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Archive for Januar 2012

Von Kristian Stemmler

Es ist egal, von welcher Seite man sich Buchholz nähert – keiner entgeht den Tafeln und Schildern, auf denen in großsprecherischer Weise verkündet wird, in welch grandiose Stadt man soeben eintaucht. „Buchholz – die Sportstadt“, „Buchholz – die Kulturstadt“, „Buchholz – die Einkaufsstadt“ und so weiter! Es gibt eigentlich nichts, was Buchholz nicht ist. Dieses penetrante Eigenlob gleich am Ortseingang ist nicht nur peinlich, es ist vor allem so allgemein gehalten, dass die Bezeichnungen im Grunde inhaltslose Etiketten sind, die man so gut wie jeder anderen Stadt eben so gut anpappen könnte. Wenn die Stadt bei der Wahrheit bleiben wollte, fehlen außerdem ein paar Tafeln. Da könnte zum Beispiel drauf stehen: „Buchholz – Stadt des Größenwahns“, „Buchholz – Stadt der Bauwut“, „Buchholz – Stadt der Makler, Investoren und Spekulanten“ oder „Buchholz – Stadt des Konsumwahns“.

Vor allem ist Buchholz derzeit die Stadt der Bauwut. Niemand kann übersehen, dass sich das Stadtbild rapide verändert. Von morgens bis abends wird rangeklotzt, um die Stadt nach vorn zu bringen! Der Buchholz Galerie im Zentrum kann man beim Wachsen zusehen, ein Betonmischer nach dem anderen rauscht heran, die Kräne kreisen und die Rufe der Bauarbeiter fliegen hin und her, dass es eine Freude ist! Und auch auf der anderen Seite des Marktes wird auf Teufel komm raus Beton gemischt, da schießt das neue Volksbankgebäude in die Höhe. Und wer jetzt noch nicht genug von Baulärm und kreisenden Kränen hat, der macht noch ein paar Schritte durch den Rathauspark und genießt die Baustelle des „Wohnparks“ neben dem Rathaus.

In der Buchholzer Verwaltung weiß man sich vor Glück gar nicht mehr zu lassen ob dieser atemlosen Bauaktivitäten. So jubilierte Kämmerer Dirk Schlüter bei der Einbringung des Haushalts im Stadtrat, Buchholz sei „die Stadt der Kräne“. Auch Bürgermeister Wilfried Geiger schlägt das Herz höher, wenn er die Betonmischer durch die Stadt düsen sieht, die Buchholz Galerie ist für ihn „ein großer Schritt nach vorn“. Und FDP-Zampano Arno Reglitzky ging bei einer Podiumsdiskussion im Gymnasium Am Kattenberge hoch wie eine Silvesterrakete, als ein Diskutant es wagte, die Buchholz Galerie als eine Nummer zu groß zu bezeichnen. Dieses Zentrum werde Buchholz so was von nach vorn bringen, delirierte Reglitzky vor den Schülern, vor allem die jungen Leute würden ihr Konsumglück in der neuen Shopping Mall finden.

Leider gibt es auch bei den anderen Parteien, von den Linken mal abgesehen, kaum jemand, der den baulichen Aktivitäten und ihren stadtplanerischen Auswirkungen zumindest so etwas wie Skepsis entgegen bringen würde. Das ist schade, denn es zeugt von einem nicht geringen Maß an Naivität, wie selbstverständlich davon auszugehen, dass das Hochziehen von Einkaufszentren, Geschäftshäusern oder Appartementblocks schon von ganz allein eine Wohltat für die Allgemeinheit ist.

Die politische Erfahrung und der genaue Blick auf die gesellschaftliche Realität sagen etwas ganz anderes: Selbstverständlich ist erst mal nur, dass die Investoren derartiger Projekte absahnen und alle, die mit dranhängen wie Makler, Notare, Grundbesitzer! Die Kommunen kommen den Investoren nämlich in der Regel soweit entgegen, dass die sich schon sehr blöd anstellen müssen, um keinen Gewinn zu machen. Auf der anderen Seite ist keineswegs garantiert, dass auch die Kommune etwas von derartigen Projekten hat – und vor allem steht in den Sternen, ob der vielzitierte Mann auf der Straße am Ende nicht auf die eine oder andere Art drauf zahlen muss.

Aber gucken wir uns erst mal die Auswirkungen an, die die Bauaktivitäten auf das Stadtbild haben werden. Es ist schon jetzt – lange vor Fertigstellung – leicht erkennbar, dass die Buchholz Galerie ein überaus massiver Baukörper sein wird, der das Buchholzer Zentrum dominieren wird. Die Computeranimation auf dem Bauschild demonstriert öffentlich, wie absolut fantasielos die Fassade der Shopping Mall gestaltet wurde. Das wird nur noch durch die Brachialarchitektur übertroffen, die das Volksbankgebäude auf der anderen Seite des Marktplatzes zu bieten hat. Dieser protzige Bau, der auf der Bautafel allen Ernstes als attraktives Geschäftshaus angepriesen wird, könnte der Feder von Albert Speer entsprungen sein, so martialisch wirkt er, zumindest in der Computeranimation. Aber so bauen Banken eben heute: Ihre Gebäude strahlen nichts als Macht und Profitgier aus und das sollen sie im Grunde auch!

Wenn der Buchholzer Einkaufsklotz und das Protzbankgebäude fertig sind, wird der Buchholzer Markt und die Aufenthaltsqualität auf diesem nicht mehr dieselbe sein. Man wird ja gar nicht mehr wissen, wo man noch hingucken soll, am besten noch auf die Empore und den Teich davor – das ist moderne Architektur von der noch erträglichen Sorte.

Architektonisch und stadtplanerisch sind diese beiden Großprojekte aber nur die Spitze des Eisbergs und der endgültige Beleg dafür, dass es eine durchdachte Stadtplanung in dieser Stadt nicht gibt, sondern Bauherren und Investoren machen können, was sie wollen. Wenn es den Verantwortlichen in den vergangenen Jahren darum gegangen sein sollte, Buchholz den letzten Rest von Backsteincharme auszutreiben, dann ist ihnen das restlos gelungen. Denn was im Zentrum und an der Peripherie an Wohnbauten entstanden ist, steht den neuen Geschäftsbauten in puncto Fantasielosigkeit in nichts nach.

Wie Pilze nach einem warmen Regen sind an allen Ecken und Enden mehrstöckige Klötze mit Luxuswohnungen hochgezogen worden, die sich einen Wettbewerb in postmoderner Scheußlichkeit liefern. Weiß getüncht meistens, mit stählernen Balkongittern und albernen kleinen Giebeln. Und selbst wenn Klinker genommen wird, gelingt es den meisten Architekten dennoch mühelos, mit ihren Bauten eine ästhetische Kälte zu verbreiten, die jeden sensiblen Betrachter frösteln lässt. Siehe zum Beispiel das Gnosa-Haus. Eine löbliche Ausnahme und Beweis, dass es auch anders geht, ist das neue Gemeindehaus der Paulus-Gemeinde neben der Kirche.

Das Stadtbild ist also verhunzt und wird weiter verhunzt, da wird man wohl kaum noch was machen können. Leider fällt das den meisten Menschen vermutlich kaum auf, denn irgendwie haben wir uns an diese Architektur ja gewöhnt und irgendwie passt sie ja auch in diese coole Brachialgesellschaft. Aber was für Buchholz mindestens eben so schlimm ist und sich wohl ebenso wenig verhindern lässt, sind die Auswirkungen der Bauaktivitäten im Zentrum für die Stadt. Natürlich lässt sich da im Moment nur spekulieren, aber nichtsdestotrotz sollte man sich mit den möglichen Folgen ohne Tabus beschäftigen dürfen.

Die Erfahrung mit Einkaufszentren wie zum Beispiel dem Phönix Center in Harburg zeigt, dass diese Zentren eine exklusive Sogwirkung erzeugen. Das heißt, dass die Konsumenten mit dem Ziel nach Buchholz kommen, im Zentrum mit seinen 40 Läden einzukaufen – was ja erst mal auch im Sinne des Erfinders ist -, dass sie aber dann auch alles dort erledigen: Klamotten kaufen, bei den Büchern stöbern, ein Deo im Drogeriemarkt kaufen, Kaffee trinken, Eis essen, zum Friseur gehen und so weiter. Mit anderen Worten: Sie gehen in die Galerie, shoppen und fahren wieder nach Haus. Der Rest der Stadt geht leer aus.

Natürlich gibt es in der Buchholzer City eine Reihe von Fachgeschäften, die mit ihrem Angebot gut aufgestellt sind und ihre Kunden weiterhin finden werden. Aber insgesamt, und mit dieser Befürchtung steht der Autor nicht allein, dürfte die Buchholz Galerie dafür sorgen, dass die Laufkundschaft im Rest der City zurückgeht und die Umsätze im Schnitt erheblich sinken. Das City Center, das ja heute schon nicht der Gipfel der Attraktivität ist, kann man wohl getrost abschreiben, und wie es in der Neuen Straße weitergeht, dahinter steht zumindest ein dickes Fragezeichen. Auch das sommerliche Leben auf dem Marktplatz dürfte unter der Galerie leiden, nicht allein wegen der architektonischen Verunreinigung des Ausblicks, sondern weil sich vieles ins Center verlagert.

Kurz und gut: Mit der Buchholz Galerie haben sich Politik und Verwaltung in Buchholz auf ein Abenteuer eingelassen, dessen Ausgang völlig offen ist. Klar ist im Moment nur, dass sich das Stadtbild massiv verändert – im Zentrum bekommen wir eine schöne neue Einkaufswelt und weiter draußen entstehen immer mehr cool designte Appartementblocks mit für den Normalbürger unerschwinglichen Wohnungen. Was man da jetzt noch machen kann? Überlegen, wie man die Auswirkungen im Zentrum zumindest abfedert – und in der Stadt dafür sorgen, dass allmählich auch wieder mehr günstiger Wohnraum gebaut wird. Zum Beispiel von einer städtischen Wohnungsbaugenossenschaft.

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