordseite ist gesperrt, so dass Passanten nur noch auf dem Fußweg auf der Südseite passieren können. Den Grund für die Sperrung teilte Jürgen Steinhage, Leiter des Fachbereichs Betriebe der Stadt, bei der Sondersitzung des Stadtrates am Freitag in der Rathauskantine, bei der der Haushalt eingebracht wurde, mit. Und zwar sei eine Hausabflussleitung komplett verstopft, so dass es bei mehreren Häusern Probleme mit dem Abfluss gibt. Steinhage rechnet damit, dass die Arbeiten und damit auch die Sperrung noch für etwa zwei Wochen anhalten. (kst)

Die Homepage der Immobilienfirma Bohn - will das Wochenblatt Makler Ronny Bohn zum Bürgermeisterkandidaten aufbauen?

Die Homepage der Immobilienfirma Bohn – will das Wochenblatt Makler Ronny Bohn zum Bürgermeisterkandidaten aufbauen?

Von Kristian Stemmler

Das Nordheide Wochenblatt hat noch einmal drauf gelegt. In reißerischer Manier berichtet der Quasi-Monopolist des Landkreises in seiner Sonnabend-Ausgabe über den Abriss des Hauses von Berufssänger Prosper-Christian Otto in Sprötze. Die Aufmachung erinnert stark an die „Bild“-Zeitung, unter der knalligen Überschrift „Gnadenloser Bürgermeister“ wird der Buchholzer Bürgermeister Wilfried Geiger attackiert, weil er die Abrissverfügung gegen Otto durchgesetzt hat. Dabei nutzt das Wochenblatt erneut die Erkrankung von Ottos Ehefrau Christiane, die an Multipler Sklerose leidet.

Dass sich das Wochenblatt mit solcher Vehemenz auf die Seite Ottos schlägt, hat möglicherweise sachfremde Gründe. Welche das sein könnten, für die Antwort auf diese Frage gibt es einige Seiten weiter zumindest einen Hinweis. Dort wird über die bevorstehenden Bürgermeisterwahlen in mehreren Gemeinden des Landkreises berichtet, auch in Buchholz, wo vermutlich am 25. Mai 2014 gewählt wird, und über die möglichen Kandidaten spekuliert. Angesichts dieses Beitrags stellt sich die Frage: Geht es dem Wochenblatt bei der Berichterstattung über den Fall Otto vor allem darum, Bürgermeister Wilfried Geiger anzuschießen und einen eigenen Kandidaten in Stellung zu bringen?

Ins Spiel gebracht werden vom Wochenblatt Geiger selbst, von dem es heißt, er werde „vermutlich“ antreten, und Joachim Zinnecker, Fraktionchef der Grünen im Stadtrat und Geschäftsführer einer Tochter von Hamburg Wasser, der sich öffentlich aber noch nicht erklärt hat. Er könnte der erste grüne Bürgermeister von Buchholz werden. Das Wochenblatt nennt dann noch Remo Rauber, Ortsvereinsvorsitzender der SPD und Angestellter in der Tiefbauabteilung der Stadt. Bei ihm sehen Beobachter das Problem, dass er bei einer erfolgreichen Wahl von der Stelle eines Sachbearbeiters auf den Chefsessel der gesamten Verwaltung katapultiert würde.

Am aufschlussreichsten aber ist der vierte Name, den das Wochenblatt aufführt. Als „Mann der Wirtschaft“ wolle der selbstständige Immobilienkaufmann Ronald (Ronny) Bohn seinen Hut in den Ring werfen. Bohn ist politisch bisher nicht in Erscheinung getreten, der Makler, der in Tostedt wohnt, ist Vorsitzender des TSV Sprötze und organisiert die Konzerte „Rock unter Eichen“ in Trelde. Sein Vater Wolfgang Bohn hat die Immobilienfirma Bohn 1971 gegründet (sie bezeichnet sich auf ihrer Homepage als die älteste Immobilienfirma in Buchholz) und ist – hier wird es interessant – ein alter Weggefährte von Wochenblatt-Verleger Martin Schrader!

Es würde der Linie des Wochenblatt-Verlages entsprechen, einen „Mann der Wirtschaft“ auf den Schild zu heben und zu promoten, vor allem wenn er dem Verlag nahe steht. Denn der Meinungsführer in Landkreis und Stadt lässt keine Gelegenheit aus, um die Verwaltung und deren Führung als unfähig und verschlafen schlecht zu machen, so auch im Fall Otto. Das Credo des Verlages heißt: Die Wirtschaft kann es besser!

Aus Sicht des buchholzblogs wäre es allerdings geradezu grotesk, einen Makler ohne jede Verwaltungserfahrung zum Bürgermeister zu machen. Wobei es andererseits eine gewisse Logik hätte, denn in den vergangenen Jahre ist in Buchholz ja immer wieder Politik für diese Berufsgruppe gemacht worden, und für alle, die sonst noch an Grundstücksgeschäften hängen wie Banken, Notare, Grundeigentümer etc. Das Rathaus könnte dann ja gleich an die Bendestorfer Straße verlegt werden.

Angeblich hat der Wochenblatt Verlag das Haus an der Kreuzung neben seinem Sitz gekauft. Das könnte man ja ebenso abreißen wie das Stammhaus des Verlages und dort sechsstöckig neu bauen. Verlag und Verwaltung in einem Gebäude, das würde die Wege doch erheblich verkürzen…

Jedenfalls dürfte die Bürgermeisterwahl in Buchholz spannend wie selten werden. Neben den genannten Personen werden noch weitere als Kandidaten gehandelt, so der Erste Stadtrat, Jan-Hendrik Röhse. Wen die CDU unterstützt, muss abgewartet werden. Die Mehrheitsgruppe im Stadtrat aus SPD und Grüne hätte mit Zinnecker und Rauber, so sie tatsächlich antreten, schon mal zwei Kandidaten im Rennen.

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Er kam, sah und sang. Der König von Mallorca, Schlagersänger Jürgen Drews, beehrte die Nordheide heute mittag mit seinem Besuch. Zum Auftakt seiner Promotiontour für die neue CD „Kornblumen“, die am heutigen Freitag herauskommt, absolvierte Drews einen viel umjubelten Auftritt im Erdgeschoss der Buchholz Galerie. Etwa 150 Zuhörer versammelten sich vor der kleinen Bühne, in der Mehrzahl Frauen, viele schon ergraut, neugierige Rentner, aber auch eine Reihe Jugendlicher und Kinder.

Der Schlagerstar sang zum Halbplayback Songs der neuen CD, aber auch ein paar seiner alten Hits, natürlich auch „Bett im Kornfeld“, und das gleich zweimal, nämlich zum Schluss seines gut einstündigen Konzerts noch einmal. Dazu holte er den in Buchholz wohnenden Olympiasieger im Boxen von 1972, Dieter Kottysch, der ihm beim Eintreffen vorgestellt worden war, auf die Bühne: „Das sing ich jetzt nur für Dich!“ Der gesundheitlich stark angeschlagen wirkende Kottysch fing vor Rührung fast an zu weinen.

Professionell wie immer kokettierte Jürgen Drews mit seinem Publikum, streute hier und da ein paar Anzüglichkeiten ein und verband die Präsentation der Songs mit einer Autogrammstunde. Wer seine neue CD (15 Euro, 18 Titel) erstanden hatte, durfte zu ihm auf die Bühne kommen, um sich das Cover signieren zu lassen. Gisela, Barbara, Vanessa und andere standen Schlange, manche traute sich, dem verehrten Star ein Küsschen zu geben.

Gegen halb zwei verabschiedete sich Drews von den Zuhörern, erfüllte dann aber noch geduldig weitere Autogrammwünsche und stand für Fotos mit seinen Fans bereit, von der Mittsechzigerin mit Hund bis zum Baby. Dann rückte er mit seinem Gefolge wieder ab, um zu einem zweiten Termin der Promotionstour in einem Bremer Einkaufszentrum zu eilen. Heute abend wollen der Star und seine Frau Ramona den 18. Geburtstag von Tochter Joelina feiern, „die wir über alles lieben“. (kst)

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Von Kristian Stemmler

Peter Rössner sieht die Sache gelassen. „Als ich in Lüneburg alte Fachwerkhäuser abreißen musste, das ging mir an die Nieren. Aber das hier ist für mich eigentlich nur ne Bude im Wald“, sagt er ohne erkennbare Erregung. Dann entschuldigt sich der Seniorchef der Abbruchfirma Rössner aus Wenzendorf aber doch halbwegs für sein Tun: „Ich bin ja hier nur der verlängerte Arm“, meint er achselzuckend.

Das kann man fast wörtlich nehmen, denn der Arm seines 16-Tonnen-Baggers und die daran befindliche Schaufel sind es, die am Donnerstagmittag kurzen Prozess mit dem Haus an der Straße Dependahl im Sprötzer Landschaftsschutzgebiet Lohbergen machen – und damit das Ausrufezeichen hinter eine Affäre setzen, die Buchholz jahrelang in Atem gehalten hat. Nach dem Nachnamen des Protagonisten meist als „Affäre Otto“ bekannt.

Kaum hätte man geglaubt, dass dieser Tag noch kommen würde. Denn dem Tenor und Vorstand des Musikschulvereins Prosper-Christian Otto war es immer wieder gelungen, den Vollzug der seit Jahren existierenden Abrissverfügung hinauszuschieben. Zuletzt mit dem Argument, in seinem Haus befinde sich ein Büro der Musikschule. Aber das ist jetzt umgezogen, und das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat auch die letzten drei Einsprüche Ottos abgeschmettert. Aus die Maus!

Triumphale Freude ist allerdings bei keinem festzustellen, an diesem Tag, auch wenn Otto die Stadt immer wieder provoziert und beschimpft hat. Auch Bürgermeister Wilfried Geiger (parteilos), der es sich nehmen lässt, gegen acht am Einsatzort aufzutauchen, hält sich in seinen Äußerungen erkennbar zurück. Auf der ehemaligen Terrasse von Familie Otto, gibt er den Reportern von Wochenblatt, Harburger Rundschau, Harburger Anzeigen und Nachrichten und dem NDR Hörfunk Auskunft. Auch dem aus Hannover angereisten NDR-Fernsehteam steht er Rede und Antwort.

Natürlich sei er erleichtert, dass der Streit mit Otto jetzt sein Ende findet, bekennt Geiger, der an diesem Tag wirklich eine gute Figur macht. Mehrfach weist er darauf hin, wie bedauerlich es sei, dass der Berufssänger nicht kompromissbereit gewesen ist: „Er hat immer auf seinen Maximalforderungen bestanden.“ Mit der Aufstellung eines Bebauungsplan habe die Stadt versucht, „den Spagat zu wagen“, die schwarz gebauten Häuser im Wald in einem gewissen Umfang nachträglich zu legalisieren.

Otto hätte hier sein 177-Quadratmeter-Haus lediglich auf eine Grundfläche von 90 Quadratmeter zurückbauen müssen. Geiger: „Das wäre ein wunderbares Baugrundstück gewesen.“ Erst mit seinem prozessualen Feldzug gegen die Stadt habe Otto alle Voraussetzungen für einen Kompromiss zerstört. Das Bundesverwaltungsgericht gab dem Tenor Recht und kassierte den B-Plan. Ein Pyrrhussieg, denn jetzt stand Ottos Haus im Außenbereich, die Stadt hatte die juristische Grundlage für den Abriss.

Dass der Abriss die Krönung eines persönlichen Rachefeldzugs gegen Otto sei, wie das Nordheide Wochenblatt jetzt fabuliert hatte, weist der Bürgermeister entschieden zurück. Zwei Gespräche habe er mit dem Musikprofessor im Rathaus geführt: „Da ist nie ein böses Wort gefallen.“ Auch den Vorschlag, wegen der Erkrankung von Ottos, sie leidet an Multipler Sklerose, Gnade vor Recht ergehen zu lassen, kann Geiger nicht nachvollziehen. Es sei in seiner Verantwortung, sie zu schützen.

Mit Blick auf die angeschlagene Gesundheit von Christiane Otto hat die Stadt aber dennoch Vorsorge getroffen. Kurz nach Geiger trifft der Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Landkreis Harburg, Folke Sumfleth, im Abrisshaus ein. „Für den Fall, dass Frau Otto akut unter dem Abriss leidet, wollten wir für ärztlichen Schutz sorgen“, erklärt Geiger, der den Psychiater aber mit Dank entlässt, weil die Ottos nicht erschienen sind.

Offenbar wollte sich das Ehepaar den Anblick des Abrissbaggers ersparen, was ja zu verstehen ist. Sie haben ihr Haus komplett leergeräumt, auf den Holzböden liegen nur noch ein paar Plastiktüten, CD-Rohlinge, alte Zeitschriften wie „Salzburg aktuell“ oder „Pro arte“, ein paar Spiegelfliesen. In einem Zimmer liegt noch eine einfache Gitarre mit nur noch drei Saiten. Im Carport vor dem Haus haben die Ottos noch Fahrräder und anderes zurückgelassen.

Bevor mit dem Abriss des Hauses begonnen werden kann, holen Arbeiter den Müll aus dem Haus und reißen im oberen Stockwerk schon mal einen Teil der Glaswolle aus dem Dach. Vor dem Grundstück wird inzwischen die Gasleitung abgestellt. Schwieriger gestaltet sich das Abklemmen des Stroms. Ein Nachbarhaus hängt mit an der Leitung der Ottos, mühsam müssen erstmal die Kabel unter der Terasse und der Rasenfläche freigelegt werden.

Mitarbeiter der Firma Bredehöft aus Harsefeld heben mit Kleinbagger und Schaufel Gräben aus. Ein Mitarbeiter der Stadtwerke hat zuvor mit einem Messgerät, das einen durchdringenden Piepton von sich gibt, den Verlauf der Stromleitung unter dem Boden festgestellt. Doch bis sie die Kabel freigelegt, eine Überbrückung zum Nachbarsgrundstück hergestellt und die Stromzufuhr zu Ottos Haus gekappt haben, dauert es noch etwas.

Die Reporter, der Buchholzer Pressesprecher Heinrich Helms, Gerhard Lüders, Chef des Fachdienstes Bauordnung, Abbruchunternehmer Rössner und zwei junge Polizeibeamte, ein Mann und eine Frau, stehen derweil auf dem wirklich schönen Waldgrundstück in der Sonne, die inzwischen den Schnürregen abgelöst hat, und warten. Für Kurzweil sorgt vor allem Peter Rössner mit Anekdoten aus seiner Laufbahn als Abreißer.

Unvermutet taucht Wochenblatt-Verleger Martin Schrader auf Ottos Grundstück auf. Seine Tochter ist Nachbarin des Tenors. Natürlich will sich auch Schrader dieses für Landkreis-Verhältnisse historische Ereignis nicht entgehen lassen. Er unterhält sich lautstark mit seinem ehemaligem Mitarbeiter Heinrich Helms und das gewohnt meinungsfreudig. Die Führung der Stadt kommt dabei nicht gut weg – und man versteht Manches besser, was im Wochenblatt steht…

Das NDR-Fernsehteam und weitere Kollegen sind indes kurzfristig ausgeflogen. Natürlich hat Prosper-Christian Otto es sich nicht nehmen lassen, auch seine Sicht der Dinge noch mal zu transportieren. In Wenzendorf habe er eine Vier-Zimmer-Wohnung bezogen, heißt es, pikanterweise direkt neben Rössner, der sein Haus abreißt (!), dort habe er auch zur Pressekonferenz gebeten. Und zwar im Café auf Hof Oelkers. Dort wusste man offenbar nichts von Ottos Auftritt.

Als das NDR-Team nach Sprötze zurückgekehrt ist, erzählen die jungen Leute, die Familie Oelkers sei nicht besonders erfreut von Ottos Vorgehen gewesen. Das Interview hätten sie darum im Wald führen müssen. Otto habe erklärt, er sei mit einem Rückbau seines Hauses einverstanden gewesen und habe dazu auch Anträge eingereicht, die die Stadt aber nicht genehmigt habe. Offenbar arbeitet Otto hier an seiner nächsten Legende.

Stadtsprecher Helms reagiert auch entsprechend empört: „Das stimmt wirklich nicht!“ Zwar habe Otto tatsächlich Anträge gestellt, aber da hätten Unterlagen gefehlt. Dass die Stadt hier Fehler gemacht habe, sei völlig abwegig. Dieses Statement wiederholt Helms auch noch mal vor der Kamera des NDR-Teams. Die Mitarbeiter von Bredehöft und den Buchholzer Stadtwerken sind inzwischen mit der Lösung des Stromproblems vorangekommen.

Gegen halb eins kommt das grüne Licht für Rössner, der sich, nach wie vor die Ruhe selbst, in seinen Bagger schwingt. Erstmal schiebt er die Gräben auf Rasenflächen und Terrasse wieder zu – und dann ist es soweit: Punkt 12.31 Uhr schlägt die Baggerschaufel zum erstenmal auf dem Dach von Ottos Anwesen auf. Der NDR filmt, die Kollegen fotografieren, auch die Polizei hält mit dem Smartphone das Ereignis fest. Zehn Minuten später liegt das halbe Dach und ein Flügel des Hauses in Trümmern. Rund 20.000 Euro wird der Abriss kosten, alles zu zahlen vom Ehepaar Otto. Ob diese Rechnung beglichen wird..?

Der Abriss hat begonnen, die Medien haben ihre Bilder und rücken ab. Etwa eine Woche werde er noch brauchen, hatte Peter Rössner bekundet. Die Materialen werden vor Ort getrennt, bevor sie zur Firma Husen verbracht werden. Was dort daraus wird, kann Rössner auch nicht so genau sagen: „Vielleicht ne Spanplatte.“

Der Leiter des Buchholzer Fachdienstes Bauordnung, Gerhard Lüders, der leidvolle Erfahrungen mit Otto gemacht hat, hat sich das Treiben mit durchaus gemischten Gefühlen angesehen. „Ich habe ja nun jahrelang mit der Sache zu tun gehabt“, sagt er nachdenklich, „aber das hier so mit anzusehen, ist nicht schön. So ein Abriss ist schon brutal.“ Über das Grundstück ziehen Zugvögel durch den blauen Himmel.

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Von Kristian Stemmler

Punkt 12.31 Uhr ließ Baggerführer Peter Rössner die Schaufel seines 16-Tonnen-Baggers das erste Mal auf das Dach des Hauses Dependahl 8 in Buchholz-Sprötze krachen. Heute mittag hat im Landschaftsschutzgebiet Lohbergen der Abriss des Hauses von Prosper-Christian Otto begonnen – damit hat eine jahrelange Auseinandersetzung zwischen dem Berufssänger und der Stadt Buchholz, die Otto bis vors Bundesverwaltungsgericht trug, ihr vorläufiges Ende gefunden.

Der Einsatz ging überraschend reibungslos über die Bühne, weil das Ehepaar Otto das Haus geräumt hatte und darauf verzichtete, vor Ort zu erscheinen. Die Polizei musste ebenso wenig eingreifen, wie der Psychiater, den die Verwaltung vorsorglich zum Einsatzort gebeten hatte, weil Otto im Vorfeld auf die Erkrankung seiner Frau – sie leidet an Multipler Sklerose – und eine daraus resultierende Labilität hingewiesen hatte.

Bereits vor acht Uhr waren Mitarbeiter des Fachdienstes Bauordnung unter deren Leiter Gerhard Lüders auf dem mehr als 7000 Quadratmeter großen Waldgrundstück eingetroffen. Das Tor mit dem auffälligen Violinschlüssel, in den jemand weiße Rosen gesteckt hatte, war unverschlossen. Die Mitarbeiter fanden das Haus leer und verlassen vor, in den Räumen hatten die Ottos lediglich noch etwas Müll wie Plastiktüten, alte Zeitschriften und DVDs hinterlassen.

Gegen acht erschien Bürgermeister Wilfried Geiger, um sich ein Bild von der Lage zu machen und „meinen Mitarbeitern Rückendeckung zu geben“, wie er sagte. In Interviews mit den zahlreich erschienenen Medienvertretern nahm er Stellung zum Fall Otto. Neben Kollegen vom Nordheide Wochenblatt, von der Harburger Rundschau und den Harburger Anzeigen waren auch eine Reporterin vom NDR Hörfunk und ein Fernsehteam des NDR vor Ort (Bericht in „Hallo Niedersachsen“, heute um 19.30 Uhr, N 3).

Er sei erleichtert, das der jahrelange Streit jetzt ein Ende gefunden habe, sagte Geiger. Es sei allerdings auch sehr bedauerlich, dass Otto nicht die ausgestreckte Hand der Stadt ergriffen und sich auf einen Kompromiss eingelassen habe, als noch die Zeit dafür war. „Wenn er den Kompromiss akzeptiert und zurückgebaut hätte, dann hätte er hier ein wunderbares Baugrundstück und ein Haus mit einer Grundfläche von 90 Quadratmeter gehabt“, so der Bürgermeister, „aber er hat leider immer auf seinen Maximalforderungen bestanden.“

Den von Otto und dem Nordheide Wochenblatt vorgebrachten Verdacht, der Abriss des Hauses sei Ausdruck eines persönlichen Rachefeldzugs des Bürgermeisters, wies dieser „entschieden“ zurück. Die Stadt habe versucht, mit einem Bebauungsplan Rechtssicherheit im Gebiet Lohbergen herzustellen, „um den Leuten hier das Dach über dem Kopf zu lassen“. Dieser B-Plan habe Otto lediglich verpflichtet, das Haus zurückzubauen. Erst nachdem der Berufssänger beim Bundesverwaltungsgericht erreicht hatte, dass der B-Plan kassiert wurde, habe sein Haus im Außenbereich gestanden, mit dem Ergebnis, dass es abgerissen werden muss.

Nach etwa einer halben Stunde verließ Geiger den Einsatzort wieder. Arbeiter hatten inzwischen begonnen, den Müll aus dem Haus zu entfernen und im oberen Stockwerk die Isolierung des Dachs herauszureißen. Es dauerte allerdings noch ein paar Stunden bis der Bagger der Abbruchfirma Rössner zum Zuge kam. Die Stadtwerke und die Firma Bredehöft mussten erst im Garten und auf der Terrasse Stromleitungen freilegen. Da ein Nachbarhaus an der Stromleitung der Ottos hing, musste zuerst eine Überbrückung installiert werden, bevor die Stromzufuhr gekappt werden konnte.

Der Abriss des Hauses und der Abtransport des Schutts soll sich bis in die kommende Woche erstrecken. Die Kosten von etwa 20.000 Euro muss Otto tragen, da er der Verpflichtung zum Abriss nicht nachgekommen ist. Die Stadt Buchholz wird hier im Zuge einer so genannten Ersatzvornahme tätig.

Das Ehepaar soll, wie es hieß, vorläufig in einer Wohnung in Wenzendorf untergekommen sein. Otto lotste das NDR-Fernsehteam auf den Hof Oelkers, um ein Interview zu geben. Dort war man nicht sehr erfreut von dieser improvisierten Pressekonferenz, da Otto die Familie Oelkers offenbar nicht informiert hatte, so dass das Interview in den Wald verlegt wurde. Pikantes Detail am Rande: Die Wohnung der Ottos soll sich unmittelbar neben dem Sitz der Abbruchfirma Rössner befinden…

(Eine ausführliche Reportage zu den Vorgängen in Sprötze folgt demnächst.)