Stadtplanung im Dialog – Doris Grondke setzt Zeichen

Veröffentlicht: 2012-10-24 in Lokales, Politik
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Von Kristian Stemmler

Von einer durchdachten Stadtentwicklung konnte in Buchholz bisher nicht so recht die Rede sein, wie in diesem blog bereits mehrfach angemerkt. Mittlerweile gibt es aber positive Zeichen dafür, dass sich das ändern könnte. Die neue Stadtbaudezernentin von Buchholz, Doris Grondke, gibt ordentlich Gas und hat bereits nach vergleichsweise kurzer Zeit erkennen lassen, dass sie gewillt ist, gestalterisch Zeichen zu setzen. Mit den „Buchholzer Dialogen“ will sie jetzt eine Diskussion über Stadtentwicklung etablieren, und mit der Erarbeitung eines Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes (ISEK) soll so etwas wie eine Rahmenplanung für die Stadt entstehen, wenn ich es richtig verstanden habe. Eine ebenso erfreuliche wie unterstützenswerte Offensive!

Quasi als Startschuss lud die Baudirektorin jetzt Mitglieder des Rates und der Verwaltung zu einer Exkursion in die Marzipanstadt Lübeck ein, zu „einem Blick über den Tellerrand“. Nicht um bei Niederegger Torte zu essen, sondern um zwei Stadtentwicklungsprojekte zu besichtigen, an denen sie selbst in ihrem vorherigen Job beim Hamburger Planungsbüro petersen pörksen partner mitgewirkt hat. Es mache ja wenig Sinn, das Rad immer wieder neu zu erfinden, führte Grondke zu Recht aus. Ein interessanter Zufall: Die Exkursion fand nur zwei Tage nach der Eröffnung der Buchholz Galerie statt, eines Bauwerks, dessen Auswirkungen für die Entwicklung der Stadt wohl eher  kritisch zu sehen sind!

Mit einem Reisebus machte sich eine Gruppe von rund 25 Kommunalpolitikern und Spitzen der Verwaltung am Sonnabendmorgen bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg in die Hansestadt. Bürgermeister Wilfried Geiger und Erster Stadtrat Jan-Hendrik Röhse (sah mit seiner Sonnenbrille ein wenig wie Geigers Bodyguard aus) waren ebenso dabei wie etwa ein Dutzend Mitglieder des Stadtrats, vor allem aus dem Stadtplanungsausschuss, darunter Geigers Vorgänger und Auschussvorsitzender Norbert Stein (SPD) und die beiden Fraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen, Wolfgang Niesler und Joachim Zinnecker.

Auf dem Weg nach Lübeck nutzte Grondke die Gelegenheit, der Gruppe von Multiplikatoren die „Buchholzer Dialoge“ anzukündigen. Wie der Sprecher der Stadt, Heinrich Helms, jetzt auf der Homepage buchholz.de erläutert, möchte die Stadtbaudezernentin zum einen bis Ende 2013 bis zu vier Mal die Politik unter dieser Überschrift zu städteplanerischen Fachexkursionen einladen. Darüber hinaus sollen externe Referenten zu Fragen der Stadtplanung informieren. Die Stadtbaudezernentin setze da auf rege Beteiligung aus der Bevölkerung: „Die Vorträge sind eine Einladung an alle Menschen dieser Stadt, über Stadtentwicklung in Buchholz zu diskutieren. Ich möchte mit den Dialogen ein Forum schaffen, das offen ist für alle Buchholzerinnen und Buchholzer – Politiker, Architekten, Geschäftsleute, Bürgerinnen und Bürger.“

Stadtentwicklung sei gelebte und gebaute Umwelt. Sie bestehe nicht nur – wenn auch zu einem großen Teil – aus Architektur, Freiraum, Verkehr und mehr, sondern vor allen Dingen aus den Menschen die in einer Stadt lebten, so Grondke. Letztendlich gehe es dabei um die Frage wie sich Buchholz in der Zukunft entwickeln solle. Die Buchholzer Dialoge sollten „eine neue politische Gesprächskultur in der Stadt etablieren“, zitiert mein Kollege die Baudirektorin.

Nach meinem bisherigen Eindruck von Buchholz wird das nicht ganz einfach, zumal die politischen Antagonismen ja fortbestehen, aber Grondkes Initiative ist auf jeden Fall zu begrüßen. Und der Ausflug nach Lübeck war atmosphärisch jedenfalls schon mal recht entspannt und konstruktiv, das kann man nicht abstreiten. Helms schreibt, Bürgermeister Geiger habe in der entspannten Atmosphäre des Ausflugs sogar so etwas wie eine überfraktionelle Aufbruchsstimmung wahrgenommen. „Für die künftige Entwicklung von Buchholz war das ein guter Tag“, wird Geiger zitiert.

Tatsächlich erwies sich der Ausflug als fruchtbar für die kommunale Kommunikation. Man tauschte sich unterwegs und in den Pausen aus, und so konnte ich bei der Gelegenheit auch bei einem schmackhaften Süppchen ein wenig mit dem Bürgermeister und Ratskollegen der Union plaudern. Ich finde, bei allen politischen Meinungsunterschieden sollte es doch zumindest auf kommunaler Ebene möglich sein, ganz normal miteinander umzugehen (das entspricht im übrigen meinem Verständnis von „linkem Auftreten“ – hart fighten in der Sache, aber den anderen als Menschen respektieren und achten!).

Das erste Projekt, das der Buchholzer Delegation präsentiert wurde, war der Hochschulstadtteil Lübeck, ein auf rund 85 Hektar errichteter Retortenstadtteil mit rund 4500 Einwohnern, darunter vor allem junge Familien, etwa drei Kilometer von der Lübecker Altstadt entfernt. Ehrlich gesagt, mein Eindruck vor Ort war ambivalent. Was ich auf der Homepage des Projektes gelesen hatte, wurde nur zum Teil eingelöst, da wird der Mund etwas voll genommen.

„Der Hochschulstadtteil Lübeck ist eines der ambitioniertesten und interessantesten städtebaulichen Projekte in ganz Deutschland – eine nicht nur für Norddeutschland einzigartige und modellhafte Stadt der kurzen Wege, die Wohnen und Arbeiten, Forschung und Lehre, Erholung und Freizeit einfach, überschaubar und konsequent vernetzt möglich macht“, heißt es auf der Homepage. Der Stadtteil verknüpfe zugleich Wissenschaft und Wirtschaft effektiv miteinander (Näheres unter http://www.hochschulstadtteil.de).

Nach meinem Eindruck merkt man dem Stadtteil ziemlich an, dass er auf dem Reißbrett entworfen worden ist, mir hat sich atmosphärisch eine gewisse Künstlichkeit aufgedrängt. Überzeugt hat mich vor allem das viele Grün und der Park, der Carlebach Park, der als zentrales Erholungsgebiet und Bindeglied praktisch quer durchs Viertel geschlagen wurde. Hier sah man ausgedehnte Rasenflächen, abwechslungsreiche Bepflanzung und viel Platz für Sport- und Freizeitaktivitäten. Eher abschreckend wirkt dagegen, zumindest von außen, das Einkaufszentrum Mönkhof Karree und der Aldi gegenüber, Anblicke, die sich leider als erstes auftun, wenn man ins Viertel reinfährt. Besonders die Auffahrt zu real ist an Unwirtlichkeit schwer zu überbieten.

Bei einem Rundgang durchs Viertel bekamen die Buchholzer einen unmittelbaren Eindruck von der Machart des Viertels. Landschaftsarchitektin Maria Julius vom Büro TGP und die Leiterin der Stabsstelle Generelle Planung der Hansestadt Lübeck, Anne-Katrin Lorenzen, führten die Gruppe. Wenn man auch eine ganze Menge Häuser mit durchaus innovativer Architektur sehen konnte, drängte sich doch insgesamt der Eindruck von architektonischer Beliebigkeit auf oder anders gesagt: Optisch wirkt das Viertel wie Kraut und Rüben.

Doris Grondke verhehlte gegenüber der Delegation aus der Nordheide allerdings auch nicht, dass es nicht gelungen sei, eine einheitliche Gestaltung durchzusetzen und sie nicht mit allen Resultaten zufrieden ist. Sie empfahl, auch aus den gemachten Fehlern zu lernen. Eine Konsequenz könnte doch sein, bei geschlossenen Siedlungen mit einer Gestaltungssatzung zu arbeiten, oder?

Überzeugender als den Hochschulstadtteil fand ich das zweite Projekt, das nach der Suppe vorgestellt wurde: der Bornkamp, ein an den Hochschulstadtteil angrenzendes Wohnviertel auf etwa 30 Hektar, mit rund 480 Wohneinheiten und 1500 Bewohnern. Der sehr sympathisch auftretende Geschäftsführer des zuständigen Trägers, der Lübecker Wohnungsbaugesellschaft TRAVE, Matthias Rasch, stellte das Projekt vor und führte die Buchholzer Gruppe durch die Siedlung. Auf mich wie auch auf manchen Kollegen machte sie einen wesentlich organischeren und idyllischeren Eindruck als der Hochschulstadtteil.

Das hängt offensichtlich vor allem mit der überzeugenden Idee so genannter Wohninseln zusammen, von denen es im Bornkamp sieben gibt. Von der Hauptstraße gehen jeweils Ringstraßen ab, an denen jeweils 20 bis 25 Einfamilienhäuser liegen. „Eine Kleingartensiedlung in Kopenhagen hat uns zur Idee mit den Wohninseln inspiriert“, sagt Grondke. Rasch ergänzte: „Wegen des Grundwassers mussten wir teils Aufschüttungen machen, so dass so etwas wie Warften entstanden.“ Die Geschlossenheit der Inseln führe dazu, dass ein Gemeinschaftsgefühl der Bewohner, eine fast dörfliche Idylle entstanden sei. Dazu trägt natürlich auch das viele Grün in dem Viertel bei.

Am späten Nachmittag traf die Delegation wieder in Buchholz ein, um viele Eindrücke reicher. Wie viele konkrete Anregungen dabei waren, ist schwer zu sagen – aber die Exkursion hat sicher kommunikativ was gebracht, da gebe ich Doris Grondke und dem Bürgermeister recht. Der Schwung sollte genutzt werden. Dazu ist es aber wohl auch erforderlich, sich über mögliche Hindernisse und Defizite im Klaren zu sein.

Aus meiner Sicht ist das Hauptproblem der Stadtplanung in Buchholz in den letzten Jahren, dass sie vor allem den Interessen von Investoren gehorcht hat, ob es die großen Bauten in der Innenstadt betrifft oder die zahlreichen fantasielosen Blocks mit teuren Wohnungen, die über die Stadt verteilt sind, Wito-Häuser und dergleichen Zeug. Da muss sich meines Erachtens etwas verändern und die Gründung einer städtischen Wohnungsbaugenossenschaft wäre sicher ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

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