Agrarlobby attackiert Kirche – Landvolkverband ruft zur Denunziation von Geistlichen auf

Veröffentlicht: 2012-11-17 in Hintergründe, Kommentare, Lokales, Politik
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Von Kristian Stemmler

Endlich! Endlich legt sich die evangelische Kirche im Landkreis Harburg in einer wirklich brisanten gesellschaftspolitischen Frage ins Zeug, endlich kommt zündende Kritik von der Kanzel endlich legt sie sich mit einer Lobby wirklich an – mit der im Agrarland Niedersachsen mächtigen Lobby der Landwirte. Wie die Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN) in ihrer Ausgabe vom Freitag berichten, ist ein heftiger Streit zwischen dem Kirchenkreis Hittfeld und dem Landvolkverband über das Thema Massentierhaltung entbrannt. Der Landvolkverband ist die einflussreichste Interessenvertretung für die niedersächsischen Bauern und ihre Familien mit allein rund 2200 Mitgliedern im Landkreis.

In einem internen Schreiben, das den Grünen und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft zugespielt und von ihnen öffentlich gemacht wurde, fordert der Landvolkverband seine Mitglieder allen Ernstes auf, Geistliche zu melden, die sich kritisch zu den Methoden der Landwirtschaft äußern. Das ist, wie der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Christian Meyer, zutreffend feststellt, eine Aufforderung zur „Denunziation von Pastoren“, eine „unglaubliche Entgleisung“ und eine „Einschüchterung von Kirchenvertretern“. Mit anderen Worten: ein Skandal ersten Ranges!

Auslöser des internen Verbandsschreibens waren Predigten in Erntedankgottesdiensten (7. Oktober), in denen die industriellen Produktionsmethoden in der Landwirtschaft, speziell die Massentierhaltung, kritisiert worden waren. Der Verband empfand das als „unsachliche Kritik“. Der interne Denunziantenappell war ganz offenbar der unmoralische Versuch, der Kirche von Anfang an die Lust an der Debatte zu nehmen, und im Grunde auch eine versteckte Drohung, denn die Landwirte und alles was noch dran hängt, sind in vielen ländlichen Gemeinde eine echte Größe.

Die Reaktion des Kirchenkreises Hittfeld ließ dennoch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. „Wenn Pastorinnen und Pastoren aus der biblischen Botschaft heraus ethische Stellungnahmen ableiten, gehört dies zu ihrem Auftrag der Kommunikation des Evangeliums“, sagte Superintendent Dirk Jäger der HAN. Es sei unstrittig, dass Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft zahlreiche Probleme mit sich brächten. Und: Es müsse, „deutlich werden, dass auch Verbraucherwünsche nach billigen Lebensmitteln und Profitmaximierungen des Handels mitverantwortlich sind für Fehlentwicklungen in der Nahrungsmittelproduktion“.

Der Aufruf des Landvolkverbandes sei sicher „der falsche Weg“, so Jäger weiter, das Schreiben werde nach seiner Einschätzung auch von vielen Landwirten „als unglücklich und wenig hilfreich empfunden“. Anzustreben sei nicht eine Konfrontation, sondern ein breit angelegter Dialog zwischen Landwirten, Verbrauchern, ja der gesamten Bevölkerung über vertretbare Formen der Nutztierhaltung. Bettina Siegmund vom Kirchlichen Dienst auf dem Lande unterstützte den Superintendenten in der HAN mit dem Hinweis, dass Christen dazu aufgerufen seien, „die Welt verantwortlich zu gestalten, ohne uneingeschränkt über sie zu verfügen“.

Zu den Kriterien bei der Beurteilung von Tierhaltung, so Siegmund weiter, gehöre „auch die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens, das heißt, die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen auch für zukünftige Generationen“. Es müsse bezweifelt werden, „dass man in Großeinheiten und Großschlachtanlagen, wie sie heute bestehen oder geplant werden, dem Tierwohl und den sozialen und umweltethischen Anforderungen gerecht werden kann“. Dem ist nichts hinzuzufügen!

Mit einer weichgespülten Stellungnahme ruderte Werner Maß, Geschäftsführer des Landvolk-Kreisverbandes Harburg in der HAN bereits zurück. Jeder Pastor habe selbstverständlich das Recht seine Meinung einzubringen (wie gnädig!), wird er zitiert. Der Verband fühle sich missverstanden und wolle die Aussprache mit der Kirche suchen. Maß behauptete allen Ernstes, dass Auswüchse der Massentierhaltung auch innerhalb der Landwirtschaft auf massive Kritik stießen. Das ist mir bisher nicht aufgefallen.

Gut eine Woche vor Beginn des neuen Kirchenjahres hat die evangelische Kirche im Landkreis mit der deutlichen Stellungnahme des Superintendenten in einer gesellschaftspolitisch brisanten Frage Flagge gezeigt. Es ist zu hoffen, dass dies die Diskussion über die skandalöse, tierquälerische Massentierhaltung weiter anfacht. Dass diese Kritik dazu beiträgt, die Sensibilität für das Thema in der Region weiter zu schärfen und dem geplanten Megaausbau etwa der Massentierhaltung von Hühnern einen Riegel vorzuschieben.

In Heidenau ist dies gelungen, jetzt muss auch der geplante zweite Hühnermaststall in Sprötze mit allen Mitteln verhindert werden. Nur wenn auf breiter Front der Bau von Hühnermastanlagen in der Region unterbunden wird, kann es gelingen, Europas größten Schlachthof für Hühner des Konzerns Rothkötter in Wietze bei Celle unrentabel zu machen. Rothkötters Massentötungsanlage, in der im Endausbau 2,4 Millionen Tier in der Woche exekutiert werden sollen, ist auf etwa 400 Zulieferern in einem Umkreis von 100 Kilometern angewiesen. Hier muss angesetzt werden!

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Kommentare
  1. Anonymous sagt:

    Endlich, endlich wachen wir auf, ich bin mehr als froh darüber. Hoffentlich findet ein allgemeines Umdenken statt !!

    Gefällt mir

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