Anmerkungen zum Fall Erich Romann

Veröffentlicht: 2012-02-07 in Hintergründe

Von Kristian Stemmler

Vorbebemerkung: In diesem Beitrag geht es in keinster Weise darum, einen Menschen oder gar eine Menschengruppe zu stigmatisieren. Im Gegenteil: Es geht darum, auf die Nöte und Probleme eines Menschen hinzuweisen, der zum Spielball von Medien geworden ist, weil es offenbar niemanden gibt, der ihm wirklich helfen und ihn schützen kann. Es geht um die gesellschaftlichen Hintergründe, vor denen das möglich ist. Es geht um Sensibilisierung für eine Zeit, in der immer mehr Menschen unter die Räder kommen und auf der anderen Seite immer mehr das achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Mit anderen Worten: Es geht um die Verrohung dieser Gesellschaft, deren Zeuge wir alle sind und gegen die wir als einzelne augenscheinlich so wenig tun können, weil es zu viele gibt, die sich offenbar etwas davon versprechen.

Der Fall des Handeloher Piraten Erich Romann ist exemplarisch für den Umgang dieser Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen. Wenn ich es richtig verfolgt habe, ist die einzige, die bisher den Mut hatte, Klartext zu reden, die grüne Kreistagsabgeordnete Ruth Alpers – sie erklärte in den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“, Romann sei psychisch krank. Dem ist wenig bis nichts hinzuzufügen!

Das Auftreten des Piraten im Kreistag mit Bierflasche, seine kruden Vorschläge, die von Teilen der Presse nach wie vor transportiert werden, seine wirren Theorien, seine Vorwürfe, er würde von Parteifreunden verfolgt, zuletzt das Begehren, eine Schusswaffe zu erhalten, lassen nur diesen einen Schluss zu – und unter der Hand sind sich da wohl alle Kenner der politischen Szene im Landkreis einig. Nur dass das immer mit den üblichen, im Grunde wenig hilfreichen Formulierungen wie „Der hat nen Sprung in der Schüssel“ abgetan wird.

Ohne Arzt zu sein, lässt sich doch relativ gut erkennen, wo das Problem liegt. Romanns Verhalten zeigt eindeutig manische und in Ansätzen auch paranoide Züge. Verblüffend daran ist nur, wie lange er diesen Zustand schon durchhält. Es ist jedenfalls mehr als offensichtlich, dass er Hilfe und Behandlung braucht. Aus guten Gründen ist es aber in Deutschland nach wie vor sehr schwierig, das per Zwang durchzusetzen. Die Frage ist also, ob es Menschen gibt, die Erich Romann erreichen und ihn zur Einsicht bringen können. Wobei das tatsächlich das kniffligste Problem ist, weil zu seinem Zustand eben auch gehört, dass die Krankheitseinsicht fehlt.

Der Umgang mit derartigen Problemlagen ist in unserer Gesellschaft in keinster Weise eingeübt, das Thema ist immer noch ein großes Tabu. Und das vor dem Hintergrund, dass ein erheblicher Teil – ich würde dazu neigen, mehr als die Hälfte, der Bevölkerung – in der einen oder anderen Weise psychisch krank ist – ob wir von Depressionen reden oder (gerade sehr hip) Burnout, Tablettensucht, Alkoholismus, Konsumsucht, Neurosen oder oder oder.

Wobei ich dazu sagen muss, dass für mich auch Lehrer, die Schüler mobben, Leute, die nur für ihr großes Auto und ihr großes Haus leben, Chefs, die prima schlafen, nachdem sie 200 Leute rausgeschmissen haben, dass die auch für mich krank sind. Das ist eine Definitionsfrage. Das Problem ist, dass diese Leute sich nicht behandeln lassen, sondern in dieser Gesellschaft ihre Störung voll auf Kosten anderer ausagieren dürfen und so dafür sorgen, dass die Psychiatrien voll sind!

Ein großes Problem im Umgang mit Erich Romann ist das Verhalten von Teilen der Presse. Hoch anerkennenswert ist, dass das Wochenblatt sich erkennbar zurückhält und über die Ausfälle des Piraten höchstens noch ganz klein mit Bezug auf andere Medien berichtet. Dafür nimmt das Springer-Blatt „Harburger Anzeigen und Nachrichten“, das offenbar auf seine Existenzprobleme mit einer extensiven Boulevardisierung antwortet, jeden Ball des Piraten auf. Noch die erkennbar wirrsten Äußerungen Romanns werden transportiert. Zuletzt wurde er als „Polit-Clown“ bezeichnet und wieder groß mit Bierflasche auf der zweiten Seite abgebildet.

Es ist skandalös und mit dem deutschen Pressekodex in keiner Weise vereinbar, dass die HAN Äußerungen Romanns, deren Irrationalität für jeden erkennbar ist, so groß aufmacht. Das kann nur dazu führen, dass er sich bestätigt fühlt und seine Manie noch weiter angeheizt wird. Darum wäre es sinnvoll, wenn im Kollegenkreis oder unter den Chefredakteuren der hiesigen Blätter so etwas wie ein Agreement erreicht würde, über Romann nur noch sehr reduziert zu berichten und nur wenn es wirklich eine Nachricht ist – zum Beispiel wenn seine Partei Schritte gegen ihn einleitet, was ja offenbar geschieht.

Wie soll es da jetzt weitergehen? Es ist zu befürchten, dass die Auftritte und Vorstöße des Piraten noch verrückter werden, denn was in seiner Gedankenwelt wirklich abläuft, ist für keinen erkennbar und hat mit der Realität wenig bis nichts zu tun. Zu prüfen ist, ob der Kreis nicht doch von sich aus tätig werden kann. Wenn die Dienstfähigkeit von Beamten von Amtsärzten überprüft wird, stellt sich die Frage, ob das bei einem Kreistagsabgeordneten nicht auch möglich ist. Man könnte ihn ja zumindest mal zu einem Gespräch einladen. Auch sein Umfeld in Handeloh und bei den Piraten sollte alles versuchen, um ihn zu überzeugen, sich in Behandlung zu begeben. Menschliche Ansprache dürfte hier am sinnvollsten sein – denn letztlich ist das Krankheitsbild des Erich Romann wohl nur Ausdruck einer tiefen Einsamkeit.

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Kommentare
  1. no name, mit der Bitte um Verständnis sagt:

    Ein sehr schöner Kommentar, da haben Sie den Menschen hinter dem „Polit-Clown“ gesehen und folgerichtig beschrieben. Es gibt keine Hilfe für Betroffene, wie den Erich Romann, genausowenig für dessen Opfer, die unter seiner facettenreichen psychischen Krankheit und deren Auswüchse leiden.
    Aus dem Umfeld des Erich Romann kommend kann ich nur bestätigen, dass er psychisch krank ist und das hätte man mit ein wenig Recherche durchaus schnell feststellen können. Erich Roman ist polizeilich bekannt, viele Strafanzeigen sind in vergangenen Jahren gegen ihn gestellt worden, niemals mit dem gewünschten Erfolg – nämlich eine Behandlung seiner Krankheit zu erzwingen. So mussten sie immer wieder fallen gelassen werden. Seine Einsicht fehlt, es ist wohl schwer möglich so etwas zu erzwingen und auch noch auf Erfolg dabei zu hoffen. Der Mann ist intelligent und lebt in der Tat in seiner eigenen Welt. Ein Bekannter von mir arbeitet mit psychisch kranken Menschen, er hat mir bestätigt, dass hierzulande solange ein Mensch mit einer derartigen Erkrankung sich selbst überlassen wird, wie er sich selbst versorgen kann und niemandem, auch nicht sich selbst, ernstlichen Schaden zufügt.
    Herr Romann hat mit Sicherheit eine längere, traurige Geschichte als Vergangenheit, die sich in seinem gegenwärtigen Leben derart nieder schlägt. Die bisher irrwitzigste Blüte dabei ist diese Politiker-Nummer. Ich habe mich von Anfang an gefragt, wie kurzsichtig die Menschen sein müssen, dass sie nicht merken, wenn sie es mit einem so kranken Menschen zu tun haben. Zugegebenermaßen weiß Herr Romann sich bis zu einem gewissen Grad anzupassen, es wird vielleicht nicht so einfach gewesen sein.
    Und um es ein Mal mehr zu beweisen, dass so ein kranker Mensch Mittel und Wege findet, seine Umwelt zu verstören und massiv zu stören, werde ich hier als No Name signieren.
    Sie können mir glauben, dass wir versucht haben, Hilfe zu bekommen, um uns vor Übergriffen seinerseits zu schützen – keine Chance. Es muss erst etwas passieren, ein sogenannter „ernstlicher Schaden“.
    Sie können sich vielleicht den Unglaube und den Schreck vorstellen, als wir von der Schusswaffe erfuhren, die er sich verschaffen wollte. Ich hatte tatsächlich gehofft, dass mit dieser öffentlichen Facette seiner Geschichte eine Veränderung stattfindet. Vermutlich wird es im Sande verlaufen.
    Tiefe Einsamkeit vermute ich nicht, seine Welt ist anders als unsere und er holt sich stets neue Statisten in sein Leben. Sein größter Fang war die Piraten-Partei. Man könnte es als positiven Aspekt sehen: er ist auf sehr skurrile Art aktiv und umtriebig, das macht das Leben für ihn niemals langweilig. Vielleicht ist es auch sein Glück, dass er so leben darf, solange er niemandem, auch sich selbst nicht, „etwas tut“?
    Er würde unter Medikamenteneinfluss weder derart aktiv sein, noch an einem Leben teilnehmen, dass er selbst gestalten kann, auch wenn es noch so skurril ist. Eine Behandlung um seinem Umfeld Ruhe zu verschaffen – da sollte man sich fragen, zu wessen Vorteil das geschehen soll.
    Diese Gedanken hege ich auch, wäre es richtig, so einen Menschen in eine Zwangsmaßnahme zu stecken? Mich kostet es „nur“ ein paar Nerven und ab und zu schleichen sich Sorgen ein, wie weit es noch gehen kann, oder ob der Herr Romann eine tickende Zeitbombe ist. Mehr nicht. Weniger auch nicht.
    Ich bin auch kein Arzt oder Psychologe, man hat mir ein Mal gesagt, dass solch eine Erkrankung meistens nicht mit tätlichen Übergriffen einhergehen. Das beruhigt ein wenig. Aber Hilfe? Vorsorge? Unterstützung? Gibt es nicht.
    Gefundenes Fressen für ein paar Klatschblätter ist es allemal. Komisch ist es, so aus dem Zusammenhang gerissen, auch allemal. Ich habe auch gelacht, als ich das, was ich schon seit längerem mal hier und da höre, plötzlich in einer Zeitung schwarz auf weiß gedruckt sah – gelacht, weil die Reporter so dämlich sind und versuchen ernsthaft etwas niederzuschreiben, das man doch nicht wirklich für bare Münze nehmen kann.

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