Weißes Dinner, Schwarzes Dinner – Clash of Cultures im Rathauspark

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Von Kristian Stemmler

„Was ist denn da los? Ist das eine Hochzeit?“ Die Jugendlichen, die wie jeden Abend vor dem Jugendzentrum toben, sind leicht irritiert. Im Rathauspark geht etwas Ungewöhnliches vor sich. Dort haben sich eine Menge Leute versammelt, die alle ganz in weiß gekleidet sind. Sie haben auf mitgebrachten Stühlen an ebenfalls weiß eingekleideten Tischen Platz genommen, trinken und essen, unterhalten sich. Nein, das ist keine Hochzeit, es ist auch nicht die „Weiße Wölfe Terrorcrew“ – hier wird der diskrete Charme der Buchholzer Bourgeoisie zelebriert: das erste Weiße Dinner der Stadt.

In der Nordheide hat es schon einige Aufführungen dieses Dîner en blanc gegeben, ein aus Frankreich importiertes Event (der blog berichtete), in anderen deutschen Städten wird bereits seit Jahren weiß diniert. In Hamburg findet an diesem Abend schon das vierte Weiße Dinner statt, und zwar in der Hafencity, der Veranstalter spricht von rund 6500 Teilnehmern. Etwas ist in Buchholz an diesem Abend allerdings anders: Hier findet, soweit sich das im Internet feststellen lässt, der erste politische Protest gegen ein Weißes Dinner statt, ein Schwarzes Dinner.

Die Idee dazu hatten der Blogger und Betriebsrat Uwe Schulze (www.gegengift.eu, dort gibt es auch einen weiteren Bericht zum Thema) und seine Mitstreiter Bärbel Liehr und Andreas. Angeregt von meinem Beitrag im buchholzblog, in dem ich das Weiße Dinner als „nutzlose Demonstration der Dekadenz“ bezeichnet hatte, formulierten sie in ihrem blog einen Aufruf, in dem es heißt: „Wir empfinden dieses Dinner als ein dekadentes Event, als rücksichtsloses Verhalten gegenüber sozialen Minderheiten“, gegenüber Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben oder für Dumpinglöhne schuften müssen.

Wie das Weiße Dinner fängt auch das Schwarze Dinner klein an. Da der Aufruf aus taktischen Gründen erst einige Stunden vor Beginn der Veranstaltung im Netz erscheint, sind an diesem Abend erst mal nur vier Personen ganz in schwarz erschienen: die drei Initiatoren und der Autor als Unterstützer. Wir nehmen auf Campingstühlen am Rande des Parks Platz. Auf dem mit einem schwarzen Tuch verhüllten Tapeziertisch haben wir unser eigenes kleines Stillleben komponiert. Kein kaltes Drei-Gänge-Menü wie bei den Weißen, sondern Butterbrote, Mineralwasser von Aldi und billige Würstchen von Lidl. Aldi-Tüten als Symbol von Armut und Segregation komplettieren das Bild.

Trotz unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit ist die Aufmerksamkeit der weißen Fraktion, die fast 100 Leute zusammenbekommen hat, uns dennoch gewiss – zumal ein improvisiertes Pappschild mit der Aufschrift „Hartz-IV-Empfänger HIER“ die Blicke auf das Schwarze Dinner zieht. Immerhin, diverse Teilnehmer des Weißen Dinner scheuen nicht den Kontakt. Ein Mann mittleren Alters lichtet uns mit dem Handy ab, eine ältere Dame mit Rollator will uns Lebensmittel spenden und zwei andere Damen erkundigen sich freundlich nach unseren Motiven.

Auch die Medien, genauer gesagt: ein Medium, und die politische Prominenz kommen zu Besuch. Kollege Oliver Sander vom Nordheide Wochenblatt macht, nachdem er Organisator Stephan Jockel (ein diplomierter Controller, was immer das ist) interviewt hat, einen Abstecher an den „Katzentisch“. Wir erklären ihm wie auch den anderen Besuchern, dass wir das Weiße Dinner nicht stören wollen und jeder sich vergnügen möge, wie er lustig ist, auch wenn wir selbst dieses Event dekadent finden. Dass es uns darum geht, ein Zeichen zu setzen, aufmerksam zu machen auf das Wohlstandsgefälle hierzulande und auch in Buchholz.

Auch zwei Ratskollegen, die ich überraschend in weiß erblicke, schauen vorbei. Joachim Zinnecker, Fraktionschef der Grünen im Stadtrat und stellvertretender Bürgermeister, hat sich mit seiner Frau zur Teilnahme entschlossen. Er denkt da eher staatstragend, sieht das Event als Aufwertung für die Stadt. Für unseren kritischen Einspruch zeigt er aber durchaus Verständnis. Ebenso wie Arne Ludwig, der für die Piraten im Rat sitzt. Er wechselt sogar mit seinem Stuhl für einige Minuten von der weißen Fraktion an unseren Tisch und bekundet Sympathie für unser Aktion. Auch weiß er zu berichten, dass einige Teilnehmer des Weißen Dinners leicht empört sind: Sie seien keineswegs so steinreich, wie das von uns offenbar angenommen werde.

Das ist allerdings auch nicht der Punkt. Aber es zeigt sich doch auch hier, dass die Teilnehmer vom Habitus und ihrem Auftreten her so gut wie alle der Mittel- und Oberschicht zuzuordnen sind. Selbst wenn man theoretisch offen ist für alle, so kommt auch an diesem Abend wohl kein Hartz-IV-Empfänger auf die Idee, sich dem Weißen Dinner anzuschließen. Allein die Optik dürfte da eher abschreckend sein: Auch wenn das einheitliche Weiß – rein formal gesehen – durchaus ästhetisch wirkt, so ist die Anmutung dennoch edel und abgehoben. Meine Welt ist das nicht!

Die der Jugendlichen vom JUZ offenbar auch nicht. Nach einer Weile kommen sie neugierig an unseren Tisch und wollen wissen, was wir da machen: „Sind Sie Hartz-IV-Empfänger?“ Uwe Schulze verneint das: „Wir stehen hier für diese Menschen“, erklärt er, „wir wollen zeigen, dass es auch Menschen gibt, die sich nicht soviel leisten können.“ Das findet das Mädchen gut: „Da würde ich mich auf jeden Fall eher zu Ihnen setzen!“

Das begrüßen wir einhellig, müssen aber jetzt aufbrechen. „Wir haben unser Ziel erreicht, ein Zeichen gesetzt“, sagt Uwe Schulze. Das erste Schwarze Dinner deutschlandweit hat für Aufmerksamkeit und Diskussionen gesorgt. Sicher auch für Amüsement, was ja ebenfalls nicht verkehrt ist, denn ein gewisser satirischer Einschlag war durchaus eingeplant. Auch wenn es letztlich um eine ernste Sache und einen anhaltenden Kampf geht – denn die soziale Erosion wird wohl auch nach der Bundestagswahl im September weitergehen.

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4 Comments

  1. Hallo Teo,
    eigentlich wollte ich zu Deiner Antwort noch etwas schreiben. Aber nach einer intensiven Diskussion mit meiner Frau über „Weiße Dinner“ denke ich mal Deine Meinung so stehen zu lassen, denke aber nach wie vor das es nicht die Absicht der Organisatoren des schwarzen Dinners war Hartz iV – Empfänger zu beleidigen oder als stillos darzustellen.
    Viele Grüße

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  2. assig ist die Abkürzung von asozial. Ich möchte auch bezweifeln, dass es nur mikroskopische Dinge ging. Hier wurde bewusst eine „wir haben wenig Geld und das muss man dann auch sehn Situation erzeugt “ nur dieses, habe ich kritisiert! Denn ich bin der Meinung, es wird sich hier an etwas aufgehängt wo es nichts aufzuhängen gibt. Mich würde mal interessieren, was es eigentlich ist, was den Eindruck erweckt diese Veranstaltung ist nur für Besserverdiener? Ich glaube Herr Stemmler hängt sich schlicht an der weißen Farbe auf, die etwas elitäres ausstrahlt. Wenn die Farbe nicht im Spiel wäre, würde sich kein Mensch um diese Veranstaltung Gedanken machen. Mich interessiert es auch nicht und ich würde nie hin gehen, aber wer will soll doch, ich kann hier nun wirklich nichts Verwerfliches daran finden.

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  3. Ich glaube nicht, dass es bei der Aktion des Schwarzen Dinners darum ging, irgend jemanden als „assig“ (was auch immer das sein soll) zu beleidigen oder jemanden als stillos hinzustellen. Es ging wohl, so glaube ich es verstanden zu haben, darum die Diskrepanz zwischen einer öffentlich zu Schau gestellten „Luxus-“ (falls es denn eine solche war, da möchte ich mich etwas bedeckt halten) Veranstaltung und einer sehr schnell ausgegrenzten Gruppe der Gesellschaft aufmerksam zu machen.
    Hinzu kommt wohl auch, dass man bei solcher Aktion nicht jedes kleinste Detail mikroskopisch genau planen kann.
    Ende der Siebziger hat man Atomkraftgegner Unglaubwüerdigkeit vorgeworfen, wenn sie zur Demo mit dem Auto angereist sind.
    In beiden Fällen mag gelten : Was hat das eine mit dem anderen zu tun ?

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  4. all die Dinge, die man auf eurem Tisch sieht, hätte man auch in anderer Aufmachung dort trapieren können. Hier scheint mir der Zwang möglichst assig rüber zu kommen zwanghaft zu sein. Ganz im Gegenteil, ich halte es für eine krasse Unterstellung und Beleidigung Harz 4 Empfänger so stiellos darzustellen. Ich denke, auch Menschen mit weniger Geld (zu denen ich mich leider auch zählen muss) sind durchaus in der Lage, an einem schön aussehenden Tisch ein Essen zu genießen. Von daher, kann ich die ganze Aktion nur als zwanghaft und völlig überzogen bezeichnen, eine Sache schlecht zu machen! Ich denke es gibt wesentlich wichtigeres über was man sich ärgern könnte, was auf Ihrer Homepage ja hier und dort auch deutlich wird.

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