Buchholz völlig durchgeknallt! Eine Stadt im Konsumwahn

Von Kristian Stemmler

Buchholz hat heute prototypisch vorgemacht, wie diese Gesellschaft systematisch vor die Hunde geht und wie sehr wir schon von allen guten Geistern verlassen sind. Die simple Eröffnung eines Einkaufszentrums hat die Stadt in Aufruhr versetzt, hat ein kollektives Fieber ausgelöst. Es war wie Stadtfest und Weihnachten an einem Tag – als hätte es jahrelang nichts gegeben, strömten Tausende von vormittags bis abends durch die Buchholz Galerie, die neue Konsumkathedrale im Herzen der Stadt, bevölkerten die Fußgängerzone, wo Buden und Karussells aufgebaut waren. An der Breiten Straße stand zurecht ein Notarztwagen bereit, denn Buchholz verfiel heute dem Konsumwahn!

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, was diese Gesellschaft noch irgendwie eint, was die Massen antreibt, was die Sehnsucht der Leute weckt, dann hat Buchholz ihn heute erbracht: der Konsum. Institutionen wie die Kirchen können von einem solchen Zulauf nur träumen. Sie sind am Rande geduldet als seelisches Fitnessstudio, aber sowohl als Gebäude städtebaulich wie auch als Institutionen gesellschaftspolitisch sind die Kirchen marginalisiert. Auf deutsch: Das Zentrum von Buchholz ist nicht die Pauluskirche (und auch nicht das Rathaus), Mittelpunkt und Objekt der Begierde, das ist die Buchholz Galerie!

Es hat eigentlich nur gefehlt, dass zur Eröffnung am Vormittag die Glocken von St. Paulus läuten und Pastor Wabbel die neue Shopping Mall segnet. Dazu konnte man sich wohl nicht durchringen. Aber sonst hatte die Feier alle Merkmale einer guten Liturgie: pathetische Musik, eine Predigt des Bürgermeisters, eine andächtig lauschende Gemeinde und als Klimax das Durchschneiden des roten Bandes gefolgt vom Betreten des Allerheiligsten. Halleluja!

Natürlich war Bürgermeister Wilfried Geiger an diesem Tag euphorisiert bis zum Anschlag. Jedenfalls grinste er wie ein Honigkuchenpferd. Flotten Schrittes kam er im unvermeidlichen Trenchcoat vom Rathaus herübergeeilt an die Breite Straße, wo bereits so um die 500 Konsumenten ausharrten, und umarmte als erstes SPD-Ratsfrau Silva Seeler, auch Landtagsabgeordnete. Obwohl ich direkt daneben stand und mich eben noch mit der Ratskollegin unterhalten hatte, würdigte er mich keines Blickes, wofür ich allerdings Verständnis habe. Man will sich ja den Freudentag nicht versauen, indem man einer linken Spaßbremse die Hand drückt. Dafür habe ich mich nett mit dem Ersten Stadtrat Jan-Hendrik Röhse unterhalten, der da keine Berührungsängste hat.

Vielleicht ahnte Geiger auch schon, dass ich nicht vorhatte, viel Positives über seine Ansprache und die Galerie zu schreiben. Das ist aber auch nicht leicht bei seinem PR-Politsprech! Er derilierte irgendetwas von einer „jungen und dynamischen Stadt“, unserem „wunderschönen Buchholz“ (das architektonisch gerade nachhaltig versaut wird, unter anderem durch die Buchholz Galerie). Er freue sich „ganz doll“ über das Einkaufszentrum und sei so was von dankbar, dass Investor DC Commercial auf ein Mittelzentrum gesetzt habe. Die Galerie werde der Stadt und den Menschen gut tun.

Mindestens ebenso freudig erregt war Lothar Schubert, Geschäftsführer von DC Commercial und einer der Gesellschafter des Unternehmens. Es habe „soviel Spaß gemacht“, die Galerie zu bauen: „Und ich bin froh, dass Sie alle hier sind!“ Der smarte Manager drohte an, das Center solle „noch mindestens 30 Jahre aufhaben“, darum müssten die Leute immer mal wieder vorbeikommen. Centermanager Andreas Ziehmann redete mal wieder, als hätte er Gras geraucht. Eine „Perle des Einzelhandels“ sei die Buchholz Galerie, „bundesweit einzigartige Store-Konzepte“ würden hier ausprobiert.

Mit unberechtigtem Stolz nahm Ziehmann auf das Motto der Galerie, er sprach von „Claim“, Bezug: „Schön, dass du da bist!“ Mit Verlaub, aber dieser Claim ist einfach nur gaga! Das hört sich an wie „Hurra, wir leben noch!“ oder „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst“. Na ja, andererseits passt der hohle Spruch zum hohlen Konsumrummel!

Der ging so richtig los, als Geiger und Ziehmann nach einem Trommelwirbel das rote Band durchschnitten hatten. Die Massen drängten ins Center, als würden sie dafür bezahlt. Und da war dann die Hölle los! Bis zum Abend wälzte sich ganz Buchholz durch die Shopping Mall plus Gäste von außerhalb. Man sah ne Menge Autos mit Hamburger Kennzeichen, einige auch aus Bremen oder dem Heidekreis. Sämtliche Läden wurden besichtigt und durchgehechelt, man fuhr die Rolltreppen rauf und wieder runter, trank Kaffee bei Allwörden, fraß Nudeln vom Asiaten, kaufte Tinnef bei Depot, probierte Stiefel bei Schuh Kay, blätterte in Büchern im neuen großen Heymann, konsumierte, was das Zeug hielt.

Ehrlich gesagt, ist die Buchholz Galerie kein Deut anders oder besser als die neueren Einkaufszentren, die man aus Hamburg oder sonst woher kennt. Mal abgesehen davon, dass bei H & M noch ne Leiter im Schaufenster stand und hier und da Kabel aus der Wand oder der Decke gucken. Etwas seltsam fand ich auch die Securityleute – einige sahen aus wie Türsteher vom Kiez. Waren sie vielleicht auch mal. Ich weiß ja nicht, was für Kontakte Björn Dahler so hat… Der Investor in seinem feinen Mantel streifte übrigens persönlich durch die Shopping Mall und ging erst nach Torschluss, kurz nach acht.

Dass Dahlers Megaluxus-Maklerunternehmen an der wohl prominentesten Stelle des Gebäudes, nämlich an der Ecke zum Treffpunkt hin, einen Shop eröffnet hat, das übrigens ist auch eine Besonderheit der Galerie und zeigt den Protz und das Statusdenken in diesen Kreisen. Das ist ja nun wirklich kein Laden, wo man mal eben reingeht, um eine Reetdachvilla in Bendestorf zu erstehen. Also, dieser Shop hat vor allem Platzhirschfunktion, soll zeigen: Wir sind die Erbauer dieses Zentrums, wir sind King! Die Normalsterblichen sind in dem Laden bestimmt nicht erwünscht, wir trinken unseren Ein-Euro-Kaffee nebenan bei Tchibo.

Es macht wenig Sinn, an dieser Stelle weitere Einzelheiten über das Center und den heutigen Tag zu berichten. Die meisten LeserInnen waren vermutlich schon selbst da. Ich denke, das Ereignis ist eher eine Gelegenheit, Grundsätzlicheres zum Thema Konsum zu sagen. Das ist vor allem deshalb nötig, weil gerade bei diesem Thema das allgemeine Unverständnis sehr groß ist – was soll man denn gegen Konsum haben, da haben doch alles was davon, das ist doch eine Win-win-Situation! Aber das stimmt eben nicht.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es in diesen modernen Shopping Malls eher weniger um die Ware geht, die verkauft wird und die wir in Tüten nach Haus tragen. Was eigentlich verkauft wird, ist ein Wohlgefühl oder sagen wir: Hochgefühl, das wir bei unserem Aufenthalt in der Mall haben sollen. Die edlen Materialien, die bunten Bilder, die überästhetisierte Darbringung der Güter, die ganze Fülle des Angebots, die pseudomondäne Atmosphäre – das Alles hüllt uns ein, deckt uns zu, betäubt uns. Der Glanz und Glamour erweckt die Illusion von Teilhabe am Reichtum. Der Paketfahrer, die Apothekenhelferin, der Versicherungsvertreter, sie alle können hier ihren oft tristen Alltag vergessen.

Es ist schon so etwas wie ein spiritueller Mehrwert, der uns da verheißen ist. Die Fülle und der Glanz, die Vertrautheit der bekannten Marken, sie sorgen für den Kick, einen heiligen Schauer, für so etwas wie Sicherheit und Geborgenheit. Aber eine falsche Sicherheit und eine falsche Geborgenheit. Denn der Konsum zeigt im Grunde alle Merkmale einer Sucht. Der Effekt hält immer nur kurz an und weicht wie bei Alkohol oder Heroin oft genug einem Gefühl von Trostlosigkeit und einem verschärften Craving. Der Konsument braucht den Kick also immer aufs Neue, läuft immer wieder in dieses oder ein anderes Center – und verfehlt dabei das Wesentliche!

So wie der Konsum unsere Städte okkupiert und durchdringt, so beansprucht das Konsumieren, das Shoppen unangemessen viel Raum im Leben von immer mehr, gerade auch jungen Menschen. Es hält sie von Wichtigerem ab, von echter Begegnung, von Besinnung, von gesellschaftlichem Engagement, von kritischem Denken, von Protest gegen die Spaltung der Gesellschaft, von der hier gezielt abgelenkt wird, ja, auch von Transzendenz und spiritueller Tiefe. Der Konsum und die Ware wird mit Bedeutung aufgeladen, bekommt eine fast heilige Dimension. Man gehe nur mal in den Apple Store am Jungfernstieg. Als ich das erste Mal dort war, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, ich wäre in einem Tempel gelandet, mit den uniformierten VerkäuferInnen als Tempeldiener.

Mit Erschrecken musste ich heute erneut feststellen, dass all diese Zusammenhänge offenbar kaum jemandem bewusst sind, dass die Masse sich wie eine Schafherde durch das Shopping Center treiben lässt. Ich weiß, es ist schwer zu glauben: Aber dieses System macht uns im Endeffekt alle zu Konsumidioten, wir erleben derzeit den Versuch einer durchgreifenden Konditionierung der Menschen, einer Gleichschaltung, wie es sie in der Geschichte noch nicht gegeben hat. Treibriemen dieses Prozesses sind die Medien, Film, Fernsehen, Werbung.

Es droht eine ungeheure Verflachung unseres Lebens, und wir tun so, als wäre alles in Ordnung. Diejenigen, die das am ehesten erkennen müssten, die analysieren und protestieren müssten, das sind meines Erachtens die Theologen, ergo: die Kirche. Ganz einfach deshalb, weil sie von ihrer Ausbildung am ehesten befähigt sind, die Mechanismen der Heiligung profaner Konsumvorgänge zu erkennen. Aber leider haben sich die Theologen weithin arrangiert oder mischen gar fröhlich mit bei der großen Inszenierung, sorgen für Events und segnen den allgemeinen Lebensstil ab.

Und wir Linken, wir haben das Thema Konsum eigentlich auch nicht so richtig auf der Rechnung (diese Dimension hat Marx ja auch nicht ahnen können). Das aber ist ein schwerer Fehler, denn das ist ein absolutes Schlüsselthema! Ich werde jedenfalls nicht müde werden, dieses Thema aufzugreifen.

Heute war ich vermutlich der einzige, der zumindest einen bescheidenen Versuch unternommen hat, die Jubelstimmung ein wenig zu trügen. Während der Eröffnung habe ich ein Flugblatt an die Konsumenten verteilt, natürlich vor der Galerie. Da ich es für sinn- und zwecklos hielt, den Leuten an diesem Tag mit ernsthafter Konsumkritik zu kommen, habe ich etwas Satirisches aufgesetzt, um wenigstens bei einigen so etwas wie eine kleine Irritation zu verursachen. Zur weiteren Verbreitung werde ich den Text des Flyers im blog noch dokumentieren.

Ich möchte schließen mit einer Liedzeile des begnadeten Liedermachers Wenzel: „Wer nicht mehr kann, der zählt schon fast als Leiche.“

Gute Nacht, Buchholz!

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2 Comments

  1. Nun Kristian, es „droht“ keine Verflachung des Lebens, wir haben es schon bereits. Scheibchenweise, Stück für Stück ist dem Menschen seine Verantwortung abgenommen, durch Konsum und Medien, 250 Programmen und nichts dabei, durch Konsolen und PC’s, durch die allumfassende Bombadierung, „andere hätten es besser als wir….“ und wir müssen hinterher. Schon Grönemeyer sang….:
    Oh, ich kauf mir was
    Kaufen macht soviel Spaß
    Ich könnte ständig kaufen gehn
    Kaufen ist wunderschön
    Ich könnte ständig kaufen gehn
    Kaufen ist wunderschön
    Ich kauf, ich kauf
    Was, ist egal….

    „Brot und Spiele“, so wie bei den Römern damals, aber an sich braucht der Mensch heute noch nicht mal mehr „Panem“, denn bei Facebook wird allen Ernstes schon McDonalds in die „Galerie“ gefordert…

    Aber das Schöne ist doch, Kristian, das sich dann die so Beglückten nicht mehr über die Politik hier in Buchholz aufregen, im Gegenteil! Nur leider werden wir dann die Suppe auslöffeln müssen, noch freuen sie sich in der Innenstadt und bald werden sie um die Miete bangen. Und wie immer wird es so sein, daß unser Mahnen als Schwarzmalerei abgetan wird und nachher erinnert sich wieder keiner daran. Es geht einfach um zuviel Geld. Und deine treffende Analyse werden viele leider nicht verstehen, weil man nicht überzeugen kann, wenn man Verzicht fordert. Das klappt nicht. Wir brauchen Alternativen, das wird evtl. noch verstanden. Arbeiten wir dran!
    Vielleicht werden wir Erfolg haben! Ich hoffe es! Venceremos!

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  2. Lieber Kristian Stemmler,
    grundsätzlich stimme ich mit dem Inhalt Ihres Artikels überein, aber: Nicht g a n z Buchholz tummelte sich am Eröffnungstag in der Galerie! Ich selber habe – aus gutem Grund (s.o.) – am Eröffnungstag der BG einen großen Bogen um die Buchholzer Innenstadt gemacht.
    Na, schaun mer ma, wann die ersten Läden in der Galerie wieder schließen…

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