Weißes Dinner in Buchholz – nutzlose Demonstration der Dekadenz

Von Kristian Stemmler

Eine Seuche unserer durchgeknallten Eventgesellschaft hat jetzt auch den Landkreis Harburg erreicht: das Weiße Dinner oder Dîner en blanc. In immer mehr Gemeinden wird diese aus Frankreich eingeschleppte Veranstaltung organisiert, bei der sich Menschen ganz in weiß zum Picknick treffen. Hanstedt, Tostedt und Handeloh zum Beispiel haben es schon hinter sich, in Buchholz will man am 17. August den Rathauspark heimsuchen. Der buchholzblog meint: Dieses Event ist überflüssig wie ein Kropf!

Als Ursprungort des Weißen Dinners wird Paris genannt, wo im Sommer 1988 ein gewisser Francois Pasquier seine überfüllte private Gartenparty spontan in den Bois de Boulogne verlegt haben soll, wie bei Wikipedia nachzulesen ist. In der Folge habe man sich jeden Juni zu einem gemeinsamen Picknick an einem bis zuletzt geheim gehaltenen Ort in der Öffentlichkeit verabredet. Die Grundregel: Alle Teilnehmer müssen von Kopf bis Fuß weiß gekleidet sein. Mitgebrachte Tische und Stühle werden zu langen Tafeln gruppiert, die Teilnehmer bringen ein dreigängiges kaltes Menü und Getränke mit.

In unserer amüsierwütigen Gesellschaft breitete sich die Idee natürlich schnell aus, inzwischen gibt es Weiße Dinner in vielen deutschen Städten, teilweise mit mehreren hundert Teilnehmern. Lange Zeit galt das Dîner en blanc als exklusives Oberschicht-Event ohne kommerziellen oder politischen Hintergrund. Inzwischen legen die Veranstalter, meist Privatleute, Wert darauf, dass man alle Gesellschaftsschichten anspreche.

Genau das aber ist natürlich dummes Zeug. Das Weiße Dinner ist in meinen Augen eine ziemlich dekadente Veranstaltung. Schon von der Optik her. Man schaue sich mal einige der vielen Fotos von Weißen Dinnern im Internet an. Das wirkt doch alles ziemlich edel und abgehoben. Natürlich steht da auch kein Faber-Sekt auf dem Tisch, sondern gern mal ein guter Champagner und ein teures Mineralwasser. Denn selbst wenn die Veranstaltung erst mal für alle offen ist – natürlich kommen überwiegend Leute aus der Ober- und der Mittelschicht. Hartz-IV-Empfänger wird man da eher nicht antreffen.

Selbstverständlich sind auch die Veranstalter eher in gehobenen Kreisen zu finden. Das Weiße Dinner im Buchholzer Rathauspark wird von einem gewissen Stephan Jockel organisiert, ein Unternehmensberater, der eine geräumige Stadtvilla am Wilfried-Wroost-Weg bewohnt, eine der teursten Straßen der Stadt. Ich will dem Mann nicht absprechen, dass er ehrlich von der Idee des Weißen Dinner begeistert ist, aber es zeigt eben doch, dass dieses Event einen bestimmten sozialen Hintergrund hat.

Daran ändert auch nichts, dass Jockel auf der Homepage für das Weiße Dinner in Buchholz schreibt: „Hier sind nicht Anwälte, Ärzte, Polizisten oder Handwerker. Hier sind nur Menschen mit einer liberalen und humanistischen Lebenshaltung. Dabei lieben wir Höflichkeit, Achtung und einen gewissen Stil. Der Mensch neben uns verdienst immer unseren vollen Respekt. Wir zeigen dabei, dass ein gepflegtes Miteinander wenig mit materiellen Gütern zu tun hat, sondern viel mit Charakter.“

Das hört sich auf den ersten Blick gut (wenn auch ziemlich pathetisch) an, aber tatsächlich bleibt man doch auch in Buchholz, wie überall, meist unter sich – ob man sich im viel fein auf einen Cappuccino trifft, im Cantinella Mittag isst oder eben zum Weißen Dinner zusammenkommt. Diese Veranstaltung ist eine Demonstration der Dekadenz und darum ebenso überflüssig wie nutzlos! Was meinen Sie?

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4 Comments

  1. Ich finde das Thema ziemlich ausgereizt und erachte das Weiße Dinner auch als dekadent, aber solche Worte gehören einfach nicht geschrieben für eine Berichterstattung. Da muss ich mich langsam fragen, ob nicht ein gewisser An- und Abstand angebracht ist.

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  2. Laßt Leuten, die eine Idee haben, ihren Spaß und wers nicht mag, laßt die Rolläden runter und grabt euch ein !!

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  3. Es stellt sich die Frage, was schlimmer ist: fehlende Toleranz oder Dekadenz? Die Idee der Veranstaltung ist doch nett. Ein öffentliches cometogether in netter Umgebung. Und jeder hat die Möglichkeit im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten sein Dinner individuell zu gestalten. Da kann man wohl kaum von Ausgrenzung sprechen. Man mag die Idee meinetwegen blöd finden, denn bleibt man halt zu Hause. Allen die Lust haben, wünsche ich viel Spaß…… 🙂 Ich werde hingehen, mit einer Flasche Rotwein von Aldi oder Lidl :-))

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