Archiv für April, 2012

Witz zum Wochenende

Veröffentlicht: 2012-04-27 in Lokales, Politik
Schlagwörter:, ,

Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, hat laut einem Bericht der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ geäußert, dass die Deutschen 45 Stunden in der Wochen arbeiten sollten, sonst würden sie international den Anschluss verlieren. Die Bevölkerung würde ohnehin zu viel vorm Fernseher rumhängen. Danke für die Belehrung, Herr Walter! Für die Rendite Ihrer Bank tun wir doch alles! Also rudert, Galeerensklaven, der Chef will Wasserski laufen!

Von Kristian Stemmler

Die Massentierhaltung stößt in der Region zunehmend auf Widerstand. Gut eine Woche nach der Fahrraddemo gegen den zweiten Hühnermaststall in Sprötze kochte der Protest in Heidenau hoch. Auch dort ist der Bau einer Hühnermastanlage (39.800 Tiere) geplant. Bei einer Podiumsdiskussion im „Heidenauer Hof“ kamen rund 170 Bürger zusammen und machten ihrem Unmut Luft. Vorbildlich: Der Gemeinderat hatte zu der Veranstaltung eingeladen. Von solcher Transparenz und Informationspolitik ist man in Buchholz weit entfernt, und die Sprötzer Bevölkerung nimmt den zweiten Stall offenbar lammfromm hin.

Die Stimmung im Saal war an diesem Abend eindeutig. Nur eine Minderheit von vielleicht zehn Prozent schien den geplanten Stall zu befürworten, traute sich aber angesichts der Mehrheitsverhältnisse nicht, die Stimme zu erheben. Auch auf dem Podium waren die Befürworter des Projektes in der Defensive, nicht weil sie zahlenmäßig unterlegen waren, sondern weil ihre Argumentation durchweg blass blieb. Vor allem Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft brachte die Vertreter von Landwirtschaftskammer und Landvolk in Bedrängnis, Mit seinen stringenten, detailreichen und rhetorisch exzellenten Ausführungen überzeugte er das Publikum.

Zu den katastrophalen Haltungsbedingungen der Hühner (von denen im Blog bereits mehrfach die Rede war) erklärte Niemann, sie seien „einer Kulturnation nicht würdig“. 20 oder mehr Tiere vegetierten auf einem Quadratmeter dahin, die ganzen 35 bis 42 Tage der Kurzmast stünden sie in ihrem Kot. Schmerzhafte Fußballenentzündungen bei bis zu 90 Prozent des Bestandes seien die Folge, die auf Brustzuwachs gezüchteten Tiere seien generell sehr anfällig. Darum würden in so gut wie jedem Mastdurchgang Antibiotika zugefüttert. Niemann „Das ganze System beruht auf der Antibiotika-Zufütterung!“

In diesem Zusammenhang sieht der engagierte Tierschützer eine neue Bedrohung auf die Bevölkerung zukommen. Seit zehn Jahren entwickelten sich in der Massentierhaltung Keime „und zwar in Richtung Aggressivität“. Es sei zu befürchten, dass diese Keime eine Verbindung mit den ebenfalls brandgefährlichen Krankenhauskeimen eingingen. Durch die Zwangsbelüftung der Hühnermastställe würden die Keime in die Umgebung geblasen. Im Umkreis von etwa einem Kilometer um den Stall habe man eine höhere Konzentration von Keimen und die Häufung bestimmter Erkrankungen nachgewiesen.

Niemann hatte noch weitere Argumente parat. Die Maststall-Projekte schädigten den Ruf der anderen Landwirte und „reißen Gräben in den Dörfern auf“. Nach seinen Informationen seien in Deutschland bereits rund 2000 Hühnermastställe mit der ominösen Zahl von knapp unter 40.000 Plätzen errichtet worden, derzeit seien weitere 900 in Bau oder in Planung. Das sei auch deshalb idiotisch, weil an dieser Form von Massentierhaltung „kein Landwirt auch nur einen Cent verdient“. Im Gegenteil, in der Regel sei das ein Minusgeschäft.

Angesichts dieser Fakten müsse es darum gehen, den Bau neuer Anlagen unbedingt zu verhindern, verkündete Niemann. Ein Argument dabei seien die von den Mastanlagen ausgehenden Geruchsemissionen, ein anderes könne eine mangelhafte Zuwegung für den Lkw-Verkehr sein. Auch der Brandschutz könne ein Hebel zur Verhinderung einer Anlage sein. Laut Brandschutzverordnung müssten die Tiere innerhalb von 30 Minuten gerettet werden können. Das sei bei derartigen Anlagen praktisch unmöglich. Indem man beim Bau die Verwendung von feuerfestem Material, eine mit der Feuerwehr verbundene Meldeanlage und einen Pferch außerhalb zum Auffangen der Tiere im Brandfall vorschreibe, könne ein solches Projekt unrentabel gemacht werden.

Die offiziösen Vertreter der Landwirtschaft hatten Niemanns Argumentationsfeuerwerk wenig bis nichts entgegenzusetzen. Andreas Scholvin von der Landwirtschaftskammer zog sich in seinen kurzen Statements auf formale Hinweise zum Verfahren zurück und konnte wenig zur Erhellung beitragen. Mit seiner Bemerkung, das Ausbringen des Hühnermistes auf Heidenauer Ackerflächen werde zu einer bestimmten Zeit im Frühjahr stattfinden und bedeute „nur eine kurzzeitige Belastung“, sorgte er für Murren im Publikum.

Heiterkeit löste dagegen Scholvins Einlassung aus, die Landwirte würden beim Umstieg auf die Hühnermast in einem dreitägigen Intensivkurs qualifiziert. Die Dimension des Problems versuchte er mit dem Hinweis kleinzureden, die Zahl von 40.000 Hühner komme einem viel vor, tatsächlich sei das aber „kein monströs großer Bestand“, sondern vergleichbar mit einem Bestand von 50 Kühen. An dieser Stelle ging Eckehard Niemann hoch. Die Haltung von Kühen und die Massentierhaltung von Hühnern sei in keinster Weise vergleichbar.

Rudolf Meyer vom Landvolkverband flüchtete sich in Verweise auf die Gesetzeslage und versuchte vor allem, allerdings mit wenig stichhaltigen Begründungen, die Plausibilität von Niemanns Argumentation zu erschüttern. Er würde selbst keinen Hühnermaststall betreiben, bekannte Meyer, befürworte aber solche Anlagen, „wenn sie sich im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben bewegen“. Wenn Niemann mit seiner Kritik wirklich recht hätte, „müssten alle Ställe geschlossen werden“. Aber er solle nicht so tun, als ob Deutschland eine Bananenrepublik sei, in der wenige Konzerne das Sagen hätten.

Zum Thema Brandschutz fiel dem Landvolk-Vertreter lediglich ein, dass Niemanns Einlassungen vor dem Hintergrund des Brandanschlags auf den Rohbau des ersten Maststalls der Familie Eickhoff in Sprötze „fast zynisch“ seien. Auch den Hinweis auf die potenzielle Bedrohung durch Keime versuchte Meyer vom Tisch zu wischen. Er warne davor, hier eine neue Katastrophe heraufzubeschwören, offenbar sei dies ein Fall von „German Angst“.

An die Podiumsdiskussion schloss sich eine Fragerunde an, an der sich die Zuhörer rege beteiligten, so gut wie alle mit kritischen Beiträgen zum Stallprojekt. „Was kann so ein Ort ertragen?“ fragte ein Heidenauer und eine Anwohnern drohte gar damit wegzuziehen, wenn die Gemeinde sich so weiter entwickele. CDU-Ratsfrau Anette Randt versuchte, die Stimmung zu drehen, indem sie darauf hinwies, dass das billige Geflügelfleisch im Supermarkt schließlich gekauft würde „und zwar von uns allen“, worauf ihr ein vielstimmiges „Nein! Nicht von uns!“ entgegenschallte.

Widerstand im Publikum gab es auch, als Rudolf Meyer auf den „gläsernen Stall“ der Familie Eickhoff in Sprötze verwies – als Beleg dafür, dass die Bedingungen der Hühnerhaltung ja wohl nicht so schlimm sein könnten wie behauptet. Elisabeth Bischoff und Sabine Brauer vom Runden Tisch Natur-, Umwelt- und Tierschutz Buchholz erklärten daraufhin, dass die Eickhoffs die Vertreter des Runden Tisches bisher nur in den Stall gelassen hätten, so lange die Hühner wenige Tage alt, also noch Küken gewesen seien. Daher könne nicht gesagt werden, wie es am Ende eines Mastdurchgangs im Stall wirklich aussehe.

Peter Dörsam von der SPD/UWG-Gruppe kündigte eine Sondersitzung des Gemeinderates für den 3. Mai an, in der darüber entschieden werde, ob das Einvernehmen verweigert oder erteilt werde. Er persönlich sei der Ansicht, die Haltung der Hühner in solchen Anlage habe „mit artgerechter Haltung nichts zu tun“. Wenn die Gemeinde das Einvernehmen verweigere, könne der Landkreis dies herstellen. Dagegen, so Dörsam, könne aber die Gemeinde wiederum klagen. Heidenaus Bürgermeister Reinhard Riepshoff (SPD) erklärte, die Gemeinde könne ihr Einvernehmen nur verweigern, wenn Baurecht berührt sei. In diesem Zusammenhang könne die Zuwegung ein kritischer Punkt sein.

Jetzt ist vor allem der Landkreis am Zug. Angesichts des wachsenden Widerstands gegen Hühnermastställe kann die zuständige Abteilung jedenfalls nicht mehr nach der Devise verfahren „Das haben wir immer so gemacht“ und die Anträge einfach durchwinken!

Von Kristian Stemmler

Wenn ich mir den Zustand der Gesellschaft so ansehe, dann kommt mir eine Analogie in den Sinn. Ich sehe eine Dampflokomotive vor mir, die mit irrem Tempo auf einen Abgrund zurast – und im Leitstand brüllt der Lokführer dem Heizer zu: „Schmeiß noch ein paar Schaufeln Kohlen auf!“ Immer mehr Leistung, immer mehr Wachstum, immer mehr Konsum, es scheint gar kein Halten mehr zu geben. Wer diesen Wahnsinn in Frage stellt oder auf die Gefahren hinweist, wird wahlweise als linker Spinner, Ewiggestriger, Öko- oder Sozialromantiker hingestellt. So rast die Lok weiter.

Wie sich das auswirkt, lässt sich am Gesicht unserer Städte ablesen, da bleibt auch eine relativ kleine Stadt wie Buchholz nicht verschont. Die Buchholz Galerie, deren Richtfest am Montag mit großem Trara gefeiert wurde, kann man da durchaus auch als Mahnmal sehen. Wie ein monströser Bunker erhebt sich der Rohbau im Herzen der Stadt und demonstriert unübersehbar, welchen Raum wir dem Konsum in unseren Städten und unserem Alltag schon eingeräumt haben.

Weitgehend klaglos wird hingenommen, dass Konsum und Kommerz unsere Innenstädte dominieren und prägen, dass alles zugeballert ist mit Werbung. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass schon die vorsichtige Frage nach der Sinnhaftigkeit des Ganzen als völlig abwegig erscheint.

Jeder Kommunalpolitiker wirft heutzutage mit Begriffen wie „Kaufkraft“ und „Branchenmix“ um sich. Ehernes Grundgesetz für kommunales Handeln ist die völlig unbewiesene Annahme, dass alles was für Einzelhandel und Wirtschaft gut ist, auch gut ist für die Allgemeinheit, also für uns alle. So wird so gut wie jedes Großprojekt durchgewinkt, werden stadtplanerische Ziele den Interessen von Investoren untergeordnet. Money rules.

Bürgermeister Wilfried Geiger bezeichnete die Buchholz Galerie beim Richtfest als Segen für die Stadt. Es fragt sich, ob sie nicht eher ein Fluch ist. Denn erstens treibt der massive Bau – in Zusammenarbeit mit dem Volksbank-Gebäude auf der anderen Seite – dem zentralen Platz von Buchholz, dem Marktplatz jede Gemütlichkeit und jeden Charme aus. Zweitens gefährdet das Center den kleinen Einzelhandel der Stadt. Und drittens wird es noch mehr Menschen dazu verleiten, stundenlang zu shoppen statt ihre Zeit sinnvoll zu verbringen. Mit der Galerie hat der Konsum Buchholz voll im Griff!

Wie Geiger darauf kommt, das als Zugewinn an Lebensqualität zu preisen, ist mir schleierhaft. Bedeutet es denn wirklich mehr Lebensqualität, wenn Jugendliche im Center abhängen? Wenn die Leute von einem perfekt designten Laden zum nächsten eilen, um Schnäppchen zu jagen? Wenn sie Glücksgefühle und Erregung in der hermetischen Kunstwelt des Konsums suchen und nicht mehr bei einem Waldspaziergang oder einem nächtlichen Gespräch am Küchentisch?

Das vorherrschende System zielt letztlich darauf ab, uns alle zu Konsumidioten abzurichten, ein Prozess der totalen Konditionierung. Und wir wehren uns nicht nur nicht dagegen – wir merken es noch nicht einmal!

Statt dieser Strategie Vorschub zu leisten und das Vordringen des Konsums zu flankieren und zu forcieren, sollten die Politiker lieber über Konzepte nachdenken, die Begegnung und Gemeinschaftserleben ermöglichen. Gerade in einer Zeit fortschreitender Vereinzelung, zunehmender Hetze und Rücksichtslosigkeit wäre es Aufgabe auch und gerade der Kommunen, den Menschen Rückzugsräume anzubieten, Räume der Ruhe, der Besinnung und Begegnung, des zweckfreien Austausches.

Aber genau das ist offensichtlich nicht gewollt. Denn wenn die Menschen zur Besinnung kämen, würden sie vermutlich anfangen nachzudenken und die Automatismen des Alltags zu hinterfragen. Das aber würde wohl das ganze System ins Wanken bringen.

Von Kristian Stemmler

Der Investor kam als letzter. Lässig schlenderte Björn Dahler, Chef von DC Commercial, mit seiner Frau Kirsten an der Seite auf die Baustelle der Buchholz Galerie, wo bereits 80 Gäste und 70 Bauarbeiter auf den Beginn des Richtfestes warteten. Sogleich eilte Bürgermeister Wilfried Geiger – zur Feier des Tages mal nicht in braunen Nadelstreifen, sondern ganz in dunkelblau – auf Dahler zu, um dem Investor die Ehre zu erweisen und einen kleinen Schwatz mit den beiden Luxusmaklern zu halten. Jedes kommunale Oberhaupt hat ja heutzutage mit der Muttermilch aufgesogen, dass der Investor ein scheues Reh ist und bei Laune gehalten werden muss!

Wie nicht anders zu erwarten war, wollte bei den Redebeiträgen im Inneren des Rohbaus der Jubel über die Buchholz Galerie und ihre großartigen Perspektiven kein Ende nehmen. Skepsis oder auch nur vorsichtige Prognosen waren nicht gefragt. Geiger musste schon in die sakrale Kiste greifen, um seine Bemerkung bei der Grundsteinlegung, die Buchholz Galerie sei ein „Sprung nach vorn“ für die Stadt, noch zu toppen. Diesmal verstieg er sich zu der Behauptung, das Einkaufszentrum sei „für die Entwicklung unserer Stadt ein Segen“.

Die Galerie werde verhindern, dass weiter Kaufkraft nach Harburg, Lüneburg und Buxtehude abfließe. Die Aufenthaltsqualität in der Stadt werde sich verbessern, der Einzelhandel werde befruchtet. Auch die Architektur des monströsen Bauwerks im Herzen der Stadt lobte Geiger über den grünen Klee. Derzeit sei die Galerie nur ein großer Block aus Stahl und Beton, aber jeden Tag werde sie ein bisschen schöner. Aus einem hässlichen Entlein oder Enterich werde mit Sicherheit „ein wunderschöner Schwan“, behauptete das Stadtoberhaupt. Der Bürgermeister lobte auch den reibungslosen Ablauf der Bauarbeiten, hier werde „ein rasantes Tempo“ vorgelegt.

Auch der Geschäftsführer von DC Commercial, Lothar Schubert, der mit seinen langen blonden Haaren ein wenig wie die jüngere Ausgabe von Dahler wirkt, erging sich naturgemäß in Lobeshymnen über das Projekt. Die Galerie werde der Einkaufsmagnet der Region sein, mehrere Millionen Kunden würden pro Jahr durch das Zentrum flanieren. Schubert dankte ausführlich und überschwänglich allen am Projekt beteiligten Firmen, bedachte seine Mitarbeiter im typischen Yuppie-Sprech mit der Bemerkung: „Es ist so emotional mit Euch!“, wobei er das Wort „emotional“ englisch aussprach.

Der smarte Geschäftsführer verkündete, dass bereits 81,5 Prozent der Galerie (8500 Quadratmeter Verkaufsfläche, 40 Läden, 260 Parkplätze) vermietet seien. Und er sei sich sicher, dass es bis zur Eröffnung, die für den 27. September geplant ist, 100 Prozent sein werden. Ein moderner „Foodcourt“ mit Terassenplätzen soll die Galerie-Besucher zum Verweilen einladen, so genannte „Ankermieter“ sind Hennes & Mauritz und der Drogeriemarkt dm.

Auch die Parfümerie Douglas und Schuhkay gehen in das neue Center, die Textilfirma Ramelow bringe, so Schubert, „allein 15 Labels mit“. Der Buchhandel wird, wie später zu hören war, nicht von Thalia vertreten, sondern von Heymann. Das dürfte bedeuten, dass Heymann das City Center verlässt. Der erwartete Jahresumsatz der Galerie liegt bei rund 40 Millionen Euro, das Investitionsvolumen für den Bau rund 45 Millionen Euro. Die Stadt gibt noch mal 550.000 Euro aus, um die Fußgängerzone um die Galerie herum attraktiver zu gestalten.

Schubert dankte auch den Bauarbeitern, die sich an den Tischen niedergelassen hatten, sich am Freibier labten und den Auftritt einer hübschen Blondine am Rednerpult mit dem Zwischenruf „Ausziehen!“ kommentierten. In Spitzenzeiten arbeiteten bis zu 300 Arbeiter auf der Galerie-Baustelle, derzeit sind es etwa 100. 1850 Lkw-Ladungen Beton und 1600 Tonnen Stahl wurden bisher verarbeitet. Der Geschäftsführer dankte den Anwohnern für ihre Geduld angesichts der Belastung mit Lärm und Staub. Der Großteil des Lärms sei vorüber, da es jetzt an den Innenausbau geht. Die Anwohner könnten immerhin direkt miterleben, „wie das Haus wächst und schöner wird“.

Nach den Redebeiträgen strömte die Gästeschar wieder nach draußen, wo der Polier der Baustelle ein launiges Gedicht vortrug und vier Schnäpse zu sich nahm. Dann wurde der Richtkranz vom Kran nach oben gezogen und weiße Luftballons mit dem grünen Logo der Buchholz Galerie stiegen in den Himmel. In diesem Moment zogen dunkle Wolken über dem Herzen der Stadt auf. Ein schlechtes Omen?

Von Kristian Stemmler

Der Countdown läuft. Es sind noch sechs Wochen bis zum geplanten Aufmarsch der Nazis in Hamburg. Am 2. Juni werden sie aus dem gesamten Bundesgebiet an die Elbe reisen, um unter dem volksverhetzenden Motto „Tag der deutschen Zukunft – Unser Signal gegen Überfremdung“ in der Hamburger City Präsenz zu zeigen. Wie schon im Mai 2008 werden die Nazis auf breiten Widerstand stoßen, das „Hamburger Bündnis gegen Rechts“ kündigt vielfältige Formen des Protestes wie Kundgebungen, Demonstrationen und Blockaden an.

Um auch im südlichen Umland von Hamburg für die Proteste zu werben und zu mobilisieren, geht die hiesige Antifa jetzt verstärkt an die Öffentlichkeit. Am Sonnabend zeigte sie mit einem Infostand Präsenz in Neu Wulmstorf, verteilte vor dem REWE-Markt an der Bahnhofstraße Flyer an Passanten. Die vom Autor dieser Zeilen angemeldete Aktion kam gut an, die Resonanz war überraschend positiv, mancher fing gleich an, die Flugblätter zu lesen oder signalisierte Unterstützung für den Kampf gegen Rechts. Nur wenige verweigerten die Annahme der Flyer.

Die Aktivisten verteilten in Neu Wulmstorf zwei professionell gemachte Flyer, einen vom „Hamburger Bündnis gegen Rechts“ mit der Überschrift „Naziaufmarsch stoppen! – Internationale Solidarität statt völkischer Wahn“ und einen von den autonomen und antifaschistischen Gruppen Hamburg mit der Überschrift „Keine Zukunft für Nazis! – Rassistische Verhältnisse angreifen“.

Das Flugblatt von Autonomen und Antifa verweist auf den gesellschaftlichen Nährboden für Rassismus. „Ob in den Medien, in der Politik oder an deutschen Stammtischen – in unterschiedlichen Facetten hat Rassismus in der demokratischen Gesellschaft seinen festen Platz“, heißt es da. Und weiter: „Die massive Hetze etablierter demokratischer Politiker_innen Anfang der 90er Jahre gegen so genannte Schein-Asylanten wird in aktuellen Debatten um so genannte Parallelgesellschaften und deutsche Leitkultur anhand vermeintlicher kultureller Grenzen fortgeführt. Die Zustimmung breiter Teile der Gesellschaft zu einem anti-muslimischen Rassismus à la Thilo Sarrazin ist hier nur ein Beispiel.“

Das Flugblatt des Bündnisses verweist auf die Motivation der Nazis. „Die Kameradschaftsszene will damit in Norddeutschland ihre eigene Politikfähigkeit und Stärke beweisen und ein Event etablieren“, heißt es da. „Die NPD demonstriert bei dem Aufmarsch ihre Kooperationsbereitschaft mit den Nazi-Schlägern in der SA-Tradition. In den jährlichen Aufrufen reden sie, ganz in der Sprache des NS-Verbrecherstaates von „Überfremdungsirrsinn“, „Ausländerbanden“ und „Ghetto“. Sie fordern ein nach völkischen Kriterien bereinigtes Deutschland. In ihrer aktuellen Mobilisierung hetzen die Nazis seit Monaten nicht nur gegen Migrantinnen und Migranten und Flüchtlinge, sondern auch mit steckbriefähnlichen Pamphleten gegen antirassistische Menschen und Organisationen.“

Wie notwendig der Kampf gegen Rechts auch im Landkreis Harburg ist, zeigt sich derzeit erneut in Buchholz. Vor einigen Tagen tauchten in der Stadt rechte Plakate auf, die unter anderem vor dem Bild einer Moschee gegen den EU-Beitritt der Türkei polemisieren und damit offensichtlich die herrschende Islamophobie instrumentalisieren wollen. In der Unterführung von der Lindenstraße zum Bahnhof wurde dieses und ein anderes Motiv ebenso geklebt wie an der Telefonkabine vor Budni in der Fußgängerzone. Trotz der Bemühungen die Plakate zu entfernen, sind Reste immer noch zu sehen.

Es geht also doch. Die Buchholzer Verwaltung mit Bürgermeister Wilfried Geiger an der Spitze hat bisher so getan, als gebe es keine Handhabe gegen den Bau eines zweiten Hühnermaststalls in Sprötze. Wie die Aller-Zeitung berichtet, hat der Landkreis Gifhorn jetzt den Bauantrag für eine Hühnerfarm bei Dalldorf abgelehnt. Das habe die Erste Kreisrätin Ingrid Alsleben der Zeitung bestätigt. Der ablehnende Bescheid sei der egga-Landei als Investor am 9. März zugestellt worden. Die Dalldorfer Bürgerinitiative und die Gemeinde seien schriftlich informiert worden.

Ab Mitte April habe der Investor vier Wochen Zeit, sein Veto gegen den abgelehnten Bauantrag für die Hühnerfarm einzulegen, so wird Alsleben zitiert. Nach Verstreichen der Frist sei dieser Antrag vom Tisch. Der Investor könne aber jederzeit „einen anderen Bauantrag stellen“, so die Erste Kreisrätin.

Der ablehnende Bescheid basiert Alsleben zufolge auf sieben Säulen:

  • So seien bei den Ammoniak-Emissionen die Grenzwerte deutlich überschritten.
  • Hinsichtlich des Lärm-Gutachtens bestünden erhebliche Belastungen für das Wochenendhaus- Gebiet.
  • Es gebe keine ausreichende Erschließung – bei Gefahr sei die Anlage schwer erreichbar.
  • Die Gemeinde habe ihr Einvernehmen aus städtebaulichen Gründen versagt.
  • Hinsichtlich des Brandschutzes gebe es – in Bezug auf Mensch und Tier – erhebliche Mängel.
  • Das Thema Naturschutz sei eine weitere Säule. So grenze das Land der Hühnerfarm an ein FFH- Gebiet mit hochsensiblem Lebensraum.
  • Auch gehe es um den Arbeitsschutz und die Bedingungen für die Arbeitskräfte – ein Einwand, der eng mit dem mangelnden Brandschutz zusammenhänge.

Für das Verfahren in Sachen Hühnermast in Sprötze dürften folgende Punkte in dieser Begründung interessant sein: die Ammoniak-Emissionen und der mangelnde Brandschutz sowie das Versagen des Einvernehmens aus städtebaulichen Gründen. Die grundsätzliche Frage: Will Buchholz wirklich, dass Sprötze mit Massentierhaltung zugeballert wird?

Von Kristian Stemmler

In unmittelbarer Umgebung des Buchholzer Rathauses sehen zwei Projekte Ihrer Fertigstellung entgegen, die beispielhaft zeigen, wie wenig Wert in dieser Stadt offenbar bisher auf eine durchdachte Stadtplanung gelegt wurde: Gemeint sind der Kirchplatz auf der einen Seite des Rathauses und der Appartementblock auf der anderen. Verschenkte Chancen das Eine wie das Andere. Das Paulus-Haus selbst darf man mit kleinen Abstrichen wohl als gelungen bezeichnen. Es nimmt die moderne Architektur des anschließenden Gebäudes der Stadtbücherei ebenso auf wie die Backsteinarchitektur der Kirche. Aber auf dem Platz vor dem neuen Gemeindehaus wäre erheblich mehr möglich gewesen. Dieser Platz hätte locker zu einem beliebten Treffpunkt für Buchholz ausgebaut werden können (ich hab es in diesem Blog schon mal geschrieben). Stattdessen verschandeln ein trister Carport und etliche Parkplätze den Platz.

Die Parkplätze für Mitarbeiter der Gemeinde und Besucher des Gebäudes hätten woanders nachgewiesen werden können. Auf diesem zentralen Platz Autos zu parken, ist eine stadtplanerische Sünde sondergleichen. Jetzt, wo die Tage länger und wärmer werden, müsste man vor dem Paulus-Haus in der Sonne sitzen und seinen Milchkaffee trinken können! Hier müsste Gastronomie hin. Das benachbarte Caspari würde sich als Partner der Gemeinde anbieten, man könnte so ein Café zum Beispiel „Himmel und Erde“ nennen, die Gemeinde könnte nebenbei ihr Angebot präsentieren. Eine kleine Bühne wäre möglich für Auftritte von Chören, Solisten, Bands etc.

So wie sich der Platz darbietet, haben die Bänke, die in den vergangenen Tagen auf dem Platz installiert wurden, nur Alibifunktion. Vor allem die vier Bänke, die an der südlichen Kirchenwand aufgestellt wurden, machen gar keinen Sinn. Wer soll sich da bitte hinsetzen, wenn in Sicht- und Hörweite der Verkehr auf der Kirchenstraße vorbeibraust?! Auch die drei Bänke rechts vom Eingang des Paulus-Haus erscheinen nicht sehr zweckmäßig. Der Autor hat bisher noch nie jemanden dort sitzen sehen.

Der Kirchenvorstand der Paulus-Gemeinde hat hier eine Riesenchance verpasst, Offenheit zu signalisieren, und die Stadt hat offenbar geschlafen. Man hätte rechtzeitig auf die Gemeinde einwirken müssen, aus diesem Platz mehr zu machen. Und dann hätte es nahe gelegen, die Breite Straße vom Treffpunkt bis zur Kirche für den Autoverkehr dicht zu machen, so dass der Kirchplatz den Endpunkt einer dann verlängerten Fußgängerzone gebildet hätte.

Eine weitere stadtplanerische Sünde von Rang ist auf der anderen Seite des Rathauses zu besichtigen. Dort ist der Wohnpark „Am Rathausplatz“ mit 13 Komforteigentumswohnungen, einem Shop und drei Penthouses so gut wie fertig. Leider war der Autor dieser Zeilen noch nicht im Stadtrat, als das Ganze genehmigt bzw. der Bebauungsplan beschlossen wurde – ich hätte auf jeden Fall dagegen gestimmt. Wie man ein derart protziges Gebäude direkt neben unser schönes Backsteinrathaus pflanzen kann, ist mir völlig schleierhaft!

Vor kurzem wurde die Architektur dieses Klotzes mit dem affigen Bogen in der Fassade allen Ernstes im Wochenblatt bejubelt. Das ist nur mit geistiger Umnachtung zu erklären oder damit, dass diese Jubelarien von Anzeigen des Investors und der mit ihm kooperierenden Firmen umrahmt waren, es sich also um so genannte Kollektive handelt. Leider sind diese Seiten, auf denen Anzeigen zu einem bestimmten Thema versammelt sind und die dazu gestellten redaktionellen Texte entsprechend unkritisch sind, zu einer verbreiteten Unsitte im Zeitungswesen geworden.

Es ist zu befürchten, dass in der Führung der Stadt und auch in der zuständigen Abteilung die Kritik an diesen stadtplanerischen Sünden gar nicht verstanden wird. Jedenfalls ist an den Bauprojekten, die in dieser Stadt zu besichtigen sind, keinerlei architektonische Gesamtkonzeption zu erkennen. Für die neue Baudezernentin der Stadt, Doris Grondke, wird es, wenn sie im Sommer ihren schwierigen Posten antritt, eine Menge zu tun geben!