Potenzial an Hass – Text zur Woche

Gegenwärtig werden die Subjekte als leere Behälter begriffen, in die nach Belieben gesellschaftlich funktionale Reaktionsweisen plaziert werden können. Sie sind nicht länger relativ autonome Integrationszentren von divergierenden Interessen, die eigene Balance zwischen ihrer inneren Triebökonomie und den Imperativen der äußeren Ökonomie herstellen, sondern bloße Empfänger von Signalen, die der Markt aussendet. Integriert wird lediglich noch im Interesse des Funktionierens des Ganzen, während der Bereich der Affekte, sofern er nicht durch Kauf und Genuss von Waren und Dienstleistungen abgesättigt wird, unintegriert bleibt und eine zunehmend gespenstische und sich jedem steuernden Zugriff entziehende Eigendynamik entfaltet. Die Gesellschaft des losgelassenen Markes pulverisiert im Namen von Mobilität und Flexibilität verinnerlichte „Selbstzwänge“ und Disziplinierungen und versucht diese durch verstärkte äußere Kontrollen und eine perverse Lust am Funktionieren und Mitmachen zu ersetzen.

Der von Elias beschriebene „Prozess der Zivilisation“ wird teilweise rückgängig gemacht, und wir erleben ein merkwürdiges Zugleich von neuen gewaltförmigen „Fremdzwängen“ und konsumistischer Enthemmung. Man tut, was man will,worauf man Lust und woran man Spaß hat, wobei dieser Spaß selten die Bahnen verlässt, die das System der Waren den Menschen vorgibt und verordnet. Die sich ausbreitende „Spaßkultur“ ist insofern fragwürdig, als sie gegen Sinn und Vernunft gut abisoliert ist und von politischer Ohnmacht zeugt. Es scheint, also sei das bloße Funktionieren der Gesellschaft für viele eine hinreichende Rechtfertigung ihres Anspruchs auf Loyalität, die sie auch dann nicht in Frage stellen, wenn das System an den Rändern immer unverhüllter Gewalt und Unterdrückung praktiziert.

Diejenigen, die der Markt noch nicht als überflüssig ausgespuckt hat, verachten jene als „loser“, die genötigt sind, in ihren zunehmend segregierten Revieren eine Existenz an oder gar unterhalb der Armutsschwelle zu fristen. Wer sich selbst als „winner“ begreift, zieht sich in seine bunt und glitzernd ausstaffierten Reviere zurück, in die der Geruch von Armut und Elend nicht eindringen soll: „Eure Armut kotzt mich an“, ist auf Aufklebern zu lesen, die an Jeeps oder Cabriolets kleben. Auch in dieser Form der Aufkündigung von Solidarität und Einfühlung sehen wir einen Akt der Barbarei, weil solche Haltungen den Trend zur Zerstörung all jener kollektiven Instanzen und Mentalitäten begünstigen, die einzig in der Lage sind, den Auswirkungen des entfesselten Marktes entgegenzuwirken.

Zu den Folgen der Machtergreifung der neoliberalen Religion, die die einzelbetriebliche Kalkulation zur Sozialutopie der ganzen Gesellschaft erhebt, gehört die umfassende Durchsetzung jener Art von moralischem Darwinismus, „der mit dem Kult des winner, einer Mischung aus höherer Mathematik und Tiefsprung am Gummiseil, den Kampf eines jeden gegen jeden un den normativen Zynismus all seiner Praktiken“ ins Recht setzt. Hinter dem Schleier des neoliberalen gesellschaftlichen „Friedens“ und der hedonistischen Spaßkultur wächst ein Potenzial an Hass, Indifferenz und Feindseligkeit heran, das ihn in letzter Zeit spektakulär zerrissen und den Blick auf seine Rückseite freigegeben hat.

 Götz Eisenberg, Amok – Kinder der Kälte

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