Der Fall Rolf Pöker – wie das Wochenblatt einen Skandal produziert

Von Kristian Stemmler

Wochenblatt PökerDas Nordheide-Wochenblatt macht seinem Ruf als „Bild-Zeitung der Nordheide“ mal wieder alle Ehre. Ohne Rücksicht auf Verluste wird der Fall von Rolf Pöker, der aus der städtischen Notunterkunft an der Bremer Straße verbannt wurde, zum Skandal hochgeschrieben. Dabei biegt sich der Autor der Beiträge, Sascha Mummenhoff, die Dinge nach Belieben zurecht, übernimmt kritiklos die Angaben des vermeintlichen Willküropfers und lässt wichtige Fakten weg, um das Maximum an „human touch“ aus der Geschichte herauszuholen. Tatsächlich eignet sich gerade der Fall Pöker nicht für vorschnelle Urteile.

Unter der knalligen Überschrift „Stadt Buchholz treibt Rentner in den Wald“ berichtete das Wochenblatt am vergangenen Sonnabend groß auf der ersten Seite. Schon die Überschrift ist höchst tendenziös und versucht einen falschen Eindruck zu erwecken, ebenso wie der erste Satz: „Ich schlafe mitten im Wald“. Natürlich soll sich der Leser vorstellen, Rolf Pöker sei gezwungen, auf dem nackten Waldboden zu nächtigen. Erst wer sich zur Unterschrift des eingeklinkten Bildes vorarbeitet, stellt fest, dass Pöker tatsächlich auf der Veranda einer Hütte übernachtet hat.

In ähnlich tendenziöser Weise wird der Verlauf des Konflikts zwischen Pöker und der Stadt geschildert. Aus seiner Wohnung in der Notunterkunft habe er „ein behagliches Heim gezaubert“, doch dann habe man ihm das Wertvollste genommen: seine Tiere. Daraufhin sei er von der Stadt Buchholz auf die Straße gesetzt worden. Richtig ist, dass sich der Streit allem an den 15 Kanarienvögel und fünf Zwerghühnern entzündete, die Pöker hielt.

Mehrfach forderte die Stadt den Rentner auf, die Tiere abzugeben, weil sie zu Auseinandersetzungen mit anderen Bewohnern führten. Da er diesen Aufforderungen nicht nachkam, holte eine Verwaltungsmitarbeiterin schließlich in Begleitung der Polizei die Vögel ab. Nach der Abholung der Tiere eskalierte die Situation, woran Pöker nicht ganz unschuldig war. Er suchte die Hausmeisterin in ihrem Büro auf und bedrohte sie mit einem Pflasterstein. Dann warf er den Pflasterstein von draußen dreimal gegen die Scheibe des Büros, bis diese zerbarst.

Natürlich kann auch das Wochenblatt diesen Vorgang nicht ganz verschweigen, aber er wird so hingedreht, als sei der Steinwurf eine Verzweiflungsakt gewesen, den man einfach verstehen muss. Es seien Küken in der Wohnung zurückgelassen worden, die qualvoll verendet seien, wird der Rentner zitiert. Und weiter: „Der Rentner war fassungslos: ,Ich habe die Kontrolle über mich verloren, und einen Stein durch die Scheibe der Hausmeisterwohnung geschleudert, sagt der 74-Jährige mit brüchiger Stimme.“

Von verendeten Tieren weiß man bei der Stadt nichts. „Die Vögel sind ordnungsgemäß abgeholt und in Obhut gegeben worden“, sagt Heinrich Helms, Sprecher der Stadt Buchholz. Dies habe er dem Kollegen vom Wochenblatt auch so mitgeteilt. Offenbar wollte man sich aber die Geschichte nicht durch solche Einwendungen kaputt machen lassen…

In der Mittwochausgabe legte das Wochenblatt noch mal nach. Zwar hatte die Stadt inzwischen Rolf Pöker eine andere Wohnung angeboten, aber auch das wusste unsere Boulevardzeitung noch zu nutzen, um sich zu entrüsten. Auf der Eins wird ein Zitat, das man dem Rentner entlockt oder in den Mund gelegt hat, zur Zeile gemacht: „Ich bin ein Mensch zweiter Klasse!“ Im Text heißt es dann, Pökers neue Unterkunft sei in einem „menschenunwürdigen Zustand“ gewesen, als er sie bezog.

Das ist mindestens leicht übertrieben. Tatsächlich ist die Wohnung wegen eines Missverständnisses nicht sofort gereinigt worden und in einer Abseite befinden sich Kartons und Müll. Das Wochenblatt weist noch darauf hin, dass aus einem Wasserhahn das Wasser in alle Richtungen spritzt. Natürlich wird auf der ersten Seite ein Foto der Abseite gezeigt. Hier ist deutlich erkennbar: Das Wochenblatt griff nach jedem Strohhalm, um den vermeintlichen Skandal am Laufen zu halten.

Tatsächlich ist der Fall viel zu komplex, um so besinnungslos drauf zu hauen. Rolf Pöker trägt mit seinem Verhalten die Hauptschuld an der Eskalation. Ob die Probleme durch die Haltung der Vögel in der Unterkunft an der Bremer Straße wirklich so groß waren, kann ich nicht beurteilen, aber die Bedrohung einer Mitarbeiterin und das Einwerfen der Fensterscheibe sind sicherlich gute Gründe, Pöker nicht mehr in der Notunterkunft zu beherbergen. Dass er auf einer Veranda im Wald nächtigen musste, ist natürlich nicht gut.

Was an der Aufmachung im Wochenblatt besonders ärgerlich ist: Hier wird offenbar ein menschliches Schicksal ausgeschlachtet, um Auflage zu machen. Hinter dem scheinbaren Engagement für einen Obdachlosen steckt keine konsequente Agenda des Blattes und erst recht keine konsistente politische Analyse. Im Gegenteil: Ansonsten hält man zu den Eliten des Landkreises, den Geschäftsleuten und Investoren, den Mächtigen und Reichen.

Um die Sache wieder auf eine sachliche Grundlage zurückzuführen, habe ich in meiner Eigenschaft als parteiloses Mitglied des Stadtrates von Buchholz zwei Anfragen an die Verwaltung gerichtet. Darin bitte ich um die Beantwortung der folgenden Fragen:

  1. Wie genau soll die Haltung von Tieren zu Streitigkeiten führen? Hat es derartige Streitigkeiten bereits gegeben? Wenn ja, bitte genau schildern, was vorgefallen ist.
  2. Wie soll die Haltung von Kanarienvögeln zu Streitigkeiten führen?
  3. Teilt die Verwaltung die Ansicht, dass es für Menschen, die in einer Notunterkunft wohnen, gerade weil sie oft auch unter Vereinsamung leiden, wichtig sein kann, ein Tier als Bezugsgröße zu halten?
  4. Sollte den Nutzern der Unterkunft nicht zumindest die Haltung von Kleintieren erlaubt werden?
  5. Was ist genau vorgefallen? Wie hat sich der Streit mit der Mitarbeiterin entwickelt?
  6. Hat es Gespräche mit Herrn Pöker gegeben?
  7. Warum musste die Polizei beim Abtransport der Tiere zugezogen werden?
  8. Hat die Mitarbeiterin oder die Stadt Anzeige gegen Herrn Pöker erstattet? Wenn nein: Warum nicht?
  9. Wie steht die Verwaltung dazu, dass Herr Pöker im Wald übernachten musste? Warum ist ihm nicht gleich eine andere Unterkunft angeboten worden?
  10. Wie will man künftige Auseinandersetzungen mit Herrn Pöker vermeiden?
  11. Ist es möglich, ihm in der neuen Unterkunft die – für ihn offenbar sehr wichtige – Haltung von Tieren in einem gewissen Umfang zu erlauben?
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1 Comment

  1. Lieber Kristian
    da auch ich nicht weiß, was an dem von Dir zitiertem Wochenblatt-Artikel aus ehrlicher Empörung oder aus einer reißerischen Absicht heraus geschrieben worden ist, möchte ich darauf nicht weiter eingehen und mein Augenmerk auf einen anderen Punkt lenken:

    In Hochglanzbroschüren erscheint unsere „Einkaufsstadt“ immer wieder als ein Hort der Glückseligkeit, als ein Platz ohne Armut und Elend.
    Wer aber die Augen aufmacht und sich noch ein Gespür für offene oder versteckte Armut bewahrt hat, der bemerkt natürlich auch, dass es Hunger und Elend selbst hier, in der „Einkaufsstadt“ der Nordheide, gibt, dass Menschen unter uns leben, die sich aus Abfalltonnen ernähren müssen, betteln gehen oder Pfandflaschen sammeln, um zumindest den nächsten Tag halbwegs überstehen zu können, dass es Personen gibt, die nachts kein Bett zur Verfügung haben – geschweige denn eine Dusche oder eine Toilette – und tatsächlich in der freien Natur „Platte“ machen müssen.

    Vor einigen Wochen kam ich erst gegen zwei Uhr nachts nach Hause und sah in einer Bushaltestelle einen Obdachlosen einsam sitzen, der das Häuschen – zumindest für diese Nacht- zu seiner Unterkunft erklärt hatte.
    Und als vor einigen Monaten die NEL-Trasse unter der B75 hindurch geleitet wurde, da schwenkte sie auf der anderen Seite nach links ab, in Richtung einer natürlichen Grünlandschaft, auf der man ihr mit viel Aufwand ein Bett gebuddelt hatte.
    Hier standen sehr viele mannshohe Bäume in Gruppen beieinander und wurden von einigen Obdachlosen als Quartier genutzt. Ohne viel Aufsehen konnte man nämlich zwischen ihnen einfache Planen befestigen und hatte so ein provisorisch gegen Wind und Regen geschütztes Nachtlager.
    Als die Bauarbeiter ein derartiges „Behelfsheim“ fanden, da machten sie damit kein langes Aufsehen, sie nahmen es auseinander und schmissen den gesamten Inhalt in einen bereit stehenden Container. Die Arbeit ging sodann ohne Zeitaufwand weiter. Nun frag ich mich, wie der Betroffene wohl reagiert hatte, als er bemerkte, dass sein „Heim“ und sein Hab und Gut in seiner Abwesenheit entfernt worden ist.

    Da ich nicht der einzige sein kann, der beim Einkaufen häufig auf Obdachlose trifft, scheint mir die Frage wichtig zu sein, wie viele Menschen hier in unserer Stadt und in der näheren Umgebung im wahrsten Sinne des Wortes „ganz unten“ angekommen sind. Gibt es darüber eine halbwegs glaubwürdige Statistik?

    Dieter Rednak

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