Ursula von der Leyen in Trelde – eine Powerfrau rockt den Saal!

DSC_8863Von Kristian Stemmler

Gut eine Stunde muss das Publikum auf den hohen Gast aus Berlin warten. Doch das Warten hat sich gelohnt, als Ursula von der Leyen, aus Funk und Fernsehen bekannte Bundesministerin für Arbeit und Soziales, am Mittwoch kurz nach 17 Uhr den Saal des Gasthauses Wentzien in Trelde betritt. Denn schnell wird klar: So zierlich die Ministerin in natura wirkt – noch zierlicher als im Fernsehen -, so energiegeladen und souverän tritt sie auf. Eine echte Powerfrau.

Im Vorfeld der Landtagswahl am 20. Januar referierte von der Leyen auf Einladung der Landfrauen am Mittwoch abend vor rund 120 Zuhörerinnen und Zuhörern (Frauenanteil etwa 90 Prozent) unter der Überschrift „Frauen in Verantwortung“. Schon mit den ersten Sätzen hat von der Leyen, im obligatorischen blauen Kostüm, die 100 Zuhörerinnen und vielleicht 20 Zuhörer im Griff und lässt den etwas langatmigen Beginn der Veranstaltung vergessen.

Um die Zeit zu überbrücken, hatten die Vertreterinnen der Landfrauen und des Co-Veranstalters „Unternehmenfrauen im Handwerk“ recht ausführlich über die Arbeit ihrer Vereine informiert. Karin Plate, Vorsitzende des Kreisverbandes der Landfrauen, verwies stolz darauf, dass man mit 5700 Landfrauen im Landkreis Harburg der bundesweit größte Kreisverband sei. Sie lieferte einen kurzen Abriss der Tätigkeitsfelder ihres Verbandes.

Dasselbe tat dann Heidi Kluth aus Buchholz für ihren Verband, sie ist Landes- und Bundesvorsitzende der „Unternehmenfrauen im Handwerk“. Bei den UFH haben sich rund 8000 Frauen zusammengeschlossen, die meist an der Seite ihres Mannes in die Führung eines Handwerkbetriebes involviert sind. Kluths Vortrag war nicht uninteressant, aber etwas zu lang und ziemlich steif vorgetragen. Das konnte der „alte Hase“ Heiner Schönecke (CDU), stellvertretender Landrat, natürlich besser. Aus dem Stegreif referierte er über die Verdienste des Landkreises bei der Familienpolitik.

Dann rockte von der Leyen den Saal. Mit dem Mikro in der Hand ging sie vor dem Pult immer ein paar Schritte hin und her, schaute mal die, mal den an, handelte ihre Lieblingsthemen rhetorisch brillant, druckreif formuliert und hervorragend strukturiert ab. Und zwar so, dass man ihr die persönliche Überzeugung und Betroffenheit ansah, was bei Politikern ja durchaus nicht selbstverständlich ist.

In unserer Gesellschaft habe sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Menge getan, was die Rolle der Frau angehe, konstatierte von der Leyen. Als sie 1958 geboren wurde, sei gerade der Gehorsamsparagraph abgeschafft worden. Zuvor hatte jeder Ehemann das Recht, wenn seine Frau arbeitete, zu deren Arbeitgeber zu gehen und ihre Stelle zu kündigen, ohne sie zu fragen. Er konnte auch über den Aufenthalt der Ehefrau verfügen. Und als sie Abitur machte, so von der Leyen weiter, gab es beim Deutschen Fußballbund noch eine Vorschrift, die Frauen das Fußballspielen verbot!

Diese Zeiten seien gottseidank vorbei. Die Ministerin verwies auf die Vätermonate, die seit der Einführung des neuen Elterngelds 2007 auch Vätern ermöglichen bei Geburt eines Kindes zu Hause zu bleiben. Im ersten Jahren hätten erst drei Prozent aller Väter davon Gebrauch gemacht, inzwischen seien es schon 25 Prozent. „Es hat sich einiges verändert für Frauen in diesem Land“, sagte von der Leyen und illustrierte das auch noch mit einem Beispiel aus ihrem Privatleben.

Ihre Großmutter habe, wie sie auch, sieben Kinder gehabt. „Wenn mein Großvater sie schlecht behandelt hätte und sie sich hätte trennen wollen, hätte sie die nie allein durchgebracht.“ Ähnliches gelte für ihre Eltern, wenn ihr Vater Ernst Albrecht seine Frau schlecht behandelt hätte („was er nie getan hat“), wäre diese allein nur mit Mühe klar gekommen. Für sie dagegen, so die Ministerin, wäre es im Fall einer Trennung als Ärztin durchaus möglich gewesen, mit sieben Kindern über die Runden zu kommen – wobei sie das rein hypothetisch meine: „Mein Mann ist ein wunderbarer Mann und toller Vater!“

Natürlich ging die Referentin auch kurz auf das heiße Eisen Betreuungsgeld ein. Was ihr Sorge mache in der Debatte um das Thema, sei die Tatsache, „dass wir zurückfallen, dass wieder zwischen der Rabenmutter auf der einen Seite und dem Heimchen am Herd auf der anderen unterschieden wird. Das spaltet unsere Gesellschaft.“

Der Gast aus Berlin hatte sich auch über lokale Themen informiert. Sie habe gehört, dass in Tostedt eine Initiative den Bau einer Kita im Zentrum verhindern wollte (die geplante Kita an der Diekhofstraße). Das könne sie in keinster Weise verstehen und akzeptieren: „Kinder gehören nicht an den Rand des Dorfes und der Gesellschaft, sie gehören in die Mitte der Gesellschaft. Kinderlärm ist Zukunftsmusik.“ Hier gab es den ersten Beifall des Publikums.

Der zweite Beifall brandete auf, als von der Leyen energisch verkündete, es können nicht angehen, dass Frauen, die 40 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hätte, im Alter zum Sozialamt laufen müssten, um in einer Schlange mit Leuten zu stehen, „die nie einen Cent eingezahlt haben“. Für diese Geringverdiener müsse es die Lebensleistungsrente, die Mütterrente geben. „Wir Frauen werden so lange laut sein, bis sie durchgesetzt ist“, versprach die Ministerin.

Energisch wurde sie auch beim Thema Frauenquote. Mit dem Mittelstand sei sie da zufrieden, dort habe man inzwischen 30 Prozent Frauen in Führungspositionen. Sehr verärgert sei sie dagegen über die großen Konzerne, die börsennotierten Unternehmen, dort seien nur vier Prozent Frauen in den Vorständen und 15 Prozent in den Aufsichtsräten – „das geht so nicht!“ Von der Leyen beendete ihren gut halbstündigen Vortrag mit dem Bekenntnis: „Wir müssen dieses Land für die Mütter und Väter verändern!“ Dem Referat schloss sich noch eine Diskussion an, in der die Landfrauen Fragen stellten.

Eine junge Frau fragte, warum es denn noch keinen Mindestlohn gäbe, was daran so schlimm sei? Die Ministerin nahm den Ball auf. Es dürfe tatsächlich nicht sein, dass jemand Vollzeit arbeite und davon seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten könne. Darum sei sie für einen Mindestlohn, der aber nicht vom Gesetzgeber festgelegt werden solle, sondern am besten von einer Kommission, in der Gewerkschaften und Arbeitgeber für die Branchen einen solchen Lohn aushandeln.

Zum Schluss kam von der Leyen noch mal auf die Frauenquote zu sprechen. „Frauen machen es nicht besser, sie machen es anders“, verkündete sie. Frauen hätten einen anderen Blick auf die Dinge, auch ein anderes Risikoverhalten: „Es ist die Mischung, die einem Land gut tut.“ Für Gelächter und Applaus sorgte dieses Bonmot: „Lehmann Brothers wäre vielleicht nicht passiert, wenn es Lehmann Sisters gegeben hätte.“

Warmer Schlussapplaus begleitete die Ministerin aus dem Saal. Nachdem sie noch Interviewwünsche der lokalen Presse erfüllt hatte, enteilte sie zu ihrem nächsten Termin in Winsen. Und sie wirkte noch genauso taufrisch und präsent wie in dem Moment, als sie den Saal betreten hatte.

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3 Comments

  1. Hallo Frank,
    ich habe nur den Auftritt der Ministerin gelobt, ihre rhetorischen Fähigkeiten zum Beispiel, und ich glaube tatsächlich, dass sie meint, was sie da sagt. Das ist im Grunde eine formale Beurteilung, zu den Inhalten habe ich bewusst nicht Stellung genommen, weil man da sehr weit ausholen muss. Ich stimme dem, was Du dazu sagst, aber komplett zu. Das Grundproblem bei der CDU ist m. E., dass sie versuchen, den Kapitalismus zu optimieren, und nicht begreifen, dass der Kapitalismus, so wie er ist, die Wurzel der vielen Probleme ist, etwa der vielen Krankschreibungen wegen psychischer Krankheiten. Gruß Kristian

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  2. Uff, da weiss der Mann ja gar nicht, WO er anfangen soll, den Kopf zu schütteln und zu politisieren. Ich beginne mal mit @ J. Gassenreh, dessen Kommentare einem die Gänsehaut wachsen lassen. Nach der Analyse der Kinderbeziehungen zu den Müttern (nicht Vätern?) müsste der Staat Frankreich schon lang untergegangen sein…aber nur eins….ZITAT „Die wichtigste Ressource,….“ (Volk mag ich nicht mehr hören, das hat uns nie was Gutes gebracht….) wird es EBEN gerade NICHT mehr geben, wenn wir Kinder nicht mit KINDERN zusammen bringen, weil sich junge Frauen (oft zurecht) fragen, warum die Politik keine vernünftige Familienpolitik auf die Reihe bekommt. Familien zu bezahlen, Kinder eben NICHT in die Kita zu bringen, ist schlicht rückwärtsgewandt und Politik für Menschen aus dem letzten Jahrhundert, als man noch „Volk“ schrieb…..

    Desweiteren macht die Jubelarie für Frau v.d.Leyen nachdenklich. Das sie, mit ihren auswendig gelernten Konrad-Adenauer Rhetorik, die Zielgruppe „Landfrauen“ begeistert mag ja angehen. Aber inhaltlich kann doch niemand, der sich mit den Problemen der Republik befasst ernsthaft die Politik der Ministerin aushalten. Mindestlohndebatte wir gar nicht geführt, die Verarmung der Alleinerziehenden (meist Frauen…) hingenommen, Arbeitsbedingungen verschlechtert und Rentenpolitik an die Wand gefahren. Und dann wird die neoliberale Politik von den Landfrauen gutgeheissen, die den Menschen an den Markt anpasst. Zudem scheint es zynisch, das die siebenfache Mutter und Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht Gesetze abzeichnet, die Menschen ohne diesen gutbürgerlichen Hintergrund Steine in den Weg legt. Die junge Ursula konnte, mit nur wenig Problemen, ihr Studium ohne Schulden beenden…auch die Zeit und die Universitätsaufenthalte in den USA konnten geleistet werden….daher kommt auch die Wahrnehmung, die bundesrepublikanische Gesellschaft müsste reagieren wie die amerikanische..aber der Markt ist schon vor vier Jahren zusammen gebrochen….und die Regierung und Frau v.d.L. sehen keinen Grund ihre Freunde in Banken und Wirtschaft zur Rechenschaft zu ziehen. „To big to fail“….GOTT (oder wem auch immer) sei DANK gilt das nicht für die Landesregierung in Hannover, die Freunde von Frau v.d.L. können BITTE gehen! Meinetwegen auch mit „warmen Applaus“ aus dem Saal!

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  3. Es gehr weniger darum, dass zwischen der Rabenmutter auf der einen Seite und dem Heimchen am Herd auf der anderen unterschieden wird, sondern um die kognitive Entwicklung unserer einzigen Resource für die Zukunft.
    Deshalb ist die bescheidene Anerkennung der Leistung für Erziehung und basale kognitive Entwicklung durch das Betreuungsgeld ist sehr zu begrüßen. Denn so toll sind Krippen für 0 – 3jährige Kleinstkinder nicht, für die seltsamerweise linke und gewerkschaftsnahe Parteien als auch Wirtschaftslobbyisten (Arbeitgeberpräsident HUNDT; Präsident von Gesamtmetall DULGER) wie wild trommeln: „Befreit die Mütter von ihren Kindern und fesselt sie an die Maschinen“
    Nicht nur die Familie, sondern vorallem die Schwächsten, die Kinder, werden möglicherweise ernste Probleme bekommen und damit die Zukunft unseres Volkes.
    Ausgerechnet diejenige Partei, die sich für die Schwachen einsetzen will, argumentiert reflexhaft gegen das Betreuungsgeld und trifft damit die Schwächsten der Gesellschaft.
    Die Krippe scheint eine Einrichtung zum Wohlergehen von Erwachsenen zu sein, denn ein bezüglich der sehr frühen Krippenaufbewahrung nicht ausreichend beachtetes Problem (neben zu befürchtender erhöhter Stresshormonausschüttung infolge „learned helpnessless“ und Wachstumshormonmangel infolge reduziertem Langsamen-Wellen-Schlaf in der Krippe) ist die mögliche Störung bzw. Verzögerung der frühkindlichen Sprachentwicklung. Ein wichtiger Unterschied zwischen Tier und Mensch ist die Sprache auch als Basis des Denkens. Mangelnde primäre (besonders 0 – 1,5 Jahre) frühkindliche Sprachentwicklung hat oft die Folge von Lese- und Rechtschreibstörungen und letztlich ungünstiger kognitiver Entwicklung.
    Dadurch ist zu erwarten, dass die wichtigste Resource, welche unser Volk besitzt, nur ungenügend sprachlich und kognitiv entwickelt geerntet wird. (Siehe Ärztereport der Barmer Ersatzkasse vom Januar 2012 mit bereits jetzt schon ca. 40% sprachgestörten Kindern im Alter von 5-6 Jahren (Gründe: Zunahme Tagesmütter: 2006 ca. 14%, bereits 2010: 23%;; enorme Lärmpegel in Kitas); logopädische Behandlungskosten etwa 1 Milliarde Euro).
    Warum heißt es Muttersprache und nicht Vatersprache?
    Bereits ab der 20. Gestationswoche hört der Foet im Mutterleib flüssigkeitsangekoppelt die Mutterstimme und ist nach der Geburt massiv darauf fixiert, sodass eine längere (max. bis zu 3 Jahren) dyadenspezifische Beziehung zwischen diesen beiden Personen notwendig ist, zumal in diesem Zeitraum zumindest zwei kürzere Phasen besonders begierigem Sprechlernen des Kleinkindes individuell verschieden auftreten (siehe „Vergewaltigung der menschlichen Identität; über die Irrtümer der Gender-Ideologie“)

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