Das Ja zum Ostring ist ein Sieg der Autofetischisten – eine Analyse

Von Kristian Stemmler

Natürlich ist es ein Zufall, dass die Berichterstattung über den Erfolg des Bürgerentscheids zum Ostring in Buchholz mit der Meldung zusammenfällt, dass das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) zwei Unternehmen Probebohrungen nach Öl und Gas unter anderem im Landkreis Harburg erlaubt hat. Aber es ist ein bezeichnender Zufall! Denn wenn man genau hinsieht, zeigen beide Ereignisse, dass in weiten Kreisen der Bevölkerung, der Politik, Verwaltung und Wissenschaft immer noch nicht angekommen ist, dass die Zeiten ausufernden Individualverkehrs endgültig vorbei sind.

Wenn 61,8 Prozent der Buchholzer sich für ein anachronistisches, naturvernichtendes Straßenbauprojekt aussprechen, ist das ein Trauerspiel! Man kann wohl davon ausgehen, dass bei vielen ausgesprochen oder unausgesprochen die Grundhaltung dahinter steht: Wenn ich mit meinem Auto irgendwo hinfahren will, mach ich das, und wenn ich irgendwo eine Straße hinhaben will, dann hat die Politik die gefälligst zu bauen! In Deutschland gilt es weithin ja als unveräußerliches Grundrecht, mit 200 über die Autobahn zu heizen und den halben Kilometer zum Brötchenholen mit dem Auto zurückzulegen.

Wohin uns alle der ungebremste Heißhunger der Industriestaaten nach Energie und der ihnen darin folgenden asiatischen Großmächte führt, zeigt der zweite oben erwähnte Vorgang exemplarisch. Denn am Ende der vom niedersächsischen LBEG jetzt erlaubten Probebohrungen könnte, so befürchten Umweltschützer, stehen, dass im Landkreis Harburg und benachbarten Landkreisen das hoch umstrittene Fracking zum Einsatz kommt.

Bei diesem Verfahren wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in Gesteinsschichten gepresst, um Erdgas zu gewinnen. Das aber birgt nach Ansicht vieler Kritiker hohe Gefahren fürs Grundwasser. Fracking wird nur deshalb immer lukrativer, weil auf traditionelle Art und Weise erschließbare Öl- und Gasvorkommen zur Neige gehen, die Industriestaaten und ihre Nachfolger aber darauf nicht angemessen reagieren. (Nebenbemerkung: Wenn ich was zu sagen hätte, würde ich als erstes die benzinfressenden SUVs verbieten!)

Wenn man sich vor diesem Hintergrund ansieht, wer sich für den Ostring stark macht und die Propaganda für ein Ja beim Bürgerentscheid unterstützt hat, so lässt das tief blicken. Da findet man zum Beispiel einen Autofetischisten von der FDP, Arno Reglitzky, ebenso wie die hiesige Wirtschaft, die offenbar auch nur von hier bis da denken kann. Natürlich darf auch die CDU nicht fehlen, bei der allen Modernisierungsversuchen zum Trotz ökologische Forderungen nach wie vor weithin als Teufelszeug angesehen sind. Traurig dabei ist nur, dass die Mehrheit der Buchholzer dieser unseligen Melange, die vom wirtschaftshörigen Wochenblatt komplettiert wird, so derartig auf den Leim gegangen ist!

Ganz offensichtlich haben die Initiatoren des Bürgerentscheids die verbreitete Uninformiertheit der Bevölkerung ausgenutzt. Den wenigsten, die am Sonntag mit Ja gestimmt haben, dürfte klar sein, dass der Ostring keineswegs in absehbarer Zeit gebaut wird, weil vorher noch langwierige juristische Auseinandersetzungen durchzustehen sind. Das Verwaltungsgericht Lüneburg hat den Planfeststellungsbeschluss zum Ostring kassiert und es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Planfeststellungsverfahren für die Umgehung ganz neu anrollen muss. Und dann wird sicher auch wieder geklagt. Das kann dauern!

Für die Kommunalpolitiker von Buchholz und alle mit Verstand begabten Bürger kann das nur heißen, sich jetzt aktiv beim Mobikon einzubringen, also bei den Beratungen zum Mobilitätskonzept, die am Montag mit dem Runden Tisch zum Thema ÖPNV beginnen (18 Uhr, Rathauskantine). Da der Ostring erstens, wenn überhaupt, am St. Nimmerleinstag realisiert wird, und zweitens nicht, wie uns vorgegaukelt wird, die Lösung der Buchholzer Verkehrsprobleme sein kann, gilt es jetzt, praktizierbare, schnell umsetzbare und intelligente Lösungen zu finden. Also: Mobikon, volle Kraft voraus!

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6 Comments

  1. Dass in Buchholz so viele so empfindlich auf das bisschen Polemik reagieren, erstaunt mich. Ich habe in Hamburg ganz andere Sachen geschrieben. Von heißem Blut und Hasskapp kann nicht im mindestens die Rede sein. Dieser Text ist eine kühle Analyse, die nur streckenweise etwas schärfer formuliert ist. Aber es ist natürlich immer leichter, über Formfragen zu debattieren als auf inhaltliche Aussagen einzugehen.

    Ich veröffentliche diesen Kommentar, obwohl er einige Unverschämtheiten enthält. Da fühlt sich wohl einer ordentlich auf den Schlips getreten…

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  2. Lieber Kristian,
    Donnerwetter, da hast Du aber die Hasskapp´ aufgezogen, wie wir Pfälzer sagen. Das eigentliche Thema ist der Ostring und nicht Brötchenholen und Fracking. Dein Rundumschlag mit abgefuckten 70er Jahre-Vokabeln zeigt, wie wenig reflektiert Du an das Thema rangehst. Ich habe auch schon den Gedanken ventiliert, mich bei Mobikon zu engagieren, aber wenn ich dort auf Deinesgleichen im Plural treffe, Menschen die locker einfach mal „davon ausgehen“, daß die Mehrheit der Ostringbefürworter uninformierte „Autofetischisten“ (weißt Du, was ein Fetisch ist?
    Lies mal in Wikipedia nach) sind, blöd genug, einer Interessengruppe „auf den Leim“ zu gehen, überlege ich mir das noch mal. Dein Pamphlet hat also durchaus was mit Verhöhnung zu tun! Das geschriebene Wort – ihr sollt es lassen stah´n, ich könnte mir gut vorstellen, daß Du heute
    Deinen Kommentar etwas anders schreiben würdest als mit heißem Blut vor einer Woche.

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  3. Mit geschickter Wortwahl hat das nichts zu tun und mit Verhöhnung erst recht nicht. Es geht um den Erhalt unserer Umwelt, um die Zukunft unserer Kinder. Ich krieg die Krise, wenn ich sehe, dass in 90 Prozent aller Kfz nur eine Person sitzt, Sie nicht??

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  4. Schade, dass der Autor so weit übers Ziel schiesst.
    Ich habe auch gegen den Ostring gestimmt, ja…. aber daraus leite ich nicht das Recht ab, die ProStimmen zu verhöhnen durch geschickte Wort- und Satzwahl.

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