Ortstermin am Kunstrasenplatz Wiesenschule – „Die Stadt hat uns behandelt, als wären wir Querulanten“

Von Kristian Stemmler

So ist schön!“ – „Olli, geh!“ – „Weiter, weiter!“ – „Schieß doch!“ – „Ja, ja, ja! Scheiße!“ Die Zurufe fliegen hin und her auf dem Kunstrasenplatz an der Wiesenschule an diesem Abend. Die Oberligafußballer vom TSV Buchholz 08 trainieren. Der Platz ist vom Flutlicht taghell erleuchtet, von einem grellen, unfreundlichen Licht, das eine unwirkliche Stimmung erzeugt. Es sieht aus, als würde hier gerade ein Film gedreht.

Für Sabine und Gerd Schrader und ihren Sohn Timo ist dieser Anblick Alltag, fast jeden Abend füllt das Fluchtlicht ihr Wohnzimmer. „Wenn ich in meinem Fernsehsessel sitze, scheint mir das Flutlicht direkt in die Augen“, sagte Gerd Schrader mir bei einem Besuch vor Ort, „und im Kinderzimmer im ersten Stock ist sogar bei zugezogenen Vorhängen das Flutlicht zu bemerken.“ Die Familie gehört zu den Anliegern des Kunstrasenplatzes an der Wiesenschule, um den seit Monaten ein heftiger Streit entbrannt ist, ein Streit, der jetzt eskaliert ist.

Wegen der Dauerbelastung durch den Trainings- und Spielbetrieb vor ihrer Haustür haben etwa 20 Anlieger an Lohbergenstraße und Heidekamp unter der Führung von Sabine und Gerd Schrader und ihrer Nachbarin Dörte Nissen Ende August die Stadt als Betreiber des Platzes vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg verklagt. Sie haben beantragt, jede außerschulische Benutzung des Sportplatzes zu untersagen. „Unser Ziel ist es, dass der Platz nur noch für den Schulsport genutzt wird“, sagt Gerd Schrader, der in der IT-Branche arbeitet.

Wir klagen nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil unsere Lebensqualität durch den Trainings-und Spielbetrieb auf dem Platz erheblich eingeschränkt ist“, fügt der Familienvater hinzu, „wir haben auch nichts dagegen, wenn Kinder hier spielen und trainieren, und wir sind uns im Klaren, wie wichtig der Sport als Faktor für die Stadt und besonders auch für die Jugend ist, aber die Belastungen sind insgesamt unzumutbar.“

Etwa 30 Stunden in der Woche ist Trainingsbetrieb auf den Kunstrasenplatz, am Wochenende finden zusätzlich Turniere oder Punktspiele statt. Der Platz ist im Sommer die sportliche Heimat der Hockeyspieler sowie einiger Fußballmannschaften des TSV Buchholz 08 und wird im Winter ausschließlich von den Fußballern von 08 und dem Buchholzer FC für ebenso umfangreiches Training genutzt.

Das grelle Flutlicht ist nur eine der Belastungen, über die sich die Anwohner beklagen. Mindestens ebenso schlimm ist die ständige Lärmbelästigung. Ein Fußballtraining ist keine Häkelrunde und auch die Hockeyspieler sind nicht eben leise. Da fliegen scharfe Kommandos über den Platz, wird gerufen und gebrüllt, was das Zeug hält. Nur noch selten können die Schraders an warmen Tagen in Ruhe auf der Terrasse sitzen. „Wenn auf dem Platz gespielt oder trainiert wird, dann hat man auf der Terrasse das Gefühl, als würde das direkt neben einem passieren“, sagt Sabine Schrader. Dazu kommt, dass spätestens ab Mitte August oft genug bereits wieder das Flutlicht eingeschaltet wird, das stimmungsvollen Spätsommerabenden zuverlässig den Garaus macht.

Tatsächlich ist die Lautstärke nicht gerade gering, wie ich mich bei meinem Besuch bei Schraders mit eigenen Ohren überzeugen konnte. Dabei tun sich vor allem, wie das Ehepaar herausgefunden hat, die Alten Herren hervor. Sabine Schrader: „Die können wirklich unglaublich laut brüllen!“ Und ihr Mann fügt hinzu: „Da verhält sich die Spielstärke reziprok zur Lautstärke.“ Auch inhaltlich sind die Zurufe, die über den Platz fliegen, nicht von Zurückhaltung geprägt. „Spiel ab, du Wichser!“ und ähnliches ist da zu hören.

Im negativen Sinne abgerundet wird die Lärmbelästigung durch das laute Scheppern, wenn Bälle gegen das Auffanggitter hinter dem Tor donnern, was besonders beim Torschusstraining der Fall ist. „Jeden Ball, der gegen das Gitter klatscht, hören wir dreimal, weil die umliegenden Gebäude den Schall zurückwerfen“, sagt Gerd Schrader. Immer wieder landen auch Fußbälle im Garten der Schraders oder ihrer Nachbarn, die sich die Spieler dann natürlich zurückholen wollen und dafür auch schon mal so eben über den Zaun klettern. „Die laufen dann mit ihren Fußballschuhen hier herum und zertreten Pflanzen“, erklärt der Familienvater. „Als ich einmal einen Fußballer von 08, der einen Ball aus unserem Garten holte, gefragt habe, was er hier eigentlich mache, meinte der nur zu mir: Das geht Sie doch gar nichts an!“

Die Belastung durch den Trainings- und Spielbetrieb ist also schon groß genug. Aber was die Familie Schrader und die anderen Anwohner noch besonders auf die Zinne bringt, ist das unerlaubte Bolzen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Schrader: „Die kommen teilweise mit Autos und klettern über die Zäune, der ist für die kein Hindernis.“ Auch sei das Tor zum Platz nicht immer abgeschlossen.

Die Anwohner bringt der Bolzbetrieb vor allem deshalb in Rage, weil der Kunstrasenplatz ausdrücklich dem Schul- und Vereinssport vorbehalten und für Freizeitbolzer gesperrt ist. Der Bolzbetrieb kommt also noch oben drauf. Auch das Benehmen der Bolzer lässt gelegentlich zu wünschen übrig. „Wenn mein Mann auf der Dachterrasse auftaucht, heißt es Hau ab, Opa! Oder: Filmst du schon wieder, du Wichser!“, klagt Sabine Schrader.

Als die Familie an die Lohbergenstraße zog, Ende 2001, war noch alles in Butter. „Damals war das hier ja noch ein Grandplatz. Uns wurde damals versichert, dass der Platz nur zweimal in der Woche genutzt würde“, berichtet Sabine Schrader. So war es dann auch, im Schnitt war an höchstens acht Stunden pro Woche Betrieb. Acht Jahre lang ging das so, doch im Sommer 2010 rückten die Bagger an. Der Kunstrasenplatz wurde gebaut, weil der Platz am Kattenberge dem Neubau des Gymnasiums zum Opfer fiel.

Schon der Bau der Platzes brachte erhebliche Belastungen mit sich. „Wochenlang konnten wir nicht im Garten sitzen, wenn die Baumaschinen eingesetzt wurden, hat das ganze Haus gebebt. Hinterher hatten wir Setzrisse am Gebäude“, sagt Gerd Schrader. Nach dem Abschluss der Arbeiten ging es bald los mit dem extensiven Betrieb. „Im Oktober kamen die Fußballer, obwohl man uns immer gesagt hatte, der Platz werde in erster Linie für die Hockeymannschaften gebaut.“

Als klar wurde, wie groß die Belastung durch den neuen Platz ist, gingen die Anwohner auf die Barrikaden. Sie wandten sich an die Stadt, um über eine Regelung des Betriebs zu verhandeln. Doch in der Verwaltung habe man sie nur abgespeist, klagt Sabine Schrader, „und behandelt als wären wir die letzten Querulanten“. Besonders sauer sind die Schraders auf den Ersten Stadtrat und Schuldezernenten Jan-Hendrik Röhse, der ihre Sorgen nicht ernst genommen und mit „Verdrehungen und Halbwahrheiten“ gearbeitet habe. Dagegen habe Christoph Selke, für die SPD im Stadtrat, die Anliegen der Anwohner aufgenommen und in Anfragen an die Verwaltung umgesetzt.

Für den Prozess gegen die Stadt, der sich etwa ein Jahr hinziehen dürfte, haben sich die Anwohner einen Anwalt aus Hannover genommen, „einen, der nichts mit dem Buchholzer Klüngel zu tun hat“, wie Gerd Schrader betont. „Der hat bereits einen Prozess um einen Sportplatz in Scheeßel gewonnen“, sagt er. Die Klageschrift sei gut geworden, „wir versprechen uns einiges“. Ein wichtiges Argument der Kläger ist, dass schon für den Grandplatz keine Baugenehmigung vorlag. Außerdem sei das angefertigte Lärmgutachten fehlerhaft.

Die Anwohner wollen die Sache jetzt energisch durchfechten, wie die Schraders deutlich machen, vor allem weil die Stadt sich so ignorant verhalten habe. „Keiner hat es für nötig gehalten, vor dem Bau des Kunstrasenplatzes mit uns zu reden“, so Gerd Schrader. Ein solcher Platz direkt an bebauten Grundstücken zu errichten, sei ein Fehler gewesen: „Der Platz hätte an den Holzweg gehört, wo auch das Sportzentrum liegt. Das wäre ideal gewesen.“

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