Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for Juli 2012

Von Kristian Stemmler

Seifert backt… nicht mehr! Der Bäcker hat seinen Betrieb in Hittfeld aufgegeben und damit auch seine Filiale im Buchholzer City Center geschlossen. Das ist nicht der erste und nicht der letzte Leerstand in dem eigentlich schon länger insolventen Einkaufszentrum und lässt angesichts der auf der anderen Seite des Marktplatzes erwachsenden Konkurrenz Böses ahnen. Wie ich bereits Anfang des Jahres geschrieben habe, dürfte das City Center die Eröffnung der Buchholzer Galerie nicht lange überleben.

Wie der buchholzblog aus Kreisen der Buchholzer Kaufmannschaft erfuhr, werden in den nächsten Monaten diverse Läden das City Center verlassen. Die Buchhandlung Heymann, neben Rossmann und Lidl der wichtigste Anlaufpunkt, wird wohl wegen eines laufenden Vertrages noch im Center bleiben, auch wenn die Kette in der Galerie eine Filiale eröffnet. Doch in etwa eineinhalb Jahren nach Ablauf des Mietvertrags wird Heymann wohl die Filiale im City Center schließen, vorausgesetzt das Center existiert noch so lange.

Abzuwarten bleibt auch, wie sich die Eröffnung des großen dm-Drogeriemarktes in der Galerie auf Rossmann im City Center auswirkt. Generell muss davon ausgegangen werden, dass die Galerie eine Sogwirkung entfaltet. Die Leute fahren mit dem Auto direkt in den Konsumtempel, erledigen dort alles und fahren wieder nach Haus. Wie die „tageszeitung“ am 14. Juli berichtete, weisen Kritiker auf die Gefahr hin, dass Fußgängerzonen durch den Bau von Einkaufszentren in den Städten veröden. Genau das droht Buchholz.

Unter den kleinen Einzelhändlern und in der Buchholzer Bevölkerung wächst die Kritik an der Galerie. So ist zu hören, dass in der Shopping Mall die ewiggleichen Filialisten einziehen und man sich lieber eine bunte Mischung wie im Mercado in Hamburg-Ottensen gewünscht hätte. Auch die architektonische Anmutung der Galerie wird häufig kritisiert. Das Gebäude sei mindestens eine Nummer zu groß für die Buchholzer Innenstadt und wirke klotzig und fantasielos.

Dass an der Stelle, an der die Galerie entstanden ist, etwas passieren musste – darüber herrscht Einigkeit. Der lange Leerstand nach der Aufgabe des Edeka-Marktes war nicht förderlich. Aber ob die Entscheidung, DC Commercial freie Hand für den Bau eines Mega-Einkaufszentrums zu geben, sich für Buchholz wirklich als Segen erweist, wie Bürgermeister Wilfried Geiger euphorisch behauptet, muss bezweifelt werden. „Das Beste wäre gewesen, wenn media markt nicht ins Gewerbegebiet gegangen wäre, sondern hier gebaut hätte“, meint ein Einzelhändler, „dazu ein großer Edeka-Markt, das wäre die perfekte Ergänzung gewesen und hätte die Innenstadt nachhaltig belebt!“

Dazu ist es jetzt zu spät. Was jetzt noch getan werden kann: Stadt und Wirtschaft müssen sich zusammensetzen und darüber nachdenken, wie sie der Sogwirkung der Galerie entgegenwirken und dafür sorgen, dass die Fußgängerzone und die Neue Straße weiterhin frequentiert werden und nicht am Ende als Appendix des Konsumbunkers dahinsiechen.

Read Full Post »

Manche freilich müssen drunten sterben,

Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen immer mit schweren Gliedern

Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,

Leichten Hauptes und leichter Hände.
Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten

Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen

Durcheinander spielt sie alle das Dasein,

Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.

Hugo von Hofmannsthal

Read Full Post »

Von Kristian Stemmler

Von wegen Angsthasen! FDP-Zampano Arno Reglitzky hatte, nachdem die Mehrheit von Gruppe (SPD/Grüne/LINKE) und Buchholzer Liste im Verwaltungsausschuss kürzlich das Bürgerbegehren zum Ostring zurückgewiesen hatte, geunkt, da habe wohl jemand Angst vor dem Votum der Bürger. Wie sich jetzt zeigt, ging es tatsächlich nur darum, dass die Begründung des Bürgerbegehrens den rechtlichen Anforderungen nicht genügte. Nachdem die Antragsteller Marion Riebesehl, Timo Hanke und Michael Kreidner hier nachgebessert haben, ist dieser Einwand entfallen. Und so hat, wie der Pressesprecher Stadt Buchholz, Heinrich Helms, jetzt mitteilte, der Verwaltungsausschuss das Bürgerbegehren einstimmig durchgehen lassen.

Die Buchholzerinnen und Buchholzer könnten womöglich schon im Januar zu den Urnen gerufen werden, um über das Schicksal der Verträge zur Planung und zum Bau des Ostrings abzustimmen, schreibt Helms. Bürgermeister Wilfried Geiger nutzte natürlich prompt die Gunst der Stunde, um das Bürgerbegehren als Votum für oder gegen den Ostring zu verkaufen, was es ja eigentlich nicht sein darf, weil ein Bürgerbegehren über planfestgestellte Vorhaben nicht zulässig ist. „Ich freue mich sehr, dass der VA einstimmig die Entscheidung in dieser Frage in die Hände der Bürgerinnen und Bürger legt“, wird Geiger zitiert.

Für Geiger sei das Bürgerbegehren eine „einmalige Chance, einen jahrzehntelangen Streit endlich beizulegen“. Seit mehr als 40 Jahren beherrsche und belaste die Debatte um den Ostring die Verkehrspolitik der Stadt. Regelmäßig hätten zur Kommunalwahl die Mehrheiten im Stadtrat gewechselt. Mal seien die Befürworter, mal die Gegner der Umgehungsstraße am Ruder gewesen. Die Stadt habe sich in dieser Zeit allerdings weiter entwickelt und brauche eine verlässliche Antwort auf die Zunahme des Verkehrs.

Geiger: „Jetzt können die Buchholzerinnen und Buchholzer ein für alle Mal eine Entscheidung fällen.“ Mit dem Hinweis auf die Zunahme des Verkehrs macht der Bürgermeister natürlich wie gehabt in unzulässiger Weise Stimmung für den Ostring und zeigt ganz eindeutig, welches Votum er von seinen Untertanen erwartet.

 Die Antragsteller Marion Riebesehl, Timo Hanke und Michael Kreidner können jetzt anfangen, die für das Begehren notwendigen 3200 Unterschriften zu sammeln. Erst wenn diese Bedingung erfüllt ist – die Initiatoren haben dafür maximal sechs Monate Zeit – kann der Bürgerentscheid starten. Der Antrag für ein zweites Bürgerbegehren zum selben Thema wurde vom VA übrigens einstimmig für nicht zulässig erklärt, kann aber auch noch nachgebessert werden.

Read Full Post »

Von Kristian Stemmler

So sieht es also aus, wenn ein Duracellhase Amok läuft. Buchholzens führender Autofetischist Arno Reglitzky, auch FDP-Fraktionschef im Stadtrat, schlägt in einer Erklärung zu seinem Lieblingsthema – dem Ostring – wild um sich. Dass ich ihn vor einiger Zeit in diesem blog wegen seiner erkennbaren Umtriebigkeit als Duracellhasen bezeichnet habe, scheint er sich gemerkt zu haben. Er schlägt nämlich zurück und nennt die Ostring-Gegner „Angsthasen“, weil sie nicht mit Jubelschreien auf das eingebrachte Bürgerbegehren zu dem umstrittenen Projekt reagiert haben.

Die Scheinheiligkeit der Ostring-Gegner sei nicht mehr zu überbieten, schreibt Reglitzky, und deriliert von „kampagnen-artig losbrechenden Aktionen“ gegen das Bürgerbegehren. Das ist schon deshalb ziemlich komisch, weil die Befürworter der Umgehung – voran die Wirtschaftsrunde – mithilfe des Wochenblatt Verlages vor einiger Zeit komplett einseitig für den Ostring Stimmung gemacht haben. Dann kann ich auch nicht erkennen, wieso es eine Kampagne sein soll, wenn der Verwaltungsausschuss seiner Pflicht nachkommt, das eingereichte Bürgerbegehren auf seine Rechtmäßigkeit hin abzuklopfen.

Deshalb hier noch mal zum Mitschreiben. Der Landkreis Harburg, den man nun wahrlich nicht zu den Ostring-Gegnern rechnen kann, hat in einem Schreiben vom 6. Juli an den Buchholzer Bürgermeister Wilfried Geiger festgestellt: „Zweifelhaft ist, ob die Begründung des Bürgerbegehrens den Anforderungen genügt. Zwar dürfen an die Begründung keine hohen Anforderungen gestellt werden. Die Begründung muss allerdings die entscheidenden tatsächlichen und rechtlichen Gesichtspunkte ansprechen und aus sich heraus verständlich sein. Die mir vorgelegte Begründung stellt lediglich den angegriffenen Ratsbeschluss und die Folgen des Abstimmungsverhaltens dar.“

Angesichts dieser Expertise war der Verwaltungsausschuss gut beraten, die Unzulässigkeit des Bürgerbegehrens festzustellen. Das heißt ja keineswegs, dass das Begehren gestorben ist, denn die Antragsteller erhalten die Gelegenheit, den Text nachzubessern. Zudem ist ja ohnehin gerade ein zweites Bürgerbegehren zum Thema Ostring aufgetaucht, dass Pirat Arne Ludwig im Auftrag der Antragsteller überbracht hat, und das offenbar etwas genauer in der Begründung ist. Da muss nach Aussage der Stadt sowieso geprüft werden, ob die beiden Bürgerbegehren nicht zusammengeführt werden können.

(By the way: Ich finde, dass es eine tolle Idee ist, noch ein Bürgerbegehren zum Ostring einzureichen, und kann nur alle Buchholzer auffordern, weitere Begehren zum Thema zu formulieren – je mehr, desto besser! Das steigert die Verwirrung!)

Aber im Ernst: Es ist ein absolut durchsichtiges Manöver, wenn CDU und FDP jetzt den Ostring-Gegnern vorwerfen, Angst vor der Meinung der Bürger zu haben, wie Reglitzky schreibt. Dass dieser Vorwurf kommen würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche, denn dies ist offenbar der tiefere Sinn des ganzen Manövers: die Ratsmehrheit vorzuführen und die Bevölkerung gegen die Ratsmehrheit auszuspielen! Seien wir doch mal ehrlich: Das Bürgerbegehren ist der letzte Trumpf von Konservativen und Liberalen, die einzige Chance, das Thema überhaupt noch am Kochen zu halten. Oder sollte man sagen: ihr letzter Versuch, eine Leiche zu reanimieren.

Niemand spricht Arno Reglitzky seine langjährige kommunalpolitische Erfahrung ab, aber seine Erklärung zeugt von intellektueller Schlichtheit. „Was ist nur so böse daran, die Meinung der Bürger in einem geordneten Verfahren einzuholen?“, fragt er mehr als naiv. Das Bürgerbegehren sei „ehrlich und rechtens“ und es sei „einfach peinlich“, dass hier offensichtlich Bürger mit juristischen Tricks mundtot gemacht werden sollen. So kennen wir den Duracellhasen – durch sein schnelles Hin- und Herrennen und das laute Klappern fegt er alles vom Tisch und übertönt alle Zweifel.

Wenn er dann auch noch Martin Dieckmann von der Buchholzer Liste als „Anwalt aus der zweiten Reihe“ diskreditiert, dann ist das lächerlich, polemisch und dreist. Dieckmann hat sich bisher als sachlich kompetenter und kenntnisreicher Jurist präsentiert und hat auch in diesem Fall die Schwächen des Textes der Antragsteller exakt und absolut plausibel herausgearbeitet. Aber die Stellungnahme der Buchholzer Liste zum Thema geht offenbar über den intellektuellen Horizont des FDP-Fraktionschefs hinaus.

Damit auch Liberale und Konservative verstehen, worum es hier geht, möchte ich versuchen, die Stellungnahme in verständlichen Worten wiederzugeben. Wie mehrfach berichtet, kann es über den Bau des Ostrings an sich ja kein Bürgerbegehren geben, weil Begehren über planfestgestellte Vorhaben nicht zulässig sind. Dieses Verbot umgehen die drei Antragsteller, indem sie einen Ratsbeschluss, der den Ostring berührt, zum Inhalt des Bürgerbegehrens machen. Die genaue Frage, über die abgestimmt werden soll, heißt: „Soll der Beschluss des Rates der Stadt Buchholz vom 17. April 2012, der zum Ziel hat, den Bau des Ostrings durch Aufhebung der Verträge mit dem Landkreis Harburg zu verhindern, aufgehoben werden?“

Für die BuLi ist diese Fragestellung „widersprüchlich und vieldeutig“. Hier solle „durch die Hintertür der Ostringbau selbst zur Abstimmung gestellt werden“. Das sehe ich ganz genauso und aus meiner Sicht ist das der entscheidende Punkt: Der „geschickt eingebaute Teilsatz“ – damit ist die Formulierung gemeint: „der zum Ziel hat, den Bau des Ostrings durch Aufhebung der Verträge mit dem Landkreis Harburg zu verhindern“ – erweckt beim unvoreingenommen Bürger den falschen Eindruck, er stimme über den Bau des Ostrings ab.

Das kann er aber schon deshalb nicht, weil das Verwaltungsgericht Lüneburg den Planfeststellungsbeschluss aufgehoben hat. Eine Berufung ist nicht zugelassen, darum hat der Landkreis einen Berufungszulassungsantrag gestellt. Wie die BuLi schreibt, hat dieser aber wenig Aussicht auf Erfolg und darum bleibe es „sehr wahrscheinlich“ bei der Aufhebung des Planfeststellungsbeschlusses, woran auch ein Bürgerbegehren nichts ändert. Die Bürger in der Begründung des Begehrens auf diesen Sachverhalt hinzuweisen, sei „rechtlich geboten und politisch redlich“.

Für die Buchholzer Liste stellt der Vorstoß der Ostring-Befürworter nur einen „trickreichen Versuch der Störung bei der Umsetzung des Beschlusses der von einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger gewählten Ratsmitglieder dar“. Von einem Bürgerbegehren könne im übrigen nicht ernsthaft gesprochen werden, da offenbar die im Rat unterlegenen Fraktionen dieses Begehren initiiert und „Strohmännern“ zur Einreichung überlassen hätten. Die BuLi fordert dazu auf, zu der von allen beschlossenen Vorgehensweise zurückzukehren, nämlich gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern ein Mobilitätskonzept zu erarbeiten.

Aber da ist der Duracellhase vor. Für uns Arno ist „Mobilitätskonzept“ nämlich „ein modisches Schlagwort“, damit löse man keine Probleme. Der führende Autofetischist der Stadt verkündet: „Die naive Vorstellung, alleine nur durch bessere Radwege könne man die Bürger aus dem Auto locken, ist einfach kindlich.“

Das hat auch keiner behauptet. Beim Mobilitätskonzept geht es außerdem keineswegs nur um bessere Radwege, sondern auch um bessere Verkehrsführung, um den neuen Mühlentunnel, auch um eine Erweiterung der Fußgängerzone zum Beispiel, um einen besseren ÖPNV und und und. Wenn wir für Millionen und Abermillionen neue Straßen bauen, kommen wir der Fixierung auf das Auto jedenfalls nicht bei – das ist so, als würde man eine Wespenplage bekämpfen, indem man überall auf der Terrasse Pflaumenkuchen auslegt…

Read Full Post »

Von Kristian Stemmler

Ob im Osten, ob im Westen, ein Mercedes brennt am besten! Der aktuellen Ausgabe der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ entnahm ich, dass am Sonntagabend in Buchholz ein Mercedes C 200 in Flammen aufgegangen ist. Natürlich habe ich diese Nachricht mit Abscheu und Entsetzen zur Kenntnis genommen. Aber auch wenn ich nicht weiß, ob profane private Motive hinter der Brandstiftung stehen oder die Tat politische Hintergründe hat – eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Es war die richtige Marke!

Mercedes ist das Symbol von Reichtum und Luxus hierzulande. Diese Gesellschaft läuft hinter dem Stern aus Stuttgart her wie einst die drei Könige aus dem Morgenlande hinter dem Stern von Bethlehem. Mercedes ist das Symbol eines obszönen Luxus, den eine kleine Oberschicht ohne jedes Schamgefühl vor den Augen einer ausgegrenzten Minderheit und auf deren Kosten zelebriert. Vor den Augen von Geringverdienern und Ein-Euro-Jobbern, von hart arbeitenden und schlecht bezahlten Paketfahrern, Polizeiobermeistern und Postboten, von allein erziehenden Müttern in 400-Euro-Jobs, die nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht.

Zeige mir dein Auto und ich sage dir, wer du bist. In unserer Gesellschaft sind Kraftfahrzeuge seit jeher bevorzugte Statussymbole, in den letzten Jahren hat dieses Phänomen noch erheblich an Dynamik gewonnen. Ich denke hier besonders an die so genannten SUVs, die Sport Utility Vehicles, die in immer größerer Zahl auf unseren Straßen herumfahren. Sie sagen mehr über den Zustand dieser Gesellschaft, als den meisten Menschen bewusst ist. Nicht zufällig kamen diese Fahrzeuge parallel zum weltweiten Siegeszug des Kapitalismus auf. Niemand muss mehr seinen Reichtum verstecken!

Ihre optische Anmutung ist die eines Panzers. Sie wirken massiv, wuchtig, protzig, martialisch. Die SUVs sind Ausdruck der Brutalisierung der Gesellschaft, der zunehmenden Rücksichtslosigkeit und des Kampfes aller gegen alle, einer Brutalisierung, von der wir alle betroffen sind, deren Folgen wir alle unterschwellig spüren, die sich aber kaum jemand wirklich bewusst macht. Sie sind auch Ausdruck des Wunsches eines wachsenden Teils der Ober- und Mittelschicht sich abzugrenzen und ein instinktives Signal für ihr zunehmendes Schutzbedürfnis.

Denn irgendwie ahnen auch die, die ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben, dass dies so nicht gut gehen kann, dass niemand ungeschoren davon kommt, dass es sich rächt, wenn immer mehr Menschen ausgegrenzt werden, wenn die Gemeinschaft kaputtgemacht und geopfert wird. Dass es auf alle zurückschlägt. Es hat so gar keinen Sinn, sich in monströse Villen zurückzuziehen und sich in SUVs, über den anderen Verkehrsteilnehmern thronend, durch den Straßenverkehr zu bewegen – irgendwann muss man das Haus auch mal verlassen, irgendwann aus dem Auto aussteigen.

Deshalb sage ich: Sell Your car and join the resistance!

Read Full Post »

Von Kristian Stemmler

Leider ist der Naturschutzbund Nabu mit seiner Klage gegen Europas größten Schlachthof für Hühner in Wietze bei Celle vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg gescheitert. Das melden mehrere Medien. Das Gericht geht nicht davon aus, dass durch die Anlage unzumutbarer Lärm entsteht, die Grenzwerte für den Ammoniak- und Stickstoffausstoß würden nicht überschritten und die ausgestoßenden Bioaerosole durch eine Filteranlage gereinigt. Bei Lektüre der Begründung des Gerichts entsteht der Eindruck, dass zumindest die Belastung der Umgebung durch gefährliche Keime, vor der Experten warnen, nicht gesehen wird.

Der NABU hatte sich als Kläger gegen eine Genehmigung des Gewerbeaufsichtsamt für den Betreiber des Schlachthofs, den Rothkötter-Konzern, gewandt. Begründung: Die Immissionsprognose sei unzureichend in Bezug auf den Anlieferverkehr, aber auch in Bezug auf den Betrieb selbst. Mikroorganismen und Bioaerosole würden austreten und ein nicht hinnehmbares Gesundheitsrisiko für die Anwohner darstellen. Die Schlachtleistung des Betriebes soll im Endausbau bis zu 27.000 Hähnchen stündlich betragen oder 2,592 Millionen Tiere wöchentlich.

Das Gericht verwies darauf, dass laut Schallgutachten vom Januar 2010 der erhöhte Verkehr nicht zu einer Überschreitung der maßgeblichen Werte führe, auch der durch den Schlachthof selbst erzeugte Lärm liege unter den Werten für eine Wohnbebauung. Auch der von der Behörde begrenzte Ammoniak- und Stickstoffausstoß werde nach einem Immissionsgutachten nicht überschritten.

Die ausgestoßenen Bioaerosole, nämlich luftgetragene Schadstoffe wie Stäube, Pilzsporen, Mikroorganismen, die sich nachteilig auf die menschliche Gesundheit auswirken könnten, würden durch eine spezielle Abluftreinigung zurückgehalten. Medizinisch begründete Immissionsgrenzwerte für Bioaerosole existierten nicht. In Tierhaltungsanlagen werden die Bioaerosole bestimmt durch Futterart, Einstreu, Tieraktivität, längere Reinigungsabstände, in dem Schlachthof hingegen sind die zu erwartenden Immissionen weitaus geringer, zumal die Anlagenkomponenten täglich gereinigt werden. Für eine besondere Keimbelastung beim Tiertransport selbst außerhalb des Schlachtbetriebes gäbe es keine konkreten Anhaltspunkte.

Read Full Post »

Von Kristian Stemmler

Ein-Feld-Halle oder Zwei-Feld-Halle, Mensa an der Halle oder separate Mensa? Bei der Sitzung des Ausschusses für Schule, Kinder, Jugend, Familie und Senioren am Montag stand die Situation an der Mühlenschule in Holm-Seppensen im Mittelpunkt. Dass es überhaupt zu den eingangs erwähnten Alternativen gekommen ist, daran ist das von einem bisher unbekannten Brandstifter gelegte Feuer in der Nacht zum 5. Mai schuld, bei dem die alte Sporthalle abbrannte. Nach einigen Verzögerungen sollte dort gerade die Mensa angebaut werden.

Neues Spiel, neues Glück. Die Leitung der Schule, der Sportverein und die Politiker von Holm-Seppensen nutzten die veränderte Situation, um brandneue Pläne zu präsentieren, die ihren Niederschlag in zwei interfraktionellen Anträgen des Ortsrates Holm-Seppensen an den Stadtrat fanden. Zum einen wird darin gefordert, den Bau einer Zwei-Feld-Sporthalle zu prüfen, zum anderen wird beantragt, die Mensa nicht mehr an die Halle anzubauen, sondern sie separat auf der Fläche des ehemaligen Schulleiterhauses, des so genannten Fiedler-Hauses, am Jungfernstieg zu errichten. Beide Anträge wurden im Ausschuss beschlossen, einer einstimmig, der andere bei einer Enthaltung.

Für den Bau einer Zwei-Feld-Halle spräche, so heißt es in der Begründung, dass sich die Einwohnerzahl des Ortsteils mittlerweile auf fast 7000 Einwohner erhöht habe. Die Sportflächenuntersuchung vor einigen Jahren habe bereits ergeben, dass Holm-Seppensen mit Sportflächen unterversorgt ist. Zudem könne der SV Holm-Seppensen seine Angebote mit einer Zwei-Feld-Halle deutlich erweitern.

Für die Abkopplung der Mensa von der Halle sprechen nach Ansicht der Beteiligten zwei Gründe. Eine Mensa am Jungfernstieg mit direktem Anschluss an die Schule sei besser zu nutzen, meinte Hannes Henk von der UWG. Ein Vorteil sei auch, dass umgehend mit Planung und Bau der Mensa begonnen werden könne, weil man nicht auf den Abriss der Ruine der abgebrannten Halle und den Baubeginn für die Halle warten müsse.

Schulleiterin Beate Trützschler machte im Ausschuss deutlich, dass es immer der Wunsch der Schule gewesen sei, die Mensa auf dem Gelände des Fiedler-Hauses zu errichten. Dieses sei ursprünglich abgelehnt worden, weil die Abrisskosten für das Gebäude zu hoch seien. Das Haus sei aber inzwischen abgerissen worden. Die Ausschussvorsitzende Uta Neb (SPD) zeigte sich überrascht von diesem Statement. Sie sei immer davon ausgegangen, dass die Schule mit dem Standort an der Halle einverstanden sei, die gewünschte Alternative sei offenbar in der Politik nicht angekommen.

Bei der Buchholzer Verwaltung stoßen die Wünsche der Holm-Seppenser nicht auf Gegenliebe. Der Erste Stadtrat Jan-Hendrik Röhse, auch Schuldezernent, wandte sich sowohl gegen den neuen Standort der Mensa als auch gegen den Bau einer Zwei-Feld-Halle und erntete dafür den Unmut der anwesenden Mütter und Schulvertreterinnen. Er favorisiere nach wie vor eine Mensa direkt an der Sporthalle. Dies habe den Vorteil, dass die Mensa auch für Sportveranstaltungen geöffnet werden könne. Röhse sprach von „Synergieeffekten“. Er schlug eine Eineinhalb-Feld-Halle vor, die 15 Meter länger ist als eine Ein-Feld-Halle. Diese reiche völlig aus.

Röhse bat um Verständnis dafür, dass die Verwaltung noch auf ein Gutachten warte zu der Frage, welche Teile der Brandruine noch verwertbar seien. Das Gutachten, das eventuell zu Abstrichen bei der Versicherungsleistung führe, sei für August avisiert. „Erst dann können wir mit seriösen Planungen anfangen“, sagte der Erste Stadtrat und bat den Ausschuss, keine Entscheidung zu treffen, sondern die Anträge zurückzustellen, bis das Gutachten vorliegt.

Die Ruine werde in den Sommerferien abgerissen, weil die Arbeiten mit erheblichem Lärm verbunden seien. Von den ursprünglich im Haushalt für den Bau der Mensa eingestellten 346.000 Euro seien rund 100.000 Euro quasi verbrannt. Dies seien Kosten zum Beispiel für den Architekten, für Planung und Statik der Mensa, die von der Versicherung nicht ersetzt würden.

Schulleiterin Trützschler und die Organisatorin der „Mühlenstrolche“ (Nachmittagsbetreuung), Sonja Vent, machten im Ausschuss Druck. „Wir platzen aus allen Nähten. Wir haben 13 Klassen, aber nur zwölf Unterrichtsräume“, erklärte Trützschler und verwies auf 136 Anmeldungen bei derzeit knapp 300 Schülern. 90 Kinder müssten in vier Schichten verpflegt werden. Vent teilte mit, dass die „Mühlenstrolche“ bis Ende März in die Restaurationsräume der Campinganlage von Hannes Henk umziehen, und dankte Henk für das Angebot. „Es ist dringend und wichtig, das was getan wird“, betonte sie.

Silva Seeler (SPD) sprang den beiden zur Seite. Wenn die Mensa separat gebaut werde, sei es durchaus möglich, dass sofort ein Architekt beauftragt werde, der im August fertig sein könne. Dann könne sofort mit dem Bauen begonnen werden. Röhse erklärte, er sehe das Problem der „Mühlenstrolche“ durchaus, aber ob er wolle oder nicht: Planung, Kalkulation und das Einstellen der erforderlichen Mittel in den Haushalt bräuchten nun mal eine Zeit. „Wir wollen ja eine Halle und eine Mensa bauen, die 40 Jahre halten“, sagte er. Angesichts des Gegenwinds im Ausschuss und im Publikum meinte Röhse schließlich in einem Anflug von Galgenhumor: „Beschließen Sie das, dann bin ich den Stress los!“

Und so kam es dann auch. Die Zuhörer applaudierten erleichtert.

Read Full Post »

Von Kristian Stemmler

Wirtschaft und Handwerk reden gern vom allgemeinen Nutzen, den ihr segensreiches Wirken hat, von den Arbeitsplätzen, die sie schaffen, von der Wertschöpfung und dergleichen. Doch wenn es hart auf hart kommt, ist ihnen doch das Hemd meist näher als der Rock. Das lässt sich ganz offensichtlich auch von der Familie Bardowicks sagen, die an der Bremer Straße ein Autohaus betreibt. Leider braucht die Stadt, um den neuen Mühlentunnel zu bauen, ein Stück ihres Grundstücks.

Mit anderen Worten: Vater und Sohn Bardowicks haben die Stadt quasi in der Hand, nutzen das offenbar weidlich aus und verzögern und blockieren damit eines der wichtigsten Verkehrsprojekte der Stadt. Wie in der Sitzung des Ausschusses für Stadtplanung, Mobilität und Bauen deutlich wurde, ist es hauptsächlich die Haltung der Bardowicks, die für Verzögerungen des Projektes sorgt. Bürgermeister Wilfried Geiger und seine Leute gaben sich jedenfalls alle Mühe, die mehrfach geäußerte Skepsis zu zerstreuen, sie würden den Neubau nicht mit aller Kraft verfolgen.

Peter Loginowski, Leiter Fachdienst Stadtplanung, berichtete dem Ausschuss, dass die Verwaltung in den vergangenen Wochen mehrere Gespräche mit den Eigentümern geführt habe, die bisher nicht zum Erfolg führten. Rolf Bardowicks und sein Sohn stören sich vor allem daran, dass die geplante Trasse relativ nah an der Stahlbauhalle auf dem Gelände vorbeiführt. Die beiden fürchten, dass die Lieferfahrzeuge, die hier herein- und herausfahren, nicht mehr ausreichend Platz haben und fordern einen größeren Abstand zur Halle.

Um den Eigentümern entgegenzukommen, habe die Verwaltung eine alternative Trasse erarbeitet, die einen größeren Abstand zur Halle wahrt, so Loginowski. Dabei habe man versucht, den Kreisverkehr auf der Kreuzung Bremer Straße/Steinbecker Mühlenweg und die Lage des Tunnelbauwerks beizubehalten. Aber auch auf diesen Vorschlag wollten die Bardowicks nicht eingehen, ebenso wenig auf das Angebot, ins Gewerbegebiet III zu ziehen. Stattdessen reichten sie – auf Butterbrotpapier – eine eigene Planungsskizze ein, die der Stadtplanungschef in umgearbeiteter Form den Ausschussmitgliedern präsentierte.

Die in dieser Planung vorgeschlagene Trasse verläuft erheblich weiter östlich und geht gerade durch den Bahndamm und zwar an einer weitaus breiteren Stelle. Vor allem aber kommt sie auf der anderen Seite im Stadtteich raus. „Das lässt sich nicht bauen, das ist völlig inakzeptabel“, kommentierte Loginowski. Die Verwaltung habe noch eine weitere Alternativtrasse erarbeitet, die noch weiter von der Halle entfernt ist und bei der der Tunnel schräg durch den Damm geht. Dieser Entwurf sei noch ganz frisch, mit den Eigentümern daher noch nicht besprochen.

Loginowski versicherte, dass die Verwaltung intensiv am Mühlentunnel-Projekt arbeite und dabei erfahrene Ingenieursbüros eingesetzt würden. In dasselbe Horn stieß Bürgermeister Geiger. „Wir setzen nicht auf Zeit, sondern versuchen mit aller zur Verfügung stehenden Macht, das Projekt zu ende zu bringen“, sagte er. Es müsse jetzt vorrangig darum gehen, sich mit den Eigentümern zu einigen und Gespräche mit der Bahn zu führen.

Erst wenn die Verhandlungen zu einem Ergebnis gebracht worden seien, könne man einen verlässlichen Zeitplan aufstellen. Auch eventuelle Zwangsmaßnahmen wie eine Enteignung machten erst Sinn, wenn Bardowicks alle Vorschläge ablehne und man auch mit der Bahn nicht weiterkäme. Geiger warnte davor, sich „auf juristisch dünnes Eis zu begeben“. Auch wolle er keine potemkinschen Dörfer errichten.

Der Bürgermeister reagierte mit seiner Argumentation auf einen Ergänzungsantrag seines Vorgängers Norbert Stein (SPD), Vorsitzender des StaMoBau-Ausschusses. Der Sozialdemokrat forderte, den Bebauungsplan für den Mühlentunnel zur Auslegungsreife zu bringen und die Verhandlungen mit den Bardowicks vorerst einzustellen. Durch die Umplanungen seien dem Gemeinwesen bereits erheblicher Schaden zugefügt worden, so Stein in der Begründung. Das zeitliche und rechtliche Risiko eines „zwangsweisen“ Erwerbs der benötigten Fläche sei „nicht allzu hoch einzuschätzen“.

In der Ausschusssitzung konzedierte Stein dann, dass die Verwaltung offenbar „sehr intensiv gearbeitet“ habe, und zeigte Verständnis, dass das Zeit kostet. Er insistierte allerdings, dass die ursprünglich geplante Trasse die einzig sinnvolle sei. Wenn man die Umsetzung der Bauleitplanung von einer Einigung mit den Grundstückseigentümern abhängig mache, dann hätten diese die Stadt in der Hand. Steins Parteigenossin Gudrun Eschment-Reichert ergänzte, jetzt habe man mit den Folgen des Umstands zu tun, dass der B-Plan-Verfahren nicht zu ende geführt worden sei: „Das kann man nicht laut genug beklagen.“

Für seinen Vorschlag, die Verhandlungen mit den Bardowicks auszusetzen, fand Norbert Stein keinen Rückhalt. Man solle jetzt mit Nachdruck versuchen, mit den Eigentümern klar zu kommen, betonte etwa Arno Reglitzky (FDP). Ob dieser verkaufe, sei ja vermutlich auch „eine Frage der Ablösesumme“. Mit einem „Schmerzensgeld“ könne man eventuell die Annäherung an die Halle erkaufen. Joachim Zinnecker (Grüne) bezeichnete Steins Antrag zwar insgesamt als „gut und richtig“, wandte sich aber auch gegen einen Abbruch der Verhandlungen. Er erklärte, dass nach seiner Einschätzung die Bahn das größere Problem sei als die Grundstückseigentümer.

Auf Zinneckers Vorschlag wurde Steins Antrag ohne Beschluss an den Verwaltungsausschuss weitergereicht. Bürgermeister Geiger kündigte an, die Gespräche bis zum Ende der Sommerferien zu einem Ergebnis zu führen. Dann könne ein verlässlicher Zeitplan für die weiteren Maßnahmen erstellt werden.

Jetzt muss sich vor allem die Familie Bardowicks bewegen. Es kann in keiner Weise angehen, dass ein einzelner Unternehmer mit seiner Bockbeinigkeit ein für die verkehrliche Entlastung der Stadt so wichtiges Projekt blockiert!

Read Full Post »

Von Kristian Stemmler

Eine Veranstaltung, wie sie die Rosa-Luxemburg-Stiftung am Donnerstagabend im Achat Hotel organisierte, muss man in Buchholz mit der Lupe suchen. Zweieinhalb Stunden geballte Information über ein zentrales politisches Problem der Gesellschaft, überraschende Einsichten, tiefgehende Analysen. Leider waren nur etwa 15 ZuhörInnen erschienen und die lokale Presse natürlich sowieso nicht. Dort berichtet man zwar gern darüber, dass der neue Schützenkönig aus dem Kaff xy am liebsten Sitzrasenmäher fährt – politisch brisante Aufklärung ist dagegen weniger gefragt.

„Einig gegen Muslime – welche Funktion hat der Islamhass?“ war die Veranstaltung überschrieben. Und die überaus kenntnisreiche Referentin des Abends, die freie Journalistin und Autorin Susann Witt-Stahl aus Hamburg, gab auf diese Frage eine ebenso überzeugende wie aufschlussreiche Antwort. Sie stellte sich den ZuhörerInnnen als Marxistin und Atheistin vor, seit Jahren forsche sie zum Thema Ideologiekritik, besonders beschäftige sie sich auch mit den Umtrieben der so genannten „Antideutschen“.

Ihre gut belegte These: Der Islamhass in den westlichen Gesellschaften ist eng mit dem Siegeszug des Neoliberalismus verknüpft und eine Ideologie der Verschleierung neoimperialer Expansionsbestrebungen. Er wird seit Jahrzehnten mit zunehmender Intensität geschürzt, in den USA etwa stecken Stiftungen , die den Neokonservativen (Neocons) nahe stehen, viele Millionen in die entsprechenden Netzwerke. Auch in Deutschland wächst die Bedrohung. Immer mehr verbinden sich Islamhass und der Hass auf alles irgendwie Linke. Witt-Stahl sagte voraus: „Ich fürchte, wir werden erleben, dass Leute aus der Friedensbewegung und der Linken angegriffen und vielleicht sogar getötet werden.“

Die Referentin sprach von drei Eskalationsstufen in der Entwicklung der Islamophobie und des antimuslimischen Rassismus. Als erste Stufe sieht sie die Zeit von 1981 bis 1991, in der Ronald Reagan als Präsident in den USA auf breiter Front neoliberale Politik umsetzte. Nach der islamischen Revolution 1979 sei der Iran für die Amerikaner zum Problem geworden, es kam zu ersten antimuslimischen Ausschreitungen in den USA. Auch in Deutschland gab es in diesem Jahrzehnt erste Anschläge gegen Moscheen.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks habe Anfang der 90er die zweite Eskalationsstufe begonnen. Die Anzahl der Anschläge habe sich verdreifacht. Die dritte Eskalationsstufe schließlich sei durch den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 eingeläutet wurde. Der Anschlag wurde zur Rechtfertigung für antimuslimische Ressentiments genutzt. Witt-Stahl verwies auf den früheren britischen Premierminister Tony Blair, der in seinen Memoiren von einer Art Kollektivschuld der Muslime für den 11. September schreibt und damit die nachfolgenden Kriege begründet.

Die Referentin bezeichnete es als erschreckend, dass die tiefenpsychologischen Motive für den Islamhass weitgehend dieselben sind, wie sie Theodor W. Adorno vor Jahren für den Antisemitismus analysiert hat. Es werde mit Stereotypen und Klischees gearbeitet, die von den Medien und unzähligen Blogs und Websites im Internet gepflegt werden. Aufreger Nummer eins sei die Verschleierung der Frau. So werde so getan, als ob alle muslimischen Frauen mit der Burka durch die Gegend laufen. Tatsächlich seien in den westlichen Städten nur relativ wenige muslimische Frauen verschleiert.

Islamhasser verstehen sich als Retter des christlichen Abendlandes, das vom Islam seiner Identität beraubt werden solle. Es werde eine Bedrohung durch islamistische Fanatiker und Terroristen herbeifantasiert, so Witt-Stahl. Mit den Tatsachen habe das nicht das Geringste zu tun. So gelten etwa von den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland nach Angaben des Verfassungsschutzes gerade einmal 34.500 als Islamisten.

Ausführlich ging die Referentin auf die Entwicklung in Großbritannien ein, wo der Islamhass bereits erschreckende Ausmaße erreicht hat. Dabei spielt die English Defense League (EDL) eine entscheidende Rolle. Witt-Stahl war mehrfach in England, um über diese Organisation, deren einziges Thema der Kampf gegen den Islam ist, zu recherchieren, sie konnte auch mit den Führern der Bewegung sprechen. Die English Defense League, deren Mitglieder sich vor allem aus Kreisen der Neonazis, Neokonservativen und Hooligans rekrutieren, zu der aber auch Ex-Linke gehören, hat bereits in allen größeren britischen Städten Ortsgruppen, Witt-Stahl schätzte ihre Zahl auf 50 bis 100: „Sie sind in der Lage, an mehren Orten gleichzeitig Demonstrationen zu organisieren.“

Die Militanz der Islamhasser in Großbritannien sei erschreckend. Es seien Schlägertrupps unterwegs, Geschäfte muslimischer Inhaber würden geplündert, bei Lokalen, die Essen nach den muslimischen Speisegesetzen anbieten, die Scheiben eingeworfen. Die Mitglieder der EDL sähen sich als eine Art Kreuzritter, die die englische Kultur gegen Unterminierung verteidigen müssten. In ihren Reihen seien viele Angehörige des Militärs und Veteranen. Die Bewegung werde von Geldgebern aus der britischen Oberschicht massiv unterstützt.

Inzwischen habe die EDL auch einen deutschen Ableger, erklärte die Referentin. Seit über einem Jahr sei die „German Defense League“ dabei, eine Struktur aufzubauen. Noch sei die Organisation „schwach auf den Beinen, aber fast wöchentlich wird eine neue Ortsgruppe gegründet“. 16 Ortsgruppen seien es inzwischen schon, unter anderem in Kiel und Lübeck. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis die Defense League auch hierzulande eine gewisse Schlagkraft erziele.

Von den deutschen Behörden werde die rapide Zunahme der Islamophobie und des antimuslimischen Rassismus kaum zur Kenntnis genommen, so Witt-Stahl. „Warum weigert sich das Bundeskriminalamt, islamfeindliche Anschläge überhaupt zu erfassen?“, fragte sie. Nach aktuellen Angaben der Bundesregierung hat es zwischen 2001 und 2011 in Deutschland 219 islamfeindliche Straftaten gegen Moscheen und andere Religionsstätten gegeben, von Farbschmierereien bis zur Brandstiftung. In diesen Angaben fehlen aber offensichtlich politisch motivierte Brandanschläge auf Moscheen, die der Mitarbeiter beim Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit, Gerhard Pieper, im Rahmen einer Untersuchung aufgelistet hatte.

Wie hoffähig der Islamhass in Deutschland schon sei, lasse sich daran erkennen, so Witt-Stahl, dass ein Mann wie der Publizist Henryk M. Broder, so etwas wie die „Speerspitze“ der Bewegung, ganz offen und unwidersprochen rassistische Ressentiments vortragen könne. Broder schreibe für das Flaggschiff des Springer-Konzerns, „Die Welt“, und publiziere auf Blogs wie „Die Achse des Guten“. „Das ist in unserer Gesellschaft absolut selbstverständlich“, so die Referentin.

Großen Anteil an der zunehmenden Islamfeindlichkeit haben auch die so genannten Antideutschen. Diese Bewegung ging aus linksradikalen Strömungen hervor, wesentlicher organisatorischer Vorbereiter ist der Kommunistische Bund, und warnte ursprünglich vor einem Wiedererstarken nationalistischer Kräfte nach der Wiedervereinigung. Inzwischen neigen die Antideutschen immer mehr neoliberalen Vorstellungen zu. Sie fordern eine bedingungslose Solidarität mit Israel und lehnen Antiamerikanismus ab, weil die USA der einzige treue Verbündete Israels sei.

In Zeitschriften wie „jungle world“ und „Bahamas“ sowie in unzählichen Blogs verbreiten die Antideutschen ihre krude Propaganda. In schon paranoider Ausprägung wird der Islam als Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet. Herbert Gremliza, Herausgeber der ehemals linken Zeitschrift „konkret“, schrieb in einer Kolumne: „Die islamistische Internationale ist die größte Gefahr, die den Siegern aller bisherigen Geschichte droht.“

Ähnliches vertreten auch antideutsche Wortführer wie Matthias Künzel. Es sei bedauerlich, so Witt-Stahl, dass Leute wie Künzel auch in linken Kreisen anerkannt seien und etwa bei der grünen Böll-Stiftung ihre Thesen vortragen dürften. Vorempfunden wurde all dies, wie die Referentin deutlich machte, in den USA, zum Beispiel vom Vordenker der Neocons und Berater der Bush-Regierung Norman Podhoretz. Dessen Buch „The long Struggle against Islamofascim“ hat bei den Islamhassern starke Verbreitung gefunden.

„Sämtliche Koordinaten geraten durcheinander“, fasste Susann Witt-Stahl ihre Analyse der politischen Prozesse zusammen. Das Diktum, dass uns der Faschismus von morgen als Antifaschismus verkauft werde, erscheine gar nicht mehr so abwegig. Dagegen helfe nur Aufklärung im besten marxistischen Sinne. Wie die aussehen kann, dafür lieferte sie an diesem Abend im Achat Hotel in Buchholz selbst das beste Beispiel!

Read Full Post »

Von Kristian Stemmler

Eines muss man Prosper-Christian Otto ja lassen: Er ist hartnäckig! Wobei sein Verhalten doch allmählich an Michael Kohlhaas oder Don Quijote erinnert. Die Erwähnung dieser beiden literarischen Figuren ist allerdings wohl schon zu viel der Ehre, denn bei dem Tenor kann ich keine edlen Motive erkennen. Vielmehr mischen sich in seinem Verhalten bekanntlich fortschreitender Starrsinn, ausgeprägte Ignoranz und unbegründete Arroganz auf unangenehme Weise.

Wie bereits in diesem blog berichtet, kämpft Otto seit Jahren mit harten Bandagen für den Erhalt seiner schwarz gebauten Villa im Buchholzer Waldgebiet Sprötze-Lohbergen. Dabei schoss er zuletzt ein veritables Eigentor, weil er vor dem Bundesverwaltungsgericht mit seiner Klage gegen den nachträglich für das Gebiet aufgestellten Bebauungsplan zwar obsiegte, das aber zur Folge hatte, dass sein Haus jetzt im Außengebiet steht und abgerissen werden muss. Das nennt man einen Pyrrhussieg!

Otto wäre nicht Otto, wenn er die Abrissverfügung der Stadt Buchholz kampflos hinnehmen würde. Wie üblich, macht er wieder eine Menge Wirbel, richtet hirnrissige Vorschläge an die Politik und versucht das Vorgehen der Behörden mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten zu diskreditieren. So schrieb er an den Buchholzer Ratsvorsitzenden Gisbert Saulich (SPD), der Rat möge doch bitte die vom BVG monierten Fehler des B-Plans heilen und diesen in Kraft setzen. Im Wochenblatt fordert er die Stadt auf, die Abrissverfügungen ruhen zu lassen, bis das Bundesverfassungsgericht seine Beschwerde bearbeitet hat und zwar „aus Respekt und Achtung vor dem Gericht“. Klingt seltsam aus dem Munde eines Mannes, der in seinem Kampf gegen die Stadt jeden Respekt hat vermissen lassen!

In der Harburger Rundschau wird Otto mit dem albernen Argument zitiert, die Aufforderung zum Abriss sei lediglich an seine Frau Christiane gesandt worden. Sie sei aber nicht alleinige Eigentümerin, er selbst sei es ebenfalls. Die Verfügung habe somit nicht die richtigen Personen erreicht. Im Wochenblatt appelliert er an Buchholz Bürgermeister Wilfried Geiger, „das sinnlose Verfahren einzustellen“ und unterstreicht das mit dem schwachsinnigen Argument, die 70 Quadratmeter, die sein Haus gegenüber den Festsetzungen des ungültigen B-Plans zu groß ist, seien doch Peanuts in einem 110-Hektar-Wohngebiet.

Bis zum 30. Juni hätten schon mal alle Zäune am 9000-Quadratmeter-Grundstück, ein Baumhaus, zwei Schuppen und ein gemauertes Schwimmbad weichen müssen. Natürlich dachte Otto nicht im Traum daran, der Verfügung nachzukommen, reiste stattdessen nach Skandinavien, um im Rahmen einer dreiwöchigen Tournee die dortige Bevölkerung der Segnungen seiner prachtvollen Stimme teilhaftig werden zu lassen.

Die Mühlen der Verwaltung mahlen derweil weiter. Wenn Otto sein Anwesen nicht selbst abreißt, wird dies die Stadt im Wege der Ersatzvornahme erledigen. Ersatzvornahme, was für ein wunderbares Wort, jedenfalls in diesem Zusammenhang! Es bedeutet, dass die Stadt sich Angebote von Abrissunternehmen einholt und diese dann beauftragt. So leicht kommt der Sänger nicht davon!

Wie ich die Sache sehe, wird Prosper-Christian Otto es sich in diesem Fall aber nicht nehmen lassen, sich höchstpersönlich den Baggern in den Weg zu stellen. Voraussichtlich wird er dann auch noch anfangen zu singen. Daher sollte man den beteiligten Bauarbeitern schon jetzt anraten, Watte oder Ohropax mitzunehmen.

Auch sonst wird der Mann sicher noch Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um den Abriss abzuwenden. Ich hätte da noch einen Tipp für ihn: Versuchen Sie es doch mal mit einer Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag oder gehen Sie gleich vor die UNO, Herr Otto! Oder wie wäre es mit Amnesty International? Als politisch Verfolgter werden Sie da bestimmt Gehör finden.

Read Full Post »

Older Posts »