NEUE RUBRIK Der GottesdienstCheck – Heute: Johannes 2.0 in Tostedt

Veröffentlicht: 2012-12-18 in Lokales
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Von Kristian Stemmler

Full house zum Fest. An Heiligabend treten sich die Leute in den Kirchen tot, der Andrang ist so groß, dass die meisten Gemeinden vier, fünf oder mehr Gottesdienste, Andachten und Krippenspiele anbieten. Auch zu Ostern sind die Gotteshäuser inzwischen ziemlich voll. Abseits der großen Feste und besonderen Anlässe aber erscheint in den meisten Gemeinden nur noch ein Häuflein Aufrechter in den sonntäglichen Gottesdiensten, der harte Kern. Der Altersschnitt ist hoch, die Bindung an Glaube und Kirche stark, da rennen die Pastorinnen und Pastoren offene Türen ein. Kein besonders sinnvolles Unterfangen.

Seit Jahren bemühen sich die Kirchen daher mit wechselndem Erfolg hier neue Wege zu gehen, die Menschen mit besonderen Angeboten, mit Special-Interest-Gottesdiensten und ähnlichem in die Kirchen zu locken. Dabei wird der Gottesdienst leider zu oft zum Event, misslingt der Versuch einer notwendigen liturgischen Auffrischung, führt zum Abrutschen in Klamauk und Anbiederung. Bei Ereignissen wie dem Motorradgottesdienst im Hamburger Michel, Techno in Kirchen oder Andachten, in denen Hamster gesegnet werden, fragt man sich schon, wo die Verkündigung bleibt und ob den Besuchern irgendetwas Substanzielles mitgegeben wird.

Es gibt aber auch reichlich positive Beispiele. In Tostedt etwa, genauer in der evangelisch-lutherischen Gemeinde St. Johannes – der ersten Station der neuen Rubrik im buchholzblog: dem „GottesdienstCheck“. Am Sonntag ging dort unter der Überschrift „Es wird Zeit“ der zweite Gottesdienst einer neuen Reihe über die Bühne, der „Johannes 2.0 Gottesdienste“. Diese besonderen Gottesdienste sollen Menschen ansprechen, die mit den traditionellen Gottesdiensten wenig anfangen können. Und das scheint zu klappen. Beim Start am 11. November waren bereits rund 300 Besucher gekommen, diesmal waren es etwa ebenso viele.

Ich denke, die meisten werden ihr Kommen nicht bereut haben. Schon der Empfang ist vielversprechend. Ehrenamtliche Mitglieder des Vorbereitungsteams, mit Namensschildern kenntlich gemacht, begrüßen den Neuankömmling mit einem freundlichen Lächeln. Die Liederzettel sind zwar aus, aber das lässt sich verschmerzen. Dafür muss ich hier nicht an einem mürrisch dreinblickenden Küster vorbei, der einem kommentarlos das EKG in die Hand drückt. Erster Pluspunkt.

Die Kirche ist wirklich gut gefüllt, viele Jugendliche, junge Familien mit Kindern, aber auch das mittlere Alter und die Senioren sind gut vertreten. Alles in allem eine gesunde Altersmischung. Ich suche mir einen Platz im linken Seitenschiff, sehe mich genauer um. Von den Emporen hängen große Banner mit Zitaten zum Thema Zeit. „1, 2, 3 im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit“ von Wilhelm Busch zum Beispiel. Kurz vor elf (der Gottesdienst nimmt Rücksicht auf sonntägliche Langschläfer) herrscht noch eine erwartungsfrohe Unruhe in der Kirche. Dann geht es los und zwar mit einem für einen Gottesdienst ungewöhnlichen Auftakt.

Auf der vorn aufgebauen Leinwand läuft ein Einspielfilm, eine Sequenz aus dem Film „Lola rennt“, mit der das Thema des Umgangs mit der Zeit angerissen wird. Es folgt ein kurzes Anspiel, das weitere Fragen aufwirft. Danach begrüßt ein freundlicher Herr mittleren Alters (ich nehme an ein Kirchenvorsteher) die Gemeinde. Er weist darauf hin, dass die Adventszeit ja eigentlich eine Zeit der Besinnung und Ruhe sein soll, das aber den meisten Menschen nicht umzusetzen ist. Dieser Gottesdienst aber solle eine Gelegenheit sein, mal aus dem Adventsstress raus und zur Ruhe zu kommen. Das gefällt mir.

Zwar bin ich auch ein Freund der traditionellen Liturgie, der uralten liturgischen Gesänge, etwa des „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ – aber ich halte es nicht für ein Sakrileg, auch einmal auf dieses vermeintlichen Essentials zu verzichten, wie das bei diesem Gottesdienst der Fall ist. Gesungen wird hier natürlich auch und zwar viel und lautstark, doch eher neuere Lieder. Die eigens für Johannes 2.0 gegründete Band von Jugendlichen begleitet den Gesang ebenso professionell wie schwungvoll, allein das sorgt schon für eine frische und energiegeladene Stimmung. Wie ich sehe ist neben Akustikgitarre und E-Gitarre auch ein Cajon dabei, ein karibisches Rhythmusinstrument.

Das Programm des Gottesdienstes ist geschickt gestrickt, es kommt keine Langeweile auf. Statt einer ellenlangen Predigt, die zum Nickerchen einlädt, gibt es ein kurzes Interview der Konfirmanden untereinander, zehn Minuten Schweigen, in denen die Besucher darüber nachdenken, was sie mit ihrer Zeit am liebsten anfangen würden, und eine Aktion, bei der alle mit einbezogen werden. Die Besucher sind oder werden mit runden farbigen Pappen ausgestattet, auf denen sie notieren sollen, was sie tun würden, wenn ihnen Zeit geschenkt würde. Die Pappen werden an Pinnwänden befestigt.

Die Aktion sorgt für eine entspannte, lockere Atmosphäre in der Kirche, denn die Besucher tauschen sich aus, es erhebt sich ein allgemeines Gemurmel. Etliche stehen auf, um ihre Pappen selbst anzupinnen, statt passivem Zuhörens sind aktives Mitmachen und Kreativität angesagt. Am Ende des Gottesdienstes werden noch ein paar Wünsche zitiert. Einer würde gern durch die Stadt flanieren, wenn er Zeit über hätte, eine andere möchte mehr Zeit mit ihrem Mann, mal ohne die Kinder, verbringen, ein Dritter mehr Zeit für sich selbst.

Nach gut einer Stunde endet der Gottesdienst mit dem Segen. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen, ein gutes Zeichen! Hier ist es mal gelungen, die Menschen auf eine spielerische, entspannte Art mit der frohen Botschaft in Kontakt zu bringen. Wenn vielleicht auch hier und da inhaltlich noch das eine oder andere hätte vertieft werden können, gelang es doch, das große Thema Zeit und den christlichen Blick darauf den Besuchern näher zu bringen. Und bei aller Entspannheit und Lockerheit fehlte es nicht an der gebotenen Ernsthaftigkeit und auch nicht an wesentlichen Elementen: Das Glaubensbekenntnis wurde gesungen, das Vaterunser zum Schluss gemeinsam gebetet.

Beschwingt gehe ich an diesem grauen 3. Advent hinaus auf die Straße. So macht Kirche Spaß!

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