Wenn der Flow dich packt – das Feature vom Stadtfest

Veröffentlicht: 2012-09-11 in Lokales
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Von Kristian Stemmler

Eine abgerissene Niete auf dem Straßenpflaster, bunte Strohhalme in den Beeten, auf dem Bürgersteig ein paar Glasscherben, ein zerknüllter Pappbecher. Das sind die letzten Reste des Stadtfestes. Montag, der Tag danach. Jetzt wird aufgeräumt und abgeräumt. Einmal ist schon durchgekehrt worden. Auf dem Rathausplatz hieven starke Männer die Streben der Bühne auf einen Lastwagen, auf dem Parkplatz am City Center wird der Autoscooter demontiert. Vor der Kirche holt ein Lkw Getränkekisten mit dem Leergut ab, die Stadtwerke sammeln ihre Verteilerkästen ein. Rund um den Marktplatz regiert wieder der Baulärm die Stadt. Business as usual.

Kaum zu glauben, dass hier noch vor wenigen Stunden das pralle Leben tobte, eine Bude neben der anderen stand, Karussells sich drehten, Maiskolben, Zuckerwatte und Steaks im Brötchen über den Tresen gingen, Zauberer und Jongleure Kindern ihre Kunststücke zeigten, Musik in der Luft lag, Tausende sich über die Plätze und durch den Rathauspark schoben. Die Party ist vorbei, der Alltag hat die Stadt wieder. Und? Wie ist es gewesen, das Stadtfest? Auf diese Fragen gibt es so viele Antworten, wie Besucher da waren.

Es gibt nicht ein Stadtfest, es gibt tausende Stadtfeste. Für jeden war es ein anderes Fest, jeder hat es anders erlebt, jeder andere Leute getroffen, ganz bestimmte Musik gehört, sein ganz individuelles Puzzle sinnlicher Eindrücke erlebt. Aber eines lässt sich sagen. Das Stadtfest ist mehr als die Buden, die Fressstände, die Karussells, die Vereinsmeile, die Piazza Cultura, die Bühnen auf dem Rathausmarkt, am Emporeteich, in der Pauluskirche, mehr als Trinken, Essen, Spaß haben, Musik, Kultur und Information.

Das alles ist das Stadtfest auch, aber das Eigentliche, Besondere ist etwas anderes. Das sind die kostbaren Momente, in dem sich wirklich etwas ereignet, in dem die Banalität des Alltags für einen Augenblick aufgehoben ist, die Feststimmung dich ergreift. Das kann ein Lächeln des Einverständnisses sein, wenn dich ein Blick quer über den Marktplatz trifft, es kann die Begegnung mit einem Freund sein, den du lange nicht gesehen hast, im Diakoniecafé vor der Kirche, ein tiefgründiges Gespräch en passant am Stand der Rudolf-Steiner-Schule oder das Glück, unvermittelt den „Flow“ zu spüren.

Da sitzt du zum Beispiel am Sonntagmittag vor dem Rathaus, die Bigband „So what“ der Musikschule swingt entspannt auf der Bühne, ein laues Lüftchen schüttelt die Eichen sanft, Kinder toben über den Platz, die Leute trinken entspannt ihr erstes Bier, ihren zweiten Kaffee, die Sonne taucht alles in ein mildes Licht, man klönt und lacht und freut sich. Wenn der liebe Gott es gut mit dir meint, kannst du ihn jetzt spüren, den Flow, den großen Frieden. Den gibt es geschenkt, den kann man nicht kaufen.

Dafür lohnt es sich, aufs Stadtfest zu gehen. Oder auch für Momente der Ekstase, wenn die Musik dich mitreißt. Wenn dir etwa die Raubeine von Cockroach am Emporeteich mit ihrem ehrlichen, gradlinigen, treibenden Rock die Ohrmuscheln durchspülen. Da bleibt auch kein Auge trocken, zumal es an diesem Freitagabend ununterbrochen nieselt. Spätestens bei „Born to be wild“ hält es dich nicht mehr und du mischt dich unter die Tanzenden, auch wenn das mit dem Tanzen auf dem Klinkerbelag nicht eben einfach ist. Wunderbar die derben Witze der Jungs, die über den Discoschrott herziehen, der vom Team-412-Stand herüberschallt!

Was für ein großartiger Moment auch am Sonntag im Rathauspark. Am Stand der Rotarier hat sich eine Band aufgestellt und rockt munter drauf los, manchmal ein wenig schräg, aber durchaus gekonnt. Es sind die „Schoolrocker“, die Schulband der Förderschule An Boerns Soll, junge Menschen mit Behinderungen. Sie haben echt Power und man sieht ihnen an, was für einen Spaß sie bei ihrem Auftritt haben. Das ist einfach nur schön!

Nach solchen Erlebnissen fällt es einem leichter, über die Dinge hinwegzusehen, die einen beim Stadtfest geärgert haben. Dass man bei der Ankunft an der Kirche erst dachte, man wäre auf einer Autoausstellung zum Beispiel. Vorn bei der geschäftstüchtigen KKI stehen schon zwei Fahrzeuge, wohl Gewinne der Tombola, ein Stück weiter präsentiert Köhnke VWs und Audis, und noch ein paar Meter weiter demonstriert eine Firma für Fahrzeugveredelung an einem Pkw die unglaublichen Vorzüge der Nanoversiegelung. Das hat für mein Empfinden auf dem Stadtfest ebenso wenig zu suchen wie die elektrischen Mobile für Senioren auf der anderen Seite der Fußgängerzone.

Wie mir Fachbereichsleiter Jörg Karstens sagte, ist für den gewerblichen Teil des Festes der Bremer Großmarkt zuständig, mit dem die Stadt einen Vertrag geschlossen hat. Der Bremer Großmarkt gestalte seinen Teil in eigener Verantwortung, während die Stadt für das Programm auf dem Rathausplatz, für die Vereinsmeile und die Piazza Cultura zuständig sei. Wobei sich für mich schon die Frage ergibt, warum man mit dem Bremer Großmarkt zusammenarbeitet, der sonst nur Events in Bremen und näherer Umgebung organisiert, und nicht mit einem Hamburger Unternehmen.

Sei`s drum. Ich persönlich habe mich vor dem Rathaus, in der Pauluskirche und im Rathauspark meistens besser amüsiert als im gewerblichen Bereich, aber natürlich konnte man auch dort seinen Spaß haben. Es ist halt dasselbe Angebot, das man von so vielen Volksfesten kennt, vom Hafengeburtstag oder vom Alstervergnügen in Hamburg etwa.

Die zahllosen Fress- und Saufbuden zum Beispiel, die alles liefern für die Schlemmerschlacht: Burgunderschinken mit Krautsalat, Maiskolben, Hot Dogs, Kartoffelecken, Pommes mit Mayo, Liebesäpfel, Krakauer, Pizza, Crepes, Popcorn, Schweinefleisch süß-sauer, Currywurst, Apfeltaschen, Bacardi, Caipirinha, Wodka, Red Bull, Jägermeister, helles Bier, dunkles Bier, bayerisches Bier, Alsterwasser, Cocktails, Williams Birne, Bowle, Rheinhessenwein, Kleiner Feigling, Cola, Fanta, Sprite und so weiter und so fort!

Und dann gibt es natürlich noch die ganzen Stände, an denen aller möglicher Tinnef feil geboten wird. Hüte, Gürtel, Hosen, Halstücher, Handtaschen, Buttons, Uhren, CDs, Halbedelsteine, T-Shirts mit bescheuerten Sprüchen drauf wie „Mama ist die Beste“ oder „Heute mach ich ihn rein“, Nationalflaggen, Feuerzeuge, Anstecknadeln, Anhänger mit Tierkreiszeichen, Traumfänger, Plüschpferde, heliumgefüllte Sponge Bobs et cetera pp. Ich frage mich jedes mal, wer den ganzen Schrott kauft!

Geärgert hat mich (und nicht nur mich) auch wieder, dass die Junge Union als einzige Parteiorganisation auf dem Stadtfest vertreten war und dann auch noch mit einem Bierstand. Dass sie dann auch noch ein Banner über den Weg durch den Park gespannt hatten, fand ich ganz schön dreist. Als sehr engagiert und sinnvoll habe ich dagegen zum Beispiel die Arbeit von Greenpeace auf dem Fest wahrgenommen, die ihr Eisbärenkostüm wieder einsetzten, um vor der Zerstörung der Arktis durch die Ölsuche zu warnen. Der Eisbär war die Attraktion für die Kinder!

Sehr angenehm war auch die Atmosphäre auf der Piazza Cultura, wo es noch eine Nummer ruhiger und entspannter zuging als auf der Vereinsmeile. Hier präsentierten sich zum Beispiel Amnesty, die Deutsch-Finnische Gesellschaft, das Parabol Theater oder der Väteraufbruch für Kinder. Die Kinder konnten sich schminken lassen, während die Eltern Kaffee tranken oder ein Bier, Clown Wim brachte die Kleinen zum Lachen, am Sonnabend heizte Sambucada aus Tostedt den Leuten ein.

Es ist unmöglich, all die Bands und Solisten zu erwähnen, die auf dem Stadtfest gespielt haben, die vielen Vereine und Organisationen, die sich präsentiert haben, die vielen Leute, die man getroffen hat. Bürgermeister Wilfried Geiger war – seltenes Erlebnis! – mal in Turnschuhen und Blue Jeans zu sehen, der CDU-Fraktionschef im Stadtrat, Klaus Gütlbauer, flanierte ebenso mit Gattin über das Fest wie seine Kollegen Wolfgang Nießler (SPD) und Joachim Zinnecker (Grüne) oder der Erste Stadtrat Jan-Hendrik Röhse mit Familie.

FDP-Fraktionschef Arno Reglitzky war in seiner Eigenschaft als Blau-Weiß-Präsident ohnehin die ganze Zeit da. Umtriebig wie immer wischte er am Freitag persönlich die vollgeregneten Tische und Bänke ab, moderierte am Sonntag die Auftritte seiner Sportler auf der Rathausbühne und baute abends auch noch den Stand mit ab. Energie hat er ja! Nur die ganze Stadt mit Plakaten vollzuknallen, auf denen für Schnupperklettern im Kletterturm geworben wird, war nicht so sinnig, zumal vor allem die FDP gegen das Zumüllen der Stadt mit Plakaten votiert hatte (schon klar: Die Vereine fallen unter eine Ausnahmeregelung).

Die Organisatoren des Stadtfestes, Britta Grühn und Jan Andresen vom Fachbereich 20 der Stadt, waren jedenfalls zufrieden. „Man kann natürlich immer noch was verbessern“, meinte Andresen. Beide waren froh, dass es abgesehen von einigen körperlichen Auseinandersetzungen und alkoholbedingten Abstürzen, die für ein Volksfest dieser Größe normal sind, auf dem Stadtfest ruhig blieb. Britta Grühn berichtete von Beschwerde-Mails, die sie wegen des Ausfalls der Rathausparkbühne erhalten hätte, und stellte in Aussicht, dass es die Bühne beim nächsten Stadtfest wieder gibt (siehe eigener Beitrag im blog).

Natürlich kann man an einem Volksfest auch eine Menge Gesellschaftskritik festmachen, aber ich möchte ja nicht als Kassandra vom Dienst in Verruf kommen. Deshalb hier nur kurz, was mir da aufgefallen ist. Zum einen, wie durchsexualisiert diese Gesellschaft schon ist, erkennbar zum Beispiel daran, dass junge Mädchen, die vielleicht zwölf, dreizehn sind, sich rausputzen, als wären sie 20. Dann ging mir das Partyvolk am Abend vor dem Team-412-Stand mit seinem aufgesetzten Gehabe ziemlich auf den Senkel.

Dortselbst wurde ich am Freitagabend Zeuge eines ziemlich unwürdigen Spektakels. Ein älterer Mann, der mir mehrfach schon alkoholisiert in der Stadt auffiel, also vermutlich Alkoholiker ist, tanzte volltrunken zur Musik, die vom Stand kam. Um ihn herum stand eine Horde Jugendlicher, vielleicht zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre alt, die feixend ihre Handys auf den Mann gerichtet hatten und ihn filmten. Sie machten sich einen Spaß daraus, sich mit ihm Arm in Arm abfilmen zu lassen. Vermutlich demnächst auf YouTube zu besichtigen: „Tanzender Russe auf dem Buchholzer Stadtfest“.

Die Erwachsenen guckten dem Treiben untätig zu, ob belustigt oder entsetzt, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls habe ich schließlich die Jugendlichen gebeten, das Filmen zu lassen, der Mann sei krank und wisse nicht, was er tut. Sie zeigten sich durchaus beeindruckt und nahmen ihre Handys herunter. Immerhin.

Ein Volksfest ist insofern sicher auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Aber Feiern muss natürlich erlaubt sein. Nicht als Betäubung, sondern als sinnliches Erlebnis, das uns aufbaut und weiterbringt, als Forum für Begegnungen und Austausch. Das aber, wie gesagt, gibt es nicht zu kaufen – das kriegt man geschenkt!

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