Buchholz und die Weißen Wölfe – das Netzwerk des Denny Reitzenstein

Von Kristian Stemmler

„Tostedt ist bunt, und auch braun ist eine Farbe.“ Mit diesem Ausspruch, gemünzt auf das Auftreten der Nazis in der Region, sorgte im Juli 2010 der Leiter der Polizeiinspektion Harburg, Uwe Lehne, für Empörung. Seit Jahren versuchen die Polizei und andere Behörden die Aktivitäten und die Gefährlichkeit der Nazis herunterzuspielen. Seit gestern sollte das vorbei sein – dass die Razzia der Bundesanwaltschaft gegen eine mutmaßlich sich bildende rechte Terrorgruppe nach „Werwolf“-Muster auch in Buchholz stattfand, zeigt klar und eindeutig: In Buchholz, Tostedt, Hanstedt und anderen Heideorten sind hochgefährliche Nazi-Kader aktiv!

Bei dem in Buchholz von der Polizei überprüften Nazi handelt es sich um den Ex-Soldaten Denny Reitzenstein (29), eine Führungsfigur der rechten Szene in der Region. Er soll zu der in Hamburg und Umland verankerten Kameradschaft „Weiße Wölfe Terrorcrew/Hamburger Nationalkollektiv“ (WWT/HNK) gehören oder gehört haben. In einem sehr erhellenden Inforeader unter dem Titel „Den weißen Wölfen Terror machen!“ hat die Antifa viele detaillierte Informationen über diese Kameradschaft und ihr Umfeld zusammengetragen (https://linksunten.indymedia.org/de/node/77633 ). In dem Reader spielt Buchholz eine auffallend gewichtige Rolle – neben Reitzenstein werden noch weitere Kader namentlich genannt, die hier gemeldet sind und zu seinem Netzwerk gehören.

Im Jahr 2008 sei die „Weiße Wölfe Terrorcrew/Hamburger Nationalkollektiv“ zum erstenmal in Erscheinung getreten, heißt es in dem Reader. „Anfänglich als Fangruppierung der Rechtsrockband Weiße Wölfe und Sauftruppe wahrgenommen, zeichnet sich bis heute eine ernstzunehmende Entwicklung ihrer politischen Aktivitäten ab“, heißt es weiter. Das Aktionszentrum der WWT/HNK umfasse inzwischen die Verbreitung von Neonazi-Propaganda in Form von Texten und selbst gedrehten Videos im Internet und die gemeinschaftliche Teilnahme an Kundgebungen. Und auch die Einschüchterung und gezielte Angriffe auf Menschen, die nicht ihrer Ideologie entsprechen, gehörten zum Programm.

Große Aufmerksamkeit erregte die WWT/HNK im Dezember 2011, als sie in Harburg eine Spontandemo organisierte. 35 Neonazis mit Fackeln und weißen Masken, die sich selbst als „Die Unsterblichen“ bezeichneten, zogen durch Eißendorf. Im Anschluss kam es in Hamburg und Niedersachsen zu Hausdurchsuchungen in 17 Wohnungen. „In Buchholz traf es Tim Müller und Denny Reitzenstein, in Tostedt und Wistedt Phillip Tolksdorf, Fabian Rath, Ricardo Pazola und Andre Bostelmann“, heißt es in dem Inforeader. Die Gruppe zeigte sich unbeeindruckt: „Wir lassen uns aber nun durch die Aktion des Systems nicht einschüchtern und werden unseren Kampf weiterführen“, bloggte sie.

Der „Tag der deutschen Zukunft“, die große Nazi-Demo im Hamburger Osten am 2. Juni 2012 sei für die WWT/HNK ein wichtiger Schritt gewesen, um sich in der Hamburger Nazi-Szene zu etablieren. „So konnten sie Kontakte knüpfen und ihre Bedeutung für die Organisationsstruktur der rechten Szene ausbauen“, schreibt die Antifa. Von da an habe die NPD auch bei anderen Veranstaltungen auf die Struktur der Kameradschaft zurückgegriffen.

„Auch wenn einige Personen als sehr jung erscheinen, sind sie schon länger in der neonazistischen Szene unterwegs und durch ihr gewalttätiges Verhalten aufgefallen“, heißt es in dem Reader weiter. Dann werden Kader der Gruppe vorgestellt, von denen auffallend viele in der Nordheide aktiv sind. Über Reitzenstein heißt es, er sei bis September 2012 für den Blog der WWT/HNK verantwortlich gewesen. In diesem Monat habe er seinen Abschied von der WWT/HNK im Internet erklärt. Aktuell betreue er den Twitter-Account der „Aktionsgemeinschaft Nordheide“ sowie mehrere You-Tube-Accounts der Nazis und flute den Blog der AG Nordheide mit Propagandamüll, oute und bedrohe regelmäßig Angehörige der Antifa.

Bei Reitzenstein in Buchholz gemeldet ist laut Reader Maximilian Früchel. Gegen ihn läuft ein Strafverfahren wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung, weil er im September 2012 einen jungen Mann beraubt und gejagt hat. In Buchholz und Hamburg-Horn sei ein weiterer Nazi-Kader wohnhaft, Sebastian Rudow, genannt „Basti“. Er gehöre zu den Gründungsmitglieder der WWT/HNK. Im Januar 2010 musste er eine Gefängnisstrafe von 14 Monaten antreten wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und gefährlicher Körperverletzung. Seit seiner Entlassung sei eine Radikalisierung seiner politischen Ausrichtung und seiner Äußerungen festzustellen. Er soll eine führende Rolle in der Kameradschaft einnehmen.

Als gefährlich müssen offenbar auch Stefan Lüskow, wohnhaft in Drestedt, und Tim Müller aus Buchholz eingeschätzt werden. Lüskow ist Teil der Nachwuchsgruppe der WWT/HNK. Er habe in Buchholz bereits mehrfach versuchte, AntifaschistInnen anzugreifen, heißt es im Reader. Müller halte enge Kontakte zur NPD und habe an diversen Kundgebungen und Infoständen teilgenommen. Auch er sei an Angriffen auf AntifaschistInnen in Buchholz und Umgebung beteiligt. Der Reader nennt noch weitere Personen aus der Region namentlich und spricht von einem Netzwerk um Reitzenstein. Genannt werden noch zwei Personen aus Buchholz und drei Personen aus Hanstedt, von denen zumindest einer in Buchholz arbeitet (vielleicht bedient er Sie ja mal an der Supermarktkasse…).

Spätestens seit der Razzia vom Mittwoch ist klar, dass Buchholz und die Nordheide ein wichtiger Schwerpunkt neonazistischer Aktivitäten sind. Wenn die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe den Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung formuliert, lassen sich die Aktivitäten dieser Leute wohl kaum mehr verharmlosen. Wohin derartige Verharmlosungen führen, zeigt die Diskussion um die NSU in aller Deutlichkeit. Angesichts der aktuellen Razzia liest sich der Inforeader der Antifa geradezu prophetisch: „Viele Nazis sind bundesweit und international vernetzt, die meisten sind gewalttätig und einige bereit zu morden. Das bestehende Netzwerk kann jedem Nazi potenziell als Untergrundstruktur dienen.“ 

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