Weihnachten 2012 – Kirchen setzen soziale Spaltung auf die Agenda

Veröffentlicht: 2012-12-25 in Hintergründe, Kommentare, Politik
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Von Kristian Stemmler

Endlich! Endlich nehmen die beiden großen Kirchen das Thema auf die Agenda, das theologisch ihr ureigentliches Thema ist: die soziale Gerechtigkeit in dieser Gesellschaft, die zunehmende Spaltung, die Folge einer brutalen Segregationspolitik der Eliten ist! In ihren traditionellen Weihnachtsansprachen haben sowohl der führende Geistliche der katholischen wie der führende Geistliche der evangelisch-lutherischen Kirchen ungewohnt deutliche Worte zum Auseinanderdriften der Gesellschaft gefunden. Nicht zufällig forderte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) die Kirchen fast zeitgleich zu mehr Zurückhaltung in politischen Fragen auf.

„Die Armen bleiben zurück und der Reichtum in der Hand einiger weniger nimmt weiter zu. Das ist eine gefährliche Entwicklung“, sagte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Erzbischof Robert Zollitsch, den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“. Der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, wies in seiner Weihnachtsansprache darauf hin, dass Menschen hierzulande zunehmend ins Abseits gerieten und dauerhaft abgehängt zu werden drohten. Schneider: „Die Weihnachtsbotschaft fordert uns heraus, für diese Menschen die Stimme zu erheben und nach sozialer Gerechtigkeit zu suchen. Weihnachten ist das Fest der Hoffnung. Der Hoffnung wider alle Aussichtslosigkeit.“

Zollitsch betonte, wenn die soziale Schere so weit auseinandergehe, führe das zu Unruhe: „Wir sind der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Jeder Mensch braucht die Chance zu einem menschenwürdigen Einkommen.“ Die Menschen mit einem hohen Einkommen sollten stärker in die Pflicht genommen werden: „Steuererhöhungen und Abgaben für Vermögende dürfen kein Tabu sein, wenn es gilt, gesellschaftlich wichtige Aufgaben zu finanzieren..“ Wie gesagt: Ungewohnt deutlich Töne aus dem Munde des führenden katholischen Würdenträgers!

Schneider rief in seiner Botschaft auch zur Solidarität mit dem von der Euro-Schuldenkrise geschüttelten Griechenland und anderen europäischen Ländern auf. „Europa ist mehr als ein Wirtschaftsraum. Europa ist ein Friedensprojekt“, sagte er. Auch Nationen dürften nicht allein auf ihren materiellen Vorteil bedacht sein. Die Parteinahme für Griechenland ist mutig in einem Land, in dem Griechen-Bashing zu einem Volkssport geworden ist!

Die konservativen Eliten des Landes ahnen offenbar, dass sich der Wind gesellschaftlich drehen könnte. Innenminister Hans-Peter Friedrich, CSU-Politiker und „bekennender Protestant“, wie Medien schreiben, forderte die Kirchen zu mehr Zurückhaltung in konkreten politischen Fragen auf. Er sei „nicht immer glücklich damit, wenn Kirchenvertreter einseitige und als letztgültige Wahrheit proklamierte politische Botschaften verkünden“, wird Friedrich zitiert.

Da haben Sie wohl im Konfirmandenunterricht schon nicht aufgepasst, Herr Minister! Es ist die ureigenste Aufgabe, ja Pflicht der Kirchen den Mund aufzumachen, wenn die Rücksichtslosigkeit zunimmt und die Solidarität abnimmt, wenn das Gemeinwesen vor die Hunde zu gehen droht, weil wenige ihren obszönen Reichtum auf Kosten der großen Mehrheit leben, wenn der „Sanitätswagen“ mit den Kranken und Bedürftigen abgehängt wird.

Das „jüngste Gericht“ wird übrigens nicht denen angesagt, die irgendwelche moralischen Verfehlungen begangen haben, sondern denen, wie es bei Matthäus heißt, „die dem Geringsten unter meinen Brüdern“ (so Jesus) nicht geholfen haben. Auf deutsch: Alle, die von einer Ordnung profitieren, die ungerecht ist, die diese rechtfertigen und/oder befördern, machen sich schuldig. Da beißt die Kirchenmaus keinen Faden ab!

Forscher hatten zum Ende des Jahres vor einer sozialen Spaltung des Landes gewarnt. Die Mittelschicht ist in den vergangenen Jahren um mehr als fünf Millionen Menschen geschrumpft. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der Universität Bremen nimmt die Ungleichheit sowohl beim Einkommen als auch bei den Vermögen der Deutschen zu. Nur eine „Elite der Gesellschaft“ habe in den vergangenen Jahren ihren Wohlstand steigern können, berichteten die Forscher.

Es bleibt zu hoffen, dass die Vorstöße der Kirchenführer mehr als Lippenbekenntnisse sind. Angezeigt wäre eine Neuauflage des „Gemeinsamen Sozialwortes“ der EKD und der DBK von 1997, das damals die zunehmende soziale Spaltung thematisierte und an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig ließ. Zuletzt hatten sich führende kirchliche Kreise eher mit Unternehmerfreundlichkeit hervorgetan, hatten den Eliten nach dem Munde geredet. Das muss aufhören!

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