Archiv für Januar, 2012

Persilschein für Silar

Veröffentlicht: 2012-01-30 in Analysen

Von Kristian Stemmler

Rechts vor links ist nicht nur eine Grundregel im deutschen Straßenverkehr, sondern offenbar auch eine Maxime in der Politik, bei Polizei und Verfassungsschutz. Während jeder, der sich linker Gesinnung verdächtig gemacht hat, beim geringsten Vergehen mit Hausdurchsuchungen beehrt, vom Staatsschutz vorgeladen und vom Staatsanwalt mit dem Paragraphen 129a des Strafgesetzbuches (Bildung einer terroristischen Vereinigung) bedroht wird, können sich Nazis auf den Langmut und die Großzügigkeit weiter Teile der Justiz verlassen. Das aktuelle Skandalurteil des Oberlandesgerichts Celle im Fall Stefan Silar ist ein neuer Beleg für diese These.

Um aber fair zu bleiben: Das Amtsgericht Tostedt hatte im Februar 2011 ein vorbildliches Urteil in der Sache gefällt. Die mutige Richterin Astrid Hillebrenner verknackte den mehrfach vorbestraften Tostedter Obernazi wegen schweren Landfriedensbruchs zu eineinhalb Jahren Knast ohne Bewährung. Ein völlig angemessenes Urteil für den durchgeknallten Silar, der am Pfingstmontag 2010 bei einer Auseinandersetzung vor seinem „Streetwear Laden“ in Todtglüsingen ausgerastet war und „in einer die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdenden Weise viele Menschen in Angst und Schrecken versetzt hatte“, wie Oberstaatsanwalt Johannes Kiers damals ausführte.

Und zwar war der rechte Strippenzieher mit einem gezückten Messer auf eine Gruppe von rund 70 Antifa-Anhängern losgegangen. Erst als ein Polizist ihn mehrfach mit Namen rief, ging er hinter die Polizeiabsperrung zurück. Später verfolgte er die zum Bahnhof abziehende Antifa mit seinen Spießgesellen und konnte nur von einem Staatsschutzbeamten mit gezogener Schusswaffe gestoppt werden. Anschließend fand die Polizei in seiner Hosentasche das Messer und eine geladene Schreckschusswaffe.

Wobei übrigens die Frage auftaucht, warum er zu diesem Zeitpunkt das Messer und die Schreckschusswaffe noch hatte und die Polizei ihm selbige nicht gleich vor dem Laden abgenommen hat? Jeder Linke, der ähnlich ausgerastet wäre, hätte sich Sekunden später auf dem Boden wieder gefunden, die Hände auf dem Rücken mit Plastikfesseln zusammengebunden! Aber das nur nebenbei.

Das Landgericht Stade fand jedenfalls die Tat von Silar nicht ganz so schlimm wie das Amtsgericht und reduzierte die Strafe im August 2011 auf neun Monate mit Bewährung. Zusätzlich wurde dem Nazi auferlegt, seinen Laden zu schließen. Soweit, so gut! Aber dann kam das OLG Celle – und je höher man in der deutschen Justiz kommt, desto abgehobener und akademischer werden die Richter.

Die Gehirne dieser vorzüglich ausgebildeten Juristen praktizieren gern im luftleeren Raum eine sinnentleerte Paragraphenakrobatik, der Fachleute nur mit Mühe und Laien gar nicht mehr folgen können. Dazu werden irgendwelche abseitigen Sachverhalte ausgegraben, die von gesundem Rechtsempfinden so weit entfernt sind wie Silar von menschlichen Regungen. Im vorliegenden Fall zog das OLG den Begriff „Strafklageverbrauch“ aus dem Hut. Das bedeutet, dass niemand wegen derselben prozessualen Tat zweimal verurteilt werden darf.

Silar war nämlich im Juli 2010 vom Amtsgericht Tostedt schon wegen Führens einer Schusswaffe ohne waffenrechtliche Erlaubnis zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu 30 Euro, sprich: schlappen 450 Euro, verknackt worden. Die Oberrichter aus Celle fanden nun, dass dieses Waffendelikt und der schwere Landfriedensbruch ein und dieselbe prozessuale Tat darstellen – dass es um einen einheitlichen Vorgang geht, der bei getrennter Würdigung und Aburteilung unnatürlich aufgespalten würde, wie die Juristen das in ihrer seltsamen Sprache umschreiben. Also kassierte das Gericht die Verurteilung Silars wegen des schweren Landfriedensbruchs – übrig blieb, wenn ich das richtig verstanden habe, nur die Geldstrafe!

Ob das juristisch alles so stimmig ist und ob das OLG hier nicht seinen Ermessensspielraum zugunsten des Nazis genutzt hat, sei dahingestellt. Die Folgen dieses Urteils sind jedenfalls komplett hirnrissig, wie jedem klar sein muss, der noch alle fünf Sinne beisammen hat. Man müsste vielleicht mal darüber nachdenken, ob der Grundsatz des Strafklageverbrauchs so haltbar ist, mag er auch noch so alt sein.

Dazu ein Beispiel, mit dem Wikipedia den Begriff illustriert: „A wird dabei beobachtet, wie er im Wald mehrere Schüsse abgibt. Als er gestellt wird, erklärt er, er habe auf ein Reh gezielt, es aber nicht getroffen. Er wird vom AG wegen Jagdwilderei zu einer mäßig hohen Geldstrafe verurteilt. Nach Rechtskraft des Urteils wird die halbverweste Leiche des in Wirklichkeit von A erschossenen Ehemannes seiner Geliebten gefunden. Hier ist der Strafklageverbrauch eingetreten, A kann wegen Mordes nicht mehr belangt werden.“ Kann das wahr sein?!

Wir halten fest: Ein unter anderem wegen Totschlags vorbestrafter Obernazi darf straflos wie ein wilder Stier mit einem gezückten Messer durch Todtglüsingen laufen und unbewaffnete Gegendemonstranten bedrohen! Macht alles gar nichts, spätestens in dritter Instanz gibt‛s den Persilschein. Vielleicht werden er und sein Laden, den er jetzt offen halten darf, als Kristallisationspunkt der rechten Szene noch gebraucht…

Nach diesem Skandalurteil sind jedenfalls die Behörden vor Ort gefordert. Zur Demo am 4. Februar aufzurufen, alles schön und gut. Aber das reicht nicht! Warum zum Teufel mobilisiert die Gemeinde nicht sämtliche Ämter von der Gewerbe- bis zur Bauaufsicht, um Silars Laden zu schließen oder ihm zumindest das Leben schwer zu machen. Und sei es, dass seine sanitären Anlagen nicht den Vorschriften entsprechen oder er einen Parkplatz zu wenig vor der Tür hat. Und warum fliegt die Polizei nicht jede zweite Woche bei Silar ein, stellt den Laden auf den Kopf, nimmt Festplatten mit, stellt die Personalien von Kunden fest und befragt die Nachbarn?!

Da stellt sich die Frage, wie ernst es die Behörden – oder jedenfalls wesentliche Teile der Behörden – wirklich mit der Verfolgung der rechten Szene in Tostedt meinen. Denn merke: Die Rechten fordern im Gegensatz zu den Linken keine Umverteilung. Und darum kommt die eigentliche Gefahr für unsere Gesellschaft, in der Privateigentum heilig ist wie sonst nichts, ja offenbar von links. Oder?

Frohe Ostern, sagt Aldi!

Veröffentlicht: 2012-01-29 in Glossen

Kristian Stemmler

Manchmal gibt es Momente im Alltag, in denen einem die ganze Verdrehtheit unserer gesellschaftlichen Gegenwart schlaglichtartig bewusst wird. Die Gewöhnung an die Verrücktheiten, die einem etwa tagtäglich im Fernsehen präsentiert werden, sorgt ja dafür, das alles für halbwegs normal zu halten. Aber in diesen Momenten steigt plötzlich eine Ahnung in einem auf, wie durchgeknallt die Realität in weiten Teilen eigentlich ist.

Also, es war neulich bei Aldi, um genau zu sein am 26. Januar. Draußen war zur Freude der Kinder gerade Schnee gefallen, der die letzten Reste der Silvesterböller zudeckte. An den Straßenecken sah ich noch vereinzelte Weihnachtsbäume, die niemand abgeholt hatte, was ich irgendwie ganz schön fand. Beim Anblick der Bäume dachte ich daran, dass für sehr kirchlich und tradionelle eingestellte Christen die Weihnachtszeit erst mit dem 4. Februar, dem Fest Mariä Lichtmess, endet.

Bei Aldi griff ich mir eine Milchtüte und ein Paket Butter und marschierte Richtung Kasse, als mich ein Anblick zur Rechten einen Moment lang erstarren und an der Richtigkeit meiner Wahrnehmung zweifeln ließ. „Frohe Ostern“ stand da auf einem kleinen Päckchen, dass offenbar Ostereier enthielt. Und dann, als die Erstarrung sich löste, sah ich, dass vor mir etwa sechs Meter Warenständer voller Ostersüßigkeiten lagen!

Um sicherzugehen, dass ich nicht in einem Paralleluniversum gelandet war, fragte ich eine Frau, die gerade ihren Einkaufswagen vorbeischob: „Steht da Frohe Ostern?“ – „Ja. Wird doch Zeit, Weihnachten ist doch vorbei“, erwiderte sie mit einem ironischen Lächeln.

Wir halten fest: Bis Ostern sind es noch zehn Wochen und bei Aldi werden Ostereier feil geboten!! Das ist nur noch krank! Mag man das auch für eine Petitesse halten, es zeigt doch beispielhaft, dass in unserer Gesellschaft das Gefühl für das, was normal, richtig und gesund ist, immer mehr verloren geht. Die Leute im Marketing, der Werbung und den Medien sind da ganz weit vorn.

Ich wünsche jedenfalls allen hier schon mal vorab frohe Ostern, frohe Pfingsten, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch – man will ja nicht zu spät dran sein!

Gedankenloses Gedenken

Veröffentlicht: 2012-01-28 in Analysen, Politik

Kristian Stemmler

Zur offiziellen Veranstaltung der Stadt am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, die in diesem Jahr von der Christuskirche an der Bremer Straße ausgerichtet wurde, sollte des Sängers Höflichkeit wegen der Ernsthaftigkeit des Themas eigentlich schweigen. Aber so ganz unkommentiert kann man das dort Gesagte dann doch nicht stehen lassen. Darum hier einige wenige Anmerkungen dazu.

In der Christuskirche residiert eine evangelisch-freikirchliche Gemeinde, deren Mitglieder auch als Baptisten bezeichnet werden. Deren Pastor Siegfried Holtz hielt in Anwesenheit des Bürgermeisters und zahlreicher Vertreter des Stadtrates eine theologisch zutiefst fragwürdige Predigt, in der er der Frage nach dem Ursprung des Bösen nachging und diesen Ursprung im sündigen Menschen fand und zwar, wie er suggerierte, in uns allen – ein überkommener theologischer Ansatz, der aber offenbar nicht totzukriegen ist. Noch merkwürdiger mutete im Zusammenhang mit dem Anlass und seinem Thema die Auslassung an, man dürfe über Menschen nicht den Stab brechen und nicht immer anderen die Schuld geben.

Auf deutsch: Sind wir nicht alle irgendwo Sünder und hätten wir nicht auch mitgemacht? Eine unglaubliche Geschichtsklitterung, auf die ausführlich zu antworten, hier nicht der Platz ist. Darum nur soviel: Die braunen Horden kamen nur an die Macht, weil führende Industrie- und Wirtschaftskreise – nicht nur aus diesem Land – gute Geschäfte machen wollten und eine Diktatur in Kauf nahmen (Hitler war mit Fritz Thyssen schon in den 20ern befreundet). Diese von namhaften Historikern vertretene und gut belegbare These, wird in der deutschen Öffentlichkeit nach wie vor kaum akzeptiert, weil sie die bestehende Wirtschaftsordnung in Frage stellen würde.

Auch dass Habgier und Egoismus im Menschen von Natur aus begründet seien, wie Holtz behauptete, ist gefährlicher Unsinn. Wenn sie nicht frühzeitig verbogen werden, verhalten sich Menschen sozial und rücksichtsvoll. Es sind damals wie heute wenige, aber in der Regel einflussreiche Leute, die sich von jeder menschlicher Regung entfernt haben und Gewalt und Hass in die Welt tragen. Und es ist eine Gesellschaftsordnung wie die unsere, die Habgier, Rücksichtslosigkeit und Egoismus belohnt und es so schwer macht, Kinder in einem wirklich christlichen Sinne zu erziehen.

Verglichen mit der Predigt war das Grußwort von Bürgermeister Wilfried Geiger von dankenswerter Klarheit. Er ging auf die aktuelle Bedrohung durch die Nazis ein, also vor allem auf die Vorgänge um die so genannten NSU-Morde – das allerdings reichlich pathetisch und aus seinem Munde leider auch wenig glaubwürdig, abgesehen davon, dass jede fundierte gesellschaftliche Einordnung fehlte. Aber schlimmer war, dass er alles Vorhergesagte durch einen Seitenhieb am Ende konterkarierte: Es erfülle ihn mit Schmerz, führte der erste Geiger der Stadt aus, dass man der Verwaltung die guten Absichten im Kampf gegen Rechts abspreche, nur weil sie die Stadtbücherei für eine Veranstaltung der Friedensgruppe Nordheide, in der es um Frauen bei den Neonazis gehen soll, nicht zur Verfügung stelle (siehe Kommentar unten).

Nun, Herr Geiger, mich erfüllt es mit Schmerz, dass die Verwaltung eine formaljuristische Begründung vorschiebt, um die Bücherei nicht öffnen zu müssen, nämlich dass man dann auch der NPD derartiges erlauben müsse. Mit Verlaub: Das ist Schwachsinn! Erstens dürfte die NPD in absehbarer Zeit kein solches Begehr vorbringen, und zweitens gäbe es dann immer noch genug Möglichkeiten, auch juristisch wasserdicht, dieses abzulehnen. Also noch einmal: Für die Aufklärung über die rechte Gefahr gibt es keinen besseren Ort als die Stadtbücherei!

Von Kristian Stemmler

In der evangelischen Paulus-Gemeinde ist am kommenden Sonntag ein Festtag. Nach fast acht Jahren Planungs- und Bauzeit wird das neue Gemeindezentrum neben der Kirche eingeweiht, kurz und knapp Paulus-Haus genannt. Es wird einen Festgottesdienst geben mit Aufführung der prachtvollen Bachkantate „Jauchzet Gott in allen Landen“. Es wird danach einen Empfang im Paulus-Haus geben mit Reden und Grußworten, in denen an die langen Planungen und vielen Mühen bis zur Verwirklichung des Projektes erinnert werden wird, in denen die Verantwortlichen für Ihre Ausdauer und Weitsicht gepriesen und der Stadt für die Zusammenarbeit gedankt werden wird.

In der Tat gibt es auf den ersten Blick nichts zu bemängeln am neuen Gemeindezentrum. Im Gegensatz zu den meisten Bauwerken, die in Buchholz hochgezogen werden, ist das Gebäude architektonisch gelungen. Es fügt sich stilistisch ebenso in den Ensemble von Rathaus und Kirche ein, wie es zur anderen Seite hin einen gelungenen Übergang zum Gebäude der Bücherei markiert. Es strahlt Unaufdringlichkeit, Wärme und Klarheit aus, was einem kirchlichen Bauwerk gut ansteht.

Das Haus bietet viel Platz, für die Evangelische Jugend, für den Kirchenkreisjugenddienst, das Gemeindebüro, das Friedhofsbüro. Es gibt Amtszimmer für die Pastoren und den Diakon, Gruppenräume, einen Konferenzraum, einen Raum, in dem die Bücherei und der Eine-Welt-Laden untergebracht sind, und den Großen Saal, in dem unter anderem die Kantorei ihre wöchentlichen Proben abhält. So weit, so gut!

Aber bei genauem Hinsehen gibt es doch einen Grund zur Kritik, denn die Gemeinde hat eine große Chance verpasst. Sie hat die Chance verpasst, an diesem zentralen Ort der Stadt ein Zeichen der Öffnung zu setzen! Das wird schon deutlich, wenn man sich vor das Gebäude stellt und sich das dazugehörige Gelände ansieht. Der Zaun zum Nachbargrundstück steht nach wie vor und soll wohl auch bleiben. Der größte Teil des Vorplatzes ist belegt mit Parkplätzen, die sich wie ein Riegel vor das Gebäude legen.

Statt Abstellmöglichkeiten für Autos zu schaffen, hätte man aus dem Areal vor dem Paulus-Haus einen wunderbaren Platz der Begegnung für die Gemeinde und die Bürger der Stadt machen können. Mit einer kleinen Bühne für Konzerte, Theater, Gesang, was auch immer, mit Bänken, Tischen und Stühlen und Gastronomie im Sommer. Nach Informationen des Autors wäre das benachbarte Caspari bereit gewesen, mit der Gemeinde in diesem Bereich zusammenzuarbeiten. Aber es bestand offenbar kein Interesse.

An schönen Tagen hätte man auf diesem Platz in der Sonne sitzen und seinen Milchkaffee trinken können, die Gemeinde hätte sich als weltoffen und einladend präsentieren und ihre Angebote vorstellen können. Aus stadtplanerischer Sicht hätte es sich sicher angeboten, den Endpunkt der Breiten Straße zu beleben, mit der Option den Teil der Breiten Straße vom Treffpunkt bis zur Kirche für den Autoverkehr zu sperren und der Fußgängerzone einzuverleiben. Auf diese Weise hätten Gemeinde und Stadt gleichermaßen profitiert.

Was man auf dem Vorplatz versäumt hat, hat man im Gebäude ebenso versäumt. Auch hier hätte sicher die Möglichkeit bestanden, Räumlichkeiten zu schaffen, in denen sich Gemeinde und Bürger begegnen können, ein Kirchencafé etwa. Die Gemeinde St. Johannis auf der anderen Seite der Bahn macht gerade vor, wie so etwas aussehen kann. Sie plant eine „Atrium“ genannte Verbindung von Kirche und Gemeindehaus. In diesem Atrium sollen unter der Überschrift „Offene Kirche“ alle möglichen Veranstaltungen möglich sein, von Seminaren und Ausstellungen bis zu privaten Festen und gemütlichem Kaffeetrinken.

Dass die Paulus-Gemeinde diese Chance nicht genutzt hat, ist aus meiner Sicht einem gewissen Wagenburg-Denken geschuldet, das leider in nicht wenigen evangelischen Gemeinden um sich gegriffen hat. Viele Gemeinden schmoren in ihrem eigenen Saft, zu oft gelingt es ihnen nicht, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Dass die Kirche es mir ihren Angeboten in der Gesellschaft nicht immer leicht hat, kann zu Frustrationen und auch zu einer Art von Betriebsblindheit führen. Wobei es unfair wäre, nicht zu erwähnen, dass es auch genug Gemeinden und Verantwortliche gibt, die mit neuen Angeboten versuchen, die Menschen anzusprechen.

Hier ist aber eine Chance verpasst worden für die Paulus-Gemeinde, die Kirche und die Stadt. Der Gemeinde ist ihr neues Domizil zu gönnen, aber es besteht kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Das Projekt sollte vielmehr Anlass sein, wieder über die Frage nachzudenken, wie die Kirche sich darstellt und es ihr gelingen kann, einladend und offen in einer Gesellschaft aufzutreten, in der ihr der Wind ins Gesicht weht.

Neues vom Neujahrsempfang

Veröffentlicht: 2012-01-12 in Politik

Von Kristian Stemmler

Als der Bürgermeister gar nicht mehr aufhören wollte mit seinem Lobpreis auf die grandiose Nordheidemetropole, der er vorzustehen die Ehre hat, kam es in den hinteren Reihen zu ersten Verlusten. Laut wurde nach einem Arzt gerufen, und man wähnte sich schon in einem schlechten Hollywoodfilm, aber es war wirklich jemand zusammengebrochen. Die anwesenden Feuerwehrleute eilten herbei, gaben aber Entwarnung. Ein Schwächeanfall. Später übernahm das Rote Kreuz.

Ok, zugegeben, es war wohl eher die Hitze und die stickige Luft in der vollen Halle als die Rede des ersten Geigers der Stadt, die den Zusammenbruch ausgelöst hatte. Aber man hätte ohne weiteres auch wegen der nicht enden wollenden Lobhudeleien des Bürgermeisters zusammenbrechen können. Rhetorisch durchaus gekonnt, das muss man ihm lassen, pries er die wunderbaren Taten der Buchholzer Politik und Verwaltung und die grandiosen Aussichten der Kommune. In einer Eisenbahnerstadt durfte da die Metapher von den „richtig gestellten Weichen“ natürlich nicht fehlen.

Fehlen durfte auch nicht der demographische Wandel, dem man sich stellen müsse, und der Schuldenabbau. Die Schulden, die diese Generation mache, müssten auch von ihr bezahlt werden, konstatierte Geiger. Das erweckte den Eindruck von Solidität, aber ob es in Zeiten wachsender kommunaler Aufgaben, der Weisheit letzter Schluss ist, bleibt dahin gestellt. Nichts zu hören war von Geiger auch zu Möglichkeiten, die Einnahmeseite zu verbessern, etwa durch Erhöhung der Gewerbesteuer. So was sagt man ja auch nicht, wenn so viele Wirtschaftsleute im Saal sind!

Als Geiger auf den neuen Einkaufsklotz der Stadt zu sprechen kam, die Buchholz Galerie, war er vor Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Hier durfte das magische Wort „Kaufkraft“ nicht fehlen, diese werde man an Buchholz binden, und die Buchholz Galerie werde der „Herzschrittmacher“ des Einzelhandels im Zentrum der Stadt sein. An dieser Stelle konnte der Autor dieser Zeilen den Zwischenruf „Oder vielleicht doch eher der Totengräber..?“ nur mit Mühe unterdrücken.

Etwas ungenau war die Bemerkung Geigers, im Rat gebe es seit der letzten Kommunalwahl „keine klare Mehrheit“ mehr. Immerhin ist diese Mehrheit so klar, dass sie Buchholzens wichtigstes Infrastrukturprojekt, den Ostring, zu Fall bringen kann. Da sei aber der Landrat vor! Joachim Bordt penetrierte das alte Thema in seinem Grußwort. In der ihm eigenen monotonen Sprechweise beharrte er darauf, dass eine Ostumgehung für Buchholz unabdingbar sein, in welcher Form auch immer.

Peinlicher Höhepunkt seiner Rede: Da die Zuhörer reglos das Grußwort über sich ergehen ließen und offenbar die ersten vom Schlummer übermannt zu werden drohten, sah sich Bordt genötigt, das Publikum von sich aus zu Applaus aufzufordern.Da hatten etliche Besucher des Empfangs aber schon die östliche Umgehung ins Foyer gewählt, um dort einen Kaffee oder ein Bier zu konsumieren…

Arno, der Duracellhase von Buchholz

Veröffentlicht: 2012-01-07 in Glossen, Politik

Von Kristian Stemmler

Arno Reglitzky ist so etwas wie der Duracellhase von Buchholz. Wie der rosarote Spielzeughase aus der Batterienwerbung trommelt und rennt er unermüdlich, organisiert und plant, initiiert und projektiert. Das Problem dabei ist nur, dass er wie der Duracellhase durch nichts und niemand aufzuhalten ist. Wenn sich der Blau-Weiß-Chef und FDP-Zampano in ein Projekt verbissen hat, zieht er es bis zum bitteren Ende durch, und wenn noch so viele Gründe dagegen sprechen. Reglitzky und Misserfolg sind zwei Wörter, die für ihn nicht in denselben Satz gehören.

Mit der ihm eigenen Unbescheidenheit ließ sich Arno Reglitzky anlässlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an ihn mit zwei Seiten im Wochenblatt feiern. Alle schalteten sie Anzeigen und gratulierten, von CDU bis SPD, von Edeka bis Haspa. Acht Fotos zeigten Reglitzky mit allen möglichen Honoratioren bis hin zum Landrat. Es fehlte eigentlich nur das Bild von Arno mit dem Papst, das beim Leser sicherlich die Frage ausgelöst hätte: Wer ist denn das da neben dem Reglitzky?

Aber im Ernst: Es kommt geradezu einer Gotteslästerung gleich, diesen Mann, die blau-weiße Eminenz von Buchholz, zu kritisieren oder ihm gar Misserfolg zu prophezeien. Dabei ist Kritik mehr als angebracht, allein schon wenn man einen Blick auf die für viel Geld installierte Behindertensportanlage auf dem Blau-Weiß-Gelände wirft. Natürlich ist eine solche Anlage sinnvoll, nur wird sie bisher kaum frequentiert und da stellt sich die Frage, ob das in einem angemessenen Verhältnis zu den Erstellungskosten steht.

Ähnliche Fragen wird sich Reglitzky wohl auch bei der noch im Bau befindlichen Kletteranlage am Holzweg stellen müssen. Mit dem Projekt könnte er nämlich wirklich auf dem Holzweg sein (der Gag musste sein!). Wenn die Anlage im Frühjahr oder Frühsommer eröffnet wird, könnte sich das Gefasel vom Leuchtturmprojekt schnell als hohle Eigenwerbung entlarven. Denn schon Ende Februar macht in Wilhelmsburg, in unmittelbarer Nähe zum S-Bahnhof, eine hochmoderne, großzügige Kletteranlage für 3,5 Millionen Euro auf (zum Vergleich: Arnos Anlage soll rund 915.000 Euro kosten). Dort rechnet man dieses Jahr schon mit 50.000 Kletterfans, im nächsten mit rund 100.000.

Eine starke Konkurrenz nicht weit von Buchholz entfernt, die dem Buchholzer „Leuchtturm“ schon bald das Licht ausblasen könnte. Das Einzige, was bei Blau-Weiß am Ende dann noch klettert, ist Arnos Blutdruck, wenn ihm am Monatsende die roten Zahlen vorgelegt werden. Aber ehrlich gesagt: Das wäre die gerechte Strafe dafür, dass er als FDP-Vorturner dafür gesorgt hat, dass 180.000 harte Euro aus Steuermitteln für diesen Blödsinn aus dem Fenster geworfen wurden. Für eine Trendsportart, die überfütterten Wohlstandsbürgern den Kick verschafft, die aber für das Allgemeinwohl nicht die geringste Bedeutung hat!

Von Kristian Stemmler

In kommunalen Rathäusern hat man schnell das P in den Augen, wenn das Thema Neonazis aufs Tapet kommt. Das ist ein unangenehmes Thema und keine Kommune möchte damit irgendwie in Zusammenhang gebracht werden. In Buchholz hat man mit dem Thema offenbar nicht viel Erfahrung – so ist vielleicht zu erklären, dass man im Rathaus keine Notwendigkeit sieht, städtische Räume für die Aufklärung über die Nazis zur Verfügung zu stellen. Die Verwaltung untersagte der Friedensgruppe Nordheide jetzt die Nutzung der Stadtbücherei für eine Veranstaltung zum Thema, und zwar mit der affigen Begründung, wenn man der Friedensgruppe die Bücherei zur Verfügung stellen würde, dann könne man dieses auch der NPD nicht verweigern. Ein blödsinniges Argument schon allein deshalb, weil die Friedensgruppe keine Partei ist!

Die Stadtbücherei ist ein Ort der Information, des Wissens und der Aufklärung, sie ist darum der ideale Ort, um die Buchholzer Bürger über die Umtriebe der Nazis aufzuklären. Gerade angesichts der Nähe der Tostedter Szene und der Übergriffe auf Buchholzer Linken-Vertreter im letzten Sommer, steht doch wohl die Notwendigkeit einer solchen Aufklärung außer Frage. Jetzt ist der Buchholzer Stadtrat gefordert, der Verwaltung Beine zu machen, damit die Veranstaltung doch noch stattfinden kann – und zwar in der Stadtbücherei!