„Ein Relaunch wäre gut!“ – Interview mit Christoph Selke zum Stadtfest

Er hält den kommerziellen Teil des Stadtfestes für überflüssig und glaubt, dass die Vereinsmeile neue Impulse gut gebrauchen könnte. Christoph Selke, SPD-Ratsherr in Buchholz, Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender des Kunstvereins und Organisator der Piazza Cultura auf dem Stadtfest, fordert einen „Relaunch“ des Festes. „Ich glaube, es ist an der Zeit, sich grundsätzlich über Sinn und Zweck dieses Stadtfestes Gedanken zu machen“, sagt Selke. Er kann sich zum Beispiel vorstellen, dass es ein Motto gibt, das sich bei allen teilnehmenden Vereinen wiederfindet. Im Interview mit dem buchholzblog formulierte Christoph Selke seine Kritik und seine Anregungen.

Christoph, Tausende haben das Stadtfest Anfang September besucht, Musik gehört, getanzt, getrunken, gegessen, Leute getroffen, haben sich vergnügt. Was hast Du dieses Jahr auf dem Stadtfest gemacht, wie hast Du es erlebt?

Ich habe, wie in den drei Jahren vorher, das ganze Stadtfest auf der Piazza Cultura verbracht, weil es der Platz mit dem größten kulturellen Angebot und der meisten Freude auf dem Stadtfest ist! Außerdem kann man dort Freunde treffen, in Ruhe klönen, das vielseitige Angebot im Zelt nutzen und vor allem mit anderen Kulturschaffenden viel Spaß haben!

Wie gefiel Dir das musikalische Programm? An den wichtigen Abenden spielen ja hauptsächlich die gewohnten Coverbands auf den großen Bühnen, in der Paulus-Kirche sind die auftretenden Künstler, Chöre und Ensembles auch oft dieselben wie in den Vorjahren. Bräuchte man da mehr vielleicht mehr Abwechslung?

Ganz ehrlich, bis auf das Stadtorchester habe ich vom Musik-Programm kaum etwas mitbekommen. Das hat aber ordentlich geswingt!! Coverbands sind halt Coverbands – Musik wie man sie kennt. Auf der Piazza Cultura hatten wir Chöre, Bands und Solo-Musiker, die super Musik gemacht haben, da war keine Zeit für anderes.

In diesem Jahr fiel ja die Rathausparkbühne weg, damit ein wichtiger Anlaufpunkt und eine Auftrittsmöglichkeit für hiesige Bands. Wie siehst Du das Thema?

Für die Piazza Cultura war es natürlich von Vorteil, dass es eine Schallquelle weniger gab! Für die reichhaltige Buchholzer Musikszene aber natürlich ein Verlust und auch vollkommen unverständlich. Da muss sich für nächstes Jahr was ändern! Circa 70 Musiker, die super Stimmung machen, das braucht das Stadtfest! Diese Stadt hat ein so reichhaltiges Angebot an Kultur, eigentlich ließen sich damit alle Flächen füllen.

Das Stadtfest zerfällt im Grunde in zwei Teile, den kommerziellen und die Vereinsmeile vorm Rathaus und im Rathauspark. Wie bewertest Du den kommerziellen Teil? Da sieht man jedes Jahr so ziemlich dieselben Buden und Stände. An der Kirche stellte ein Autohändler seine Fahrzeuge aus, auf der anderen Seite wurden elektrische Rollstühle für Senioren präsentiert, dann gab es natürlich auch den üblichen Firlefanz, T-Shirts, Buttons, Feuerzeuge und so weiter.

Für mich ist der kommerzielle Teil in dieser Form mittlerweile überflüssig! Ich kenn die Verträge ja nicht und daher auch nicht die Wichtigkeit für die Co-Finanzierung des Stadtfestes, aber für den Charakter eines Stadtfestes, wie ich es verstehe, ist dieser Teil mit seinem ausufernden Alkoholangebot und dem fehlenden Ausgleich austauschbar und spiegelt in keiner Weise den eigentlichen Sinn eines Stadtfestes. Alkohol als Anreiz – das ist die verkehrteste Richtung!!

Der kommerzielle Teil des Stadtfestes wird vom Großmarkt Bremen gemanagt, die sonst vor allem Veranstaltungen in Bremen und Umgebung organisieren. Wäre es nicht sinnvoller, sich dafür einen Partner im nahen Hamburg oder hier aus der Gegend zu suchen?

Ich glaube, es ist an der Zeit, sich grundsätzlich über Sinn und Zweck dieses Stadtfestes Gedanken zu machen, dazu gehört dann auch ein Vermarkter! Vielleicht auch ein anderes Konzept, andere Standorte, eine andere Gewichtung. Ein „Relaunch“ quasi.

Im Rathauspark haben viele lokale Vereine und Institutionen – von Greenpeace und der Polizeiinspektion bis zu Schulen und Sportvereinen – die Gelegenheit genutzt, sich zu präsentieren und mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Das ist doch eine bewährte Sache oder siehst Du das anders?

Ja klar ist das bewährt! Und sicherlich auch richtig. Aber auch hier sind es ein- und ausgefahrene Spuren! Dieses Jahr hatte ich auch das Gefühl, dass es weniger Vereine und Organisationen waren, als in den Vorjahren. Und so eine Art Hochgefühl war auch nur bei den wenigsten vorhanden. Mir fehlte dieses Spaßgefühl, diese auf alles sich übertragende Freude an der Sache! So ein Funke, der auf alle überspringt. Vielleicht wäre ein Motto für das Stadtfest ganz gut, ein Thema, dass sich bei allen Vereinen wiederfinden kann, und die Verbundenheit der Buchholzer Vereine, Organisationen und Gruppierungen mit dem Stadtfest und der Stadt widerspiegelt.

Den Sportvereinen auf dem Platz vor dem Rathaus und am Eingang des Parks ging es offenbar vor allem darum, Würstchen, Steaks und Bier unter die Leute zu bringen. Immerhin nehmen die Vereine beim Stadtfest vierstellige Summen ein. Aber ist der Schwerpunkt da nicht zu sehr auf dem Essen und Trinken, wäre ein bisschen mehr Kulturprogramm nicht angezeigt?

Ich kann verstehen, dass das Stadtfest genutzt wird, um den Vereinsetat aufzubessern. Ob der Nutzen aber wirklich die Kosten aufwiegt, können nur die Vereine beantworten. Wenn aber dabei der Charakter des Anbieters hinter den Grills und Bierständen verschwindet, halte ich es für schwierig! Ein Fußball als Bierstand, ein Segelboot umgebaut zum Grill, eine Tuba als Kaffeemaschine – das hätte Spielwitz, zeigt den Sinn des Angebotes und würde die Menschen mehr anziehen.

Was könnte man auf der Vereinsmeile noch verbessern oder anders machen?

Ein Preis für den kreativsten Stand! Ein Abschlussfeuerwerk! Mehr Clowns und Gaukler! Mehr Ideen in der Planungsphase fordern und auch zulassen!

Die Junge Union ist als einzige Parteiorganisation auf dem Stadtfest vertreten und das mit einem Bierstand. Nicht gerade vorbildlich, oder?

Eine politische Jugendorganisation, die sich über den Verkauf von Bier definiert – ein bisschen wenig!

Die Piazza Cultura war ja so etwas wie der Ruhepol des Stadtfestes. Ich habe die Atmosphäre hier als sehr familiär und kreativ erlebt. Wie hast Du als Organisator die Piazza erlebt, was waren die Höhepunkte, wie zufrieden warst Du mit der Resonanz?

Alle Stände auf der PC waren sehr zufrieden. Es war immer voll (mal abgesehen von dem verregneten Freitag), es war sehr gute Stimmung, wir haben viel mit- und untereinander gescherzt und gelacht, es waren (fast) alle Stände bis zum Schluss geöffnet, die Veranstaltungen im und rund ums Zelt waren sehr gut besucht, rundherum hat sich die Piazza Cultura als Bestandteil des Stadtfestes etabliert. Die Piazza Cultura hat diese beschwingte, unbefangene, offene und fröhliche Atmosphäre, wie sie von vielen Besuchern geschätzt wird. Die Besucher fühlen sich einfach wohl und ich weiß von einigen, die den ganzen Tag nur auf der PC waren – das ist ein Riesenlob und eine tolle Bestätigung für die Piazza Cultura.

Im nächsten Jahr wirst Du die Piazza nicht mehr machen. Warum nicht?

Ich bin im Organisationsteam für das Buchholzer Kulturfest „Feuerwerk der Kultur“, das vom 23. bis 26. Mai 2013 stattfinden wird. Daran arbeiten wir (Birgit Schulz vom Heede, BiSchu Theaterwerkstatt und Jürgen Schmid-Mittag vom Kunst-Tempel) bereits seit Frühjahr 2012 und es ist abzusehen, dass die Planung und Organisation, die auch ehrenamtlich geleistet wird, keine Zeit und Kraft für eine weitere Organisation lassen wird.

Wird es die Piazza dennoch geben?

Gut möglich! Es müsste sich aus den Vereinen und Gruppierungen eine Leitungsgruppe bilden, dann kann die Piazza Cultura Bestand haben. Ich würde das sehr begrüßen, und am Rande des Stadtfestes wurden darüber auch bereits Gespräche geführt. Sicherlich werde ich mit Tipps und Rat immer zur Verfügung stehen, aber eben keine komplette Organisation übernehmen.

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