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Archive for Oktober 2012

Nun ist es aber wahr und kann man nicht leugnen, daß ein Mensch selbst und aus eigenen Kräften, wie man an den Heiden sieht, die sich zur Zucht, Ehrbarkeit und Tugend gewöhnen. Wie man sieht, daß nicht alle Menschen Mörder, Ehebrecher, Hurer, Diebe, Weinsäufer, Müßiggänger sind, sondern viel frommer, ehrbare Leute vor der Welt sind. Solches sind alles herrliche, schöne Tugenden und Werke, da zu man auch jedermann anhalten soll; denn Gott fordert dieses in den zehn Geboten. Aber das ist beschlossen, es können so viel gute Tugenden und gute Werke sein wie sie wollen, ist die Wiedergeburt nicht da, so gehört alles an Tugenden und Werken zum Teufel und in die Hölle. In den Himmel und in das Reich Gottes geht es dadurch nicht. Dieses sagt Christus selbst und es soll niemand daran zweifeln.

Die Vernunft aber ist gefangen, die Vernunft redet, Stehlen, Morden, Ehebrechen mißfällt Gott und er straft es, da muß man ja denken, daß, wenn man diese Sünden meidet es Gott wohl gefällt und er es belohnt, sonst spricht die Vernunft, müßte Gott ungerecht sein. Nun ist es wahr, es gefällt Gott wohl, solche und andere Sünde zu meiden und Gutes zu tun, dieses will er auch nicht unbelohnt lassen. Aber das Himmelreich sehen, da gehört etwas anderes und größeres zu, nämlich, daß man, wie hier steht, anders geboren werde. Darum ist Gott dem Pharisäer in Lukas 18., nicht darum Feind, daß er kein Räuber, kein Ehebrecher noch Ungerechter ist, wie andere Leute, daß der fastet und den zehnten gibt, solches läßt sich Gott wohl gefallen, wo nicht die schändliche Untugend daran hinge, daß er meinte, er würde dadurch in den Himmel kommen, meint auch er wäre viel besser als andere Sünder.

Darum ist es hier beschlossen: Vernunft ist ein edel, köstliches Ding, der Willen zum guten ist auch sehr edel und ein köstliches Ding, daß Gesetz und die Zehn Gebote, ein feiner, ehrbarer Wandel sind alles herrliche, große gaben, wofür man Gott danken soll: aber wenn man vom Reich Gottes sagt, wie man dazu kommen soll, da hilft weder Vernunft, Wille, Gesetz, oder andere gute Werke zu; allein das macht es, daß man von neuem geboren wird; anders kann man das Reich Gottes nicht sehen, sondern man muß mit Vernunft, freien Willen, Gesetz und zehn Geboten verdammt sein und bleiben.

Allein das Wasser und der Geist muß es tun, welcher doch sich nicht anders sehen oder merken lassen will, denn wie der Wind durch sein Sausen. Wer das Sausen annimmt, das ist, wer dem Wort glaubt und getauft wird, der ist wieder geboren und wird selig.

Martin Luther, Predigten durch das Jahr – Am Sonntag Trinitatis

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Gegenwärtig werden die Subjekte als leere Behälter begriffen, in die nach Belieben gesellschaftlich funktionale Reaktionsweisen plaziert werden können. Sie sind nicht länger relativ autonome Integrationszentren von divergierenden Interessen, die eigene Balance zwischen ihrer inneren Triebökonomie und den Imperativen der äußeren Ökonomie herstellen, sondern bloße Empfänger von Signalen, die der Markt aussendet. Integriert wird lediglich noch im Interesse des Funktionierens des Ganzen, während der Bereich der Affekte, sofern er nicht durch Kauf und Genuss von Waren und Dienstleistungen abgesättigt wird, unintegriert bleibt und eine zunehmend gespenstische und sich jedem steuernden Zugriff entziehende Eigendynamik entfaltet. Die Gesellschaft des losgelassenen Markes pulverisiert im Namen von Mobilität und Flexibilität verinnerlichte „Selbstzwänge“ und Disziplinierungen und versucht diese durch verstärkte äußere Kontrollen und eine perverse Lust am Funktionieren und Mitmachen zu ersetzen.

Der von Elias beschriebene „Prozess der Zivilisation“ wird teilweise rückgängig gemacht, und wir erleben ein merkwürdiges Zugleich von neuen gewaltförmigen „Fremdzwängen“ und konsumistischer Enthemmung. Man tut, was man will,worauf man Lust und woran man Spaß hat, wobei dieser Spaß selten die Bahnen verlässt, die das System der Waren den Menschen vorgibt und verordnet. Die sich ausbreitende „Spaßkultur“ ist insofern fragwürdig, als sie gegen Sinn und Vernunft gut abisoliert ist und von politischer Ohnmacht zeugt. Es scheint, also sei das bloße Funktionieren der Gesellschaft für viele eine hinreichende Rechtfertigung ihres Anspruchs auf Loyalität, die sie auch dann nicht in Frage stellen, wenn das System an den Rändern immer unverhüllter Gewalt und Unterdrückung praktiziert.

Diejenigen, die der Markt noch nicht als überflüssig ausgespuckt hat, verachten jene als „loser“, die genötigt sind, in ihren zunehmend segregierten Revieren eine Existenz an oder gar unterhalb der Armutsschwelle zu fristen. Wer sich selbst als „winner“ begreift, zieht sich in seine bunt und glitzernd ausstaffierten Reviere zurück, in die der Geruch von Armut und Elend nicht eindringen soll: „Eure Armut kotzt mich an“, ist auf Aufklebern zu lesen, die an Jeeps oder Cabriolets kleben. Auch in dieser Form der Aufkündigung von Solidarität und Einfühlung sehen wir einen Akt der Barbarei, weil solche Haltungen den Trend zur Zerstörung all jener kollektiven Instanzen und Mentalitäten begünstigen, die einzig in der Lage sind, den Auswirkungen des entfesselten Marktes entgegenzuwirken.

Zu den Folgen der Machtergreifung der neoliberalen Religion, die die einzelbetriebliche Kalkulation zur Sozialutopie der ganzen Gesellschaft erhebt, gehört die umfassende Durchsetzung jener Art von moralischem Darwinismus, „der mit dem Kult des winner, einer Mischung aus höherer Mathematik und Tiefsprung am Gummiseil, den Kampf eines jeden gegen jeden un den normativen Zynismus all seiner Praktiken“ ins Recht setzt. Hinter dem Schleier des neoliberalen gesellschaftlichen „Friedens“ und der hedonistischen Spaßkultur wächst ein Potenzial an Hass, Indifferenz und Feindseligkeit heran, das ihn in letzter Zeit spektakulär zerrissen und den Blick auf seine Rückseite freigegeben hat.

 Götz Eisenberg, Amok – Kinder der Kälte

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Von Kristian Stemmler

Liebe Kinder, verkleidet Euch zu Halloween bloß nicht als Stinktier! In Pennsylvania, so las ich jüngst in der Zeitung, hat ein Mädchen sich nämlich in einem solchen Kostüm auf die Straße begeben und ist von einem Mann angeschossen worden, der sie für ein echtes Stinktier hielt. Da sieht man, wie gefährlich Halloween sein kann. Zumindest im Land der begrenzten Unmöglichkeiten.

Auf Kinder zu schießen, so weit würde ich persönlich nicht gehen, aber ich möchte darauf hinweisen, dass ich weder irgendwelche Süßigkeiten im Haus habe noch an Halloween gewillt bin, an die Tür zu gehen, wenn es klingelt! Ich gehöre seit Jahren zu der hoffentlich wachsenden Gruppe von Halloweenhassern. Regelmäßig werde ich Ende Oktober von einer schweren Kürbisallergie befallen, allein der Anblick von Abbildungen der rötlichen Feldfrucht löst einen schweren Brechreiz aus.

Es kotzt mich tatsächlich an, wie hier innerhalb von ein paar Jahren ein aus den USA bzw. ursprünglich aus Irland stammendes Fest (die Nacht vor Allerheiligen) unserer Kultur aufgepfropft worden ist, ein Fest, das in Deutschland weder irgendeine Tradition noch einen inhaltlichen Bezugspunkt hat. Dass von allen religiösen Bezügen, die es eigentlich hat, komplett gereinigt wurde, so dass nur noch ein hohles Spektakel übrig bleibt. Der einzige Sinn des ganzen Halloweenhypes ist es, einen neuen Termin und Kristallisationspunkt für den Konsum zu schaffen, Süßigkeiten, Masken, Plastikspinnen und ähnliches zu verscheuern und irgendwelche albernen Events zu kreieren, Halloweenpartys und dergleichen Blödsinn mehr.

Wie immer, kennt die Fantasie der Werber und Produkterfinder keine Grenzen, wenn es darum geht, uns was anzudrehen. Bei Lidl zum Beispiel gibt es Halloween-Würstchen, Halloween-Schaumküsse, Halloween-Joghurt, Halloween-Schnittkäse, die Halloween-Edition von Fanta und Sprite: „blutrünstiger Fruchtmix mit Himbeer-Citrus-Geschmack oder monstermäßiger Mandarinengeschmack“. Noch Fragen?

Wer Kritik an Halloween übt, wird schnell als Spaßverderber hingestellt, der den lieben Kindern das Sammeln von Süßigkeiten und das Kürbisschnitzen im Kindergarten versauen will. Aber darum geht es nicht! Ich finde es nur wirklich erschreckend, wie leicht es ist, den Leuten von heute auf morgen ein neues Fest zu diktieren und einen Konsumrummel ohnegleichen drumherum zu erzeugen, ohne dass viel Gegenwehr kommt.

Nur von den Kirchen ist Protest zu vernehmen, wobei der meines Erachtens viel zu zaghaft ist. Die evangelische Kirche versucht ihren Reformationstag – auch am 31. Oktober – zu verteidigen. Einige Kindergärten verweigern sich Halloween und versuchen trotzig, den Kindern von Martin Luther zu erzählen. Und vor einigen Jahren, als es mit dem Halloweenhype los ging, warf das Amt für Öffentlichkeitsdienst der Nordelbischen Kirche in Hamburg Luther-Bonbons und Luther-Luftballons auf den Markt, ein etwas alberner Versuch, die Methoden der Konsumgüterindustrie zu kopieren, wie ich finde.

Wie immer fehlt es in der Kirche, wie ja auch sonst weithin in der Gesellschaft, an einer tiefer gehenden Analyse und an umfassender Kritik. Man will im Grunde niemanden wehtun und verpasst darum das Wesentliche. Denn – das Thema sprach ich ja schon in meinem Beitrag zur Eröffnung der Buchholz Galerie an – der Halloweenhype ist nur ein erneutes Beispiel dafür, wie uns das System konditioniert.Wir Konsumenten werden vorgeführt wie der Pawlowsche Hund!

Meine Theorie ist auch, dass das Weihnachtsgebäck nicht allein deshalb so früh in den Discountern liegt, um den Gewinn zu erhöhen, sondern hauptsächlich um zu zeigen: Guckt mal – wenn wir sagen „Fresst Spekulatius!“, dann fresst Ihr sie! Was wir derzeit erleben mit dem ständigen Ausprobieren neuer Produkte, mit dem Kreieren neuer Werbespots und Vertriebswege, ist so etwas wie ein Finetuning, der Versuch, das System der Konditionierung immer weiter zu verfeinern und zu perfektionieren. Es ist unverkennbar, dass dabei die Tiefenpsychologie eine ganz große Rolle spielt. Mit der Verwendung von bestimmten Farben, Formen, Sprache, Musik etc. wird tief in unserer Unterbewusstsein eingegriffen, wir werden in einer Totalität eingehüllt und manipuliert, wie es sie so noch nicht gegeben hat!

Davor fürchte ich mich, nicht vor Freddy Krueger! Dieser Konsumismus ist der Horror!

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Von Kristian Stemmler

Von einer durchdachten Stadtentwicklung konnte in Buchholz bisher nicht so recht die Rede sein, wie in diesem blog bereits mehrfach angemerkt. Mittlerweile gibt es aber positive Zeichen dafür, dass sich das ändern könnte. Die neue Stadtbaudezernentin von Buchholz, Doris Grondke, gibt ordentlich Gas und hat bereits nach vergleichsweise kurzer Zeit erkennen lassen, dass sie gewillt ist, gestalterisch Zeichen zu setzen. Mit den „Buchholzer Dialogen“ will sie jetzt eine Diskussion über Stadtentwicklung etablieren, und mit der Erarbeitung eines Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes (ISEK) soll so etwas wie eine Rahmenplanung für die Stadt entstehen, wenn ich es richtig verstanden habe. Eine ebenso erfreuliche wie unterstützenswerte Offensive!

Quasi als Startschuss lud die Baudirektorin jetzt Mitglieder des Rates und der Verwaltung zu einer Exkursion in die Marzipanstadt Lübeck ein, zu „einem Blick über den Tellerrand“. Nicht um bei Niederegger Torte zu essen, sondern um zwei Stadtentwicklungsprojekte zu besichtigen, an denen sie selbst in ihrem vorherigen Job beim Hamburger Planungsbüro petersen pörksen partner mitgewirkt hat. Es mache ja wenig Sinn, das Rad immer wieder neu zu erfinden, führte Grondke zu Recht aus. Ein interessanter Zufall: Die Exkursion fand nur zwei Tage nach der Eröffnung der Buchholz Galerie statt, eines Bauwerks, dessen Auswirkungen für die Entwicklung der Stadt wohl eher  kritisch zu sehen sind!

Mit einem Reisebus machte sich eine Gruppe von rund 25 Kommunalpolitikern und Spitzen der Verwaltung am Sonnabendmorgen bei strahlendem Sonnenschein auf den Weg in die Hansestadt. Bürgermeister Wilfried Geiger und Erster Stadtrat Jan-Hendrik Röhse (sah mit seiner Sonnenbrille ein wenig wie Geigers Bodyguard aus) waren ebenso dabei wie etwa ein Dutzend Mitglieder des Stadtrats, vor allem aus dem Stadtplanungsausschuss, darunter Geigers Vorgänger und Auschussvorsitzender Norbert Stein (SPD) und die beiden Fraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen, Wolfgang Niesler und Joachim Zinnecker.

Auf dem Weg nach Lübeck nutzte Grondke die Gelegenheit, der Gruppe von Multiplikatoren die „Buchholzer Dialoge“ anzukündigen. Wie der Sprecher der Stadt, Heinrich Helms, jetzt auf der Homepage buchholz.de erläutert, möchte die Stadtbaudezernentin zum einen bis Ende 2013 bis zu vier Mal die Politik unter dieser Überschrift zu städteplanerischen Fachexkursionen einladen. Darüber hinaus sollen externe Referenten zu Fragen der Stadtplanung informieren. Die Stadtbaudezernentin setze da auf rege Beteiligung aus der Bevölkerung: „Die Vorträge sind eine Einladung an alle Menschen dieser Stadt, über Stadtentwicklung in Buchholz zu diskutieren. Ich möchte mit den Dialogen ein Forum schaffen, das offen ist für alle Buchholzerinnen und Buchholzer – Politiker, Architekten, Geschäftsleute, Bürgerinnen und Bürger.“

Stadtentwicklung sei gelebte und gebaute Umwelt. Sie bestehe nicht nur – wenn auch zu einem großen Teil – aus Architektur, Freiraum, Verkehr und mehr, sondern vor allen Dingen aus den Menschen die in einer Stadt lebten, so Grondke. Letztendlich gehe es dabei um die Frage wie sich Buchholz in der Zukunft entwickeln solle. Die Buchholzer Dialoge sollten „eine neue politische Gesprächskultur in der Stadt etablieren“, zitiert mein Kollege die Baudirektorin.

Nach meinem bisherigen Eindruck von Buchholz wird das nicht ganz einfach, zumal die politischen Antagonismen ja fortbestehen, aber Grondkes Initiative ist auf jeden Fall zu begrüßen. Und der Ausflug nach Lübeck war atmosphärisch jedenfalls schon mal recht entspannt und konstruktiv, das kann man nicht abstreiten. Helms schreibt, Bürgermeister Geiger habe in der entspannten Atmosphäre des Ausflugs sogar so etwas wie eine überfraktionelle Aufbruchsstimmung wahrgenommen. „Für die künftige Entwicklung von Buchholz war das ein guter Tag“, wird Geiger zitiert.

Tatsächlich erwies sich der Ausflug als fruchtbar für die kommunale Kommunikation. Man tauschte sich unterwegs und in den Pausen aus, und so konnte ich bei der Gelegenheit auch bei einem schmackhaften Süppchen ein wenig mit dem Bürgermeister und Ratskollegen der Union plaudern. Ich finde, bei allen politischen Meinungsunterschieden sollte es doch zumindest auf kommunaler Ebene möglich sein, ganz normal miteinander umzugehen (das entspricht im übrigen meinem Verständnis von „linkem Auftreten“ – hart fighten in der Sache, aber den anderen als Menschen respektieren und achten!).

Das erste Projekt, das der Buchholzer Delegation präsentiert wurde, war der Hochschulstadtteil Lübeck, ein auf rund 85 Hektar errichteter Retortenstadtteil mit rund 4500 Einwohnern, darunter vor allem junge Familien, etwa drei Kilometer von der Lübecker Altstadt entfernt. Ehrlich gesagt, mein Eindruck vor Ort war ambivalent. Was ich auf der Homepage des Projektes gelesen hatte, wurde nur zum Teil eingelöst, da wird der Mund etwas voll genommen.

„Der Hochschulstadtteil Lübeck ist eines der ambitioniertesten und interessantesten städtebaulichen Projekte in ganz Deutschland – eine nicht nur für Norddeutschland einzigartige und modellhafte Stadt der kurzen Wege, die Wohnen und Arbeiten, Forschung und Lehre, Erholung und Freizeit einfach, überschaubar und konsequent vernetzt möglich macht“, heißt es auf der Homepage. Der Stadtteil verknüpfe zugleich Wissenschaft und Wirtschaft effektiv miteinander (Näheres unter http://www.hochschulstadtteil.de).

Nach meinem Eindruck merkt man dem Stadtteil ziemlich an, dass er auf dem Reißbrett entworfen worden ist, mir hat sich atmosphärisch eine gewisse Künstlichkeit aufgedrängt. Überzeugt hat mich vor allem das viele Grün und der Park, der Carlebach Park, der als zentrales Erholungsgebiet und Bindeglied praktisch quer durchs Viertel geschlagen wurde. Hier sah man ausgedehnte Rasenflächen, abwechslungsreiche Bepflanzung und viel Platz für Sport- und Freizeitaktivitäten. Eher abschreckend wirkt dagegen, zumindest von außen, das Einkaufszentrum Mönkhof Karree und der Aldi gegenüber, Anblicke, die sich leider als erstes auftun, wenn man ins Viertel reinfährt. Besonders die Auffahrt zu real ist an Unwirtlichkeit schwer zu überbieten.

Bei einem Rundgang durchs Viertel bekamen die Buchholzer einen unmittelbaren Eindruck von der Machart des Viertels. Landschaftsarchitektin Maria Julius vom Büro TGP und die Leiterin der Stabsstelle Generelle Planung der Hansestadt Lübeck, Anne-Katrin Lorenzen, führten die Gruppe. Wenn man auch eine ganze Menge Häuser mit durchaus innovativer Architektur sehen konnte, drängte sich doch insgesamt der Eindruck von architektonischer Beliebigkeit auf oder anders gesagt: Optisch wirkt das Viertel wie Kraut und Rüben.

Doris Grondke verhehlte gegenüber der Delegation aus der Nordheide allerdings auch nicht, dass es nicht gelungen sei, eine einheitliche Gestaltung durchzusetzen und sie nicht mit allen Resultaten zufrieden ist. Sie empfahl, auch aus den gemachten Fehlern zu lernen. Eine Konsequenz könnte doch sein, bei geschlossenen Siedlungen mit einer Gestaltungssatzung zu arbeiten, oder?

Überzeugender als den Hochschulstadtteil fand ich das zweite Projekt, das nach der Suppe vorgestellt wurde: der Bornkamp, ein an den Hochschulstadtteil angrenzendes Wohnviertel auf etwa 30 Hektar, mit rund 480 Wohneinheiten und 1500 Bewohnern. Der sehr sympathisch auftretende Geschäftsführer des zuständigen Trägers, der Lübecker Wohnungsbaugesellschaft TRAVE, Matthias Rasch, stellte das Projekt vor und führte die Buchholzer Gruppe durch die Siedlung. Auf mich wie auch auf manchen Kollegen machte sie einen wesentlich organischeren und idyllischeren Eindruck als der Hochschulstadtteil.

Das hängt offensichtlich vor allem mit der überzeugenden Idee so genannter Wohninseln zusammen, von denen es im Bornkamp sieben gibt. Von der Hauptstraße gehen jeweils Ringstraßen ab, an denen jeweils 20 bis 25 Einfamilienhäuser liegen. „Eine Kleingartensiedlung in Kopenhagen hat uns zur Idee mit den Wohninseln inspiriert“, sagt Grondke. Rasch ergänzte: „Wegen des Grundwassers mussten wir teils Aufschüttungen machen, so dass so etwas wie Warften entstanden.“ Die Geschlossenheit der Inseln führe dazu, dass ein Gemeinschaftsgefühl der Bewohner, eine fast dörfliche Idylle entstanden sei. Dazu trägt natürlich auch das viele Grün in dem Viertel bei.

Am späten Nachmittag traf die Delegation wieder in Buchholz ein, um viele Eindrücke reicher. Wie viele konkrete Anregungen dabei waren, ist schwer zu sagen – aber die Exkursion hat sicher kommunikativ was gebracht, da gebe ich Doris Grondke und dem Bürgermeister recht. Der Schwung sollte genutzt werden. Dazu ist es aber wohl auch erforderlich, sich über mögliche Hindernisse und Defizite im Klaren zu sein.

Aus meiner Sicht ist das Hauptproblem der Stadtplanung in Buchholz in den letzten Jahren, dass sie vor allem den Interessen von Investoren gehorcht hat, ob es die großen Bauten in der Innenstadt betrifft oder die zahlreichen fantasielosen Blocks mit teuren Wohnungen, die über die Stadt verteilt sind, Wito-Häuser und dergleichen Zeug. Da muss sich meines Erachtens etwas verändern und die Gründung einer städtischen Wohnungsbaugenossenschaft wäre sicher ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

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Von Kristian Stemmler

Das Wettrüsten hat begonnen! In der Buchholzer Innenstadt versuchen die etablierten Einzelhändler, sich mit Abwehrangeboten gegen die große neue Konkurrenz, die Buchholz Galerie, zu behaupten. Im City Center etwa wirbt das Schuhgeschäft mit Outletverkauf, in der Breiten Straße locken die Klammottenläden mit Rabatten („20 Prozent auf alles!“) und die Geschäfte der Neuen Straße halten mit einer Couponaktion dagegen, die im Nordheide Wochenblatt präsentiert wurde – pikanterweise in der Beilage, mit der die Galerie bejubelt wird.

Das zeigt, dass die Buchholzer Einzelhändler offenbar den Ernst der Lage begriffen haben. Ihnen scheint klar zu sein, dass die Galerie eine Sogwirkung entfalten kann, die ihre eigenen Umsätze auf breiter Front einbrechen lassen könnte. Nun laufen die Leute derzeit natürlich noch alle in die Shopping Mall, weil sie brandneu ist. Wie sich die Galerie aufs Gefüge des Buchholzer Einzelhandels tatsächlich auswirkt, wird sich erst feststellen lassen, wenn die „Flitterwochen“ vorbei sind.

Dennoch finde ich es mindestens ambivalent, wenn sich die örtliche CDU das Verdienst, die Buchholz Galerie in die Stadt geholt zu haben, ans eigene Revers heftet, weil die Entscheidung für das Shopping Center zufällig in die Zeit der CDU-geführten Mehrheit fiel. Ob das eine Entscheidung zum Wohl der Gemeinde war, muss sich nämlich erst noch herausstellen, Leute! Im Moment kann ich nur erkennen, dass die Politik den großen Ketten die Tür geöffnet hat und dass vermutlich nicht nur das komplette City Center über die Klinge springen wird, sondern auch noch etliche andere Einzelhändler.

Natürlich macht der heimische Einzelhandel derzeit noch gute Miene zum bösen Spiel, denn bekanntlich ist nichts geschäftsschädigender, als ins Gerede zu kommen. Da die Galerie nun mal da ist, hofft man offenbar, dass, wie es Politik und Verwaltung versprochen haben, das Einkaufszentrum mehr Kunden nach Buchholz zieht und diese auch noch in anderen Geschäften einkaufen. Sicher lässt sich kaum bezweifeln, dass die Galerie zusätzliche Kunden in die Stadt locken wird bzw. dass Buchholzer in der Galerie Einkäufe tätigen werden, für die sie sonst in Hamburg gefahren wären. Nur ist die Frage völlig offen, wie viele Kunden das sein werden – und vor allem steht in den Sternen, ob die dann wirklich etwa in die Neue Straße gehen.

Vor diesem Hintergrund finde ich die Stellungnahme von Wolfgang Schnitter, Chef der Buchholzer Wirtschaftsrunde, zum Thema Galerie im Wochenblatt doch ein wenig bedenklich. Dass die Nachfrage in Buchholz noch nicht gesättigt ist, wie er meint, mag ja sein. Aber den Hinweis auf mögliche Verdrängung durch die Galerie mit der lapidaren Feststellung zu kontern, in der Wirtschaft redeten doch immer alle von Wettbewerb, dann müsste sie sich diesem auch stellen – das halte ich nicht gerade für Lokalpatriotismus! Ich hatte eigentlich gedacht, dass die Wirtschaftrunde die Interessen der Buchholzer Wirtschaft vertritt.

Im Moment ist noch Gesundbeten angezeigt. Hinter Schnitters Äußerungen steckt vermutlich die Überlegung, dass wir es hier mit einer unvermeidlichen Flurbereinigung zu tun haben. Einige Einzelhändler, die nicht mithalten können, gehen den Bach runter, aber die profilierten Spezialgeschäfte finden ihre Nischen und überleben. Mag sein, dass dieses Kalkül aufgeht – möglicherweise aber entfaltet sich die Sogwirkung der Galerie auch auf negative Weise, so dass am Ende nur die Galerie selbst und ein Kranz von Läden drumherum florieren. Und der Rest der Einzelhändler siecht dahin.

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O HAPPY DAY!

Buchholz Galerie – ein neues Zeitalter beginnt!

Mit der lang ersehnten Eröffnung der Buchholz Galerie im Herzen der Stadt bricht in Buchholz ein neues Zeitalter an. Endlich gibt es in der Nordheide ein Einkaufszentrum mit Weltstadtniveau! Endlich können wir Buchholzer und unsere Gäste aus Nah und Fern in einem wunderbaren Ambiente nach Herzenslust shoppen.

Die Buchholz Galerie ist mehr als nur ein Einkaufszentrum! Sie ist ein Ort, an dem sich die Menschen treffen, an dem wir entspannt bummeln können, an dem wir klönen, chillen, das Leben in vollen Zügen genießen, an dem wir uns geborgen und aufgehoben fühlen können. Hier bin ich Mensch, hier darf ich‛s sein – dieses Motto könnte in großen Lettern über dem Eingang der Galerie prangen!

Lassen wir uns nicht länger von linken Weltverbesserern einreden, dass Konsum etwas Schlechtes ist! Konsum ist gut, Konsum ist geil, Konsum macht das Leben lebenswert! Das Kommunale Komitee Konsumglück ist von engagierten BürgerInnen gegründet worden, um die Bedingungen für den Konsum in Buchholz zu optimieren. Es hat sich gezeigt, dass die Kommunalpolitiker und die Wirtschaftsrunde nur sehr halbherzig an dieses Thema herangehen.

Wir fordern

  • den Bau weiterer Einkaufszentren in Buchholz. Die Rütgersfläche zum Beispiel sollte mit einer Shopping Mall komplett überbaut werden.
  • die komplette Überdachung der Fußgängerzone. Es ist unzumutbar, dass verkaufsoffene Sonntage und andere Aktionen des Einzelhandels der Unberechenbarkeit des norddeutschen Wetters unterworfen sind.
  • die sofortige Beseitigung der Ladenschlusszeiten. Wir wollen konsumieren, wann immer wir Lust dazu haben.
  • die Aufnahme des Rechts auf Konsum in die UN-Menschenrechtskonvention.

Baut ein Einkaufszentrum, baut zwei

Einkaufszentren, baut viele Einkaufszentren!

V. i. S. d. P.: KOMMUNALES KOMITEE KONSUMGLÜCK c/o Kristian Stemmler, Feldstraße 23, 21244 Buchholz http://www.buchholzblog.wordpress.com

Warnhinweis: Dieser Flyer beinhaltet satirische Elemente, die unerwünschte Nebenwirkungen auslösen können wie Nachdenken, Verhaltensänderungen oder gesellschaftspolitisches Engagement.

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Von Kristian Stemmler

Buchholz hat heute prototypisch vorgemacht, wie diese Gesellschaft systematisch vor die Hunde geht und wie sehr wir schon von allen guten Geistern verlassen sind. Die simple Eröffnung eines Einkaufszentrums hat die Stadt in Aufruhr versetzt, hat ein kollektives Fieber ausgelöst. Es war wie Stadtfest und Weihnachten an einem Tag – als hätte es jahrelang nichts gegeben, strömten Tausende von vormittags bis abends durch die Buchholz Galerie, die neue Konsumkathedrale im Herzen der Stadt, bevölkerten die Fußgängerzone, wo Buden und Karussells aufgebaut waren. An der Breiten Straße stand zurecht ein Notarztwagen bereit, denn Buchholz verfiel heute dem Konsumwahn!

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, was diese Gesellschaft noch irgendwie eint, was die Massen antreibt, was die Sehnsucht der Leute weckt, dann hat Buchholz ihn heute erbracht: der Konsum. Institutionen wie die Kirchen können von einem solchen Zulauf nur träumen. Sie sind am Rande geduldet als seelisches Fitnessstudio, aber sowohl als Gebäude städtebaulich wie auch als Institutionen gesellschaftspolitisch sind die Kirchen marginalisiert. Auf deutsch: Das Zentrum von Buchholz ist nicht die Pauluskirche (und auch nicht das Rathaus), Mittelpunkt und Objekt der Begierde, das ist die Buchholz Galerie!

Es hat eigentlich nur gefehlt, dass zur Eröffnung am Vormittag die Glocken von St. Paulus läuten und Pastor Wabbel die neue Shopping Mall segnet. Dazu konnte man sich wohl nicht durchringen. Aber sonst hatte die Feier alle Merkmale einer guten Liturgie: pathetische Musik, eine Predigt des Bürgermeisters, eine andächtig lauschende Gemeinde und als Klimax das Durchschneiden des roten Bandes gefolgt vom Betreten des Allerheiligsten. Halleluja!

Natürlich war Bürgermeister Wilfried Geiger an diesem Tag euphorisiert bis zum Anschlag. Jedenfalls grinste er wie ein Honigkuchenpferd. Flotten Schrittes kam er im unvermeidlichen Trenchcoat vom Rathaus herübergeeilt an die Breite Straße, wo bereits so um die 500 Konsumenten ausharrten, und umarmte als erstes SPD-Ratsfrau Silva Seeler, auch Landtagsabgeordnete. Obwohl ich direkt daneben stand und mich eben noch mit der Ratskollegin unterhalten hatte, würdigte er mich keines Blickes, wofür ich allerdings Verständnis habe. Man will sich ja den Freudentag nicht versauen, indem man einer linken Spaßbremse die Hand drückt. Dafür habe ich mich nett mit dem Ersten Stadtrat Jan-Hendrik Röhse unterhalten, der da keine Berührungsängste hat.

Vielleicht ahnte Geiger auch schon, dass ich nicht vorhatte, viel Positives über seine Ansprache und die Galerie zu schreiben. Das ist aber auch nicht leicht bei seinem PR-Politsprech! Er derilierte irgendetwas von einer „jungen und dynamischen Stadt“, unserem „wunderschönen Buchholz“ (das architektonisch gerade nachhaltig versaut wird, unter anderem durch die Buchholz Galerie). Er freue sich „ganz doll“ über das Einkaufszentrum und sei so was von dankbar, dass Investor DC Commercial auf ein Mittelzentrum gesetzt habe. Die Galerie werde der Stadt und den Menschen gut tun.

Mindestens ebenso freudig erregt war Lothar Schubert, Geschäftsführer von DC Commercial und einer der Gesellschafter des Unternehmens. Es habe „soviel Spaß gemacht“, die Galerie zu bauen: „Und ich bin froh, dass Sie alle hier sind!“ Der smarte Manager drohte an, das Center solle „noch mindestens 30 Jahre aufhaben“, darum müssten die Leute immer mal wieder vorbeikommen. Centermanager Andreas Ziehmann redete mal wieder, als hätte er Gras geraucht. Eine „Perle des Einzelhandels“ sei die Buchholz Galerie, „bundesweit einzigartige Store-Konzepte“ würden hier ausprobiert.

Mit unberechtigtem Stolz nahm Ziehmann auf das Motto der Galerie, er sprach von „Claim“, Bezug: „Schön, dass du da bist!“ Mit Verlaub, aber dieser Claim ist einfach nur gaga! Das hört sich an wie „Hurra, wir leben noch!“ oder „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst“. Na ja, andererseits passt der hohle Spruch zum hohlen Konsumrummel!

Der ging so richtig los, als Geiger und Ziehmann nach einem Trommelwirbel das rote Band durchschnitten hatten. Die Massen drängten ins Center, als würden sie dafür bezahlt. Und da war dann die Hölle los! Bis zum Abend wälzte sich ganz Buchholz durch die Shopping Mall plus Gäste von außerhalb. Man sah ne Menge Autos mit Hamburger Kennzeichen, einige auch aus Bremen oder dem Heidekreis. Sämtliche Läden wurden besichtigt und durchgehechelt, man fuhr die Rolltreppen rauf und wieder runter, trank Kaffee bei Allwörden, fraß Nudeln vom Asiaten, kaufte Tinnef bei Depot, probierte Stiefel bei Schuh Kay, blätterte in Büchern im neuen großen Heymann, konsumierte, was das Zeug hielt.

Ehrlich gesagt, ist die Buchholz Galerie kein Deut anders oder besser als die neueren Einkaufszentren, die man aus Hamburg oder sonst woher kennt. Mal abgesehen davon, dass bei H & M noch ne Leiter im Schaufenster stand und hier und da Kabel aus der Wand oder der Decke gucken. Etwas seltsam fand ich auch die Securityleute – einige sahen aus wie Türsteher vom Kiez. Waren sie vielleicht auch mal. Ich weiß ja nicht, was für Kontakte Björn Dahler so hat… Der Investor in seinem feinen Mantel streifte übrigens persönlich durch die Shopping Mall und ging erst nach Torschluss, kurz nach acht.

Dass Dahlers Megaluxus-Maklerunternehmen an der wohl prominentesten Stelle des Gebäudes, nämlich an der Ecke zum Treffpunkt hin, einen Shop eröffnet hat, das übrigens ist auch eine Besonderheit der Galerie und zeigt den Protz und das Statusdenken in diesen Kreisen. Das ist ja nun wirklich kein Laden, wo man mal eben reingeht, um eine Reetdachvilla in Bendestorf zu erstehen. Also, dieser Shop hat vor allem Platzhirschfunktion, soll zeigen: Wir sind die Erbauer dieses Zentrums, wir sind King! Die Normalsterblichen sind in dem Laden bestimmt nicht erwünscht, wir trinken unseren Ein-Euro-Kaffee nebenan bei Tchibo.

Es macht wenig Sinn, an dieser Stelle weitere Einzelheiten über das Center und den heutigen Tag zu berichten. Die meisten LeserInnen waren vermutlich schon selbst da. Ich denke, das Ereignis ist eher eine Gelegenheit, Grundsätzlicheres zum Thema Konsum zu sagen. Das ist vor allem deshalb nötig, weil gerade bei diesem Thema das allgemeine Unverständnis sehr groß ist – was soll man denn gegen Konsum haben, da haben doch alles was davon, das ist doch eine Win-win-Situation! Aber das stimmt eben nicht.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es in diesen modernen Shopping Malls eher weniger um die Ware geht, die verkauft wird und die wir in Tüten nach Haus tragen. Was eigentlich verkauft wird, ist ein Wohlgefühl oder sagen wir: Hochgefühl, das wir bei unserem Aufenthalt in der Mall haben sollen. Die edlen Materialien, die bunten Bilder, die überästhetisierte Darbringung der Güter, die ganze Fülle des Angebots, die pseudomondäne Atmosphäre – das Alles hüllt uns ein, deckt uns zu, betäubt uns. Der Glanz und Glamour erweckt die Illusion von Teilhabe am Reichtum. Der Paketfahrer, die Apothekenhelferin, der Versicherungsvertreter, sie alle können hier ihren oft tristen Alltag vergessen.

Es ist schon so etwas wie ein spiritueller Mehrwert, der uns da verheißen ist. Die Fülle und der Glanz, die Vertrautheit der bekannten Marken, sie sorgen für den Kick, einen heiligen Schauer, für so etwas wie Sicherheit und Geborgenheit. Aber eine falsche Sicherheit und eine falsche Geborgenheit. Denn der Konsum zeigt im Grunde alle Merkmale einer Sucht. Der Effekt hält immer nur kurz an und weicht wie bei Alkohol oder Heroin oft genug einem Gefühl von Trostlosigkeit und einem verschärften Craving. Der Konsument braucht den Kick also immer aufs Neue, läuft immer wieder in dieses oder ein anderes Center – und verfehlt dabei das Wesentliche!

So wie der Konsum unsere Städte okkupiert und durchdringt, so beansprucht das Konsumieren, das Shoppen unangemessen viel Raum im Leben von immer mehr, gerade auch jungen Menschen. Es hält sie von Wichtigerem ab, von echter Begegnung, von Besinnung, von gesellschaftlichem Engagement, von kritischem Denken, von Protest gegen die Spaltung der Gesellschaft, von der hier gezielt abgelenkt wird, ja, auch von Transzendenz und spiritueller Tiefe. Der Konsum und die Ware wird mit Bedeutung aufgeladen, bekommt eine fast heilige Dimension. Man gehe nur mal in den Apple Store am Jungfernstieg. Als ich das erste Mal dort war, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, ich wäre in einem Tempel gelandet, mit den uniformierten VerkäuferInnen als Tempeldiener.

Mit Erschrecken musste ich heute erneut feststellen, dass all diese Zusammenhänge offenbar kaum jemandem bewusst sind, dass die Masse sich wie eine Schafherde durch das Shopping Center treiben lässt. Ich weiß, es ist schwer zu glauben: Aber dieses System macht uns im Endeffekt alle zu Konsumidioten, wir erleben derzeit den Versuch einer durchgreifenden Konditionierung der Menschen, einer Gleichschaltung, wie es sie in der Geschichte noch nicht gegeben hat. Treibriemen dieses Prozesses sind die Medien, Film, Fernsehen, Werbung.

Es droht eine ungeheure Verflachung unseres Lebens, und wir tun so, als wäre alles in Ordnung. Diejenigen, die das am ehesten erkennen müssten, die analysieren und protestieren müssten, das sind meines Erachtens die Theologen, ergo: die Kirche. Ganz einfach deshalb, weil sie von ihrer Ausbildung am ehesten befähigt sind, die Mechanismen der Heiligung profaner Konsumvorgänge zu erkennen. Aber leider haben sich die Theologen weithin arrangiert oder mischen gar fröhlich mit bei der großen Inszenierung, sorgen für Events und segnen den allgemeinen Lebensstil ab.

Und wir Linken, wir haben das Thema Konsum eigentlich auch nicht so richtig auf der Rechnung (diese Dimension hat Marx ja auch nicht ahnen können). Das aber ist ein schwerer Fehler, denn das ist ein absolutes Schlüsselthema! Ich werde jedenfalls nicht müde werden, dieses Thema aufzugreifen.

Heute war ich vermutlich der einzige, der zumindest einen bescheidenen Versuch unternommen hat, die Jubelstimmung ein wenig zu trügen. Während der Eröffnung habe ich ein Flugblatt an die Konsumenten verteilt, natürlich vor der Galerie. Da ich es für sinn- und zwecklos hielt, den Leuten an diesem Tag mit ernsthafter Konsumkritik zu kommen, habe ich etwas Satirisches aufgesetzt, um wenigstens bei einigen so etwas wie eine kleine Irritation zu verursachen. Zur weiteren Verbreitung werde ich den Text des Flyers im blog noch dokumentieren.

Ich möchte schließen mit einer Liedzeile des begnadeten Liedermachers Wenzel: „Wer nicht mehr kann, der zählt schon fast als Leiche.“

Gute Nacht, Buchholz!

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Von Kristian Stemmler

Auf Wiedersehen, City Center! Wenn man nicht alles täuscht, sind die Tage des antiquiert wirkenden Einkaufszentrums gezählt. Mit Heymann ist jetzt ein wichtiger Frequenzbringer ausgezogen, denn wie die lokale Presse berichtet, konnte die Buchhandlungskette sich mit dem Centermanagement einigen und den Mietvertrag vorzeitig beenden. Heymann geht, wie berichtet, in die Buchholz Galerie, die am Donnerstag eröffnet wird.

Spätestens an diesem Tag wird im City Center gähnende Leere herrschen. Schon heute war deutlich erkennbar, was der Wegfall von Heymann bedeutet, denn am Abend war es deutlich leerer als an anderen Montagabenden. Die Frau des Bürgermeisters habe ich zwar gesehen, aber das nützt jetzt auch nichts mehr… Das City Center macht schon optisch einen sterbenden Eindruck: Mit der Heymann-Fläche stehen jetzt schon vier Läden leer – das macht keinen guten Eindruck!

Gegen die geballte Power von H & M und den ganzen Marken von Ramelow haben die Klamottenläden im City Center keine Chance. Dasselbe gilt wohl für Rossmann, wenn der riesige dm-Markt in der Galerie aufgemacht hat. Zudem ist das Center einfach baulich und gestalterisch in einem miesen Zustand. Das Blassgelb der Wände, die albernen Palmen, die Spiegel und Metallapplikationen, das sieht alles nur altbacken und billig aus.

Natürlich ist es für die funktionierenden kleinen Läden im City Center bedauerlich. Aber selbst wenn sie ihre Stammkundschaft haben, werden sie die neue Konkurrenz sicher zu spüren bekommen, denn es wird eine Menge Laufkundschaft wegfallen. Und zudem ist ein Dominoeffekt zu befürchten. Das heißt: Wenn erst Flächen leerstehen und weniger Leute shoppen gehen, leidet die Atmosphäre und die Stimmung, und es kommen immer weniger. In einem anderen Zusammenhang nennt man das den Brocken-Window-Effekt.

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Vor einer Woche wurde der Beratungsprozess zum Mobilitätskonzept für Buchholz gestartet, das nach neuen Wegen in der Verkehrspolitik suchen soll. Zugleich kocht die Diskussion um ein Thema wieder hoch, das die Stadt seit Jahren beschäftigt: um den Ostring. Der Grund dafür ist der Bürgerentscheid, der dazu Anfang des kommenden Jahres durchgeführt werden soll. Vor einigen Wochen haben sich die Initiatoren dieses Entscheids im blog zu ihren Motiven geäußert, jetzt antworten die drei Fraktionschefs der Parteien der Ratsmehrheit, Wolfgang Niesler (SPD), Joachim Zinnecker (Grüne) und Peter Eckhoff (Buchholzer Liste).

Wolfgang, Joachim, Peter, hat Euch der schnelle Erfolg des Bürgerbegehrens für den Ostring überrascht? Immerhin haben die Initiatoren in relativ kurzer Zeit mehr als 5000 Unterschriften gesammelt.

Wolfgang Niesler: Wenn man bedenkt, dass es nur um einen Teilaspekt in der Angelegenheit Ostring geht, bei der die Grundsatzentscheidung bereits durch das Verwaltungsgericht entschieden ist, dann verwundert mich diese Beteiligung schon ein wenig.

Joachim Zinnecker: Also mich hat die Anzahl der Stimmen nicht gewundert, bei dem Aufwand, den die Befürworter treiben, und bei der Art der unwahren Argumentation.

Jetzt kommt es zu einem Bürgerbescheid. Wie sind Eure Prognosen für den Ausgang des Entscheids?

Zinnecker: Der Ausgang wird meines Erachtens sehr knapp sein und somit nur eine begrenzte Aussagekraft haben.

Eckhoff: Das Bürgerbegehren ist zudem politisch unsinnig. Daher ist auch der Aussagegehalt nicht sonderlich hoch – egal, wie es ausgeht.

Niesler: Ich bin nach wie vor fest überzeugt, dass eine Mehrheit der Buchholzer Bevölkerung diese unsinnige Straße nicht will.

Die Ostring-Befürworter werden sicher in den nächsten Wochen die Trommel rühren. Was ist Eure Antwort darauf? Wird es eine Art Wahlkampf zum Ostring geben?

Eckhoff: Wir werden die Bürgerinnen und Bürger gewohnt sachlich über das Für und insbesondere das Wider eines Ostringes sowie über den Bürgerentscheid und seine Aussagekraft informieren. In der politischen Arbeit kümmern wir uns aber mehr um das für die zukünftige Stadtentwicklung von Buchholz wichtige Mobilitätskonzept.

Zinnecker: Das ist ja nicht der erste Ostring-Wahlkampf und wird leider nicht der letzte sein. Wir werden deutlich machen, dass der Ostring keine Lösung für Buchholz darstellt. Unsere Alternativen liegen lange auf dem Tisch, werden aber von Bürgermeister Geiger leider blockiert bzw. verzögert.

Niesler: Im Gegensatz zu Jochen Zinnecker hoffe ich, dass es der letzte Wahlkampf um den „Ostring“ ist, das Mobilitätskonzept – so hoffe ich- wird zu alternativen, welche von allen getragen werden, führen.

Peter, die BürgerInitiative Ostring (BIO), zu dessen Vorstand Du gehörst, hat sich kürzlich getroffen. Was habt Ihr diskutiert, was plant Ihr?

Eckhoff: Zum einen geht es darum, die Widerstandsarbeit gegen einen Ostring wieder aufzunehmen und häufiger mit unserem BIO-Infostand auf dem Wochenmarkt präsent zu sein. Außerdem werden wir unsere Argumente gegen einen Ostring noch mal sachlich, transparent und für alle nachvollziehbar verdeutlichen. Auf der anderen Seite wird sich die BIO aktiv in die Erstellung des Mobilitätskonzeptes einbringen. Die BIO ist mehr als nur „OSTRING NEIN“.

Wie wird Eure Reaktion sein, wenn sich die Mehrheit für die Aufhebung des in Frage stehenden Ratsbeschlusses ausspricht? Rein rechtlich wäre das ja noch keine Verpflichtung zum Bau des Ostrings.

Zinnecker: Formal würde sich der Rat einem Bürgerbegehren beugen und die Verträge bestehen lassen. Vor dem Hintergrund der mit allen Stimmen im Rat beschlossenen Schuldenbremse ist allerdings für den Bau eines Ostringes in den nächsten fünf Jahren ohnehin kein Geld vorhanden. Wir werden uns auf den Bau des neuen Tunnels konzentrieren müssen.

Eckhoff: Der Tunnelausbau wird nicht das alleinige Mittel sein, auf das wir setzen sollten. Verkehrsvermeidung, Stärkung des Fuß- und Radverkehrs sowie des ÖPNV sind viel wichtiger, um den Anforderungen an das zukünftige Mobilitätsverhalten einer immer älter werdenden Buchholzer Bevölkerung gerecht zu werden. Die älteren Menschen werden sich überwiegend in Buchholz aufhalten und bewegen. Es fehlt auch vor diesem Hintergrund die Rechtfertigung für einen Ostring-Bau. In der Erstellung des Mobilitätskonzepts wird es auch darum gehen müssen, wie wir mit unseren finanziellen Ressourcen zukünftig sinnvoll und generationengerecht umgehen wollen. Dann werden wir schnell feststellen, dass die finanziellen Mittel, die ein Ostring-Bau verschlingen würde, anders effektiver eingesetzt sind.

Wäre es nicht politischer Selbstmord, wenn im Fall eines Siegs der Ostring-Befürworter die Ratsmehrheit den Ostring trotzdem nicht baut? Immerhin steht als nächstes die Wahl des Bürgermeisters an.

Zinnecker: Eben; der jetzige Bürgermeister Wilfried Geiger steht ja entgegen seinen öffentlichen Äußerungen an der Spitze der Verzögerer. Der muss dringend abgewählt werden, damit die Verwaltung wieder neutral agieren kann.

Eckhoff: Dem stimme ich zu. In erster Linie ist es in der Person des Bürgermeisters begründet, warum wir in der Umsetzung unserer politischen Ideen und Ansätze noch nicht viel weiter sind. Die Quittung wird Herr Geiger bei der nächsten Bürgermeisterwahl erhalten, sollte er sich überhaupt ein zweites Mal zur Wahl stellen.

Niesler: Die Verwaltung und damit der Bürgermeister selbst hat uns einen Haushalt und eine Finanzplanung für die nächsten Jahre vorgelegt, in denen kein Geld für eine neue Planung dieser Straße vorgesehen ist. Wenn Du die bevorstehende Bürgermeisterwahl schon ansprichst, so darf ich der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass Buchholz danach einen Bürgermeister hat, der Kosten und Nutzen in dieser Frage besser abwägen kann.

Wolfgang, einer der Initiatoren des Bürgerbegehrens ist ja SPD-Mitglied, nämlich Michael Kreidner. Ist das für Dich ein Problem?

Niesler: Nein auf keinen Fall, denn in einer großen Partei wie der SPD muss auch immer Platz für kleine Minderheiten in einzelnen Sachfragen sein. Geärgert hat mich, dass ich Michael Kreidner viele Jahre kenne, ich aber trotzdem seine Aktivitäten in dieser Sache aus der Presse erfahren habe.

Wie seht Ihr die Beteiligung von CDU und FDP beim Bürgerbegehren? Beide Parteien waren ja sowohl beim Zustandekommen des Begehrens wie beim Sammeln der Unterschriften stark involviert. Wie überparteilich ist denn diese Initiative wirklich?

Niesler: Wer im Rat keine Mehrheit mehr hat, der versucht es auf diesem Weg, wenn er unbelehrbar ist. Die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt mögen sich ihr Urteil darüber bilden.

Zinnecker: Die Manöver von CDU und FDP sind absolut durchsichtig. Es geht lediglich darum, die jahrzehntealten Pläne durchzudrücken um im Osten mehr Bauland ausweisen zu können.

Eckhoff: Das ist die Taktik des Bürgermeisters und seiner Gefolgsleute von CDU und FDP: mit einer immer wieder neu initiierten Ostring-Debatte alle anderen zukunftsorientierten Debatten zur zukünftigen Buchholzer Stadtentwicklung ausbremsen. Davon lassen wir uns nicht beeindrucken. Wir arbeiten an unseren Zielen weiter, auch wenn die Umsetzung durch solche Störversuche länger dauern sollte. Bürgerinnen und Bürger sind nicht dumm und durchschauen dieses Spiel. Das zeigen auch die herben Verluste der CDU bei der letzten Kommunalwahl in Buchholz.

Ist es nicht so, dass die Diskussion um den Ostring so ziemlich das einzige Thema ist, mit dem die alte Ratsmehrheit in Buchholz noch Staub aufwirbeln kann?

Niesler: Mich hätte die Antwort von CDU/FDP auf diese Frage interessiert, denn außer betretenem Schweigen kann ich mir hier nichts vorstellen.

Zinnecker: Mit diesem Staub werden Fehlentscheidungen von CDU und FDP aus deren Ratsperioden vernebelt. Wir erinnern uns an das undemokratische Durchpeitschen diverser Verträge, wie Gewerbegebiet Trelder Berg, Kattenberg, Ostring, Kletterturm etc.

Eckhoff: Darum ist es trotz „Staub“ wichtig, dennoch den Überblick zu behalten und die eingeschlagene politische Richtung nicht zu verlassen. In den Reihen der neuen Ratsmehrheit sind wir personell so gut aufgestellt, dass wir auch bei trüber Sicht den Kurs halten und unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren.

Peter, die Buchholzer Liste hat kritisiert, das Bürgerbegehren sei ein „trickreicher Versuch der Störung“ bei der Umsetzung eines Ratsbeschlusses und es werde „durch die Hintertür“ doch über den Ostring an sich abgestimmt. Kannst Du diese Kritik noch mal erläutern?

Eckhoff: In der ursprünglichen Formulierung des Bürgerbegehrens war die Intention des Bürgerbegehrens deutlich ersichtlich: Eine Stimme für die Beibehaltung der Ostring-Verträge sollte als Stimme für den Ostring interpretiert werden (und umgekehrt). Mit dieser Aussage wurden auch jetzt die 5.065 Unterschriften für das Bürgerbegehren eingesammelt. Hier werden Bürgerinnen und Bürger bewusst in die Irre geführt. Denn über den Ostring an sich entscheidet das Bürgerbegehren bzw. der Bürgerentscheid nicht. Das ist schon rechtlich gar nicht möglich. Außerdem wurden bei der Kommunalwahl 2011 Vertreter in den Rat der Stadt gewählt, die sich eindeutig als Ostring-Gegner positioniert haben. Gerade von den Ostring-Befürwortern wurde der Ostring zum Wahlkampfthema Nr. 1 gemacht. Diese Niederlage sollte man endlich akzeptieren. Stattdessen wird die Ostring-Debatte erneut angeheizt, um den für die Stadtentwicklung von Buchholz so wichtigen Prozess der Erstellung eines zukunftsfähigen Mobilitätskonzeptes zu hemmen. CDU, FDP, UWG und auch unser Bürgermeister gefährden diesen Prozess, wenn sie weiterhin solche Störversuche unternehmen. Ich hoffe, man wird sich der Verantwortung, die auch sie für unsere Stadt tragen, bewusst und geht möglichst schnell zu einer lösungsorientierten, sachgerechten Diskussion über. So war es zu Beginn der jetzigen Ratsperiode mit allen Ratsmitgliedern vereinbart worden.

Im Zusammenhang mit dem Bürgerbegehren wird den Parteien der Ratsmehrheit gern vorgeworfen, sie würden sich gegen Bürgerbeteiligung wehren, ganz im Gegensatz zu ihren programmatischen Positionen. Was antwortet Ihr auf diese Kritik?

Niesler: Bürgerbeteiligung ist das Mobilitätskonzept, hier werden sich Bürger/Innen beteiligen können, ihren Ideenreichtum beisteuern können, bevor Planungen angeschoben werden. Beim Bürgerbegehren sollen sie einer Planung zustimmen, von der sie nicht wissen wie sie aussieht und was sie kostet, denn die alte Planung wurde vom Verwaltungsgericht in den Papierkorb geworfen.

Eckhoff: Unter Bürgerbeteiligung verstehen wir etwas anderes. Hier wird durch die Unterstützung von CDU, FDP und UWG ein Instrument der Bürgerbeteiligung missbraucht, weil sie aufgrund der erlittenen Wahlschlappe ihre politischen Ansichten nicht mehr im Rat durchsetzen können.

Zinnecker: Ein Bürgerbegehren zu starten, wenn eine Planung bereits weit fortgeschritten ist, ist ein Schlag in das Gesicht der BürgerInnen, die sich einbringen wollen. Hier werden die WählerInnen instrumentalisiert, weil einigen das Urteil des Verwaltungsgerichtes nicht in den Kram passt.

Die Mobilisierung für den Bürgerentscheid fällt in die Erarbeitung des Mobilitätskonzeptes, die gerade gestartet wurde. Stört das den Prozess oder haltet Ihr das Mobikon für eine Chance von der Fixierung auf die Umgehung und den Autoverkehr wegzukommen?

Eckhoff: Ich unterstelle, dass dieses so auch beabsichtigt war. Ich habe in letzter Zeit den Eindruck aus diversen Gesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern gewonnen, dass die Bürgerbeteiligung nun noch stärker sein wird, als wir sie bei Erstellung des Klimaschutzkonzeptes erlebt haben. Viele wollen nach dem Motto „Jetzt erst recht!“ agieren.

Zinnecker: Ich glaube, dass sich jetzt noch mehr Menschen in den Prozess einbringen werden.

Niesler: Weil das „Mobikon“ so ist wie ich es gerade beschrieben habe, mache ich mir um die Beteiligung der Bevölkerung keine Sorgen.

Die Ostring-Befürworter fordern, dass der Ostring bei den Beratungen zum Mobikon nicht ausgeklammert werden darf. Wie seht Ihr das?

Zinnecker: Das Mobilitätskonzept wird ergebnisoffen erarbeitet. Insofern unterscheidet sich dieses Vorgehen von den bisherigen Planungen zum Ostring.

Eckhoff: Ausklammern werden wir das Thema Ostring nicht. Die sachliche Abwägung der Vor- und Nachteile eines Ostringes wird auch die Ostring-Befürworter zur Einsicht bringen müssen. Die Ostring-Debatte darf nur die Kreativität in der Suche nach zukunftsfähigen Lösungen für unsere Mobilitäts-Herausforderungen nicht einschränken oder ausbremsen. Daher ist auch eine Moderation des Erstellungsprozesses eines Mobilitätskonzeptes von unabhängigen Dritten so wichtig.

Niesler: Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Die Befürworter verweisen darauf, dass Buchholz eine wachsende Stadt sei und langfristig auf die Marke von 50.000 Einwohnern zusteuert. Da müsse die Infrastruktur mitwachsen und der Verkehr kanalisiert werden. Was sagt Ihr dazu?

Niesler: Immer weiter steigende Energiekosten werden auch das Pendel zum Arbeitsplatz Hamburg immer weiter verteuern, so dass die Abwanderung ins Umland für viele immer schwieriger wird. Diese Tatsache spricht nicht dafür, dass weiter viele Erwerbsfähige von Hamburg nach Buchholz ziehen. Ältere Menschen, die sich Buchholz als Wohnort wählen brauchen vielmehr einen guten öffentlichen Personennahverkehr.

Eckhoff: Hier zeigt sich das unverantwortliche Handeln und Denken. Die Prognosen gehen in den nächsten Jahren von einer stagnierenden Einwohnerzahl aus. Aber schon nach ein bis zwei Jahrzehnten wird die Bevölkerungsanzahl abnehmen. Und zwischenzeitlich wird der Anteil der älteren Menschen stark ansteigen. Genau da sehen wir die Herausforderungen für die Stadtentwicklung und das Mobilitätskonzept. Mit einer Politik, die zukünftige Ausgaben über Wachstum finanzieren will, verschieben wir das Problem nur in die Zukunft und überlassen die Problemlösung unseren Kindern und Enkeln. Überall erleben wir derzeit die Vorboten der langfristigen Auswirkungen einer auf Wachstum angewiesenen Politik. Ich möchte nur einige plakative Beispiele nennen: Krankenversicherung, Rentenversicherung, Euro-Krise, drohende Staatspleiten in Griechenland, Portugal, Spanien, USA usw.. Wenn wir uns jetzt richtig aufstellen, uns mit dem Erreichten zufrieden geben und versuchen dieses langfristig zu halten, wird Buchholz auch zukünftig zu den Gewinnern der Region gehören.

#Zinnecker: Die Zahlen der demographischen Entwicklung sprechen eine ganz andere Sprache. Auch Buchholz wird schrumpfen. Wir müssen also jetzt weg vom Wachstumswahn und hin zu einer Politik der Konsolidierung.

Was ist Eure Hauptkritik am Ostring? Der Naturverbrauch, die Kosten, die geringe Entlastungswirkung?

Zinnecker: Im Wesentlichen ist der Ostring eben nicht die Lösung für die Buchholz-spezifischen Verkehrsprobleme. Acht von zehn Autos verbleiben in der Innenstadt. Zudem ist die Planung als kreuzungsfreie Schnellstraße völlig überzogen.

Eckhoff: Der Ostring wird nicht die gewünschte Entlastungswirkung bringen und ist daher in seinen Auswirkungen (Kosten, Landschaftsverbrauch etc.) nicht zu rechtfertigen. Ein Indiz dafür sind auch die in der Vergangenheit angefertigten Verkehrsprognosen, die für die Rechtfertigung eines Ostrings herangezogen wurden. Diese sind sämtlichst weit verfehlt worden. Auch die zu erwartenden zusätzlichen Kfz-Verkehre, die durch die Buchholz Galerie entstehen werden, können nicht durch einen Ostring vermieden oder aus der Innenstadt herausgehalten werden. Hier sind kreativere Lösungsansätze gefragt. Diese wollen wir im Rahmen des Mobilitätskonzeptes mit den Bürgerinnen und Bürgern erarbeiten. Erste gute Vorschläge sind ja bereits auf dem Tisch. Gerne verweise ich dafür auf die Webseite http://www.buchholz-mobil.de.

Niesler: Die drei Punkte, in der von Dir genannten Reihenfolge.

Ist die Zeit für so massive Straßenbauprojekte nicht ohnehin vorbei? Müssten wir nicht versuchen, die Verkehrsprobleme mit intelligenten Konzepten zu lösen?

Niesler: Ja diese Zeit ist vorbei und zu Deiner zweiten Frage: die Gruppe aus SPD, Bündnis 90/ die Grünen und die Linke, mit ihren Partnern aus BuLi und Piratenpartei kann das auch.

Eckhoff: Ein gutes Beispiel für die überdimensionierte Verkehrspolitik der 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist der Plan des Autobahnanschlusses für Möbel Kraft durch den Stuvenwald, die sog. Stuvenwaldtrasse. Die Realität hat gezeigt, dass diese völlig überflüssig und das prognostizierte Verkehrschaos nicht eingetreten ist.

Zinnecker: Der Ostring ist ein typisches Projekt des letzten Jahrhunderts, in dem das Auto über alles gestellt wurde. Moderne Verkehrskonzepte liefern Lösungen unter Einbeziehung aller Verkehrsarten. Die Erarbeitung des Mobilitätskonzeptes wird solche zukunftsweisenden Lösungen für Buchholz aufzeigen.

Joachim, Du hast, wie andere auch, öffentlich darauf hingewiesen, dass der Ostring vor allem auch eine Erschließungsstraße ist, dass also im Osten dann fleißig Wohnungen gebaut werden könnten. Geht es hier also auch um die Begehrlichkeiten von Grundeigentümern, Maklern, Notaren und wer da sonst so mit dranhängt?

Zinnecker: Vor vielen Jahren war bereits eine Immobilienanzeige im Wochenblatt, die darauf hinwies, dass die zu verkaufende Fläche am Ostring liegen würde und somit Bauerwartungsland sei. Die Karten unter den Buchholzer Maklern und Grundstückseigentümern sind da längst verteilt.

Eckhoff: Ich möchte ergänzen, dass das völlig durchschaubar ist. Der Ostring wurde erst zu einer Umgehungstrasse, als man die Chance sah, über Fördergelder zu einer für den Landkreis und die Stadt Buchholz günstigen Straße zu kommen. Das daran langfristig nicht festgehalten werden wird, ist ein unausgesprochenes Geheimnis. Hier werden die Bürgerinnen und Bürger bewusst getäuscht. Profitieren sollen einige wenige, die die Ländereien längst untereinander aufgeteilt haben. Wahrscheinlich sind das auch zufällig diejenigen, die die Ostring-Befürworter finanzieren.

Wie seht Ihr das Verhalten des meinungsführenden Mediums im Landkreis, des Nordheide Wochenblattes, in Sachen Ostring? Zuletzt hat man sich dort ja sehr für die abgespeckte Version der Umgehung in Zeug gelegt.

Zinnecker: Dem NHW ist meines Erachtens daran gelegen, immer ein wenig Öl ins Feuer zu gießen, damit ihnen ein Thema nicht abhanden kommt. Auch das Wochenblatt weiß, dass mit einer abgespeckten Version ein langwieriges, absolut neues Planfeststellungsverfahren begonnen werden muss.

Auch die Buchholzer Wirtschaft mit der Wirtschaftsrunde an der Spitze optiert für den Ostring. Ist das so clever, wenn man bedenkt, dass dann ja mehr Leute an der Stadt vorbeifahren?

Zinnecker: Die Wirtschaftsrunde ist eng mit CDU, FDP und Wochenblatt verknüpft. Insofern liegen die Interessen nicht auf der Innenstadt, sondern auf ein großes Wachstum von Buchholz. Die damit verbundenen neuen Probleme werden einfach ausgeblendet.

Eckhoff: Ich glaube, man denkt da zu kurz. Gerade der Buchholzer Einzelhandel in der Innenstadt lebt von den kurzen Wegen, die die Kunden zum Einkaufen zurücklegen müssen. Kein Kunde wird auf dem Ostring zum Einkaufen in die Buchholzer Innenstadt fahren, sondern eher daran vorbei nach Hamburg oder Harburg. Auch Pendler von und nach Hamburg würden weniger als zuvor mal eben in der Buchholzer Innenstadt anhalten, um eine kleine Besorgung zu machen. Daher sollte dem Buchholzer Einzelhandel eher daran gelegen sein, die innerstädtischen Fortbewegungsmöglichkeiten zu optimieren. Ich bin gespannt, welche Ideen die Buchholzer Wirtschaft in den Erstellungsprozess des auch für die örtliche Wirtschaft so existenziell wichtigen Mobilitätskonzepts einbringen wird.

Niesler: Das Verhalten der Buchholzer Wirtschaftsrunde widerspricht in dieser Angelegenheit den Interessen ihrer Klientel! Hier werden Millionen von Euro aus dem Steueraufkommen der Stadt und des Kreises, die auch wesentlich von den Buchholzer Unternehmen aufgebracht werden, benutzt, um eine Straße zu bauen, die einen Teil ihrer Kunden wegführt von ihren Geschäften. Das verstehe, wer will – ich verstehe es nicht.

Danke für das aufschlussreiche Gespräch!

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Von Kristian Stemmler

Prosper-Christian Otto kommt mit seinem unsäglichen NS-Vergleich vorerst ungeschoren davon. Wie aus einer Antwort auf meine Anfrage an die Stadt zu dem Thema hervorgeht, sieht die Verwaltung vorerst davon ab, wegen Ottos Äußerungen im Zusammenhang mit dem Abriss von Nebenanlagen Strafantrag wegen Beleidigung zu stellen. Der Berufssänger und notorische Schwarzbauer hatte, wie im blog berichtet, laut Nordheide Wochenblatt zum Vorgehen von Beamten der Stadt gesagt: „Hier werden Methoden wie bei den Nazis angewendet.“

Dazu erklärt die Rechtsdezernentin Hilke Henningsmeyer für die Stadt: „Unterstellt, dass die in der Presse wiedergegebenen Zitate tatsächlich von Herrn P.-C. Otto stammen, wertet die Verwaltung diese derzeit als einmalige verbale Entgleisung in einer besonderen psychischen Belastungssituation.“ Es werde berücksichtigt, dass Otto bei der Vollstreckung der Beseitigungsverfügung hinsichtlich der Nebenanlagen „erstmals mit sichtbaren Konsequenzen seines Handelns konfrontiert wurde“.

Vor dem Hintergrund dieser Bewertung hält die Stadt es derzeit auch nicht für angebracht, den Äußerungen des Sängers noch deutlicher, etwa mit einer Presseerklärung des Bürgermeisters, entgegen zu treten. Allerdings will die Verwaltung im Wiederholungsfall Zeichen setzen. „Sollte Herr P.-C. Otto in den nächsten drei Monaten entsprechende Äußerungen wiederholen“, würde die Verwaltung an der genannten Bewertung nicht mehr festhalten, „und die Staatsanwaltschaft einschalten“.

Also, hüten Sie Ihre Zunge, Herr Otto! Singen Sie lieber was Feines!

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