Archiv für Februar, 2012

Wir Protestanten nehmen es mit dem Fasten ja nicht so genau. Aber irgendwie ist es gar nicht so verkehrt, mal auf etwas zu verzichten. Damit das nicht einen moralinsauren, sondern modernen Anstrich bekommt, gibt es die Aktion „Sieben Wochen ohne“. Da machen viele mit, ich auch. Allerdings kann es Komplikationen geben, wie ich am Wochenende feststellte. Ich war mit Michi bei Olli und Heike eingeladen. „Wollen wir ausnahmsweise mal fernsehen, es gibt einen sensationellen Streifen im TV!“, meinte ich zur Begrüßung. Olli winkte ab: „Sorry, ich verzichte bis Ostern auf die Glotze. Dafür haben wir das hier!“Er stellte ein Sixpack auf den Tisch. Jetzt winkte ich ab: „Kein Alk! Ich faste auch.“ Er trank das Bier allein, ich knabberte trübsinnig Erdnüsse. Heike saß stumm wie ein Fisch daneben, weil sie gelobt hatte, die sieben Wochen nur das Nötigste zu reden. Dafür rauchte sie wie ein Schlot, und Michi, die aufs Rauchen verzichtete, floh auf den Balkon. Wir sehen uns jetzt erst Ostern wieder!

Von Ingo Knito

Ist die Baustelle der Buchholz Galerie im Herzen der Stadt exterritoriales Gelände, auf dem die deutschen Gesetze keine Gültigkeit haben? Diesen Eindruck muss gewinnen, wer die Vorgänge auf dem Areal und im Umfeld aufmerksam beobachtet. Unglaublich zum Beispiel, was sich in der Nacht zum Sonnabend dort abspielte.

Es ist kurz vor halb elf, der HSV hat gerade ein ehrenhaftes Remis bei Gladbach herausgeholt. Über den Marktplatz stromern die ersten vorgeglühten Partygänger. Die Luft ist mild und würzig, frühlingshaft. Es könnte ein schöner Abend sein, wenn nicht von der größten Baustelle der Stadt massiver Lärm ausgehen würde. Wir gehen näher ran, bleiben in Höhe Kontor Weidling stehen und sehen oben einen Bauarbeiter mit gelbem Helm, der eine Baumaschine vor sich herschiebt. Er glättet den Boden des Parkdecks Nr. 1, wie sich später herausstellt.

„Das ist ja unglaublich! Ein solcher Lärm um diese Uhrzeit“, sagt mein Begleiter, „hier wohnen doch jede Menge Familien mit Kindern und auch alte Leute.“ Er hat recht, es ist ein Unding! Dürfen die hier eigentlich machen, was sie wollen. Ich rufe die Polizeiwache an, schildere die Lage. Die Beamtin verspricht, einen Wagen zu schicken. Etwa eine Viertelstunde später ist ein Streifenwagen vor Ort, auf der anderen Seite, der Einfahrt zur Baustelle nahe Famila.

Mein Begleiter, der dort gewartet hat, ruft mich per Handy herbei. Ich rede mit dem Polizeibeamten, der mir versichert, seine Kollegen seien auf der Baustelle und würden versuchen, mit der Bauleitung Kontakt aufzunehmen. Ich danke ihm und wir gehen zum Marktplatz zurück. Der Lärm hallt immer noch unvermindert über den Platz, ja, es wird sogar noch lauter, als würde oben erst richtig aufgedreht. Wir beschließen zu bleiben, um zu sehen, wie lange es dauert, bis der Lärm abgestellt wird.

Die Minuten vergehen, aber die Lage ist unverändert. Ich rufe noch mal die Wache an. Auskunft: Man sei im Gespräch mit der Bauleitung, um das abzustellen. Möglicherweise läge aber eine Genehmigung vor. Ok. Wir warten weiter, es ist jetzt zehn vor elf, die Polizei ist seit bald einer halben Stunde vor Ort. Immer noch keine Veränderung. Auch nicht um fünf vor elf, auch nicht, als die Glocke der Paulus-Kirche elf mal schlägt. Fünf nach brechen wir mit dem Auto auf. Auf der Kirchenstraße kommt uns der Streifenwagen von eben entgegen. Aufgegeben?

Ich bringe meinen Begleiter nach Hause. Auf der Rückfahrt blendet mich auf der Bremer Straße einer der riesigen Flutlichtscheinwerfer der Baustelle – sie sind also immer noch dabei. Es ist jetzt gleich 23.20 Uhr. Sie dürfen offenbar wirklich machen, was sie wollen!

Am nächsten Morgen rufe ich die Wache erneut an. Der Beamte guckt in das Buch, in der zu jedem Einsatz etwas für die nächste Schicht vermerkt ist. Ja, da sei noch weiter gearbeitet worden und gegen zwölf habe man schließlich dafür gesorgt, dass der Lärm abgestellt wird. Aha!

Als ich an diesem Vormittag den Markt besuche, bemerke ich, dass am Bauzaun der Galerie-Baustelle zwei Schreiben im DIN-A4-Format angeheftet sind. Der Bauträger, der Konzern Köster, bittet die Anwohner um Verständnis, dass am Freitag das Parkdeck 1 geglättet werden müsse und dies bis in die Abendstunden gehen könne. Sollten diese beiden Zettel die einzigen Benachrichtigungen der Bürger sein?? Das kann ja wohl nicht sein!

Noch Fragen? Also, ich würde gern noch wissen, ob da wirklich eine Genehmigung der Stadt vorlag, wenn ja, wer die erteilt hat und ob es überhaupt rechtens ist, die gesetzliche Vorschrift, dass ab 22 Uhr Nachtruhe zu herrschen hat, einfach so zu brechen bzw. per Genehmigung aufzuheben. Fest steht jedenfalls, dass die Anwohner der Baustelle schon so enorm belastet sind und sicher auch Zeiten brauchen, in denen mal Ruhe ist.

Von Kristian Stemmler

Otto, Otto, das Wohnen im Wald scheint doch Manchem aufs Gemüt zu schlagen. Die Ruhe und Abgeschiedenheit, das ständige Vogelzwitschern und Brausen in den Baumkronen lässt doch den einen oder anderen sonderbar werden, wie sich am Beispiel eines gewissen Prosper-Christian Otto leicht aufzeigen lässt. Dieser Herr – in eingeweihten Kreisen auch als „König der Schwarzbauer“ bekannt – bewohnt ein bescheidenes Häuschen mit 177 Quadratmetern Wohnfläche im schönen Waldgebiet „Sprötze-Lohbergen“ am Brunsberg. Seit neuestem hat er ein Problem – die Abrissbagger stehen vor der Tür, bildlich gesprochen.

Wie mancher Leser dieses Blogs vielleicht noch erinnert, kämpft Otto wie einst Don Quixote mit nicht enden wollender Leidenschaft gegen die Stadt Buchholz, die ihm sein Häuschen nicht gönnen will. Der Mann stellt ausweislich seines Verhaltens und seiner Äußerungen offenbar eine Mischung aus Starrköpfigkeit, Selbstüberschätzung, Ignoranz und Arroganz dar, was vermutlich daran liegt, dass er zuviel Wagner gesungen hat. Otto ist nämlich neben seiner Tätigkeit als Schwarzbauer und Gerichtebeschäftiger auch noch Sänger, Tenor, um genau zu sein.

Seiner amateurhaft gemachten Homepage nach zu urteilen, hat er nicht gerade die Weltkarriere hingelegt, aber das schafft ja auch nicht jeder. In der Scala wäre auch gar nicht soviel Platz für all die Tenöre. Dafür hat er ein kleines, aber feines Festival in Bötersheim ins Leben gerufen, von dem Sie, liebe Leser, sicher schon gehört haben. Man sagt in Fachkreisen ja auch gern: Salzburg, Bayreuth, Bötersheim.

Aber im Ernst: Kurz gefasst sieht die Sachlage so aus. Das Haus von Otto und rund 200 weiteren Grundeigentümern steht in einem Gebiet, für das es keinen Bebauungsplan gibt. Einfach, weil nach dem Krieg dort Wochenendhäuser gebaut wurden, die nach und nach zu festen Wohnsitzen wurden. Die Eigentümer taten sich in einer Interessengemeinschaft mit dem schönen Namen Wohngebiet Lohbergen-Höllental (IWL) zusammen, um für den Bestand Ihrer Häuser zu kämpfen. Stadt und Rat hätten locker auf Abriss aller Häuser bestehen können, kam aber den Eigentümern mit der Aufstellung eines B-Plans entgegen, der allerdings etwa 150 der 200 zum Rückbau oder Teilabriss verpflichtete. Die meisten hielten sich dran.

Nur vier wollten nicht villenlos sein. Otto nahm die Sache in die Hand, strengte ein Normenkontrollverfahren an – und obsiegte sogar. Das Bundesverwaltungsgericht kassierte den B-Plan mit dem Argument, dass ein Gebiet nicht gleichzeitig zum Wohnen und als Wald ausgewiesen werde dürfe, wie die Stadt das getan hatte. Das aber war ein Pyrrhussieg, wie er im Buche steht!

Denn jetzt stehen die Häuser von Otto und seinen drei Kameraden im Außenbereich und die Stadt sieht sich genötigt, den Abriss zu verfügen. Dort ist man vermutlich beim Ausstellen der Verfügungen nicht gerade in Tränen der Trauer ausgebrochen… Denn Otto hat die Stadt und die verantwortlichen Politiker immer wieder beschossen und mit haltlosen Vorwürfen überzogen. Den Vogel schoss er in der Einladung zu einem Pressegespräch der IWL ab, in der er schreibt, die betroffenen Grundeigentümer würden sich fragen: „Wer steckt dahinter? Rechtsradikales Gedankengut in der Verwaltung?“ Sach ma, geht‛s noch!

Er hatte aber noch mehr Pfeile im Köcher: Im Herbst 2010 erpresste er die Stadt mit der Drohung, die Musikschule, die er und seine Frau in Buchholz betreiben, aus der Stadt abzuziehen. Das war so dreist und hanebüchen, dass die Verantwortlichen der Musikschulen in Winsen und Seevetal auf den Plan traten, von einem Erpressungsversuch sprachen und erklärten, dass ein Trägerverein über die Zukunft der Musikschule entscheide und dies nicht an der Person Ottos oder seiner Frau hänge. Ein ungewöhnlich deutliches Echo!

Zeugnis von seiner Unbelehrbarkeit und Dreistigkeit legte Otto auch nach dem BVG-Urteil ab. So übersandte er allen Ratsmitgliedern eine Kopie von Urteil und Begründung und schrieb dazu den netten Satz: „In der Hoffnung, dass die Stadt Buchholz nun mehr zu rechtsstaatlichem Handeln gegenüber den Bürgern in dem Plangebiet zurückkehrt und weitere gerichtliche Auseinandersetzungen dadurch vermieden werden können, bleibe ich (Grußformel)“.

Nach einem eher moderaten Antwortbrief des Rates rastete der Heldentenor restlos aus. Mit Datum vom 24. Januar sandte er dem Ratsvorsitzenden Gisbert Saulich (SPD) ein Schreiben, in dem er besinnungslos um sich schlägt. So schreibt er, die Antwort vom Rat sei „leider weitestgehend unverständlich und nicht themenbezogen“. Weiter wörtlich: „In meinem Schreiben vom 24.1. geht es einzig und allein darum, dem Rat noch eine letzte Chance einzuräumen, neue, zusätzliche (!!!) gerichtliche Auseinandersetzungen zu vermeiden, Prozesse, die nicht nur die finanziellen Ressourcen der Stadt Buchholz, sondern auch das Ansehen der neuen Ratsmitlgieder massiv beeinträchtigen.“ Den Rest erspare ich Ihnen, lieber Leser. So schreibt einer, der jedes Maß verloren hat!

Ach ja, denn kündigt er auch noch Schadenersatzforderungen an und nennt das Verhalten der verantwortlichen Politiker kriminell. Ein Vorwurf, der daraufhin zu überprüfen sein wird, ob er justiziabel ist.

Herr Otto, mit all dem tun Sie sich und Ihren Mitstreitern wahrlich keinen Gefallen. Ich glaube nicht, dass Rat und Verwaltung jetzt noch bereit sind, auch nur einen Millimeter nachzugeben. Nach der Abrissparty des Gymnasiums am Kattenberge steht also über kurz oder lang die nächste Abrissparty an. Ich kann mir vorstellen, dass es sich der eine oder andere aus Rat und Verwaltung nicht nehmen lassen wird, mal vorbeizuschauen, wenn die Bagger zum Brunsberg rollen. Natürlich muss es bei einer Party auch Musik geben. Sie werden sicher nicht singen können, weil Ihnen dann die Töne fehlen. Deshalb gibt es Musik aus der Konserve. Ich schlage die Arie „Selige Öde auf wonniger Höh‛!“ aus Wagners „Siegfried“ vor.

Witz zum Wochenende

Veröffentlicht: 2012-02-24 in Glossen

Fragt ein Psychiater den Patienten: „Hören Sie Stimmen?“ Sagt der Patient: „Ja, Ihre zum Beispiel.“

 

Das ist nicht Ihr Ernst, Jordan!

Veröffentlicht: 2012-02-22 in Hintergründe

Von Kristian Stemmler

Zum Leserbrief von Herrn Jordan aus Handeloh im Nordheide Wochenblatt von heute, möchte ich folgendes entgegnen: Das ist nicht Ihr Ernst, Jordan?! Wenn Sie schon einen Leserbrief gegen meinen Vorstoß in Sachen Buchholzer Kriegerdenkmal schreiben, dann sollten Sie etwas genauer sein. Ich bin keineswegs bei den Grünen, sondern ein gestandener Linker von der Partei DIE LINKE. Oder sollte das ein Wortspiel sein? So von wegen „grüner Junge, noch feucht hinter den Ohren“? Als ehemaliger Deutschlehrer beherrschen Sie ja dergleichen wahrscheinlich gut.

Wie ich hörte, haben Sie früher ganz anständigen Unterricht abgeliefert. Dass Sie jetzt so in die rechte Ecke abgerutscht sind, ist da natürlich traurig. Im Internet erfuhr ich, dass Sie Repräsentant des Vereins Deutsche Sprache sind, was ja im Prinzip löblich ist. „Wer die Gesellschaft verändern will, muss bei der Sprache beginnen“ zitieren Sie Konfuzius und dem ist nicht zu widersprechen. Aber das darf nicht in Deutschtümelei ausarten!

Im Ernst, Jordan: Was bitteschön ist daran würde- oder charakterlos, wenn man möchte, dass im Zentrum einer Stadt nicht nur der deutschen Soldaten gedacht wird, die in zwei Weltkriegen für fremde Interessen verheizt wurden, sondern auch, was den Zweiten und die Jahre davor angeht, an die Millionen Opfer, die wir dem braunen Pack verdanken?! Aber mit Homosexuellen, Juden, Roma und Sinti, Obdachlosen etc. haben Sie es ja wohl nicht so.

Übrigens: Nach ihrem Vergleich des Buchholzer Mahnmals mit dem Kölner Dom soll sich im Rheinland ein mittelschweres Erdbeben ereignet haben, weil sämtliche Baumeister des Doms in ihren Gräbern rotierten.

Die Bühne, die anstelle des Mahnmals gebaut werden soll, ist übrigens keine Event-Location, Herr Jordan. Es geht da um Kultur, Straßentheater, Chormusik, Dichterlesungen, Speaker`s Corner – man könnte da `ne Menge machen. Von mir aus auch deutsche Volkslieder singen. „Wir lieben die Stürme , die brausenden Wogen“ z. B. oder „An der Eck steiht `n Jung mit`m Tüdelband“. Oder der Chor der Paulus-Gemeinde singt da mal, die halbe Matthäus-Passion oder das ganze Oster-Oratorium. Möglichkeiten gibt es jede Menge. Mit Event hat das aber auch so gar nichts zu tun!

Und zum Schluss noch einmal: Ich bin kein Grüner, auch kein Blau-Gelber und kein Schwarzer, sondern ein Roter!

Die Last der VergangenheitVon Anna Lüse

Buchholz hat ein Naziproblem. Das wurde bei einer Veranstaltung der Friedensgruppe Nordheide im Gemeindehaus von St. Johannis mit rund 90 Zuhörern mehr als deutlich. In der Diskussion nach dem Vortrag der Journalistin und Buchautorin Andrea Röpke, die zusammen mit ihrem Kollegen Andreas Speit das Buch „Mädelsache – Frauen bei den Neonazis“ geschrieben hat, berichteten Zuhörer von Übergriffen auf junge Leute und der offensichtlichen Präsenz von Neonazis in der Stadt. Offenbar sind die Nazis in der Kreismetropole präsenter, als bekannt ist und zugegeben wird.

Eigentliches Thema der Veranstaltung, um die es im Vorfeld einen heftigen Streit gegeben hatte, weil die Stadt der Friedensgruppe die Stadtbücherei nicht dafür öffnen wollte, war die Rolle der Frauen bei den Neonazis. Doch in der Diskussion ging es sofort um die Umtriebe der Nazis in der Region, ein Thema, das den Zuhörern offenbar unter den Nägeln brannte. Bei ihrem Referat hatte Röpke auch Fotos aus Buchholz gezeigt, ein Foto zeigte einen Nazi mit der Aufschrift „Buchholzer Kameradschaft“ auf der Rückseite seiner Jacke. Diese Kameradschaft, so erklärte Olaf Meyer von der Antifa, habe etwa fünf aktive Mitglied und ein nicht bezifferbares Umfeld, das im Hintergrund operiere.

Eine Zuhörerin berichtete, dass ein stadtbekannter Neonazi eine Autowerkstatt an der Brauerstraße im Gewerbegebiet II betreibe (aus juristischen Gründen wird der Name hier nicht erwähnt). Ein Lehrer erklärte, dass es Übergriffe auf Schüler seines Gymnasiums gegeben habe: „Und von der Staatsanwaltschaft hört man nichts!“ Buchholz sei keine Insel, was die Umtriebe der Rechten angehe. Ein anderer Zuhörer erklärte, er habe in einer CDU-Veranstaltung einmal gefragt, in welcher Partei der Ehrenbürger und frühere Buchholzer Bürgermeister Adolf Matthies (1961 bis 1976) in der NS-Zeit gewesen sei. Daraufhin sei er fast rausgeworfen worden.

Ein älterer Mann beklagte, dass das Stadion des TSV Buchholz 08 immer noch „Otto-Koch-Kampfbahn“ heißt (sie wurde 1947 umbenannt, hieß vorher nach dem mächtigen Gauleiter Otto-Telschow-Kampfbahn). Sein Vater sei 1933 verhaftet worde, so ergänzte der Mann am Rande der Veranstaltung. Ab diesem Zeitpunkt habe Otto Koch, der sein Sportlehrer war, praktisch durch ihn durch gesehen und ihn letzlich von der Schule gedrängt.

Andrea Röpke zeigte sich von diesen Aussagen nicht überrascht. Die Lüneburger Heide sei ein Aufmarschgebiet der Neonazis. Unter anderem nannte sie Tostedt und Eschede als Hochburgen. Hier würde auch altes Brauchtum gepflegt: „Sonnenwendfeiern finden wie selbstverständlich statt.“ Stefan Silar, der den „Streetwear Laden“ in Todglüsingen betreibt und vor kurzem vom Oberlandesgericht Celle praktisch freigesprochen wurde, sei eine Kultfigur der Szene. Ein Zuhörer ergänzte, dass Silar Mitglied des Todtglüsinger SV sei, mit rund 6000 Mitgliedern größter Sportverein des Landkreises. Er trainiere regelmäßig im Fitnessstudio des Vereins und spreche dort gezielt Leute an. Es seien schon Mitglieder wegen Silar ausgetreten

Von Kristian Stemmler

Folgende Beschwerde habe ich am 21.2. an den Deutschen Presserat gerichtet:

Hiermit erhebe ich Beschwerde gegen die Tageszeitung Harburger Anzeigen und Nachrichten, Lühmanndruck Harburger Zeitungsgesellschaft mbH & Co. KG, Harburger Rathausstraße 40, 21073 Hamburg. In der Berichterstattung des Mediums über das Mitglied des Kreistages des Landkreises Harburg Erich Romann (Piraten) sehe ich einen Verstoß gegen die Ziffern 1, 8 und 9 des Pressekodex und hilfsweise gegen 11 und 12.

Begründung: Die Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN) sind eine von zwei Tageszeitungen, die über das Geschehen im Landkreis Harburg südlich von Hamburg berichten. Bei der anderen Tageszeitung handelt es sich um die Harburger Rundschau, eine Beilage des Hamburger Abendblattes. Beide Zeitungen gehören zum Axel Springer Verlag. Die mit Abstand höchste Auflage und den größten Einfluss im Landkreis Harburg hat das Nordheide Wochenblatt, ein zweimal in der Woche erscheinendes Anzeigenblatt.

Seit seiner Wahl zum Mitglied des Kreistages des Landkreises Harburg für die Piratenpartei berichtet die HAN regelmäßig über Erich Romann (39). Dieser fiel schnell durch sein ungewöhnliches Verhalten, hoch irrationale Äußerungen und exotische Vorstöße auf, die sogar zu einer Berichterstattung in überregionalen Medien führten, so bei Spiegel online und sogar im österreichischen „Standard“. Aus Sicht des Beschwerdeführers ist auch für Laien durch die Lektüre der Beiträge in den Medien erkennbar, dass Herr Romman offenbar psychische Probleme hat oder eine manifeste psychische Erkrankung.

Um das Ausmaß der Irrationalität der Äußerungen Romanns und das Ausmaß der Berichterstattung über Romann deutlich zu machen, hier ein ausführlicher Ausschnitt:

  • Am 28. September 2011 berichtet die HAN unter der Überschrift „Piraten-Traum von einer Moschee“, dass Romann den Bau einer Moschee und einer Fachhochschule in Buchholz (größte Stadt des Landkreises) fordere. In Berlin habe er bereits den Bau einer Moschee initiiert, wird der Pirat zitiert, von dem es im Beitrag heißt, er habe Biochemie mit Religionswissenschaft als Nebenfach studiert. Eine Moschee solle Anlaufstelle für jugendliche Migranten sein und ihnen sinnvolle Freizeitbeschäftigung bieten.
  • Am 29. November 2011 berichtet die HAN unter der Überschrift „Ist dieser Politiker total gaga?“, dass Romann mit der Bierflasche in der Hand bei einer Kreistagssitzung saß und zeigt dies auch groß im Bild. Er verdiene sein Geld nach eigener Auskunft als professioneller Pokerspieler (deshalb nennt ihn die HAN künftig „Pokerpirat“). Der Reporterin habe er am Rande der Sitzung erzählt, er sei „Islam-Konvertit mit deutsch-nationaler Einstellung“, habe zehn Kinder im Alter zwischen und elf Jahren, die er nicht sehen dürfe. Immer wieder sei er auf Heiratsschwindlerinnen hereingefallen, „die sich von ihm hätten Kinder machen lassen und ihm diese dann entzogen hätten“. Das Christentum und der Zionismus seien matriarchalisch, „aber im Islam zählen Männer und Kinder noch was“. Er habe, so zitiert die Zeitung den Politiker, eine These, warum SPD und Grüne nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten: „Er habe den Ex-Mann einer SPD-Kreistagsabgeordneten mal angezeigt, weil dieser ihn und andere Jugendliche früher in Buchholz sexuell missbraucht habe, behauptet er.“
  • Am 30. November 2011 berichtet die HAN unter der Überschrift „Poker-Pirat: Ich bleibe!“, dass Romanns Kreisverband wegen seines bizarren Auftritts im Kreistag und seiner Einlassung, er habe eine deutsch-nationale Einstellung, gegen ihn ein Ausschlussverfahren eingeleitet hat. „Er hat sich anfangs sehr gut präsentiert und sich uns als Molekularmediziner mit liberalen, freiheitlichen Zielen dargestellt“, wird der Kreisvorsitzende der Piraten, Nicolas Krüger, zitiert. Nach der Wahl habe sich das dann schlagartig geändert: „Da war er plötzlich völlig anders.“ Romann erklärt in dem Beitrag, er werde im Fall eines Ausschlusses sein Mandat nicht zurückgeben. In der Piratenpartei seien im Moment nur Linksradikale, aber das werde sich in den nächsten Jahren hoffentlich ändern. „Vielleicht kommen noch soviel Konservative in die Partei, dass wir wieder vernünftiger werden.“ Seine Kollegen Krüger und Ludwig seien Verfassungsschutzagenten, die versucht hätten, ihn unter Druck zu setzen, zu manipulieren und zu kontrollieren, so zitiert die HAN Romann weiter: „Und ich lasse mich weder vom Verfassungsschutz noch von der CIA manipulieren.“
  • Am 5. Januar 2012 berichtet die HAN unter der Überschrift „Poker-Pirat: Jetzt lehnt er sogar Computer ab“, dass Romann als einziger der 63 neu gewählten Kreistagsmitglieder die Nutzung von Laptop und Internet kategorisch ablehne und darauf bestehe, die Einladungen und Sitzungsunterlagen in Papierform zugeschickt zu bekommen. Er wolle sich keinen Computer zulegen, weil er sonst den ganzen Tag davor sitzen, sein Pokerspiel online betreiben und dann gar nicht mehr rauskommen würde. Die HAN weiter: „Obendrein habe über das Internet auch der amerikanische Geheimdienst Zugriff auf alle Daten, sagt Romann. Er selbst nimmt zwischenzeitlich auch immer den Akku aus seinem Handy, weil er sonst immer und überall zu orten sei.“
  • Am 20. Januar 2012 berichtet die HAN unter der Überschrift „Pokerpirat: Jetzt will er sogar eine Waffe“, Romann habe beim Landkreis einen Waffenschein beantragt. Er fürchte um sein Leben und will sich jetzt bewaffnen, um seine politische Arbeit im Kreistag weiterführen zu können. Die HAN zitiert Romann so: „Ich bin ein rechter Politiker und wir leben in einem überwiegend linksregierten Land. Da muss ich mich schützen können.“Sein Antrag sei abgelehnt worden, weil er als Kreistagspolitiker für bewaffneten Personenschutz angeblich nicht wichtig genug sei. Anlass für Romanns Schutzbedürfnis sei eine abendliche Schlägerei vor einer Kneipe in Lüneburg, in die der Pirat vor Weihnachten geraten war. Dabei hatte er ihm ein angetrunkener 30-jähriger Lüneburger mit kroatischer Staatsbürgerschaft mehrere Handkantenschläge verpasst, so die HAN. Während die Polizei bei dem stadtbekannten Mehrfachtäter nicht von einer politisch motivierten Tat ausgeht, wertet Romann die Attacke als gezielten Mordanschlag, den linke Kräfte in der eigenen Partei in Auftrag gegeben hätten.
  • Am 1. Februar berichtet die HAN unter der Überschrift „Partei will ihn von allen Ämtern ausschließen“, dass der Landesparteichef der Piraten in Niedersachsen, Arne Hattendorf, disziplinarische Maßnahmen gegen Romann einleiten will. Auslöser seien die verbalen Ausfälle gegen Parteifreunde. Die HAN zitiert dazu Reaktionen von Parteipolitikern des Kreises. Manfred Cohrs (CDU) wird zitiert mit den Worten: „Herrn Romann nimmt im Kreistag keiner mehr ernst.“ Jens-Rainer Ahrens (SPD) äußert sich so: „Ein Kreistag ist keine Spaßveranstaltung.“ Und Ruth Alpers (Grüne) stellt in der HAN fest: „Eigentlich tut er mir leid, aber wegen psychischer Krankheit darf man niemanden diskriminieren.“
  • Am 7. Februar 2012 berichtet die HAN unter der Überschrift „Poker-Pirat soll von Bord“ die Piraten-Partei im Landkreis habe beschlossen, dass Romann ab sofort keine Parteiämter mehr übernehmen dürfe, und fasst die Stationen „seiner befremdlichen Kurzkarriere“ zusammen. Kurz nach der Kommunalwahl habe er verkündet, sich für den Bau einer Moschee in Buchholz einsetzen zu wollen. Die HAN: „Als ihn seine Parteikollegen darauf hinweisen, dass der Bau einer Moschee kein primäres Ziel der Piratenpartei ist, will Romann zum Ausgleich den rechten Szene-Laden Streetwear Tostedt unterstützen.“ Bei den Verhandlungen über Bündnisse imKreistag habe der Pirat mal mit den Grünen, mal mit der CDU paktieren wollen, je nachdem, „wer ihm am meisten bietet“. Zugleich habe er Kreistagskollegen verdächtigt, ihn bestechen zu wollen. Als er im Dezember in Lüneburg in eine Schlägerei geraten sei, habe er mehrfach diverse Parteifreunde beschuldigt, ihm den Schläger auf den Hals geschickt zu haben. Er sehe sich als Opfer eines gezielten Attentats, das „linke Kräfte“ seiner Partei angezettelt hätten.

Allein auf der Grundlage der Lektüre der hier zitierten Berichte ist für jeden Laien erkennbar, dass Erich Romann offenbar psychische Probleme hat. Die paranoide Ausprägung ist nicht zu übersehen. Unter der Hand ist von Kommunalpolitikern des Landkreises, der Beschwerdeführer ist selbst Mitglied im Rat der Stadt Buchholz, zu hören, dass Romann allgemein nicht ernst genommen wird.

Mit ihrer überbordenden, groß aufgemachten und reißerischen Berichterstattung über Erich Romann verstoßen die Harburger Anzeigen und Nachrichten nach Ansicht des Beschwerdeführers in eklatanter Weise gegen mehrere Ziffern des Pressekodex. An erster Stelle ist hier Ziffer 1 zu nennen. Die HAN macht Herrn Romann zum Objekt einer in jeder Hinsicht bloß stellenden Berichterstattung, um die Auflage zu steigern, und verletzt damit in eklatanter Weise die Menschenwürde, weil davon auszugehen ist, dass Herr Romann sich über die Folgen seines Verhaltens nicht im Klaren ist.

An zweiter Stelle verstößt die HAN gegen Ziffer 8 der Richtlinien. Die Berichterstattung ist ein massiver Eingriff in die Intimsphäre von Herrn Romann und verletzt seine Persönlichkeitsrechte. Auch wenn Herr Romann als Kreistagsabgeordneter eine Person des öffentlichen Lebens ist, kann angesichts der erkennbaren Irrationalität seiner Äußerungen von einer Pflicht zur Berichterstattung nicht die Rede sein. Auffällig ist hier, dass sich die beiden anderen Blätter des Landkreises Harburg seit geraumer Zeit in der Berichterstattung über den Piraten komplett zurückhalten.

An dritter Stelle ist die Ziffer 9 zu nennen. Die Berichterstattung der HAN verletzt auch die Ehre von Herrn Romann.

In Frage kommen nach Ansicht des Beschwerdeführer hilfsweise auch noch die Ziffern 11, da die mutmaßliche Erkrankung von Herrn Romann vermutlich ein Leid darstellt, über das in sensationeller Aufmachung berichtet wird, und 12, wenn man die mutmaßliche Erkrankung von Herrn Roman als Behinderung wertet. Der Begriff der Diskriminierung könnte im weitesten Sinne Anwendung finden.